Mauersegler – Christoph Poschenrieder

(c) Diogenes Verlag

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Wir alle werden nicht jünger. Da können wir uns noch so sehr dagegen wehren. Doch was ist die beste Methode, angemessen zu altern und seinen Lebensabend am angenehmsten zu verbringen?

Christoph Poschenrieder, letztes jahr mit ‘Das Sandkorn’ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, beschäftigt sich in seinem neuesten Roman mit genau diesen Themen.

Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie und mit wem man alt wird.

Das nötige Kleingeld macht die Sache natürlich um einiges einfacher. Bei den Freunden in diesem Buch kein großes Problem. Alle sitzen auf einem mehr oder weniger dicken finanziellen Polster.
Es wollen hier miteinander alt werden: Wilhelm – Jurist, Heinrich – Lebensmitteltechnologe, Ernst – Programmierer, Siegfried – Theaterregisseur und Carl – Journalist und Philosophiedozent. Letzterer ist gleichfalls der Erzähler.

Freunde sind sie seit ihrer Kindheit. Ursprünglich waren sie zu sechst, einer ist schon als Kind bei einem Unfall gestorben, unter dem Eis im See ertrunken. Die restlichen Freunde hielt es nicht lange im Heimatort, ein jeder machte auf seine Art Karriere. Doch blieben sie verwurzelt in dem Ort ihrer Geburt. Jedes Jahr treffen sie sich 2. Dezember um auf den Sechsten zu trinken, den Verlorenen, der das eigentliche Bindeglied zwischen den Männern ist.

An einem dieser Abende entstand so auch die Idee, zusammen alt zu werden. Und zusammen heißt hier: wir kaufen ein Haus (eine Villa am See, drunter geht’s nicht) und ziehen dort eine WG auf. Bis das der Tod uns scheidet.
Die Männer verlassen teils ihre Familien und ziehen nach und nach in das Haus. Jeder hat sein Zimmer und es gibt feste Regeln. Eine Alten-WG, die sich nicht groß von jeder Studenten-WG unterscheidet, wäre da nicht die von Ernst entworfene Todesengel-Maschine. Ein jeder der Männer kann geheim seinen ‘Todesengel bestimmen, der ihn am Ende vom Gröbsten erlöst – keiner will dahin vegetieren, ein jeder möchte für sich entscheiden können, wann Schluß ist; jeder hat in seinem Zimmer einen ‘ToterMann-Knopf’ mit dem er bestimmen kann, wann es soweit ist. Der ausgewählte Todesengel wird dann benachrichtigt, zu Werke zu schreiten.

In einer alternden Gesellschaft, wie der unseren sicher ein aktuelles, aber auch brisantes Thema, an das sich Poschenrieder hier wagt. Doch schreibt er mit so viel Humor, dass die Lektüre neben allem Ernst des Themas richtig Spaß macht und man immer wieder über die Marotten der Alten schmunzeln muss.
Wollen wir wählen, wie es mit uns zu Ende geht, oder überlassen wir die Entscheidung anderen. Die fünf Freunde haben sich entschieden und ziehen das Ganze konsequent durch. Unter Freunden gehen, im anonymen Krankenhaus, oder gar vereinsamt – was würdet ihr wählen?

Nicht jeder von uns hat vielleicht die Möglichkeit sich einen schicken Altersitz am See zuzulegen und dort die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen. Ja vielleicht hat nicht mal jeder von uns so nahe Freunde, dass er ihnen sein Ende anvertrauen möchte. Interessant ist das Gedankenspiel Poschenrieders aber allemal. Mit der ihm eigenen Prise Philosophie, wie das bei ihm sein muss (noch dazu ist der Erzähler ja Philosoph) und dennoch nicht zu abgehoben bringt uns Poschenrieder hier die Themen alternde Gesellschaft, Altenpflege und Sterbehilfe näher. Klar ist da der ein oder andere Schock-Moment, doch regen diese zum Nachdenken an über das was auch auf uns zukommen wird und wie wir damit umgehen werden. Neben all den biografischen Büchern à la Westermann und Fuchsberger mal eines, dass sich dem Thema von anderer Seite nähert. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

Es endet auch nicht mit Tod und Trauer, keineswegs:

Als Alte sind wir eingezogen, und wenn sich jetzt die Türen öffnen, rennen Junge heraus.

Bibliografisches:

ISBN 9783257069341

Erschienen im Diogenes Verlag, August 2015
224 Seiten, gebunden

€ 22,00

Auch erhältlich als ebook.

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Altes Land – Dörte Hansen

(c) Knaus Verlag

(c) Knaus Verlag

Vor diesem Buch scheute ich ein bisschen. Zu sehr sah es mir nach seichter Frauenlektüre aus. Oh, wie falsch ich damit lag.

Alles beginnt mit zwei Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, die nach dem Krieg im norddeutschen platten Land angesiedelt werden. Mutter und Tochter teilen sich fortan das alte Bauernhaus mit der Eigentümerin und ihrem kriegsversehrten Sohn, der wenig spricht, viel raucht und wieder und wieder des Nachts schreiend die Schrecken des Krieges nachlebt.

Doch das preussische Blut verträgt sich mit dem plattdeutschen so gut wie Öl mit Wasser. Während zwischen dem Mädchen und dem Versehrten so etwas wie Freundschaft entsteht, blüht auf Seiten der Mütter der Hass. Was bis zum Äußersten führt.

Doch ‘Altes Land’ ist kein Kammerspiel, in dem wir nur die Nickligkeiten und Kämpfe der Frauen in einem alten Bauernhaus verfolgen. Eine zweite Erzählebene spielt in der Gegenwart. Das Mädchen von damals lebt immer noch in dem Bauaernhaus – ihre Mutter hatte sie dort zurückgelassen, als sich die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg bot. Das Mädchen ist zu einer Exzentrikerin im Dorf geworden. Zahnärztin für die Menschen auf dem Land; gebraucht, ja – geliebt, nein. Sie führt ein recht einsames Leben, ihre Familie bilden ein Pferd und zwei inzwischen altersschwache Hunde.

Bis ihre Nichte bei ihr auftaucht, den vierjährigen Sohn im Schlepptau.. Auch sie Flüchtlinge, allerdings geflüchtet vor ihrer Hamburger Scheinwelt, in der jetzt eine andere Frau mit ihrem Mann in der gemeinsamen Wohnung wohnt. Sie kommen aus der ‘glitzernden’ Großstadtwelt der “Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggys, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.” (S.24). Doch dort war sie nie wirklich zuhause heimisch, ist in ihre Mutterrolle mehr zufällig reingerutscht, als dass sie das wirklich wollte. Vorher rebellierend, den gesellschaftlichen Stand der Familie ignorierend als Tischlerlehrling durch die Welt gezogen.

Die beiden Frauen sind sich anfangs nicht grün. Und doch entwickelt sich hier ein ganz neues Familienband. Zwei einsame Frauen, die mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen, die sich gegenseitig stützen, wider Willen.

Mit herrlich trockenem Humor nimmt Dörte Hansen nicht nur die Welt der Bio-Großstadt-Yuppie-Jungfamilien aufs Korn (“Das Stillen im Café bei koffeinfreiem Latte, die Mutter bis zur Willenlosigkeit entspannt, und neben ihr der Vater, den Laptop vor sich, über der Schulter das Spucktuch…” S.70).
Auch die Landbevölkerung kriegt ihr Fett weg: der konventionell wirtschaftende bauer regt sich über die neue Bio-Mode auf, die Nachbarn, die plötzlich alte Obstsorten züchten, die seiner Meinung nach mehr als zu Recht nicht mehr angebaut werden, kleine schrumplige Dinger, die man als “Akademiker-Obst” an eben jene Bio-Junkies in der Großstadt verhökern kann.
Und dann ist da noch der Journalist, über den sich der ganze Ort das Maul zerreißt, wenn er mit seinem Liegerad über die Deiche kurvt. Authentisch will er hier leben, sich in die Dorfgemeinschaft einfügen, und bleibt genau wegen dieser Zwanghaftigkeit der Assimilierung umso mehr Fremdkörper (von diesem ‘Typ’ finden sich ja auch genügend Bücher auf dem Markt).
Typen und Bilder, die wohl viele von uns kennen, sind sie doch auf fast jede größere Stadt und deren Umland zu übertragen. Und so ist ‘Altes Land’ auch ein großes Stück Gesellschaftsanalyse, ein Porträt unserer Zeit.

Kurzum: ein großes Lesevergnügen mit viel Wahrheitsgehalt. Ich hätte es bereut, wenn dieses Buch an mir vorbei gegangen wäre, denn es hat mir unglaublichen Spaß gemacht, ohne zu platt daherzukommen. Große Leseempfehlung!

Bibliografisches:

ISBN 9783813506471

Erschienen im Knaus Verlag, Februar 2015
288 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Unter Brüdern – Pete Dexter

(c) Verlagsbuchhandlung Liebeskind

(c) Verlagsbuchhandlung Liebeskind

Pete Dexter: Der Mann kann schreiben, keine Frage. Seine Texte sind bildhaft, fesselnd und bleiben einem im Kopf! Das ging mir schon bei Deadwood so, ebenso wie beim letzten im Liebeskind erschienenen Buch Paperboy. Doch wo wir bei Paperboy den Charakteren in brütend-schwüler Hitze durch düstere Moor-Wälder folgen, spielt Unter Brüdern im kühlen Norden der USA.

Peter muss mit ansehen, wie seine kleine Schwester vom Auto des Nachbarn überfahren wird und daraufhin seine Familie auseinander bricht. Die Mutter driftet ab in Delirium und Wahnsinn, der Vater will Rache am Nachbarn. Doch alle wollen es ihm ausreden, sein Bruder, seine Kollegen, und allen voran Constantine, der ein hohes Tier in der Gewerkschaft ist. Wie all die Männer irgendwas bei der Gewerkschaft zu machen scheinen. Doch man bekommt schnell den Eindruck, das ‘Gewerkschaft’ eher eine kriminelle Vereinigung ist.

Und seine Rache, ja, die soll der Vater bekommen. Der Trieb nach Vergeltung ist stärker, als jede noch so harte Drohung. Ein gutes Ende nimmt das allerdings für keinen.

Peter wächst in der Folge bei seinem Onkel auf, der mit seiner Familie in das Haus des verschwundenen Vaters eingezogen ist und selbst nicht ganz unbeteiligt ist am Verschwinden des Vaters. Der Onkel ist es auch, der Peter und seinen Cousin Michael zu Nick bringt. Nick ist ein Automechaniker, ehemaliger Profiboxer, der über seiner Werkstatt eine Boxhalle betreibt. Und während Michael dort vor dem Fernseher sitzt und sich von Tanzshows berieseln lässt, wird Peter bald zum leidenschaftlichen Schüler Nicks, und dieser bald so etwas wie eine Ersatz-Vaterfigur.

Die beiden Jungen wachsen in die ‘Gewerkschaftswelt’ hinein und stehen bald schon an der Spitze, wobei jedoch Michael sich als sadistisch-käsiger Halbirrer entpuppt und Peter sich aus allem herauszuhalten versucht, wodurch er meistens doch in vieles verstrickt wird, ein unfreiwilliger Mitläufer gewissermaßen. Ich hab mich da schon das eine oder andere Mal aufgeregt, wenn er wieder keine Widerworte gibt, wieder nur dabei steht und nichts tut. Aber genau das macht für mich auch gute Literatur aus, dass man sich an den Charakteren reibt, sie eben nicht genau das tun, was man von ihnen erwartet, oder was die scheinbar befriedigendste Lösung ist. Genau so ist Peter, leicht phlegmatisch, einer den man nicht wirklich sympathisch finden möchte, den man oft wachschütteln will. Und doch ist er fast der einzige Sympathieträger in diesem Buch.

Für viele nimmt die Geschichte kein gutes Ende. Für den Leser schon, denn er hat gerade ein Buch des großartigen Pete Dexter gelesen, der einer meiner liebsten Erzähler ist. Das sprichwörtliche Abtauchen in ein Buch – bei Pete Dexter passiert das in Perfektion. Beinahe schmeckt man das Blut auf den Lippen, wenn Peter im Boxring steht, oder riecht den Zigarrettenrauch aus der Küche heraufsteigen, wenn die Männer dort eines ihrer Treffen abhalten.

Wenn ihr den Film ‘A most violent year’ gesehen habt, dann wisst ihr ungefähr, welche Atmosphäre hier herrscht. Düster, kühl, US-Amerikanische Großstadt der 70er/80er, weit entfernt von der geleckten Broschürenwelt des Jetlag.

Pete Dexter – the tell-tale-god. Zumindest für mich. Alle von mir bisher gelesenen Titel waren ganz große Klasse. Und mehr werden folgen!

Bibliografisches:

ISBN 9783954380428

Erschienen bei der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, Februar 2015
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Götz Pommer
Originaltitel: Brotherly Love
302 Seiten, gebunden

€ 19,90

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Becks letzter Sommer – Benedict Wells

beck

(c) Diogenes

Lehrer sind auch Menschen. Robert Beck ist Lehrer. Eigentlich wollte er das nie werden, denn sein verhasster Vater war dies auch. Beck wäre lieber erfolgreicher Musiker, doch ihm fehlt das gewisse etwas. Mit seiner Band hat er es immerhin bis zur Vorband von New Order gebracht, aber dann zerbrach die Gruppe.
Beck ist jetzt Lehrer und träumt von seiner Jugend, von der Musik, die er so richtig nie aufgegeben hat. Als er zufällig das außergewöhnliche Talent seines Schülers Rauli entdeckt, hofft er auch für sich endlich auf den großen Durchbruch. Er will Rauli formen, managen und groß rausbringen. Doch ist der Junge nicht so einfach zu handhaben, wie Beck sich das erhofft hat. Außerdem hat er einen Hang zum Erzählen von großen Lügengeschichten.

Beck sehnt sich auch nach der großen Liebe. Doch sein Leben bestand bisher nur aus kurzen Beziehungen, die schnell zum beiderseitigen Besten wieder vorbei waren. Als er auf der Straße eher zufällig Lara kennenlernt, die eigentlich gar nicht sein Typ ist, ihn aber dennoch wie magisch anzieht, könnte sich auch hier sein Leben ändern. Doch da ist auch noch die unglaublich hübsche Anna in seiner Klasse, ein Traum für Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Und ja: Beck hat eine kleine Lebenskrise. Er ist Mitte dreißig, möchte aber am liebsten wieder Anfang zwanzig sein, Musik machen, die Liebe finden. Doch worauf er hinsteuert, ist ein Leben wie das seines Vaters: langweiliger Lehrer, an eben der Schule, an der er selbst Schüler war.

Doch wie es manchmal so ist im Leben (und in Büchern), kommt in diesem Moment eins zum anderen und Beck ist verliebt, Beck macht wieder Musik und Beck macht sich auf eine Reise. An den südöstlichen Rand Europas und – wie sollte es anders sein – zu sich selbst. Doch Beck reist nicht allein. Auch sein leicht abgedrehter hypochendrischer Freund Charlie sitzt mit in dem ramponierten VW, ebenso wie seine heimliche Hoffnung, das Wunderkind Rauli. Jeder von ihnen hat einen anderen Grund, diese Reise zu unternehmen. Ein Roadtrip der Identitätsfindung. Am Ende sind wir beinahe erstaunt, dass die drei trotz der vielen Hindernisse doch noch an ihrem Ziel ankommen, und das Sprichwort ‘Der Weg ist das Ziel’ auf abstruse Weise perfekt zelebriert haben.

Der Debütroman von Benedict Wells ist ein Roman über das Leben, über die Sehnsucht nach der Jugend, über Musik und über das Thema aller Romane (lt. Marcel Reich-Ranicki), die Liebe.
Ein großer Lesespaß ist er obendrein. Süffig geschrieben, mit viel Wortwitz, tollen Dialogen und teilweise grotesken Szenen.
An vielen Stellen ist man verwundert, wie tiefsinnig dieser junge Autor über das Leben schreibt und wie gut er sich in einen Charakter hineinversetzen kann, der beinahe doppelt so alt ist, wie er selbst.
Beck ist ein Held des Alltags, jeder von uns ist ein bisschen Beck.
Und mit einem Schmunzeln lesen wir den futuramaesken, faustischen Schlußteil (zum Glück ohne Pudel, sondern mit Katze). ;-)

Für mich hat Beck einen großen Bruder im Geiste: Herr Lehmann. Und so ist es wohl konsequent, dass er in der Verfilmung, die am 23.07. in den Kinos anläuft, ebenso vom großartigen Christian Ulmen gespielt wird.

Bibliografisches:

ISBN 9783257240221

Erschienen im Diogenes Verlag, Dezember 2009 (Taschenbuchausgabe)
453 Seiten, kartoniert

€ 12,00

Das Buch ist, soweit ich weiß auf Wunsch des Autors, nicht als ebook erhältlich.

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Das Kartell – Don Winslow

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Und durch. Doch noch. Nach dem unglaublich guten ‘Tage der Toten‘ haben wir alle darauf gewartet: die Fortsetzung. Denn wo der amerikanische Drogenkrieg weiter tobt, kann doch die Geschichte von Art Keller nicht einfach so zu Ende sein.

Und Don Winslow hat uns nicht enttäuscht, die Fortsetzung ist im Juni 2015 erschienen und präsentiert sich im Ziegelsteinformat in den Buchhandlungen. Das Cover erinnert stark an Roberto Savianos ‘ZeroZeroZero‘, was wohl Absicht ist, geht es doch im Grunde um das gleiche Thema.

Beide Bücher handeln vom sogenannten Krieg gegen die Drogen. In ‘Tage der Toten‘ folgen wir dem jungen DEA-Agenten Art Keller nach Mexiko in den späten 70ern, wo er mehr oder weniger erfolgrreich gegen die dortigen Drogenkartelle vorgeht. Aus Freunden werden Feinde, aus Feinden werden Freunde, und leider leider sind die Kartelle scheinbar mit der Hydra verwandt. Die Handlung des Buches erstreckt sich über drei Jahrzehnte und führt uns bis zum Ende des letzten Milleniums.

Doch: wo ich ‘Tage der Toten‘ in einem atemlosen Rutsch weglas, tat ich mich mit ‘Das Kartell’ anfangs etwas schwer. Man merkt, dass Don Winslow jahrelang für das Buch recherchiert hat, doch leider begeht er hier den gleichen Fehler, der viele auch an Frank Schätzing stört: er muss auf Teufel komm raus auch jedes Fitzelchen Wissen im Buch unterbringen. Was leider den Lesefluss etwas stört. Fast schon liest sich das Buch wie ein Sachbuch, und man hofft, dass hier möglichst wenig der Wahrheit entspricht, wohl leider vergeblich. Die Süddeutsche Zeitung nannte ‘Das Kartell’ daher auch “ein pervers beeindruckendes Thriller-Lexikon über den mexikanischen Drogenkrieg”. Wo es im ersten Buch hauptsächlich um den Kampf der US-Drogenbehörde gegen die Kartelle ging, steht hier eher der Kampf der Kartelle gegeneinander im Mittelpunkt.
Doch auch aus der Perspektive von Journalisten wird im Kartell erzählt – das Buch ist immerhin Ihnen gewidmet.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wenn man nicht konzentriert bei der Sache bleibt, kann allerdings schnell den Überblick verlieren über Allianzen, Zugehörigkeiten und wer gerade welches Gebiet hält. Das mag an dem Wust an Wissen liegen, oder aber auch der Materie geschuldet sein, denn das die Strukturen einfach zu durchschauen sind, glaube ich nicht. Dazu kommt auch noch, dass einige der Charaktere teilweise bei Spitznamen genannt werden. Das ist dann ein bisschen wie ‘Schuld und Sühne’ lesen. Daher Respekt, dass zumindest der Autor den Überblick behalten hat (ein Personenverzeichnis mit Zugehörigkeiten wäre vielleicht ganz sinnvoll, was meint ihr?).

Die Lesbarkeit schmälernd ist auch der unglaublich hohe Body Count. Doch auch hier gestehe ich ein, dass der Krieg um einiges an Brutalität zugelegt hat.

Gut, dass ich das Buch dann doch nicht weggelegt habe, denn jetzt bin ich doch wieder begeistert von diesem ‘epischen Werk’. Gut geschrieben ist es allemal, im bekannten Winslow-Stil der kurzen knackigen Sätze (was gewöhnungsbedürftig ist, wenn man parallel einen Autor liest, der genau das Gegenteil macht). Also nehmt euch Zeit für das Buch und lest es möglichst nicht nebenbei.
Und nicht zuletzt, weil Don Winslow hier ein Thema bearbeitet, dass ähnlich wie die weltweite Flüchtlingsmisere, uns alle mit angeht und viel zu wenig in der Öffentlichkeit stattfindet. Diese ganze Problematik reicht auch nach Europa herüber, wir sind einer der größten Märkte!
Es handelt sich hier um den längsten Krieg, den die USA bisher führte und ein Ende ist nicht in Sicht (dieser Tage ist gerade einer der Kingpins wieder aus dem Gefängnis ‘ausgebrochen’, was dem Beginn des Buches sehr nahe kommt).
Es geht hier nicht nur um Drogen und Gewalt, es geht hier auch um Korruption, um Vertreibung, um Lobbyismus, um Marktanteile und Geldmacherei. Und warum führen die USA diesen Krieg im Nachbarland, wenn doch die Ursache vor der eigenen Haustür zu suchen ist? Angebot und Nachfrage bedingen sich bekanntlich.

Don Winslow ist zweifellos ein Experte auf diesem Gebiet. Kürzlich hat er einen offenen Brief an die US-Präsident und Senat veröffentlicht, den ihr hier nachlesen könnt: The only way to win the war on drugs is to stop fighting

Wer sich für die Thematik im weiteren Rahmen interessiert, dem seien neben den bereits erwähnten ‘Tage der Toten‘ und ‘ZeroZeroZero‘ noch ‘Die toten Frauen von Juárez‘ (einer meiner ersten Einträge hier), ‘Tequila Sunset‘ (ja, ich hab tatsächlich mal einen Artikel auf englisch geschrieben) und ‘La Frontera‘ (erscheint im November im Polar Verlag unter dem Titel Kojoten; derzeit nur in englisch bei betimes books) von Sam Hawken empfohlen.

Bibliografisches:

ISBN 9783426304297

Erschienen im Droemer Knaur Verlag, Juni 2015
Aus dem Englischen übertragen von Chris Hirte
Originaltitel: The Cartel
832 Seiten, Kartoniert

€ 16,99 (oder wie Stephen King sagt: “you pay fifteen bucks and get fifty bucks’ worth of story”)

Auch erhältlich als ebook.

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Sicher durch das Krimi-Labyrinth

il_libraio:

Inzwischen auch einer meiner absoluten Lieblingsverlage: @ariadne_krimi

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Schneemann:

Schwarze Krimis, die in jede Tasche passen. Explosive Stoffe, die das bestehende Weltbild in Frage stellen. Immer wieder aufs Neue, immer am Puls der Zeit, seit über fünfundzwanzig Jahren. Die Rede ist natürlich von der Reihe „Ariadne Krimis“, die die Soziologin Frigga Haug im Jahr 1988 ins Leben rief. Sie erscheint bis heute im Argument Verlag, den sie zusammen mit ihrem zukünftigen Ehemann, dem Philosophen Wolfgang Fritz Haug, Ende der 50er gegründet hatte. Einem Verlag, der eigentlich für seine linken Wissenschafts- und wissenschaftskritischen Bücher bekannt ist. Doch es handelt sich ja auch nicht um irgendeine dahergelaufene Krimireihe. Nein, das würde nicht ins Verlagsprofil passen. Es handelt sich vielmehr um die logische Weiterentwicklung eines der wichtigsten Verlagssegmente, den Büchern zur feministischen Theorie. Bei Ariadne schreiben ausschließlich Frauen.

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Kollaps einer Millionenstadt

il_libraio:

Und ab auf die Wunschliste… Danke für die tolle Besprechung!

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Schneemann:

burke sturm new orleans © Pendragon

Mit einem Gruß an seine deutschen Leser beginnt die deutsche Ausgabe von James Lee Burkes Roman “Sturm über New Orleans” (im Original: „The Tin Roof Blowdown“). Nach dem großartigen „Regengötter“, für das er erst kürzlich den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International erhielt, dürfte Burkes Fangemeinde hierzulande ordentlich gewachsen sein. Der richtige Zeitpunkt also, um die Reihe wieder zu etablieren, mit der er damals in den USA bekannt wurde. Zwölf Jahre sind seine Dave-Robicheaux-Romane nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden, und so freut sich der Autor umso mehr darüber, dass der Pendragon-Verlag ausgerechnet diesen Roman für einen Neustart ausgewählt hat. Es sei sein wütendstes Buch, sagt er im Vorwort, und dass es ihm ganz besonders am Herzen liege. Genau wie sein Protagonist.

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“Dr. Tod” – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

il_libraio:

Wenn das mal kein spannendes Sachbuch ist, dann weiß ich auch nicht. Landet umgehend auf meiner Wunschliste!
Sehr mitreißende Besprechung außerdem.

Ursprünglich veröffentlicht auf AstroLibrium:

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Investigativer Journalismus ist die absolute Königsdisziplin für Reporter. Er setzt eine langwierige, umfassende und sehr genaue Recherche voraus und beschäftigt sich in den meisten Fällen mit der Aufdeckung mehr als skandalträchtiger Sachverhalte. Der Journalist wächst hierbei in eine besondere Rolle hinein, da er selbst zum verlängerten Arm der Staatsgewalt wird und die Aufgaben einer Ermittlungsbehörde erfüllt. Die auf diese Art und Weise recherchierten Geschichten sind von gesellschaftlicher Brisanz und sorgen für gehörige Knalleffekte in der Medienlandschaft.

Und dies besonders in solchen Fällen von großer Bedeutung, bei deren Aufklärung die eigentlichen Staatsorgane ihre Flinten und Handschellen schon lange ins Korn der Ermittlungen geworfen haben. Ein Journalismus der feinsten Art. Journalismus in seiner absoluten Reinkultur, da jeder Reporter sich über die absolute Tragweite seines Artikels oder Buches völlig im Klaren sein muss. Und genau deshalb ist es ebenso risikoreich für den etablierten Journalisten, da…

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Wüste der Toten – Urban Waite

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Ray ist nicht mehr der Jüngste. Ray hat schon bessere Tage gesehen, genau wie die Kleinstadt aus der er kommt und in der er sich jetzt zur Ruhe setzen will. Ein letztes Ding soll noch gedreht werden, fast schon mehr ein Gefallen, als wirklich notwendig. Doch die Sache geht gründlich schief und plötzlich steht Ray ziemlich alleine da, mit einer Horde schießwütiger Jungspunde an den Fersen. Einfach nur Pech, oder wollte man Ray auf subtile Weise loswerden?!

Das Strickmuster ist so einfach wie gut und erfolgreich, kennt man es doch aus unzähligen Western in der einen oder anderen Form. Und so kann man dieses Buch getrost einen Neo-Western nennen. Statt auf dem Pferd, sitzt man in quietschenden Pick-Ups und der Horizont ist gepickt mit rostigen Pferdekopfpumpen.

Die Wüste der Toten bietet vielleicht keinen literarischen Tiefgang, dafür aber beste Krimi-Unterhaltung aus dem trockenen heißen Süden der USA, grandiose Shootouts und jede Menge coole Typen, die sich gegenseitig ins staubige Grab bringen wollen.

Urban Waite muss sich nicht hinter James Lee Burke, Daniel Woodrell, oder Sam Hawken verstecken. Statt in eine Schublade kommen die bei mir alle in die rostige löchrige Öltonne mit dem Label Country-Noir und Border-Noir.

Bibliografisches:

ISBN 9783426507773

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, Februar 2014
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Marie-Luise Bezzenberger
Originaltitel: The Carrion Birds
348 Seiten, kartoniert

€ 9,99

Auch erhältlich als ebook und in der Originalausgabe(Print), und Originalausgabe(epub).

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Gegen das Bücher- und Buchhandelssterben!

il_libraio:

Unterschreibe ich so. Den Artikel und die Petition.

Ursprünglich veröffentlicht auf Packing books from boxes...:

Seit fast genau dreizehn Jahren existiert nun das wohl wichtigste Instrument des deutschen Buchhandels: Das Preisbindungsgesetz!
Mit dem ominösen TTIP, das seit einiger Zeit stetig präsent durch die Medien geistert, ist dieses und damit der gesamte Buchhandel, wie wir ihn kennen, in Gefahr!
Was genau es damit auf sich hat und viel wichtiger, was ihr dagegen tun könnt, erfahrt ihr hier:

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