Becks letzter Sommer – Benedict Wells

beck

(c) Diogenes

Lehrer sind auch Menschen. Robert Beck ist Lehrer. Eigentlich wollte er das nie werden, denn sein verhasster Vater war dies auch. Beck wäre lieber erfolgreicher Musiker, doch ihm fehlt das gewisse etwas. Mit seiner Band hat er es immerhin bis zur Vorband von New Order gebracht, aber dann zerbrach die Gruppe.
Beck ist jetzt Lehrer und träumt von seiner Jugend, von der Musik, die er so richtig nie aufgegeben hat. Als er zufällig das außergewöhnliche Talent seines Schülers Rauli entdeckt, hofft er auch für sich endlich auf den großen Durchbruch. Er will Rauli formen, managen und groß rausbringen. Doch ist der Junge nicht so einfach zu handhaben, wie Beck sich das erhofft hat. Außerdem hat er einen Hang zum Erzählen von großen Lügengeschichten.

Beck sehnt sich auch nach der großen Liebe. Doch sein Leben bestand bisher nur aus kurzen Beziehungen, die schnell zum beiderseitigen Besten wieder vorbei waren. Als er auf der Straße eher zufällig Lara kennenlernt, die eigentlich gar nicht sein Typ ist, ihn aber dennoch wie magisch anzieht, könnte sich auch hier sein Leben ändern. Doch da ist auch noch die unglaublich hübsche Anna in seiner Klasse, ein Traum für Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Und ja: Beck hat eine kleine Lebenskrise. Er ist Mitte dreißig, möchte aber am liebsten wieder Anfang zwanzig sein, Musik machen, die Liebe finden. Doch worauf er hinsteuert, ist ein Leben wie das seines Vaters: langweiliger Lehrer, an eben der Schule, an der er selbst Schüler war.

Doch wie es manchmal so ist im Leben (und in Büchern), kommt in diesem Moment eins zum anderen und Beck ist verliebt, Beck macht wieder Musik und Beck macht sich auf eine Reise. An den südöstlichen Rand Europas und – wie sollte es anders sein – zu sich selbst. Doch Beck reist nicht allein. Auch sein leicht abgedrehter hypochendrischer Freund Charlie sitzt mit in dem ramponierten VW, ebenso wie seine heimliche Hoffnung, das Wunderkind Rauli. Jeder von ihnen hat einen anderen Grund, diese Reise zu unternehmen. Ein Roadtrip der Identitätsfindung. Am Ende sind wir beinahe erstaunt, dass die drei trotz der vielen Hindernisse doch noch an ihrem Ziel ankommen, und das Sprichwort ‘Der Weg ist das Ziel’ auf abstruse Weise perfekt zelebriert haben.

Der Debütroman von Benedict Wells ist ein Roman über das Leben, über die Sehnsucht nach der Jugend, über Musik und über das Thema aller Romane (lt. Marcel Reich-Ranicki), die Liebe.
Ein großer Lesespaß ist er obendrein. Süffig geschrieben, mit viel Wortwitz, tollen Dialogen und teilweise grotesken Szenen.
An vielen Stellen ist man verwundert, wie tiefsinnig dieser junge Autor über das Leben schreibt und wie gut er sich in einen Charakter hineinversetzen kann, der beinahe doppelt so alt ist, wie er selbst.
Beck ist ein Held des Alltags, jeder von uns ist ein bisschen Beck.
Und mit einem Schmunzeln lesen wir den futuramaesken, faustischen Schlußteil (zum Glück ohne Pudel, sondern mit Katze). ;-)

Für mich hat Beck einen großen Bruder im Geiste: Herr Lehmann. Und so ist es wohl konsequent, dass er in der Verfilmung, die am 23.07. in den Kinos anläuft, ebenso vom großartigen Christian Ulmen gespielt wird.

Bibliografisches:

ISBN 9783257240221

Erschienen im Diogenes Verlag, Dezember 2009 (Taschenbuchausgabe)
453 Seiten, kartoniert

€ 12,00

Das Buch ist, soweit ich weiß auf Wunsch des Autors, nicht als ebook erhältlich.

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Das Kartell – Don Winslow

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Und durch. Doch noch. Nach dem unglaublich guten ‘Tage der Toten‘ haben wir alle darauf gewartet: die Fortsetzung. Denn wo der amerikanische Drogenkrieg weiter tobt, kann doch die Geschichte von Art Keller nicht einfach so zu Ende sein.

Und Don Winslow hat uns nicht enttäuscht, die Fortsetzung ist im Juni 2015 erschienen und präsentiert sich im Ziegelsteinformat in den Buchhandlungen. Das Cover erinnert stark an Roberto Savianos ‘ZeroZeroZero‘, was wohl Absicht ist, geht es doch im Grunde um das gleiche Thema.

Beide Bücher handeln vom sogenannten Krieg gegen die Drogen. In ‘Tage der Toten‘ folgen wir dem jungen DEA-Agenten Art Keller nach Mexiko in den späten 70ern, wo er mehr oder weniger erfolgrreich gegen die dortigen Drogenkartelle vorgeht. Aus Freunden werden Feinde, aus Feinden werden Freunde, und leider leider sind die Kartelle scheinbar mit der Hydra verwandt. Die Handlung des Buches erstreckt sich über drei Jahrzehnte und führt uns bis zum Ende des letzten Milleniums.

Doch: wo ich ‘Tage der Toten‘ in einem atemlosen Rutsch weglas, tat ich mich mit ‘Das Kartell’ anfangs etwas schwer. Man merkt, dass Don Winslow jahrelang für das Buch recherchiert hat, doch leider begeht er hier den gleichen Fehler, der viele auch an Frank Schätzing stört: er muss auf Teufel komm raus auch jedes Fitzelchen Wissen im Buch unterbringen. Was leider den Lesefluss etwas stört. Fast schon liest sich das Buch wie ein Sachbuch, und man hofft, dass hier möglichst wenig der Wahrheit entspricht, wohl leider vergeblich. Die Süddeutsche Zeitung nannte ‘Das Kartell’ daher auch “ein pervers beeindruckendes Thriller-Lexikon über den mexikanischen Drogenkrieg”. Wo es im ersten Buch hauptsächlich um den Kampf der US-Drogenbehörde gegen die Kartelle ging, steht hier eher der Kampf der Kartelle gegeneinander im Mittelpunkt.
Doch auch aus der Perspektive von Journalisten wird im Kartell erzählt – das Buch ist immerhin Ihnen gewidmet.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wenn man nicht konzentriert bei der Sache bleibt, kann allerdings schnell den Überblick verlieren über Allianzen, Zugehörigkeiten und wer gerade welches Gebiet hält. Das mag an dem Wust an Wissen liegen, oder aber auch der Materie geschuldet sein, denn das die Strukturen einfach zu durchschauen sind, glaube ich nicht. Dazu kommt auch noch, dass einige der Charaktere teilweise bei Spitznamen genannt werden. Das ist dann ein bisschen wie ‘Schuld und Sühne’ lesen. Daher Respekt, dass zumindest der Autor den Überblick behalten hat (ein Personenverzeichnis mit Zugehörigkeiten wäre vielleicht ganz sinnvoll, was meint ihr?).

Die Lesbarkeit schmälernd ist auch der unglaublich hohe Body Count. Doch auch hier gestehe ich ein, dass der Krieg um einiges an Brutalität zugelegt hat.

Gut, dass ich das Buch dann doch nicht weggelegt habe, denn jetzt bin ich doch wieder begeistert von diesem ‘epischen Werk’. Gut geschrieben ist es allemal, im bekannten Winslow-Stil der kurzen knackigen Sätze (was gewöhnungsbedürftig ist, wenn man parallel einen Autor liest, der genau das Gegenteil macht). Also nehmt euch Zeit für das Buch und lest es möglichst nicht nebenbei.
Und nicht zuletzt, weil Don Winslow hier ein Thema bearbeitet, dass ähnlich wie die weltweite Flüchtlingsmisere, uns alle mit angeht und viel zu wenig in der Öffentlichkeit stattfindet. Diese ganze Problematik reicht auch nach Europa herüber, wir sind einer der größten Märkte!
Es handelt sich hier um den längsten Krieg, den die USA bisher führte und ein Ende ist nicht in Sicht (dieser Tage ist gerade einer der Kingpins wieder aus dem Gefängnis ‘ausgebrochen’, was dem Beginn des Buches sehr nahe kommt).
Es geht hier nicht nur um Drogen und Gewalt, es geht hier auch um Korruption, um Vertreibung, um Lobbyismus, um Marktanteile und Geldmacherei. Und warum führen die USA diesen Krieg im Nachbarland, wenn doch die Ursache vor der eigenen Haustür zu suchen ist? Angebot und Nachfrage bedingen sich bekanntlich.

Don Winslow ist zweifellos ein Experte auf diesem Gebiet. Kürzlich hat er einen offenen Brief an die US-Präsident und Senat veröffentlicht, den ihr hier nachlesen könnt: The only way to win the war on drugs is to stop fighting

Wer sich für die Thematik im weiteren Rahmen interessiert, dem seien neben den bereits erwähnten ‘Tage der Toten‘ und ‘ZeroZeroZero‘ noch ‘Die toten Frauen von Juárez‘ (einer meiner ersten Einträge hier), ‘Tequila Sunset‘ (ja, ich hab tatsächlich mal einen Artikel auf englisch geschrieben) und ‘La Frontera‘ (erscheint im November im Polar Verlag unter dem Titel Kojoten; derzeit nur in englisch bei betimes books) von Sam Hawken empfohlen.

Bibliografisches:

ISBN 9783426304297

Erschienen im Droemer Knaur Verlag, Juni 2015
Aus dem Englischen übertragen von Chris Hirte
Originaltitel: The Cartel
832 Seiten, Kartoniert

€ 16,99 (oder wie Stephen King sagt: “you pay fifteen bucks and get fifty bucks’ worth of story”)

Auch erhältlich als ebook.

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Sicher durch das Krimi-Labyrinth

il_libraio:

Inzwischen auch einer meiner absoluten Lieblingsverlage: @ariadne_krimi

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Schneemann:

Schwarze Krimis, die in jede Tasche passen. Explosive Stoffe, die das bestehende Weltbild in Frage stellen. Immer wieder aufs Neue, immer am Puls der Zeit, seit über fünfundzwanzig Jahren. Die Rede ist natürlich von der Reihe „Ariadne Krimis“, die die Soziologin Frigga Haug im Jahr 1988 ins Leben rief. Sie erscheint bis heute im Argument Verlag, den sie zusammen mit ihrem zukünftigen Ehemann, dem Philosophen Wolfgang Fritz Haug, Ende der 50er gegründet hatte. Einem Verlag, der eigentlich für seine linken Wissenschafts- und wissenschaftskritischen Bücher bekannt ist. Doch es handelt sich ja auch nicht um irgendeine dahergelaufene Krimireihe. Nein, das würde nicht ins Verlagsprofil passen. Es handelt sich vielmehr um die logische Weiterentwicklung eines der wichtigsten Verlagssegmente, den Büchern zur feministischen Theorie. Bei Ariadne schreiben ausschließlich Frauen.

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Kollaps einer Millionenstadt

il_libraio:

Und ab auf die Wunschliste… Danke für die tolle Besprechung!

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Schneemann:

burke sturm new orleans © Pendragon

Mit einem Gruß an seine deutschen Leser beginnt die deutsche Ausgabe von James Lee Burkes Roman “Sturm über New Orleans” (im Original: „The Tin Roof Blowdown“). Nach dem großartigen „Regengötter“, für das er erst kürzlich den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International erhielt, dürfte Burkes Fangemeinde hierzulande ordentlich gewachsen sein. Der richtige Zeitpunkt also, um die Reihe wieder zu etablieren, mit der er damals in den USA bekannt wurde. Zwölf Jahre sind seine Dave-Robicheaux-Romane nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden, und so freut sich der Autor umso mehr darüber, dass der Pendragon-Verlag ausgerechnet diesen Roman für einen Neustart ausgewählt hat. Es sei sein wütendstes Buch, sagt er im Vorwort, und dass es ihm ganz besonders am Herzen liege. Genau wie sein Protagonist.

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“Dr. Tod” – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

il_libraio:

Wenn das mal kein spannendes Sachbuch ist, dann weiß ich auch nicht. Landet umgehend auf meiner Wunschliste!
Sehr mitreißende Besprechung außerdem.

Ursprünglich veröffentlicht auf AstroLibrium:

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Investigativer Journalismus ist die absolute Königsdisziplin für Reporter. Er setzt eine langwierige, umfassende und sehr genaue Recherche voraus und beschäftigt sich in den meisten Fällen mit der Aufdeckung mehr als skandalträchtiger Sachverhalte. Der Journalist wächst hierbei in eine besondere Rolle hinein, da er selbst zum verlängerten Arm der Staatsgewalt wird und die Aufgaben einer Ermittlungsbehörde erfüllt. Die auf diese Art und Weise recherchierten Geschichten sind von gesellschaftlicher Brisanz und sorgen für gehörige Knalleffekte in der Medienlandschaft.

Und dies besonders in solchen Fällen von großer Bedeutung, bei deren Aufklärung die eigentlichen Staatsorgane ihre Flinten und Handschellen schon lange ins Korn der Ermittlungen geworfen haben. Ein Journalismus der feinsten Art. Journalismus in seiner absoluten Reinkultur, da jeder Reporter sich über die absolute Tragweite seines Artikels oder Buches völlig im Klaren sein muss. Und genau deshalb ist es ebenso risikoreich für den etablierten Journalisten, da…

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Wüste der Toten – Urban Waite

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Ray ist nicht mehr der Jüngste. Ray hat schon bessere Tage gesehen, genau wie die Kleinstadt aus der er kommt und in der er sich jetzt zur Ruhe setzen will. Ein letztes Ding soll noch gedreht werden, fast schon mehr ein Gefallen, als wirklich notwendig. Doch die Sache geht gründlich schief und plötzlich steht Ray ziemlich alleine da, mit einer Horde schießwütiger Jungspunde an den Fersen. Einfach nur Pech, oder wollte man Ray auf subtile Weise loswerden?!

Das Strickmuster ist so einfach wie gut und erfolgreich, kennt man es doch aus unzähligen Western in der einen oder anderen Form. Und so kann man dieses Buch getrost einen Neo-Western nennen. Statt auf dem Pferd, sitzt man in quietschenden Pick-Ups und der Horizont ist gepickt mit rostigen Pferdekopfpumpen.

Die Wüste der Toten bietet vielleicht keinen literarischen Tiefgang, dafür aber beste Krimi-Unterhaltung aus dem trockenen heißen Süden der USA, grandiose Shootouts und jede Menge coole Typen, die sich gegenseitig ins staubige Grab bringen wollen.

Urban Waite muss sich nicht hinter James Lee Burke, Daniel Woodrell, oder Sam Hawken verstecken. Statt in eine Schublade kommen die bei mir alle in die rostige löchrige Öltonne mit dem Label Country-Noir und Border-Noir.

Bibliografisches:

ISBN 9783426507773

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, Februar 2014
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Marie-Luise Bezzenberger
Originaltitel: The Carrion Birds
348 Seiten, kartoniert

€ 9,99

Auch erhältlich als ebook und in der Originalausgabe(Print), und Originalausgabe(epub).

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Gegen das Bücher- und Buchhandelssterben!

il_libraio:

Unterschreibe ich so. Den Artikel und die Petition.

Ursprünglich veröffentlicht auf Packing books from boxes...:

Seit fast genau dreizehn Jahren existiert nun das wohl wichtigste Instrument des deutschen Buchhandels: Das Preisbindungsgesetz!
Mit dem ominösen TTIP, das seit einiger Zeit stetig präsent durch die Medien geistert, ist dieses und damit der gesamte Buchhandel, wie wir ihn kennen, in Gefahr!
Was genau es damit auf sich hat und viel wichtiger, was ihr dagegen tun könnt, erfahrt ihr hier:

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Skargat-Der Pfad des schwarzen Lichts – Daniel Illger

(c) Klett-Cotta

(c) Klett-Cotta

“There’s fantasy-books, and there’s …boring books.” (Patrick Rothfuss)
Und damit es nicht allzu langweilig wird, kann man schon ab und an mal einen Fantasy-Roman lesen. Bei mir war es jetzt der hochgelobte Erstling von Daniel Illger ‘Skargat’.

Erzählt wird die Geschichte von Mykar, der in seinem Dorf der Außenseiter ist. Zur falschen Zeit geboren, zur Zeit der Bösen Ernte, wird er von allen wie ein Aussätziger behandelt.
Nur einen Freund gewinnt er, der ihm vortan zu einem Beschützer wird, mit der natürlichen Autorität des Sohnes des örtlichen Priesters – Cay.
Als die zukünftige Frau Cays umgebracht wird, ist der Schuldige schnell gefunden – Mykar. Wer sonst soll es gewesen sein. Dieser hat selbst den Mord beobachtet und weiß folglich, wer der wahre Schuldige ist. Doch weder das, noch die Unterstützung Cays, der nicht an Mykars Schuld glaubt helfen ihm. Er wird von einem Mob (halb) tot geprügelt und im Wald liegen gelassen.

Als Jahre später Cay eines Mordes beschuldigt wird, kehrt Mykar zurück. Von seinem Leben als Einsiedler im Wald, oder gar von den Toten – das ist frei zur Interpretation. Fest steht, dass Mykar in dieser Zeit Kontakt hatte zur Welt der Toten und eine ‘Freundin’ gefunden hat, die ihn fortan in Form ihres Schädels begleitet – Danje.

Mykar folgt also der Spur Cays, um ihn aus seiner Gefangenschaft zu befreien, denn Mykar glaubt fest an dessen Unschuld.
Auf seinem Weg trifft er auf Scara, eine leicht verrückte Magd, und den herunter gekommenen Landadligen Justinius. Zusammen machen sich die drei mit einem klapprigen Esel auf in die Stadt, in der Cay festgehalten wird und wohl seinem Todesurteil entgegen sieht.

Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte, die Resue-Mission ‘Cay’, was sich mit dieser Kombination von Gefährten nicht gerade einfach gestaltet, wie man sich vorstellen kann. Und wem das nicht von Beginn an düster vorkam, der begibt sich spätestens mit dem Auftauchen der menschenfressenden Leichen und der leichenfressenden Menschen ins Reich der Düsternis. Folglich spielt auch ein großer Teil auf dem alten Friedhof der Stadt.

Aus den verschiedenen Perspektiven von Mykar, Scara und Justinius erzählt, macht das Buch trotz der düsteren Figuren und dem vielen Leichengefleddere unglaublich Spaß. Was wohl auch damit zusammen hängt, dass mit dem Wechsel der Figuren nicht unbedingt ein Wechsel auf die andere Seite der Welt einhergeht, wie das bei George R.R. Martin der Fall ist. Vielmehr werden teilweise Ereignisse aus verschiedenen Sichtwinkeln betrachtet.

Zu Recht befindet sich Daniel Illger mit seinem Debüt im selben Verlag wie Tolkien und Rothfuss. Kurz: Skurrile, morbide Fantasy vom Feinsten, die nie ins Lächerlich abdriftet. Daniel Illger erschafft eine Welt, die, man ahnt es, noch viele viele Geschichten birgt. Da lauert quasi eine an jeder Ecke. Leider ist dies aber auch der einzige Wehrmutstropfen: am Ende der Geschichte stehen wir am Anfang einer neuen und viel größeren. Da kommt noch einiges auf uns zu. Und ich zumindest freue mich jetzt schon drauf.

Bibliografisches:

9783608946420

Erschienen bei Klett-Cotta, Februar 2015
568 Seiten, kartoniert

€ 17,95

Auch zum Lesen in elektronischer Form zu haben.

Skargat gefällt auch Papiergeflüster ;-)

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Havarie – Merle Kröger

havarieZu den absurdesten Erfindungen der Menschheit zählen wohl Grenzen. Und zu den tödlichsten noch dazu.
Während vor 25 Jahren der Fall des eisernen Vorhangs euphorisch gefeiert wurde, hat sich im Grunde eigentlich nichts verändert. Immer noch werden Grenzanlagen gebaut, die der innerdeutschen gar nicht so unähnlich sind. So in in Israel, zwischen den USA und Mexiko (da zieht sich die befestigte Grenze geradezu durch den ganzen Kontinent), oder eben an den Rändern der Europäischen Union. Und da diese Grenzbefestigungen beinahe unüberwindlich sind, versuchen es die Flüchtlinge vor Krieg und Elend eben über das vermeintlich offene Meer, die ‘einfachere’ Lösung.

Davon handelt ‘Havarie’. Es ist ein Buch über das Mittelmeer und über die Schicksale, die sich im Zuge der Abschottung der Festung Europa dort abspielen.
Ein Kreuzfahrtschiff trifft auf ein winziges Schlauchboot voller Flüchtlinge, denen der Sprit ausgegangen ist. Ein Unwetter kündigt sich an und der Crucero ist verpflichtet (nach Seerecht?) bei dem Schlauchboot zu warten, bis die Seenotrettung, oder die Küstenwache eintrifft.

Das Merle Kröger erzählen kann und einen ans Buch fesselt ohne gleichen, kannte ich schon vom Vorgänger ‘Grenzfall‘, doch hier ist man geradezu gefangen in der Geschichte, durch ihre Aktualität. Das Flüchtlingsthema ist ja eines, das man gerne verdrängt, da nehme ich mich nicht aus, und das dann umso schmerzhafter an die Oberfläche drückt, wenn wieder ein Boot gekentert ist und wieder unzählige Menschen ertrunken sind.

Das Mittelmeer füllt sich mit Toten wie ein Massengrab. Und wir gehen baden, am Wochenende, an den Stränden…

Ich könnte also einer der Menschen auf dem Crucero sein. Einer von denen, die beinahe sorgenfrei in ihrer Blase der Spaßgesellschaft dahinschippern und für die die tragischen Schicksale nur ein Medienereignis sind. Nicht umsonst hat Merle Kröger das Kreuzfahrtschiff ‘Spirit of Europe’ genannt, denn genau das ist der Spirit Europas. Das kleine Schlauchboot ist kurze Sensation, die mit der Handykamera festgehalten wird. Doch die Faszination verliert sich schnell. Die Bar ruft, oder das Bingospiel, oder das Fitnesscenter, oder Shopping, oder…

Für die Besatzung ist das Schlauchboot vor allem eines: ein finanzielles Problem. Das Schiff wird aufgehalten, man gelangt verspätet in den nächsten Hafen, das kostet alles Geld – die amerikanische Firmenzentrale ist not pleased.

Dass dann tatsächlich auch noch ein verletzter ‘Illegaler’ auf das Schlauchboot entsorgt wird, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Das Buch ist an Symbolkraft fast nicht zu übertreffen. Doch trocken und erzwungen ist hier nichts. Atemlos verfolgt man die miteinander verknüpften Einzelschicksale, Menschen aus allen Ecken der Welt, die sich hier auf dem Mare Nostrum im Brennspiegel unserer Politik des Ausschließens zusammenfinden. Wie schon bei ‘Grenzfall': ein Buch, ganz nach meinem Geschmack: politisch, aktuell, hart an der Realität und vor allem großartig geschrieben.

Wer oder was havariert denn hier im Grunde? Der Friedensnobelpreisträger EU, Flüchtlinge in einem Schlauchboot, …?
Ich schließe mich Thekla Dannenberg an:

»HAVARIE ist der Roman der Stunde. Jeder, der an Europa und dem Mittelmeer hängt, sollte ihn lesen. Merle Kröger erzählt darin kein Flüchtlingsdrama. Oder zumindest nicht nur. Sie erzählt in rasant wechselnden Perspektiven von Aufbruch und Schiffbruch, von der Faszination des Meeres und von einer Seefahrt, die aus Gründen der Kosteneffizienz alle Werte über Bord geworfen hat. Der Roman beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, und man merkt jeder Seite an, wie gründlich Merle Kröger recherchiert hat. Doch vor allem beweist Kröger mit HAVARIE zweierlei: wie grandios eine dezidiert politische Literatur sein kann und wie kunstvoll der deutsche Kriminalroman.« Thekla Dannenberg, FREITAG, Krimi Spezial

Aber: Macht euch selber ein Bild!

Bibliografisches:

9783867542241

Erschienen im Argument Verlag, Mai 2015
256 Seiten, gebunden

€ 15,00

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Krimi, politthriller | Schlagwörter: , , , , , , , , | 4 Kommentare

Sam Hawken about LA FRONTERA: “The most controversial novel I’ve ever written”.

il_libraio:

One of my favourites!

Ursprünglich veröffentlicht auf Betimes Books:

And the border is still

“As I look forward to the release of The Night Charter, I can’t help but cast a look back over the past few years and the books I wrote to get where I am now. I’ve written plenty about The Borderland Trilogy from Serpent’s Tail, but I’ve written less about La Frontera.

There are a lot of things in common between my crime novels — Mexico’s rampant violence, the tragedy of the innocent lives lost — but La Frontera is something different. I’d venture to say that it’s the most literary of the books I’ve had published, which makes it unusual all by itself. If you asked me whether I write literary fiction I would say, no, I don’t. But at the same time, something like La Frontera is a departure from the cops-and-killers world of my Mexico books while still taking place…

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