Sicher durch das Krimi-Labyrinth

il_libraio:

Inzwischen auch einer meiner absoluten Lieblingsverlage: @ariadne_krimi

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Schneemann:

Schwarze Krimis, die in jede Tasche passen. Explosive Stoffe, die das bestehende Weltbild in Frage stellen. Immer wieder aufs Neue, immer am Puls der Zeit, seit über fünfundzwanzig Jahren. Die Rede ist natürlich von der Reihe „Ariadne Krimis“, die die Soziologin Frigga Haug im Jahr 1988 ins Leben rief. Sie erscheint bis heute im Argument Verlag, den sie zusammen mit ihrem zukünftigen Ehemann, dem Philosophen Wolfgang Fritz Haug, Ende der 50er gegründet hatte. Einem Verlag, der eigentlich für seine linken Wissenschafts- und wissenschaftskritischen Bücher bekannt ist. Doch es handelt sich ja auch nicht um irgendeine dahergelaufene Krimireihe. Nein, das würde nicht ins Verlagsprofil passen. Es handelt sich vielmehr um die logische Weiterentwicklung eines der wichtigsten Verlagssegmente, den Büchern zur feministischen Theorie. Bei Ariadne schreiben ausschließlich Frauen.

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Kollaps einer Millionenstadt

il_libraio:

Und ab auf die Wunschliste… Danke für die tolle Besprechung!

Ursprünglich veröffentlicht auf Der Schneemann:

burke sturm new orleans © Pendragon

Mit einem Gruß an seine deutschen Leser beginnt die deutsche Ausgabe von James Lee Burkes Roman “Sturm über New Orleans” (im Original: „The Tin Roof Blowdown“). Nach dem großartigen „Regengötter“, für das er erst kürzlich den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International erhielt, dürfte Burkes Fangemeinde hierzulande ordentlich gewachsen sein. Der richtige Zeitpunkt also, um die Reihe wieder zu etablieren, mit der er damals in den USA bekannt wurde. Zwölf Jahre sind seine Dave-Robicheaux-Romane nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden, und so freut sich der Autor umso mehr darüber, dass der Pendragon-Verlag ausgerechnet diesen Roman für einen Neustart ausgewählt hat. Es sei sein wütendstes Buch, sagt er im Vorwort, und dass es ihm ganz besonders am Herzen liege. Genau wie sein Protagonist.

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“Dr. Tod” – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

il_libraio:

Wenn das mal kein spannendes Sachbuch ist, dann weiß ich auch nicht. Landet umgehend auf meiner Wunschliste!
Sehr mitreißende Besprechung außerdem.

Ursprünglich veröffentlicht auf AstroLibrium:

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Investigativer Journalismus ist die absolute Königsdisziplin für Reporter. Er setzt eine langwierige, umfassende und sehr genaue Recherche voraus und beschäftigt sich in den meisten Fällen mit der Aufdeckung mehr als skandalträchtiger Sachverhalte. Der Journalist wächst hierbei in eine besondere Rolle hinein, da er selbst zum verlängerten Arm der Staatsgewalt wird und die Aufgaben einer Ermittlungsbehörde erfüllt. Die auf diese Art und Weise recherchierten Geschichten sind von gesellschaftlicher Brisanz und sorgen für gehörige Knalleffekte in der Medienlandschaft.

Und dies besonders in solchen Fällen von großer Bedeutung, bei deren Aufklärung die eigentlichen Staatsorgane ihre Flinten und Handschellen schon lange ins Korn der Ermittlungen geworfen haben. Ein Journalismus der feinsten Art. Journalismus in seiner absoluten Reinkultur, da jeder Reporter sich über die absolute Tragweite seines Artikels oder Buches völlig im Klaren sein muss. Und genau deshalb ist es ebenso risikoreich für den etablierten Journalisten, da…

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Wüste der Toten – Urban Waite

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Ray ist nicht mehr der Jüngste. Ray hat schon bessere Tage gesehen, genau wie die Kleinstadt aus der er kommt und in der er sich jetzt zur Ruhe setzen will. Ein letztes Ding soll noch gedreht werden, fast schon mehr ein Gefallen, als wirklich notwendig. Doch die Sache geht gründlich schief und plötzlich steht Ray ziemlich alleine da, mit einer Horde schießwütiger Jungspunde an den Fersen. Einfach nur Pech, oder wollte man Ray auf subtile Weise loswerden?!

Das Strickmuster ist so einfach wie gut und erfolgreich, kennt man es doch aus unzähligen Western in der einen oder anderen Form. Und so kann man dieses Buch getrost einen Neo-Western nennen. Statt auf dem Pferd, sitzt man in quietschenden Pick-Ups und der Horizont ist gepickt mit rostigen Pferdekopfpumpen.

Die Wüste der Toten bietet vielleicht keinen literarischen Tiefgang, dafür aber beste Krimi-Unterhaltung aus dem trockenen heißen Süden der USA, grandiose Shootouts und jede Menge coole Typen, die sich gegenseitig ins staubige Grab bringen wollen.

Urban Waite muss sich nicht hinter James Lee Burke, Daniel Woodrell, oder Sam Hawken verstecken. Statt in eine Schublade kommen die bei mir alle in die rostige löchrige Öltonne mit dem Label Country-Noir und Border-Noir.

Bibliografisches:

ISBN 9783426507773

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, Februar 2014
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Marie-Luise Bezzenberger
Originaltitel: The Carrion Birds
348 Seiten, kartoniert

€ 9,99

Auch erhältlich als ebook und in der Originalausgabe(Print), und Originalausgabe(epub).

Kategorien: Action, Krimi, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gegen das Bücher- und Buchhandelssterben!

il_libraio:

Unterschreibe ich so. Den Artikel und die Petition.

Ursprünglich veröffentlicht auf Packing books from boxes...:

Seit fast genau dreizehn Jahren existiert nun das wohl wichtigste Instrument des deutschen Buchhandels: Das Preisbindungsgesetz!
Mit dem ominösen TTIP, das seit einiger Zeit stetig präsent durch die Medien geistert, ist dieses und damit der gesamte Buchhandel, wie wir ihn kennen, in Gefahr!
Was genau es damit auf sich hat und viel wichtiger, was ihr dagegen tun könnt, erfahrt ihr hier:

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Skargat-Der Pfad des schwarzen Lichts – Daniel Illger

(c) Klett-Cotta

(c) Klett-Cotta

“There’s fantasy-books, and there’s …boring books.” (Patrick Rothfuss)
Und damit es nicht allzu langweilig wird, kann man schon ab und an mal einen Fantasy-Roman lesen. Bei mir war es jetzt der hochgelobte Erstling von Daniel Illger ‘Skargat’.

Erzählt wird die Geschichte von Mykar, der in seinem Dorf der Außenseiter ist. Zur falschen Zeit geboren, zur Zeit der Bösen Ernte, wird er von allen wie ein Aussätziger behandelt.
Nur einen Freund gewinnt er, der ihm vortan zu einem Beschützer wird, mit der natürlichen Autorität des Sohnes des örtlichen Priesters – Cay.
Als die zukünftige Frau Cays umgebracht wird, ist der Schuldige schnell gefunden – Mykar. Wer sonst soll es gewesen sein. Dieser hat selbst den Mord beobachtet und weiß folglich, wer der wahre Schuldige ist. Doch weder das, noch die Unterstützung Cays, der nicht an Mykars Schuld glaubt helfen ihm. Er wird von einem Mob (halb) tot geprügelt und im Wald liegen gelassen.

Als Jahre später Cay eines Mordes beschuldigt wird, kehrt Mykar zurück. Von seinem Leben als Einsiedler im Wald, oder gar von den Toten – das ist frei zur Interpretation. Fest steht, dass Mykar in dieser Zeit Kontakt hatte zur Welt der Toten und eine ‘Freundin’ gefunden hat, die ihn fortan in Form ihres Schädels begleitet – Danje.

Mykar folgt also der Spur Cays, um ihn aus seiner Gefangenschaft zu befreien, denn Mykar glaubt fest an dessen Unschuld.
Auf seinem Weg trifft er auf Scara, eine leicht verrückte Magd, und den herunter gekommenen Landadligen Justinius. Zusammen machen sich die drei mit einem klapprigen Esel auf in die Stadt, in der Cay festgehalten wird und wohl seinem Todesurteil entgegen sieht.

Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte, die Resue-Mission ‘Cay’, was sich mit dieser Kombination von Gefährten nicht gerade einfach gestaltet, wie man sich vorstellen kann. Und wem das nicht von Beginn an düster vorkam, der begibt sich spätestens mit dem Auftauchen der menschenfressenden Leichen und der leichenfressenden Menschen ins Reich der Düsternis. Folglich spielt auch ein großer Teil auf dem alten Friedhof der Stadt.

Aus den verschiedenen Perspektiven von Mykar, Scara und Justinius erzählt, macht das Buch trotz der düsteren Figuren und dem vielen Leichengefleddere unglaublich Spaß. Was wohl auch damit zusammen hängt, dass mit dem Wechsel der Figuren nicht unbedingt ein Wechsel auf die andere Seite der Welt einhergeht, wie das bei George R.R. Martin der Fall ist. Vielmehr werden teilweise Ereignisse aus verschiedenen Sichtwinkeln betrachtet.

Zu Recht befindet sich Daniel Illger mit seinem Debüt im selben Verlag wie Tolkien und Rothfuss. Kurz: Skurrile, morbide Fantasy vom Feinsten, die nie ins Lächerlich abdriftet. Daniel Illger erschafft eine Welt, die, man ahnt es, noch viele viele Geschichten birgt. Da lauert quasi eine an jeder Ecke. Leider ist dies aber auch der einzige Wehrmutstropfen: am Ende der Geschichte stehen wir am Anfang einer neuen und viel größeren. Da kommt noch einiges auf uns zu. Und ich zumindest freue mich jetzt schon drauf.

Bibliografisches:

9783608946420

Erschienen bei Klett-Cotta, Februar 2015
568 Seiten, kartoniert

€ 17,95

Auch zum Lesen in elektronischer Form zu haben.

Skargat gefällt auch Papiergeflüster ;-)

Kategorien: Deutsche Literatur, Fantasy, Horror | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Havarie – Merle Kröger

havarieZu den absurdesten Erfindungen der Menschheit zählen wohl Grenzen. Und zu den tödlichsten noch dazu.
Während vor 25 Jahren der Fall des eisernen Vorhangs euphorisch gefeiert wurde, hat sich im Grunde eigentlich nichts verändert. Immer noch werden Grenzanlagen gebaut, die der innerdeutschen gar nicht so unähnlich sind. So in in Israel, zwischen den USA und Mexiko (da zieht sich die befestigte Grenze geradezu durch den ganzen Kontinent), oder eben an den Rändern der Europäischen Union. Und da diese Grenzbefestigungen beinahe unüberwindlich sind, versuchen es die Flüchtlinge vor Krieg und Elend eben über das vermeintlich offene Meer, die ‘einfachere’ Lösung.

Davon handelt ‘Havarie’. Es ist ein Buch über das Mittelmeer und über die Schicksale, die sich im Zuge der Abschottung der Festung Europa dort abspielen.
Ein Kreuzfahrtschiff trifft auf ein winziges Schlauchboot voller Flüchtlinge, denen der Sprit ausgegangen ist. Ein Unwetter kündigt sich an und der Crucero ist verpflichtet (nach Seerecht?) bei dem Schlauchboot zu warten, bis die Seenotrettung, oder die Küstenwache eintrifft.

Das Merle Kröger erzählen kann und einen ans Buch fesselt ohne gleichen, kannte ich schon vom Vorgänger ‘Grenzfall‘, doch hier ist man geradezu gefangen in der Geschichte, durch ihre Aktualität. Das Flüchtlingsthema ist ja eines, das man gerne verdrängt, da nehme ich mich nicht aus, und das dann umso schmerzhafter an die Oberfläche drückt, wenn wieder ein Boot gekentert ist und wieder unzählige Menschen ertrunken sind.

Das Mittelmeer füllt sich mit Toten wie ein Massengrab. Und wir gehen baden, am Wochenende, an den Stränden…

Ich könnte also einer der Menschen auf dem Crucero sein. Einer von denen, die beinahe sorgenfrei in ihrer Blase der Spaßgesellschaft dahinschippern und für die die tragischen Schicksale nur ein Medienereignis sind. Nicht umsonst hat Merle Kröger das Kreuzfahrtschiff ‘Spirit of Europe’ genannt, denn genau das ist der Spirit Europas. Das kleine Schlauchboot ist kurze Sensation, die mit der Handykamera festgehalten wird. Doch die Faszination verliert sich schnell. Die Bar ruft, oder das Bingospiel, oder das Fitnesscenter, oder Shopping, oder…

Für die Besatzung ist das Schlauchboot vor allem eines: ein finanzielles Problem. Das Schiff wird aufgehalten, man gelangt verspätet in den nächsten Hafen, das kostet alles Geld – die amerikanische Firmenzentrale ist not pleased.

Dass dann tatsächlich auch noch ein verletzter ‘Illegaler’ auf das Schlauchboot entsorgt wird, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Das Buch ist an Symbolkraft fast nicht zu übertreffen. Doch trocken und erzwungen ist hier nichts. Atemlos verfolgt man die miteinander verknüpften Einzelschicksale, Menschen aus allen Ecken der Welt, die sich hier auf dem Mare Nostrum im Brennspiegel unserer Politik des Ausschließens zusammenfinden. Wie schon bei ‘Grenzfall': ein Buch, ganz nach meinem Geschmack: politisch, aktuell, hart an der Realität und vor allem großartig geschrieben.

Wer oder was havariert denn hier im Grunde? Der Friedensnobelpreisträger EU, Flüchtlinge in einem Schlauchboot, …?
Ich schließe mich Thekla Dannenberg an:

»HAVARIE ist der Roman der Stunde. Jeder, der an Europa und dem Mittelmeer hängt, sollte ihn lesen. Merle Kröger erzählt darin kein Flüchtlingsdrama. Oder zumindest nicht nur. Sie erzählt in rasant wechselnden Perspektiven von Aufbruch und Schiffbruch, von der Faszination des Meeres und von einer Seefahrt, die aus Gründen der Kosteneffizienz alle Werte über Bord geworfen hat. Der Roman beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, und man merkt jeder Seite an, wie gründlich Merle Kröger recherchiert hat. Doch vor allem beweist Kröger mit HAVARIE zweierlei: wie grandios eine dezidiert politische Literatur sein kann und wie kunstvoll der deutsche Kriminalroman.« Thekla Dannenberg, FREITAG, Krimi Spezial

Aber: Macht euch selber ein Bild!

Bibliografisches:

9783867542241

Erschienen im Argument Verlag, Mai 2015
256 Seiten, gebunden

€ 15,00

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Krimi, politthriller | Schlagwörter: , , , , , , , , | 4 Kommentare

Sam Hawken about LA FRONTERA: “The most controversial novel I’ve ever written”.

il_libraio:

One of my favourites!

Ursprünglich veröffentlicht auf Betimes Books:

And the border is still

“As I look forward to the release of The Night Charter, I can’t help but cast a look back over the past few years and the books I wrote to get where I am now. I’ve written plenty about The Borderland Trilogy from Serpent’s Tail, but I’ve written less about La Frontera.

There are a lot of things in common between my crime novels — Mexico’s rampant violence, the tragedy of the innocent lives lost — but La Frontera is something different. I’d venture to say that it’s the most literary of the books I’ve had published, which makes it unusual all by itself. If you asked me whether I write literary fiction I would say, no, I don’t. But at the same time, something like La Frontera is a departure from the cops-and-killers world of my Mexico books while still taking place…

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Der Trafikant – Robert Seethaler

trafikant

(c) Kein&Aber

Franz’ verbrachte sein junges Leben bisher mit Streifzügen durch den Wald, schwimmen im See, oder morgens einfach mal länger liegen bleiben.
Bis zu dem Tag, an dem der Gönner der Mutter stirbt. Plötzlich ist das Auskommen der beiden nicht mehr sicher. Darum entscheidet sich die Mutter, den Franz nach Wien zu schicken, er soll dort eine Ausbildung antreten bei einem Bekannten, der der Mutter noch einen Gefallen schuldet.

So macht sich Franz auf vom kleinen Haus am See in die große Stadt, die Großstadt Wien, die über ihn hereinbricht, sobald er den Zug verlassen hat.

“Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. “

Und dann dieser ungeheure Geruch, vergessen der Wald, die Wiesen der Heimat: es stinkt in der Stadt. Doch eine kleine, dürre Frau interpretiert ihm das direkt mal als Merkmal nicht der Stadt, sondern der Gesellschaft.

“Das ist nicht der Kanal, der da stinkt,” sagte sie. ” Das sind die Zeiten. Faulige Zeiten sind das nämlich. Faulig, verdorben und verkommen!”

Doch das war nur der erste Schock. Wie alles, braucht auch dieser Bruch von Land zu Stadt ein kurzes Eingewöhnen, einen kurzen Schwindel.
Doch der ist schnell abgeschüttelt und Franzstürzt sich in seine neue Aufgabe als Trafikanten-Lehrling, die im Wesentlichen daraus besteht, auf einem Hocker neben der Tür zu sitzen, die Kunden kennen zu lernen und Zeitung zu lesen. Denn:

“Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.”

So gehen die Tage dahin und Franz lernt und Franz liest. Und unter den vielen Kunden der Trafik findet Franz sogar bald so etwas wie einen Freund. Dieser ist kein geringerer als Sigmund Freud. Wohl gerade durch den eklatanten Unterschied zwischen der Unbedarftheit des jungen Franz und der Verkopftheit und Lebenserfahrung des Professors entwickelt sich eine Beziehung, wie zwischen alten Freunden. Was dem Franz sehr entgegen kommt. Stürzt er sich doch aufgrund der Empfehlung des Professors in seine erste Liebschaft und schlittert damit prompt in den ersten Liebeskummer seines Lebens, bei dem ihm wiederum die Ratschläge des Professors helfen (der sich ja somit geradezu einen neuen Patienten selbst erschaffen hat – ist das der tiefere Sinn der Psychotherapie?).

Und neben dem ganzen Liebeskummer und Lernen sind es eben diese stinkenden, fauligen Zeiten, die hier im Mittelpunkt des Buches stehen und ihm eine immer dunklere Stimmung geben. Denn Österreich ist bereits auf dem Weg in die Dunkelheit, ins braune Reich. So nehmen die Übergriffe zu, auch auf die Trafik. Das geht bis zum Äußersten.

‘Der Trafikant’ ist damit nicht nur ein Coming-of-Age Roman, sondern auch Zeitporträt, Widerstandsbuch und vor allem: richtig gut. Dem großen Lob für Seethalers Schreibstil kann ich mich im Grunde nur anschließen. Klarer Erzählstil, kein Geschwurbel, sondern, wie Frau Stoltenberg das auf dem hinteren Deckel blurpt: “an der Weltliteratur geschultes Sprachgefühl..”. Trotz seiner teils ernsten Thematik, macht dieses Buch Spaß, hat komische Szenen neben traurigen und ist eines, das hängen bleibt.

P.S. Liebe Lehrer: Warum ist dieses Buch nicht längst Schullektüre? Das Regal im Lehrerzimmer gehört auch mal entstaubt!

Bibliografisches:

9783036956459

Erschienen im Verlag Kein&Aber, August 2012
249 Seiten, gebunden

€ 19,90

Der Trafikant ist auch (liebe Lehrer) als Taschenbuch erhältlich, als ebook und zum Hören, vom Autor selbst gelesen.

Kategorien: Belletristik, Coming of Age, Deutsche Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Blackout – Marc Elsberg

BLACKOUTMorgen ist es zu spaet von Marc Elsberg

(c) Blanvalet Verlag

Direkt der nächste Wissenschaftsthriller, und was für einer! Bezeichnenderweise habe ich dieses Buch als elektronische Ausgabe. In dieser Form schlummerte es schon eine ganze Weile in den Untiefen meines Readers vor sich hin. Bis jetzt.

Im Kölner Raum gab es in letzter Zeit wiederholt Stromausfälle, zuletzt in Brühl (Wieder freie Fahrt im Phantasialand; Kölnische Rundschau vom 7.4.2015), was mich jetzt doch mal dazu animierte, dieses Hochgelobte Buch zu lesen.

Und ich wurde nicht enttäuscht!

Für die Hauptfigur Piero Manzano beginnt das Ganze noch recht harmlos mit einer Platzwunde an der Stirn. Als mit dem Strom die Ampeln ausfallen, gerät er in einen Auffahrunfall, kommt aber (für’s Erste) relativ glimpflich davon.
Zuhause entdeckt er zufällig, dass der Stromausfall wohl über bewusste Manipulationen an den neuen Smart-Meter, den intelligente Stromzählern mit denen ganz Italien und auch Schweden zu diesem Zeitpunkt ausgestattet sind, herbeigeführt wurde. Denn geht erst einmal ein, oder hier sogar zwei komplette Länder vom Netz, bricht unweigerlich das komplette europäische Netz zusammen; zu sehr ist man inzwischen untereinander verbunden, um einzelne Teile voneinander abzuschirmen – geeintes Europa.

Erschreckend, wie sehr unsere Gesellschaften vom jederzeit verfügbaren Strom abhängig sind. Und ‘kein Strom’ heißt nicht nur, dass man zuhause kein Licht mehr hat. Das macht Marc Elsberg mit diesem Buch nur allzu deutlich. Es kommt dann auch kein Wasser mehr aus der Wand, du kannst nicht mehr dein Auto volltanken. Nach und nach fällt so ziemlich alles weg, was für uns zu einem normalen Leben gehört.
Was zuerst in großen Gesten die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen hervorbringt, verkehrt sich bald ins Gegenteil und jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn es wirklich ernst wird, driftet die Gesellschaft rasend schnell der Anarchie entgegen.
Während die Regierungen verzweifelt bemüht sind, einigermaßen die Versorgung aufrecht zu erhalten und die Probleme in den Griff zu bekommen, herrscht in vielen Gegenden schon Selbstjustiz, Plünderung und das Recht des Stärkeren.

Den Begriff ‘Stunde Null’ kennen wir aus dem vergangenen Jahrhundert in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und bezeichnenderweise beginnt das Buch mit ‘Tag 0′. Denn das steht auch hier letztlich dahinter: ein neues Gesellschaftsmodell soll entstehen, und nach Ansicht der ‘Umstürzler’ geht das nicht aus sich heraus, bei null soll es losgehen. Erst muss eines zuende gehen, bevor ein neues entstehen kann.

Marc Elsberg erzählt in chronologischer Folge tageweise die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven. Aus Kraftwerken, aus dem Krisenstab der deutschen Regierung, aus dem Hauptquartier der Europol und verschiedenen anderen Orten bekommen wir einen weitläufigen Überblick über das Geschehen auf dem europäischen Kontinent, wobei Piero Manzano immer der Haupterzählstrang bleibt.

Spannend, erschreckend, warnend, viel zu realistisch und gerade daher – sehr empfehlenswert. Völlig zu Recht als spannendstes Wissenbuch 2012 ausgezechnet. Ich möchte den sehen, der während der Lektüre nicht zumindest überlegt, sich den Keller gut mit Wasser und Konserven zu füllen. Ich schwinge mich schon mal aufs Fahrrad und kaufe ein paar Gaskartuschen.

Bibliografisches:

9783764504458

Erschienen im Blanvalet Verlag, März 2012
800 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als Taschenbuch, als ebook und zum Hören.

Blackout – Morgen ist es zu spät           Marc Elsberg – Autorenseite

Kategorien: Deutsche Literatur, Krimi, Sachbuch, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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