Ein Hologramm für den König – Dave Eggers

Copyright Kiepenheuer&Witsch

Alan Clay hat eine letzte Chance. Alan Clay arbeitet beim US-Amerikanischen  IT-Unternehmen Reliant, welches ein neues Produkt entwickelt hat – ein holografisches Kommunikationsprogramm. Diese will Reliant nach Saudi-Arabien verkaufen für die neu entstehende King-Abdullah-Economic-City (KAEC).
Und dies ist Alan Clays letzte Chance, denn er kennt einen Neffen des saudischen Königs, deshalb wird er mit drei jungen IT-Fachleuten nach Saudi-Arabien geschickt um dieses Produkt vor dem König zu präsentieren und natürlich auch zu verkaufen. Sein Chef – und vor allem auch Alan Clay – glauben daran, dass in diesem Land persönliche Beziehungen noch etwas bedeuten, nicht so wie in den meisten Teilen der westlichen Welt.Seine letzte Chance ist dies, denn Alan Clay ist verschuldet, so einiges ist schief gelaufen in den letzten Jahren und seine Tochter hängt immer noch von ihm ab. Das nächste Semester muss bezahlt werden. Bei fast jedem, den er kennt, hat Alan Clay Schulden. Doch er ist zuversichtlich, immerhin kennt er den Neffen des Königs, was kann da noch schief gehen. Der Deal ist so gut wie in der Tasche und mit dem zu erwartenden Bonus kann er endlich alle ausbezahlen und hat immer noch genug übrig, um sich fortan nicht mehr ganz so viele Gedanken um Geld zu machen.
Vorher muss das Ganze natürlich dem König präsentiert werden. Darum findet sich Alan Clay und seine drei Kollegen hartnäckig jeden Tag aufs neue in ihrem Präsentationszelt ein, in der Hoffnung, dass der König heute vielleicht auftauchen wird.
Da Alan Clay die ersten Tagen unter schlimmem Jetlag leidet und daher den morgendlichen Shuttlebus in die KAEC-Baustelle verpasst, gewinnt er schnell einen neuen Freund – seinen Fahrer Yousef.
Yousef nimmt ihm schon von Anfang an ein bisschen den Wind aus den Segeln. Seiner Meinung nach wird KAEC nie fertig gestellt werden. Das ambitionierte Projekt wird schon bald scheitern, da die Baufirma pleite ist, der König sicher bald stirbt und sich dann keiner mehr für die Retortenstadt interessieren wird.
Yousef wird so etwas wie sein lokaler Führer, zynischer Kommentator seiner Arbeit und ein bisschen auch Freund. Später werden die beiden sogar zusammen in die Berge fahren. Yousef, weil er vor einem eifersüchtigen Ehemann flieht und Alan, weil er schlicht nichts zu tun hat.

Das tägliche Warten auf den vielleicht erscheinenden König zermürbt Alan und seine Kollegen schon bald. Doch anders als diese, die sich mit DVDs und sonstigem ablenken, gerät er immer mehr ins Grübeln.
Auf Wanderungen am Strand und durch die verlassene Riesenbaustelle der KAEC lässt Alan seine Leben und die vielen Fehler Revue passieren. Man erfährt, wie er in den Handel einstieg, wie er später für den Niedergang einer Firma mitverantwortlich war. Nicht zuletzt geschah das auch durch die Auslagerung der Produktion nach Asien, wo er auch mehrere Jahre verbrachte und so einen entscheidenden Teil der Kindheit seiner Tochter verpasste.
Abends und in den schlaflosen Nächten im Hotel beginnt er immer wieder Briefe an seine Tochter, in denen er sich rechtfertigen will, sich entschuldigen will, ihr alles erklären will. Doch keinen davon schickt er ab, keiner davon gelangt zu endgültiger Reife.
So wandelt Alan Clay durch die Tage, seine Vergangenheit und alle seine Sorgen trägt er immer mit sich herum, manifestiert als Auswuchs in seinem Nacken. Denn dort hat sich eine Art Tumor gebildet, der, wie Alan glaubt, seine Gedanken beeinflusst, seine Reaktionen verändert, oder zumindest in irgendeiner Weise die Lebenskraft aus ihm heraussaugt.
Auch die Bekanntschaft einer Dänin, die eindeutige Absichten hat, die ihn mit Alkohol versorgt und mit ihm auf exzessive Botschaftspartys geht, helfen ihm nicht, aus seinem grüblerischen Trott heraus zu finden.

Am Beispiel dieses Mannes, der wohl nicht zufällig Clay (Lehm) heißt – wird so doch auf den Prototypen aller Menschen, den biblischen Adam verwiesen -, lernen wir viel über die Mechanismen der Globalisierung und deren Auswirkungen im kleinen. Wie manche Länder den Produkthunger anderer stillen sollen und diese wiederum nur Illusionen (Hologramme) verkaufen.

Das Buch ist gespickt mit Metaphern auf unsere Welt. Ein sehr gutes Beispiel ist ein Appartmenthaus, welches sich Alan an einer Stelle anschaut. Dieses Haus kann man sehr gut als Bild der Welt verstehen. Alan verläuft sich und stößt zufällig auf einen Raum, in dem über zwanzig Gastarbeitern verschiedener Nationen hausen. Die Männer streiten sich um etwas, dass sich als ein weggeworfenes Handy herausstellt (es ist das von Alans Kollegin). Sie erwarten, dass Alan den Streit schlichtet. Als er dies nicht tut, sondern stattdessen  davon läuft, verfolgen ihn die Männer. Allerding betreten sie nicht den Bereich, in den er sich flüchtet. Zwei Stockwerke höher sind die Appartements schon komplett fertig und hier trifft Alan auf Hasan, der ihm seines zeigt. Auf der gleichen Fläche wie die mehr als zwanzig Männer, lebt er hier allein – mit Panoramafenstern, Parkettfussboden und Minibar.

Man kann das Buch getrost als eine modernisierte, globalisierte Version von Kafkas ‚Das Schloss‘ bezeichnen.
Macht euch selber ein Bild, denn dies ist ein wirklich großartiger Roman! Definitiv eines meiner Früjahrshighlights.

Bibliografisches:

EAN 9783462045185

Erschienen im Verlag Kiepenheuer und Witsch, Februar 2013
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
352 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als eBook, zum Hören und jetzt auch als Taschenbuch.

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Kategorien: Belletristik, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Ein Hologramm für den König – Dave Eggers

  1. Pingback: Dave Eggers – Ein Hologramm für den König | Muromez

  2. Corinna

    Hey, das hört sich wirklich gut an! Ich setz‘ es gleich auf meine Wunschliste.

  3. Danke für die interessante Buchbesprechung. Das Buch bleibt auf jeden Fall auf der Wunschliste, gestern hatte ich es auch schon in der Buchhandlung in der Hand, habe es dann aber doch nicht gekauft – es stand übrigens in der Männerecke. 😉 Ich mochte „weit gegangen“ von Eggers unheimlich gerne, war dann aber von „Zeitoun“ sehr enttäuscht, so dass ich nun etwas unschlüssig bin – aber ich werde an dem Buch wohl nicht vorbeikommen.

  4. Habe ich mir mir auch vorgenommen und das Vornehmen wird verstärkt durch die Besprechung, um es in die Tat umzusetzen 😉

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