Das Leuchten in der Ferne – Linus Reichlin

Leuchten in der Ferne

Copyright Linus Reichlin und Galiani Verlag

Langeweile kann tödlich sein. Wenn einen schon die Routinegänge vom Schlafzimmer zur Toilette zur nervenaufreibenden Anstrengung werden, ist es wohl Zeit raus zu kommen. Ganz besonders, wenn man ein Journalist ist, der in seiner Hochzeit aus den Krisengebieten der Welt berichtet hat. Wie unglaublich anstrengend ist dann wohl der stinknormale Alltag.

Genau so geht es Moritz Martens. Seine große Zeit ist vorbei, in Sachen Aufträge sieht es eher düster aus und das Konto gibt auch bald nichts mehr her. Darum findet sich Moritz eines Morgens auf dem Amt wieder – widerlichster deutscher Alltagsmief. Doch erträgt es mit Fassung und das Schicksal ist ihm hold, man mag es kaum glauben. Durch eine kleine Nettigkeit lernt er Miriam kennen und verabredet sich mit ihr. Miriam übt auf ihn eine unglaubliche Anziehung aus. Woran es liegt, mag man nicht genau sagen, vielleicht ist es auch nur die Ahnung eines Abenteuers, die hier die Würze ins Spiel bringt.

Von Miriam erfährt Moritz also von einem Mädchen, das in Afghanistan mit einer Gruppe von Taliban lebt – als Junge verkleidet. Sie bietet ihm den Kontakt an und er wittert sofort die große Story dahinter, eine Chance, wie es sie wohl nicht oft mehr gibt für einen abgehalfterten Journalisten wie ihn.
Das einzige richtige Problem wird auch schnell gelöst – die junge Frau will 10.000 Euro als ‚Gebühr‘ für ein Interview und Miriam stellt die Bedingung, Moritz zu begleiten – als seine Fotografin. Auch der Chefredakteur hat hier schnell Blut geleckt.

So geht es also als Anhängsel der Bundeswehr nach Afghanistan. Doch schon im Flieger hegt Moritz erste Zweifel an Miriams Geschichte, denn welcher Fotograf reist denn bitte ohne hochwertige Fotoausrüstung?!
Und er soll richtig liegen, denn der wahre Zweck dieser Reise ist für Miriam ein ganz anderer, viel privaterer. Moritz lernt das alles aber erst, als er schon mittendrin ist. Hier geht es um eine Entführung, eine Geisel soll befreit werden, eine Geisel von persönlicher Bedeutung für Miriam. Moritz begibt sich mit ihr in die Fänge der Taliban und es ist nicht sicher, ob er da wieder rauskommt.

Spielt aber eigentlich im Endefekt auch keine große Rolle, denn Moritz genießt das pure Leben, dass sich ihm in Afghanistan auftut. Das er nur missbraucht wurde als Geldbeschaffer, kümmert ihn so gut wie gar nicht. Hier ist er weit entfernt vom grauen deutschen Alltag, hier kann er sich so richtig als Mensch fühlen, in dieser Einfachheit, in dieser Einsamkeit und Kargheit der afghanischen Berge. Und das er glaubt, Miriam wäre endlich seine große Liebe, setzt dem ganzen noch die Krone auf.

Aus dem Trott ausbrechen, das hat sich wohl jeder von uns schon mal gewünscht. Auf eine derart extreme Art, wie es Moritz allerdings tut, würde sich wohl keiner einlassen.

Linus Reichlin kombiniert hier Gesellschaftsdrama mit Abenteuerroman, eine Prise Liebe obendrauf (gehört ja immer dazu) fertig ist ein richtig gutes Buch, bei dem es auch an Spannung nicht fehlt. Lesen lohnt sich definitiv, denn es passiert noch jede Menge mehr.

Bibliografisches:

EAN 9783869710532

Erschienen im Galiani Verlag, Februar 2013
299 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als Hörbuch und eBook.

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Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Das Leuchten in der Ferne – Linus Reichlin

  1. kaffeehaussitzer

    Schöne Besprechung, verrät nicht zuviel und macht neugierig. Ich hatte mir das Buch nach einer Lesung mit Linus Reichlin gekauft, die ziemlich gut war. Und das Buch hat mich begeistert.

  2. Ich weiß nicht so recht . . . die Sache, dass sich ein überwiegend durchschnittlicher Mensch freiwillig mitten unter die Taliban begeben will, leuchtet mir schon als Grundvoraussetzung für die Akzeptanz der Möglichkeit dieses Buchesplots nicht ein.

    • Anfangs ist es ja nicht direkt freiwillig. Das er dann einfach da bleibt, ist auch eine der Wendungen, die ich nur schwierig nachvollziehen konnte.

  3. Danke für die schöne Besprechung. Ich hatte schon im Bücherwurmloch eine ansprechende Rezension dazu gelesen, im dradio aber auch einen ziemlichen Verriss – etwas verunsichert bin ich also doch, ob ich das Buch überhaupt lesen möchte. Deine Eindrücke bestärken mich jedoch darin, es doch noch mal mit dem Buch zu versuchen. 🙂

    • Das Buch hat sich bei mir ganz gut an das ‚Hologramm für den König‘ angeschlossen. Und ich fand es sehr unterhaltsam. DRadio hat es vielleicht zu sehr von der politischen Seite gesehen, hab die Besprechung da aber auch nicht gehört. Gibt es die irgendwo im Netz?

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