Öl auf Wasser – Helon Habila

ÖlaufWasser

Verlag Wunderhorn

Für viele ist Afrika immer noch ein unbekanntes Gebiet, da schließe ich mich nicht aus. Nichts desto trotz aber ebenso reizvoll. Vor mehr als 100 Jahren erschien Joseph Conrads ‚Heart of Darkness‘, in dem der Kontinent als ein zu großen Teilen mit Dschungel überzogener beschrieben wird – naja, zumindest der Teil, in dem sich die Handlung abspielt.

Bei Conrad begibt man sich auf die Suche nach dem Vertreter Kurtz, der jeglichen Kontakt mit den Vorgesetzten abgebrochen hat. Es geht durch undurchdringlichen Dschungel immer den Kongo hinauf und man begegnet so manchen Gefahren, die ein Flussreisender damals in diesem Gebiet zu befürchten hatte.

In Helon Habilas ‚Öl auf Wasser‘ ist das Szenario ein nich ganz so weit entferntes: wir befinden uns nicht auf dem Kongo, sondern im Delta des Niger, einer Gegend die schon öfter auch bei uns in den Nachrichten auftauchte, da es sich hier um ein sehr ölreiches Territorium handelt. Mit diesem Öl sind heutzutage ja immer auch Konflikte verbunden, so auch hier. Etliche große internationale Ölunternehmen fördern hier das sogenannte schwarze Gold und kümmern sich nicht unbedingt um die Belange der Anwohner der Fördergebiete.
Da dieses Geschäftsgebahren von Regierungsseite unterstützt wird, haben sich Rebellengruppen gebildet, die gegen die Regierungspolitik vorgehen und die Interessen der lokalen Einwohner vertreten. Dies war wohl zumindest anfänglich ihre Intention. Doch wie überall, wo es letztendlich um Ressourcenkontrolle, Macht und Geld geht, ist es auch hier inzwischen fraglich, wessen Interessen die Rebellen vertreten, außer ihrer eigenen.

In diesem Durcheinander machen sich nun die beiden Journalisten Zaq und Rufus auf den Weg in das Flussdelta, um eine entführte Britin zu finden, Ehefrau eines Mitarbeiters einer der großen Ölunternehmen. Entführt wurde sie von einer der zahlreichen Rebellengruppen, die nun vor einer Lösegeldverhandlung das Wohlergehen ihrer Geisel von den beiden bestätigt bekommen sollen.
Was sich den Journalisten darbietet, ist ein zerrütteter Landstrich: die zahlreichen Bohrtürme beleuchten den Himmel mit einem apokalyptischen Schimmer, auf dem Wasser treiben Ölschlieren und man begegnet immer wieder verlassenen Dörfern, die offensichtlich vor der Ölförderung flüchten mussten.
In einem solchen Dorf bekommen die beiden an einer Stelle Hilfe und später begegnen sie den Dorfbewohnern wieder, die zuvor noch von einer Unverkäuflichkeit ihres Territoriums geredet hatten und von der Unmöglichkeit eines Verlassen desselben. Jetzt befinden sie sich auf der Wanderschaft, wie so viele andere Dorfgemeinschaften – auf der Suche nach einem ungestörten Fleckchen Land, einem neuen Zuhause.

Auf verschiedenen Erzählebenen wird uns nun diese Suche im Nigerdelta erzählt, eingeschoben immer wieder Anekdoten aus Rufus Vergangenheit an der Journalistenschule, an der er seinem Partner bei dieser Suche – Zaq, der Journalismuslegende – zum ersten Mal begegnet ist und welcher immer wieder eine Rolle in Rufus‘ Karriere spielte.
Auch springt der Text zwischen dem Beginn der Suche und einem späteren Zeitpunkt hin und her, an dem es Zaq gar nicht mehr gut geht; er hat sich inzwischen bei der Suche in diesem feuchtwarmen Klima und den teilweise gesundheitsgefährdendem Einfluss des Flusses eine Krankheit eingefangen und kuriert diese nicht aus. Er ist einfach zu ergeizig, zu sehr in diese Story verbissen, von der er weiß, dass es womöglich seine letzt große sein wird.
Rufus im Gegensatz versucht sich mit dieser Story endgültig zu etablieren und möglichst viel von Zaq zu lernen. Gleichzeitig ist es aber auch an ihm, sich um Zaq zu kümmern, der sich hier über die Maßen und seine gesundheitlichen Möglichkeiten verausgabt.
Für beide ist diese Reise ins Herz der Finsternis, die vielleicht eher eine Tour de force über die angeschlagene, blutende Kniescheibe der Finsternis ist, eine sehr existenzielle, bei der Rufus und noch viel mehr Zaq an ihre Grenzen stoßen.

So bekommen wir ebenso einen Einblick in den Journalisten-‚Alltag‘ in einem geplagten Teil Afrikas, wie in das Leben der einfachen Menschen unter dem Einfluss eines gnadenlosen Ressourcen- und Machtkampfes.
Dieses Buch ist somit ebenso Krimi, wie auch politischer Roman und Umweltthriller. Raubbau wird hier nicht nur an der Erde betrieben, sondern auch an Mensch und Tier, Leib und Seele.

Dringend zu empfehlen für jeden. Denn dieser Kampf um die Ressourcen, die zu all dem Leid und Elend führen, zu Krieg und Mord, ist ein Kampf der hauptsächlich für den Komfort und das Wohlergehen in der westlichen Hemisphäre gekämpft wird. Mit all dem sind wir also direkt verbunden, auch wenn wir das gerne ignorieren.

Bibliografisches:

EAN 9783884233917

Erschienen im Verlag Wunderhorn, April 2012
Aus dem Englischen übertragen von Thomas Brückner
Originaltitel: Oil on Water
230 Seiten, gebunden

€ 24,90

P.S. Für die Bibliophilen unter euch: ‚Öl auf Wasser‘ gibt es auch (noch) in einer Ausgabe der Büchergilde.

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Kategorien: Afrikanische Literatur, Belletristik, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Öl auf Wasser – Helon Habila

  1. Ein lesenswertes Buch. Im April hatte ich es auch auf meinem Blog besprochen.

  2. laura

    Oh, das Buch wurde mir neulich gebraucht geschenkt. Gekauft hätte ich es mir vermutlich eher nicht. Aber deine Besprechung spricht dafür, es baldig zu lesen 😉
    Danke fürs Rebloggen meines Rosenfeld.Artikels übrigens! LG Laura

  3. kaffeehaussitzer

    Danke für die Besprechung! Klingt ziemlich interessant. Kommt auf jeden Fall auf die Leseliste.

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