Leichendieb – Patrícia Melo

„…der Mensch ist nicht lange ehrlich, wenn er alleine ist.“

leichendieb

Tropen Verlag

Das fängt ja gut an. Der namenlose Protagonist dieses Buches wird genau das auch direkt praktizieren und sich damit in einen Kreislauf des Verbrechens und der Selbstverleugnung begegnen, die in zu Taten treibt, von denen er anfangs wohl noch nicht einmal vage angenommen hätte, dass er zu so etwas fähig sein könnte. (wenn das mal kein schöner Satz  ist, da kann sich Thomas Mann aber noch ’ne Scheibe abschneiden)

Wir sind in Brasilien, genauer gesagt in der kleinen Stadt Corumbá im Westen des Landes. Die bolivianische Grenze ist in unmittelbarer Nähe. Unser ‚Held‘ ist hierher geflüchet – vor sich selbst. In seinem alten Job als Vertriebsleiter in einem großen Unternehmen hat er in einem Anfall eine seiner Mitarbeiterinnen geohrfeigt, und träumt noch jetzt manche Nacht von dieser Ohrfeige. Da sich die Angetellte im Nachhinein in den Tod stürzte, musste er leider aus dem Unternehmen ausscheiden.

Sein Refugium ist also Corumbá, hier sitzt er nun tagein, tagaus und suhlt sich in der Hitze und seinem Elend. Einer seiner Zeitvertreibe ist das Angeln, und genau da passiert das dann mit dem Alleinesein. Ein Kleinflugzeug fällt vom Himmel, direkt vor seine Füße. Der Pilot stirbt noch am Unfallort; an seinem Sitz hängt ein Rucksack mit Kokain.

Was folgt, kann man sich denken, er nimmt den Rucksack mit und begibt sich damit auf den Pfad des Bösen. Denn merke:

„Genau deswegen versaut man sich sein Leben. Man glaubt immer, dass man rechtzeitig austeigen kann.“

Stattdessen rutscht man einfach immer tiefer rein. Eins folgt auf das Nächste und unser ‚Held‘ macht Geschäfte mit einem bolivianischen Mafia-Schergen, heuert seinen Nachbarn als Ticker an und zu allem Überfluss arbeitet er plötzlich auch noch bei der Familie des toten Piloten als Chauffeur.
Dass das nie und nimmer gutgehen kann, wissen wir und er weiß es sicher auch, und dennoch sagt er sich immer wieder, dass er mit seinem Plan alles in die richtigen Bahnen lenken kann – alles wird gut.

Ein Leichendieb ist er am Ende übrigens im doppelten Sinne: er beraubt die Leiche des Piloten und er raubt eine Leiche, um seinen perfiden Plan umzusetzen.

Das der ‚Leichendieb‘ im Rahmen der KrimiZeit zum besten Krimi des Jahres gekürt wurde und auch beim Deutschen Krimi Preis den ersten Preis bekam, ist durchaus gerechtfertigt. Das Buch ist unterhaltsam, der Protagonist in seiner Absurdität sympathisch und doch werden wir hier nicht nur mit seinem Schicksal unterhalten. Außerdem verschafft uns Patrícia Melo einen Blick auf ein Land, in dem die Korruption alle Schichten der Gesellschaft durchdrungen hat, das zwar zu den wirtschaftlichen Aufsteigern dieses jungen Jahrtausends zählt (BRICS), das aber diesen Aufstieg auf Kosten der vielen Auf-der-Strecke-gebliebenen macht, die sich dann die rechtsfreien Räume zunutze machen, um an ihrem persönlichen kleinen Glück zu arbeiten, auf legalem, wie auch auf illegalem Wege.
Bei der ganzen literarischen Schwere des Stoffes ist das Buch dennoch derart leichtfüssig geschrieben, dass es ein wahres Lesevergnügen ist.

Bibliografisches:

ISBN 9783608501186

Erschienen im Tropen Verlag, April 2013
Aus dem brasilianischen Portugiesisch übertragen von Barbara Mesquita
Originaltitel Ladrão de Cadáveres
203 Seiten, gebunden

€ 18,95

Auch erhältlich als ebook.

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Kategorien: Belletristik, Krimi | Schlagwörter: , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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