Iman – Ryad Assani-Razaki

iman

Verlag Klaus Wagenbach

Je weiter man dem Ende des Buches entgegen kommt, desto öfter möchte man die Protagonisten am Kragen packen und kräftig durchschütteln. Ist das gut? Ich glaub schon, denn ‚Iman‘ ist definitiv kein Buch, dass man einfach liest, wegstellt und vergisst.
Und die drei Hauptfiguren haben auch einigen Grund, nicht mehr ganz klar zu sehen, das ein oder andere Problem mit der Welt zu haben.

Da ist als erstes Toumani, der von seinen Eltern für umgerechnet 23€ verkauft wird, an eine Dame, die ihn dann weiter vermittelt als Arbeitskraft – eine wegweisende Station wird der Dienst bei Monsieur Bia sein, einem Alkoholiker und Frauenverzehrer, launisch, gewalttätig und unberechenbar ist dieser Monsieur Bia. Und so ist es auch kein Wunder, dass Bia Toumani fast totschlägt, über einer Kleinigkeit – einen kleinen Plastikohrring, den Toumani geschenkt bekommen hat von Alissa. Alissa ist das Mädchen, zu dem Toumani bei seinem kurzen Aufenthalt bei der Vermittlerin ein Band geknüpft hat, dass sie bis zum Ende aneinander bindet und das auch ihrer beider Verhängnis sein soll.
Halb tot wird Toumani von Bia in der Kanalisation ‚entsorgt‘, wo er liegt, lange lange Stunden und in den ‚Himmel‘ starrt und nur noch wartet, dass es vorbei ist, während Ratten an seinem verletzten Bein nagen. Doch dann tauchen Kinder auf auf dem Platz über dem Schacht und Iman und Imans Hand, die ihn ans Licht zieht, ihn rettet und ihm das Leben neu schenkt. Und wie Toumani über den Ohrring mit Alissa verbunden ist, ist er nun mit Iman verbunden, seinem Retter.

Iman päppelt den Verletzten Toumani wieder auf und zieht so das Band zwischen ihnen immer enger. Die beiden entwickeln sich zu untrennbaren Freunden. Bis Alissa wieder auftaucht. Und das ist der Anfang vom Ende.

Aus wechselnden Perspektiven erzählt Ryad hier eine Geschichte von einem gebeutelten Afrika, in dem nach wie vor die Hautfarbe eine ungemein wichtige Rolle spielt und das nach wie vor vom Kolonialismus geprägt ist.
Eine Geschichte aus den Slums, die vom täglichen Kampf um das Überleben berichtet. Einer Welt zwischen Bandenkriminalität, Dreck und Schmutz, Armut. Und doch blitzen immer wieder kleine Sonnenflecken in diesem düsteren Szenario auf, die jedoch immer weniger werden, je weiter das Buch voranschreitet.

Denn alle sind gefangene in diesem Buch: Gefangen in Konventionen die Mutter Imans, nach ihrer großen Rebellion gegen alles und jeden, geht es ihr jetzt nur um ein Leben nach Schema F, Mann und Kind, Arbeit und Haus; Konformismus ist die Rettung. Auch wenn das bedeutet, den Sohn zu verstoßen, der in dieser Familie als Mischling und Sohn eines anderen Vaters der ewige Fremdkörper ist.
Gefangen in seiner Sehnsucht ist Iman, die Sehnsucht nach der Ferne, dem Paradies Europa, der heilen Welt seines Vaters, von der er sich Anerkennung erhofft, ein  besseres Leben, in dem er dazu gehört und nicht immer nur der verstoßene Sohne einer Affäre ist.
Gefangen im Kampf um Liebe und Anerkennung Toumani, als einbeiniger Krüppel ist er automatisch der Aussätzige, mit dem man sich nur aus Mitleid abgibt.Gefangen zwischen zwei Männern Alissa. Ihre ganze Liebe gehörte Toumani, doch der verstößt sie, da er die Liebe nicht kann, nie gelernt hat, sie missdeutet und ins Gegenteil verkehrt. Und ihre dann aufkeimende Liebe zu Iman ist der Todesstoß für alle drei.

Doch immer wieder glaubt man, dass es jetzt endlich soweit ist und sich zum Guten wenden wird. Und doch wird man immer wieder enttäuscht – und möchte sie rütteln und schütteln. Denn das Glück liegt Ihnen doch fast zu Füßen. Nur leider ergreifen sie es nicht, sondern laufen darüber hinweg.

‚Iman‘ hat mich berührt, mich involviert, mich mitgerissen und genau das ist doch immer ein Zeichen von guter Literatur. Nicht der aalglatte Konsum, sondern das Sperrige, Aneckende, dass einen zu Reaktionen und Gedankenströmen anregt.
Danke für dieses Buch Ryad, und danke für dieses Buch an den Verlag Klaus Wagenbach.

Bibliografisches:

ISBN 9783803132543

Erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, Januar 2014
Aus dem Französischen übertragen von Sonja Finck
Originaltitel: La main d’Iman
315 Seiten gebunden

€ 22,90

Auch erhältlich als ebook und jetzt auch als preiswertes und handliches Taschenbuch.

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Kategorien: Afrikanische Literatur, Belletristik | Schlagwörter: , , , , , , , | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Iman – Ryad Assani-Razaki

  1. Was für eine mitreißende Besprechung! Klingt nach einem Buch, das einen ziemlich aufwühlt.

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