Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

(c) Droemer Knaur

Mechthild Borrmann scheint es mit der osteuropäischen Geschichte zu haben. Gut so, mich interessiert das auch. Schon in ihrem letzten Buch Der Geiger ging es um osteuropäische Geschichte, so auch in Die andere Hälfte der Hoffnung.
Und Mechthild Borrmann ist Meisterin im Erzählen dieser Geschichte. Genau wie im Geiger wählt sie mehrere Erzählstränge. Insgesamt sind es vier, wobei einer in einen der anderen eingebunden ist.

Doch erstmal zur Geschichte: alles beginnt damit, dass Matthias Lessmann einem durchgefrorenen Mädchen hilft, die offensichtlich von zwielichtigen Männern verfolgt wird. Matthias lebt allein auf einem kleinen Hof in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze, und dass das Mädchen gerade bei ihm auftaucht, wird sich später noch als nicht ganz so zufällig herausstellen. Das Mädchen kommt aus der Ukraine, war Zwangsprostituierte und ist auf der Flucht vor ihren Unterdrückern.

Der zweite Erzählstrang ist in der sogenannten Entfremdungszone verortet, ein Gebiet mit einem 30km-Radius rund um das ehemalige Kernkraftwerk ‚Lenin‘ in der Nähe der ukrainischen Stadt Tschernobyl. Dort lebt Walentyna, ebenfalls allein, in einem kleinen Häuschen, das nicht ihres ist, das sie aber zu ihrem gemacht hat. In der Zone leben insgesamt nur etwa 200 Personen. Sie atmen giftige Luft, essen giftiges Gemüse aus giftiger Erde. Doch hier ist ihr zuhause, auch das Walentynas. Hier hat sie Ruhe gefunden und hier beginnt sie auch, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. In einem Schulheft schriebt sie über ihre Eltern, ihre Kindheit in der Sowjetunion, die nicht immer problemlos verlief, von Mangelwirtschaft in der Planwirtschaft, aber auch von den schönen Erinnerungen schreibt sie, wie wir sie wohl alle kennen.
Und schnell ist das dann die Geschichte der Stadt Prypjat, die eigens für die Arbeiter des neuen Kernkraftwerkes entsteht und in der es all das gibt, woran es in den umliegenden Dörfern mangelt. Es ist dann die Geschichte von Walentyna und Hlib, ihrer großen Liebe, der in eben jenem Kraftwerk arbeitet. Und in dem es dann zur großen Katastrophe kommt. Sie schreibt diese Geschichte für ihre Tochter auf, die nach Deutschland gereist ist zum Studium und von der sie seitdem nichts mehr gehört hat.

Walentyna beginnt mit einem neuen Bleistift in das leere Heft zu schreiben:
Meine liebe Kateryna, es war die Hoffnung, die meinen Verstand getrübt hat. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber Hoffnung – das habe ich viel zu spät verstanden – ist ein lähmendes Gift, das uns ausharren lässt.
Am Ende wird das Heft voll sein und der Bleistift leer. Und der letzte Satz wird lauten: Ich warte.

Und schließlich ist es die Geschichte von Leonid Kyian, einem idealistischen Milizionär, der in einer neugeschaffenen Einheit die Fälle von verschwundenen Mädchen untersucht, der aber allzu bald einsehen muss, dass sich trotz Unabhängigkeit der Ukraine, trotz politischer Reformen und Demokratie, am System eigentlich nichts geändert hat – wer Geld und Beziehungen hat, der bestimmt die Geschicke des Landes und damit auch der Menschen. Trotz der Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, kommt Leonid organisiertem Menschenhandel auf die Spur und macht sich schließlich auf nach Deutschland.

Zwangsprostitution, Kernschmelze, Vertreibung, Korruption, Menschenhandel – das klingt nach schwerer Thematik, doch Mechthild Borrmann packt das in einen so großartigen Text, dass ich das Buch innerhalb von einem Tag durchgelesen habe (mit bisschen schlafen zwischendrin).
Wie sie vom Leben in der weiten Einsamkeit der Entfremdungszone schreibt, wo nachts die Wölfe vor dem Gartentor heulen, einer Gegend von der ein Soldat an einer Stelle sagt: Väterchen, in den Dörfern kann man nicht mehr leben, nur sterben. Kontaminiert aufgrund von Maßlosigkeit, ist das Fazit des Vaters. Und da schwebt immer der Gedanke mit, dass dieses Risiko bei jedem Kerkraftwerk besteht (siehe Fukushima, 25 Jahre nach Tschernobyl), und dass all das leicht auch anderswo hätte passieren können, passieren kann.
Mit dieser Mischung aus Kriminalroman, Familien- und Zeitgeschichte hat Borrmann, zumindest bei mir, absolut einen Nerv getroffen. Danke für dieses Buch Frau Borrmann.

P.S. Als Ergänzungslektüre empfehle ich das spannend geschriebene Sachbuch Atom von Stephanie Cooke.

P.S.S. Hier gibt es einen Bericht zu Borrmanns Recherchereise in die Ukraine: Mechthild Borrmann hat die andere Hälfte der Hoffnung gesucht

Bibliografisches:

ISBN 9783426281000

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, September 2014
312 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch als epub und zum Hören auf CD und als Download-Datei zu haben.

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Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Geschichte, Krimi, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

  1. Das hört sich aber wirklich interessant an! Und da es auch noch gut geschrieben ist, kommt es gleich auf meine Weihnachtswunschliste.

  2. Das klingt nach einem Must-have! Danke für den Tipp.

    • Seit ich den Geiger gelesen hab – ja. Ist jetzt auch erst das zweite von ihr für mich, vielleicht schaffe ich ja mal irgendwann die Backlist. Der vorletzte, mit dem sie den Krimipreis gewann, steht hier immerhin schon im Regal.

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