Analoges Lesen vs. digitales Lesen

Als ich dieses Blog vor einiger Zeit gestartet habe, waren die elektronischen Lesegeräte noch hässliche Klötze mit eigenartigen Tastaturen und mangelnder Funktionalität (kennt einer noch den Acer LumiRead?). So sollte der Name ‚Analog-Lesen‘ auch ein kleines Plädoyer sein für das Lesen im traditionellen Buch.

Inzwischen sind die Lesegeräte um einiges leichter, besser, schneller und auch einen Tick schöner geworden. Und: ja! Auch ich lese inzwischen mit einem eReader. Ich schätze das geringe Gewicht gerade auf Reisen, und man muss eben nicht einen Koffer voll Bücher dabei haben, und hat trotzdem eine Auswahl an Literatur. Da ich meist mehrere Bücher gleichzeitig lese, ist das nicht zu unterschätzen.

Als ich vor einiger Zeit meinen Vater fragte, ob er ein bestimmtes Buch schon gelesen habe, meinte er, da müsste er mal auf dem Reader schauen. Genau erinnern konnte er sich nicht. Seit er einen Reader hat, liest er fast nur noch auf diesem Gerät und so gut wie keine gedruckten Bücher mehr.

Ähnliches ist mir auch bei mir selbst aufgefallen: die Inhalte von digital gelesenen Bücher verschwinden scheinbar schneller wieder aus dem Gedächtnis, als die auf Papier gedruckten. Benötigt das Gehirn vielleicht die Verbindung vom Inhalt zur haptischen Erscheinung des Buches – leicht, schwer; dünn, dick; leinengebunden, Schutzumschlag, Taschenbuchausgabe; geprägt, vielleicht gar gestanzt – um das Erinnern an einen Inhalt zu optimieren? Oh, halt. Ich vergass den oft zitierten Geruch der Bücher (der Geruch wird ja oft als einer der stärkstenErinnerungstrigger genannt) – wie konnte ich nur.

Also – fließt die Haptik eines Buches in die Erinnerung an den Inhalt ein und verfestigt diese vielleicht sogar noch? Braucht es die Leinenbindung und das Knacken des Buchrückens um im Gedächtnis zu bleiben, oder funktioniert das auch mit der immergleichen Verpackung eines digitales Buches. Ist die Erscheinungsform essentiell für das Medium Buch, oder nur ein marginaler Faktor?

Und vielleicht ein bisschen auf die Spitze getrieben: wird Literatur auf dem Lesegerät nur noch konsumiert ohne bleibenden Eindruck?

Inspiriert zu diesem Artikel hat mich der Beitrag von Uwe auf Wie werden wir lesen? zu möglichen Parallelen von Musikindustrie und Buchbranche in Bezug auf den Wechsel des Content-Trägers von Vinyl zu CD zu Datei.
Und hey Uwe: am Ende geht die Kurve wieder leicht nach oben 😉

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Kategorien: lesen, Leseverhalten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Analoges Lesen vs. digitales Lesen

  1. Tolles Thema! Fühl mich ja überhaupt gar nicht angesprochen :-).

    Ich bin ja bekannt als eBook-Nerd und ja, ich liebe eBooks. In den letzten Wochen habe ich aber wieder vermehrt zu Printbüchern gegriffen, ich wollte einen Selbsttest, ein Leseexemperinent, wie immer man das nennen mag, machen, der mit deinem Post viel gemeinsam hat.

    Ich habe nämlich zwei Sachen beim eReading bemerkt: Ich inhaliere eBooks viel schneller und spucke sie genauso schnell wieder aus, wie ich sie lese. Das ist so eine Art Marathonlesen, kein Genießen, kein gemütlichliches Lesen. Hat natürlich auch was mit dem Format zu tun: Notizen werden markiert, ich muss nicht extra kurz innehalten und zu Stift und Papier greifen, usw.
    Und: Auch ich habe das Gefühl, dass ich gelesene eBooks schneller vergesse als gelesene Printausgaben. Das mag jetzt daran liegen, dass ich ständig unbewusst an gelesene Printbücher erinnert werde, weil ich ja täglich beim Buchregal vorbeigehe – das hab ich bei eBooks nicht, denn die lösche ich nach dem Lesen wieder vom Reader und so fehlt hier das unbewusste Erinnern.

    Wie gesagt: Ich beobachte noch und bin selbst gespannt, was bei mir dabei rauskommt. Im Moment habe ich mal meinen Print-SuB aufgestockt und werde die nächsten Wochen mal wieder ganz altmodisch Papier lesen. Und dann zwei Monate wieder eBooks. Und dann bin ich gespannt, was davon mehr hängen geblieben ist bzw. wie unterschiedlich mein Leseverhalten überhaupt ist.

    Im Moment würde meine Antwort auf deine Frage – rein nach Gefühl – lauten: Ja, eBooks konsumiere ich, nur um sie gelesen zu haben. Sie bleiben nicht im Gedächtnis (bis auf ganz wenige Ausnahmen, wenn das Buch wirklich absolut besonders und anders und eigenwillig erzählt war).

    Aber wie gesagt: Ich teste das gerade und meine Antwort ist eine reine Gefühlsantwort.

    • Mit den Notizen auf dem ebook ist das so eine Sache.
      Mittlerweile benütze ich ja auch ein ebook für spezielle Texte, aber meine Notizen schreibe ich nach wie vor in ein Heft. Kommt mir irgendwie sicherer vor…:)

  2. Philipp Elph

    Ich liebe das papierne Buch. Kein Wunder: Als Hobby binde und repariere ich Bücher und das führt zu einem innigen Verhältnis zu Papier, Pappe, Leinen, Leder und auch Geruch (manchmal aber auch unangenehmen). Allerdings bemerke ich bei der Lektüre keinen Unterschied zum E-Book, auch was das Erinnerungsvermögen zu gelesenen Inhalten betrifft nicht. Besonders schätze ich das E-Book zum Lesen älterer Literatur, die vergriffen und/oder als antiquarische Ausgabe für mich zu teuer ist.

  3. Ich habe mich lange Zeit gegen das Lesen von ebooks erfolgreich zur Wehr gesetzt. Ich bin nämlich ein richtiger Bookoholic!
    Auf der Suche nach Büchern über Internet & Co habe ich jedoch plötzlich bemerkt, dass viele der Titel, die mich zu diesem Thema interessieren nur als ebook angeboten werden.
    Darüber hinaus lese ich gerne Bücher in Fremdsprachen und bin natürlich von der Möglichkeit einer integrierten Wörterbuchfunktion schwer begeistert.
    Jetzt habe ich mir also auch ein Kindle zugelegt, finde es praktisch und nützlich und freue mich über die Vorteile…zusätzliche ebook Titel, sofortige Verfügbarkeit, Licht, Gewicht, etc.
    Ein Ersatz für „richtige Bücher“ wird und kann es für mich sicher nie sein.
    Eher eine Ergänzung für Specials.

    • Philipp Elph

      Dieser Kommentar deckt sich völlig mit meiner früheren und heutigen Einstellung zu Büchern und meinem Leseverhalten.

    • Für die fremdsprachigen Titel nutze auch ich den Reader sehr gerne. Italienische oder spanische Titel kosten ja in Deutschland gerne mal gefühlt das Doppelte des ‚Heimatpreises‘. Insofern ist man mit der ebook-Version gut beraten.
      Und der epub-fähige Reader macht es ja auch denkbar einfach, auf entsprechenden Seiten des Landes zu kaufen (ich nutze hier feltrinelli und casadellibro, beides jeweils Seiten, hinter denen auch Buchhandlungen stehen).
      Und ja, die Beleuchtung ist manchmal wirklich sehr praktisch!

  4. Also ich stelle bei mir selbst fest, dass mit dem gebundenen Buch eine gewisse Wertschätzung einher geht, die sich bei digitalen Ausgaben nicht so einstellen will. Ich sehe einfach viel mehr die Arbeit, die bis zum Druck auf sich genommen wurde. Eigentlich Quatsch, aber ein Streich, den mir mein Kopf spielt 🙂 Lg, Karo

    • Stimmt schon, wahrscheinlich spielt diese Wertschätzung des Handwerks auch mit in den Lesegenuss hinein. Da wird nicht nur eine Datei formatiert, sondern gestalterisch gearbeitet (und auch industriell).

  5. Vielen herzlichen Dank für die Verlinkung. Natürlich habe ich auch E-Books auf dem Smartphone und dem Tablet, sozusagen als eiserne Reserve, falls ich mal ohne Buch in der Tasche in eine Situation kommen, in der sich Zeit zum Lesen ergibt. Passiert aber eher selten. Dass kein Buch in der Tasche ist, meine ich.

    Solange ein E-Book auch nur die Kopie des Originals ist, finde ich persönlch das elektronische Lesen sehr öde. In eine Buchhandlung gehen, herumschauen, blättern, in Bücher hineinlesen, sich schließlich für eines entscheiden, zu Hause mit einem vorsichtigen Daumennagelanritzen die Folie öffnen, das Buch das erste Mal aufklappen, hören, wie der Buchrücken knackt, in das Papier hineinriechen und dann mit der Lektüre beginnen – dieses Zelebrieren gehört für mich zu einem Lesegenuss dazu. Warum mit einem schnöden Download darauf verzichten? Wenn ich allerdings Berufspendler wäre, hätten E-Books vielleicht doch einen anderen Stellenwert, zumal es Bücher aus der Unterhaltungsliteratur gibt, die fürwahr nicht unbedingt gedruckt erscheinen müssten.

    Texte, die per se digital aufgesetzt sind, mag ich aber genau so gerne. Sonst würde ich ja keine Blogs lesen und es würde den Kaffeehaussitzer nicht geben 😉 Und Dank des wunderbaren Tausend-Tode-schreiben-Projekts von Chrstiane Frohmann (http://frohmannverlag.tumblr.com/post/103971172641) bin ich ja auch selbst neben vielen, vielen anderen zum E-Book-Autor geworden. Ein großartiges Leseerlebnis, diese Texte, die immer weiter anwachsen, bis schließlich 1000 erreicht sind. Und ein Buchprojekt, das eben nur digital funktioniert.
    Bin also ein wenig hin- und hergerissen und gespannt die neuen Möglichkeiten, die sich noch ergeben werden. Für die Zukunft sehe ich die wunderbare Situation, sich das Beste aus beiden Welten herauszupicken.

  6. Ich kann die Beobachtung zwar bestätigen – zumindest in meinem Fall hat das aber nichts mit oberflächlicherem Lesen zu tun, sondern eher wie präsent einem Cover bzw. Buchtitel sind. Papierbücher sind nach dem Lesen einfach noch anwesend, verbringen in der Regel noch ein paar Tage auf dem Nachttisch, wandern irgendwann zu Momox oder ins Bücherregal. Auch dort werden sie dann immer mal wieder von links nach rechts geräumt. Die Cover und Buchtitel bleiben in Erinnerung. Zu Ebooks habe ich meist kein Coverbild vor Augen. Das ist ja eh nur schwarz-weiß und mit einem Klick wieder im Nirvana verschwunden. Auch den Titel sehe ich nicht jedes mal vor mir, wenn ich den Kindle in die Hand nehme.

    Ich würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass Ebooks oberflächlicher konsumiert werden. Im Gegenteil – dadurch dass ich den Kindle viel öfter in der Tasche habe als Papierbücher (die lasse ich dann auch oft zuhause, weil ich sie nicht schleppen mag), auch bei schlechten Lichtverhältnissen lesen kann etc., bleibe ich bei meinen Ebooks viel näher dran an der Geschichte, verliere seltener den Faden. Auch markiere ich z.B. viel mehr Textpassagen (um nicht zu sagen: bei Papierbüchern markiere ich gar nichts), schlage Begriffe nach, die ich bei Papierbüchern einfach überlesen würde etc. Das Leseerlebnis ist auf dem Kindle also für mich nicht weniger intensiv als bei einem Papierbuch. Das Erinnern an bestimmte Bücher anhand von Buchtitel oder Cover aber schwieriger. Aber in dem Moment, wo jemand kurz erzählen würde, worum es in dem Buch geht, wüsste ich bei einem Ebook genauso schnell, ob ich es schon gelesen habe oder nicht.

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