Der Trafikant – Robert Seethaler

trafikant

(c) Kein&Aber

Franz‘ verbrachte sein junges Leben bisher mit Streifzügen durch den Wald, schwimmen im See, oder morgens einfach mal länger liegen bleiben.
Bis zu dem Tag, an dem der Gönner der Mutter stirbt. Plötzlich ist das Auskommen der beiden nicht mehr sicher. Darum entscheidet sich die Mutter, den Franz nach Wien zu schicken, er soll dort eine Ausbildung antreten bei einem Bekannten, der der Mutter noch einen Gefallen schuldet.

So macht sich Franz auf vom kleinen Haus am See in die große Stadt, die Großstadt Wien, die über ihn hereinbricht, sobald er den Zug verlassen hat.

„Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. „

Und dann dieser ungeheure Geruch, vergessen der Wald, die Wiesen der Heimat: es stinkt in der Stadt. Doch eine kleine, dürre Frau interpretiert ihm das direkt mal als Merkmal nicht der Stadt, sondern der Gesellschaft.

„Das ist nicht der Kanal, der da stinkt,“ sagte sie. “ Das sind die Zeiten. Faulige Zeiten sind das nämlich. Faulig, verdorben und verkommen!“

Doch das war nur der erste Schock. Wie alles, braucht auch dieser Bruch von Land zu Stadt ein kurzes Eingewöhnen, einen kurzen Schwindel.
Doch der ist schnell abgeschüttelt und Franzstürzt sich in seine neue Aufgabe als Trafikanten-Lehrling, die im Wesentlichen daraus besteht, auf einem Hocker neben der Tür zu sitzen, die Kunden kennen zu lernen und Zeitung zu lesen. Denn:

„Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.“

So gehen die Tage dahin und Franz lernt und Franz liest. Und unter den vielen Kunden der Trafik findet Franz sogar bald so etwas wie einen Freund. Dieser ist kein geringerer als Sigmund Freud. Wohl gerade durch den eklatanten Unterschied zwischen der Unbedarftheit des jungen Franz und der Verkopftheit und Lebenserfahrung des Professors entwickelt sich eine Beziehung, wie zwischen alten Freunden. Was dem Franz sehr entgegen kommt. Stürzt er sich doch aufgrund der Empfehlung des Professors in seine erste Liebschaft und schlittert damit prompt in den ersten Liebeskummer seines Lebens, bei dem ihm wiederum die Ratschläge des Professors helfen (der sich ja somit geradezu einen neuen Patienten selbst erschaffen hat – ist das der tiefere Sinn der Psychotherapie?).

Und neben dem ganzen Liebeskummer und Lernen sind es eben diese stinkenden, fauligen Zeiten, die hier im Mittelpunkt des Buches stehen und ihm eine immer dunklere Stimmung geben. Denn Österreich ist bereits auf dem Weg in die Dunkelheit, ins braune Reich. So nehmen die Übergriffe zu, auch auf die Trafik. Das geht bis zum Äußersten.

‚Der Trafikant‘ ist damit nicht nur ein Coming-of-Age Roman, sondern auch Zeitporträt, Widerstandsbuch und vor allem: richtig gut. Dem großen Lob für Seethalers Schreibstil kann ich mich im Grunde nur anschließen. Klarer Erzählstil, kein Geschwurbel, sondern, wie Frau Stoltenberg das auf dem hinteren Deckel blurpt: „an der Weltliteratur geschultes Sprachgefühl..“. Trotz seiner teils ernsten Thematik, macht dieses Buch Spaß, hat komische Szenen neben traurigen und ist eines, das hängen bleibt.

P.S. Liebe Lehrer: Warum ist dieses Buch nicht längst Schullektüre? Das Regal im Lehrerzimmer gehört auch mal entstaubt!

Bibliografisches:

9783036956459

Erschienen im Verlag Kein&Aber, August 2012
249 Seiten, gebunden

€ 19,90

Der Trafikant ist auch (liebe Lehrer) als Taschenbuch erhältlich, als ebook und zum Hören, vom Autor selbst gelesen.

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Kategorien: Belletristik, Coming of Age, Deutsche Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Der Trafikant – Robert Seethaler

  1. Kleiner Hinweis: Der Roman ist Abiturvorgabe 2017 für die beruflichen Schulen in NRW.

  2. mickzwo

    Was Totalitäre alles so kaputt machen können. Unglaublich. In der Frühe komme ich des öfteren an einer Schule vorbei. Dort hört man dann so pop-Songs, gesungen von gezwungenen Schülern. Der Trafikant, das ist so ein gutes Buch, das sollte in den Giftschrank eingeschlossen werden. Streng verboten oder erst ab 18! Vielleicht würde es dann Kult werden, bei den Jugendlichen. Zu wünschen wäre es 🙂

    Danke für die hervorragende Besprechung – nur den Staub im Lehrerzimmer, den sollte jemand anderes wegräumen.

    https://ernstzwo.wordpress.com/2014/05/12/der-trafikant/

  3. Danke für die Erinnerung, der Seethaler wäre schon längst fällig gewesen. Von meiner Buchhändlerin auf wärmste empfohlen, liegt er schon seit einiger Zeit gut ab… Nach dieser Rezension ist es jetzt aber soweit und ich freue mich schon richtig auf das Buch!
    Liebe Grüße
    Dani

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