Das Kartell – Don Winslow

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Und durch. Doch noch. Nach dem unglaublich guten ‚Tage der Toten‚ haben wir alle darauf gewartet: die Fortsetzung. Denn wo der amerikanische Drogenkrieg weiter tobt, kann doch die Geschichte von Art Keller nicht einfach so zu Ende sein.

Und Don Winslow hat uns nicht enttäuscht, die Fortsetzung ist im Juni 2015 erschienen und präsentiert sich im Ziegelsteinformat in den Buchhandlungen. Das Cover erinnert stark an Roberto Savianos ‚ZeroZeroZero‚, was wohl Absicht ist, geht es doch im Grunde um das gleiche Thema.

Beide Bücher handeln vom sogenannten Krieg gegen die Drogen. In ‚Tage der Toten‚ folgen wir dem jungen DEA-Agenten Art Keller nach Mexiko in den späten 70ern, wo er mehr oder weniger erfolgrreich gegen die dortigen Drogenkartelle vorgeht. Aus Freunden werden Feinde, aus Feinden werden Freunde, und leider leider sind die Kartelle scheinbar mit der Hydra verwandt. Die Handlung des Buches erstreckt sich über drei Jahrzehnte und führt uns bis zum Ende des letzten Milleniums.

Doch: wo ich ‚Tage der Toten‚ in einem atemlosen Rutsch weglas, tat ich mich mit ‚Das Kartell‘ anfangs etwas schwer. Man merkt, dass Don Winslow jahrelang für das Buch recherchiert hat, doch leider begeht er hier den gleichen Fehler, der viele auch an Frank Schätzing stört: er muss auf Teufel komm raus auch jedes Fitzelchen Wissen im Buch unterbringen. Was leider den Lesefluss etwas stört. Fast schon liest sich das Buch wie ein Sachbuch, und man hofft, dass hier möglichst wenig der Wahrheit entspricht, wohl leider vergeblich. Die Süddeutsche Zeitung nannte ‚Das Kartell‘ daher auch „ein pervers beeindruckendes Thriller-Lexikon über den mexikanischen Drogenkrieg“. Wo es im ersten Buch hauptsächlich um den Kampf der US-Drogenbehörde gegen die Kartelle ging, steht hier eher der Kampf der Kartelle gegeneinander im Mittelpunkt.
Doch auch aus der Perspektive von Journalisten wird im Kartell erzählt – das Buch ist immerhin Ihnen gewidmet.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wenn man nicht konzentriert bei der Sache bleibt, kann allerdings schnell den Überblick verlieren über Allianzen, Zugehörigkeiten und wer gerade welches Gebiet hält. Das mag an dem Wust an Wissen liegen, oder aber auch der Materie geschuldet sein, denn das die Strukturen einfach zu durchschauen sind, glaube ich nicht. Dazu kommt auch noch, dass einige der Charaktere teilweise bei Spitznamen genannt werden. Das ist dann ein bisschen wie ‚Schuld und Sühne‘ lesen. Daher Respekt, dass zumindest der Autor den Überblick behalten hat (ein Personenverzeichnis mit Zugehörigkeiten wäre vielleicht ganz sinnvoll, was meint ihr?).

Die Lesbarkeit schmälernd ist auch der unglaublich hohe Body Count. Doch auch hier gestehe ich ein, dass der Krieg um einiges an Brutalität zugelegt hat.

Gut, dass ich das Buch dann doch nicht weggelegt habe, denn jetzt bin ich doch wieder begeistert von diesem ‚epischen Werk‘. Gut geschrieben ist es allemal, im bekannten Winslow-Stil der kurzen knackigen Sätze (was gewöhnungsbedürftig ist, wenn man parallel einen Autor liest, der genau das Gegenteil macht). Also nehmt euch Zeit für das Buch und lest es möglichst nicht nebenbei.
Und nicht zuletzt, weil Don Winslow hier ein Thema bearbeitet, dass ähnlich wie die weltweite Flüchtlingsmisere, uns alle mit angeht und viel zu wenig in der Öffentlichkeit stattfindet. Diese ganze Problematik reicht auch nach Europa herüber, wir sind einer der größten Märkte!
Es handelt sich hier um den längsten Krieg, den die USA bisher führte und ein Ende ist nicht in Sicht (dieser Tage ist gerade einer der Kingpins wieder aus dem Gefängnis ‚ausgebrochen‘, was dem Beginn des Buches sehr nahe kommt).
Es geht hier nicht nur um Drogen und Gewalt, es geht hier auch um Korruption, um Vertreibung, um Lobbyismus, um Marktanteile und Geldmacherei. Und warum führen die USA diesen Krieg im Nachbarland, wenn doch die Ursache vor der eigenen Haustür zu suchen ist? Angebot und Nachfrage bedingen sich bekanntlich.

Don Winslow ist zweifellos ein Experte auf diesem Gebiet. Kürzlich hat er einen offenen Brief an die US-Präsident und Senat veröffentlicht, den ihr hier nachlesen könnt: The only way to win the war on drugs is to stop fighting

Wer sich für die Thematik im weiteren Rahmen interessiert, dem seien neben den bereits erwähnten ‚Tage der Toten‚ und ‚ZeroZeroZero‚ noch ‚Die toten Frauen von Juárez‚ (einer meiner ersten Einträge hier), ‚Tequila Sunset‚ (ja, ich hab tatsächlich mal einen Artikel auf englisch geschrieben) und ‚La Frontera‚ (erscheint im November im Polar Verlag unter dem Titel Kojoten; derzeit nur in englisch bei betimes books) von Sam Hawken empfohlen.

Bibliografisches:

ISBN 9783426304297

Erschienen im Droemer Knaur Verlag, Juni 2015
Aus dem Englischen übertragen von Chris Hirte
Originaltitel: The Cartel
832 Seiten, Kartoniert

€ 16,99 (oder wie Stephen King sagt: „you pay fifteen bucks and get fifty bucks‘ worth of story“)

Auch erhältlich als ebook.

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Kategorien: Krimi, Nordamerikanische Literatur, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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