Becks letzter Sommer – Benedict Wells

beck

(c) Diogenes

Lehrer sind auch Menschen. Robert Beck ist Lehrer. Eigentlich wollte er das nie werden, denn sein verhasster Vater war dies auch. Beck wäre lieber erfolgreicher Musiker, doch ihm fehlt das gewisse etwas. Mit seiner Band hat er es immerhin bis zur Vorband von New Order gebracht, aber dann zerbrach die Gruppe.
Beck ist jetzt Lehrer und träumt von seiner Jugend, von der Musik, die er so richtig nie aufgegeben hat. Als er zufällig das außergewöhnliche Talent seines Schülers Rauli entdeckt, hofft er auch für sich endlich auf den großen Durchbruch. Er will Rauli formen, managen und groß rausbringen. Doch ist der Junge nicht so einfach zu handhaben, wie Beck sich das erhofft hat. Außerdem hat er einen Hang zum Erzählen von großen Lügengeschichten.

Beck sehnt sich auch nach der großen Liebe. Doch sein Leben bestand bisher nur aus kurzen Beziehungen, die schnell zum beiderseitigen Besten wieder vorbei waren. Als er auf der Straße eher zufällig Lara kennenlernt, die eigentlich gar nicht sein Typ ist, ihn aber dennoch wie magisch anzieht, könnte sich auch hier sein Leben ändern. Doch da ist auch noch die unglaublich hübsche Anna in seiner Klasse, ein Traum für Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Und ja: Beck hat eine kleine Lebenskrise. Er ist Mitte dreißig, möchte aber am liebsten wieder Anfang zwanzig sein, Musik machen, die Liebe finden. Doch worauf er hinsteuert, ist ein Leben wie das seines Vaters: langweiliger Lehrer, an eben der Schule, an der er selbst Schüler war.

Doch wie es manchmal so ist im Leben (und in Büchern), kommt in diesem Moment eins zum anderen und Beck ist verliebt, Beck macht wieder Musik und Beck macht sich auf eine Reise. An den südöstlichen Rand Europas und – wie sollte es anders sein – zu sich selbst. Doch Beck reist nicht allein. Auch sein leicht abgedrehter hypochendrischer Freund Charlie sitzt mit in dem ramponierten VW, ebenso wie seine heimliche Hoffnung, das Wunderkind Rauli. Jeder von ihnen hat einen anderen Grund, diese Reise zu unternehmen. Ein Roadtrip der Identitätsfindung. Am Ende sind wir beinahe erstaunt, dass die drei trotz der vielen Hindernisse doch noch an ihrem Ziel ankommen, und das Sprichwort ‚Der Weg ist das Ziel‘ auf abstruse Weise perfekt zelebriert haben.

Der Debütroman von Benedict Wells ist ein Roman über das Leben, über die Sehnsucht nach der Jugend, über Musik und über das Thema aller Romane (lt. Marcel Reich-Ranicki), die Liebe.
Ein großer Lesespaß ist er obendrein. Süffig geschrieben, mit viel Wortwitz, tollen Dialogen und teilweise grotesken Szenen.
An vielen Stellen ist man verwundert, wie tiefsinnig dieser junge Autor über das Leben schreibt und wie gut er sich in einen Charakter hineinversetzen kann, der beinahe doppelt so alt ist, wie er selbst.
Beck ist ein Held des Alltags, jeder von uns ist ein bisschen Beck.
Und mit einem Schmunzeln lesen wir den futuramaesken, faustischen Schlußteil (zum Glück ohne Pudel, sondern mit Katze). 😉

Für mich hat Beck einen großen Bruder im Geiste: Herr Lehmann. Und so ist es wohl konsequent, dass er in der Verfilmung, die am 23.07. in den Kinos anläuft, ebenso vom großartigen Christian Ulmen gespielt wird.

Bibliografisches:

ISBN 9783257240221

Erschienen im Diogenes Verlag, Dezember 2009 (Taschenbuchausgabe)
453 Seiten, kartoniert

€ 12,00

Das Buch ist, soweit ich weiß auf Wunsch des Autors, nicht als ebook erhältlich.

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Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Diogenes | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Becks letzter Sommer – Benedict Wells

  1. Ohne Deine Besprechung wäre das Buch einfach so an mir vorbeigegangen – und das wäre extrem schade gewesen. Danke dafür.

  2. Pingback: »Durst war ja auch nur ein Synonym für Leben« | SchöneSeiten

  3. Pingback: Luft zum Atmen | Kaffeehaussitzer

  4. Klingt sehr interessant. Ist genau mein Thema. Bedankt! 😉

    • Hab den jetzt übrigens schon zum zweiten Mal gelesen. Wollte das Buch vor dem Film nochmal ins Gedächtnis bringen.

      • Wobei ich sagen muss, dass mir die Besetzung ganz gut gefällt und mein Interesse oder ein mögliches Bild, das sich einstellen könnte beim Lesen, nicht unbedingt versaut. 😉

      • Da stimme ich dir zu. Zumindest in Trailer kommt das ganz gut rüber; Beck passt auf jedem Fall, bei den anderen mache ich mir dann im Kino ein Bild…

  5. Vielen Dank für die Rezension, klingt sehr gut und ist ein perfektes Geschenk für einen meiner Lieben!
    Ich selbst kämpfe mich gerade durch einen Kanadier, David Bergen (Rückzug), dessen Sprache manchmal mit der von Cormac McCarthy verglichen wird. Wenn ich das nur früher gewußt hätte…!
    Liebe Grüße
    Dani

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