Unter Brüdern – Pete Dexter

(c) Verlagsbuchhandlung Liebeskind

(c) Verlagsbuchhandlung Liebeskind

Pete Dexter: Der Mann kann schreiben, keine Frage. Seine Texte sind bildhaft, fesselnd und bleiben einem im Kopf! Das ging mir schon bei Deadwood so, ebenso wie beim letzten im Liebeskind erschienenen Buch Paperboy. Doch wo wir bei Paperboy den Charakteren in brütend-schwüler Hitze durch düstere Moor-Wälder folgen, spielt Unter Brüdern im kühlen Norden der USA.

Peter muss mit ansehen, wie seine kleine Schwester vom Auto des Nachbarn überfahren wird und daraufhin seine Familie auseinander bricht. Die Mutter driftet ab in Delirium und Wahnsinn, der Vater will Rache am Nachbarn. Doch alle wollen es ihm ausreden, sein Bruder, seine Kollegen, und allen voran Constantine, der ein hohes Tier in der Gewerkschaft ist. Wie all die Männer irgendwas bei der Gewerkschaft zu machen scheinen. Doch man bekommt schnell den Eindruck, das ‚Gewerkschaft‘ eher eine kriminelle Vereinigung ist.

Und seine Rache, ja, die soll der Vater bekommen. Der Trieb nach Vergeltung ist stärker, als jede noch so harte Drohung. Ein gutes Ende nimmt das allerdings für keinen.

Peter wächst in der Folge bei seinem Onkel auf, der mit seiner Familie in das Haus des verschwundenen Vaters eingezogen ist und selbst nicht ganz unbeteiligt ist am Verschwinden des Vaters. Der Onkel ist es auch, der Peter und seinen Cousin Michael zu Nick bringt. Nick ist ein Automechaniker, ehemaliger Profiboxer, der über seiner Werkstatt eine Boxhalle betreibt. Und während Michael dort vor dem Fernseher sitzt und sich von Tanzshows berieseln lässt, wird Peter bald zum leidenschaftlichen Schüler Nicks, und dieser bald so etwas wie eine Ersatz-Vaterfigur.

Die beiden Jungen wachsen in die ‚Gewerkschaftswelt‘ hinein und stehen bald schon an der Spitze, wobei jedoch Michael sich als sadistisch-käsiger Halbirrer entpuppt und Peter sich aus allem herauszuhalten versucht, wodurch er meistens doch in vieles verstrickt wird, ein unfreiwilliger Mitläufer gewissermaßen. Ich hab mich da schon das eine oder andere Mal aufgeregt, wenn er wieder keine Widerworte gibt, wieder nur dabei steht und nichts tut. Aber genau das macht für mich auch gute Literatur aus, dass man sich an den Charakteren reibt, sie eben nicht genau das tun, was man von ihnen erwartet, oder was die scheinbar befriedigendste Lösung ist. Genau so ist Peter, leicht phlegmatisch, einer den man nicht wirklich sympathisch finden möchte, den man oft wachschütteln will. Und doch ist er fast der einzige Sympathieträger in diesem Buch.

Für viele nimmt die Geschichte kein gutes Ende. Für den Leser schon, denn er hat gerade ein Buch des großartigen Pete Dexter gelesen, der einer meiner liebsten Erzähler ist. Das sprichwörtliche Abtauchen in ein Buch – bei Pete Dexter passiert das in Perfektion. Beinahe schmeckt man das Blut auf den Lippen, wenn Peter im Boxring steht, oder riecht den Zigarrettenrauch aus der Küche heraufsteigen, wenn die Männer dort eines ihrer Treffen abhalten.

Wenn ihr den Film ‚A most violent year‘ gesehen habt, dann wisst ihr ungefähr, welche Atmosphäre hier herrscht. Düster, kühl, US-Amerikanische Großstadt der 70er/80er, weit entfernt von der geleckten Broschürenwelt des Jetlag.

Pete Dexter – the tell-tale-god. Zumindest für mich. Alle von mir bisher gelesenen Titel waren ganz große Klasse. Und mehr werden folgen!

Bibliografisches:

ISBN 9783954380428

Erschienen bei der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, Februar 2015
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Götz Pommer
Originaltitel: Brotherly Love
302 Seiten, gebunden

€ 19,90

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Kategorien: Belletristik, Krimi, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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