Altes Land – Dörte Hansen

(c) Knaus Verlag

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Vor diesem Buch scheute ich ein bisschen. Zu sehr sah es mir nach seichter Frauenlektüre aus. Oh, wie falsch ich damit lag.

Alles beginnt mit zwei Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, die nach dem Krieg im norddeutschen platten Land angesiedelt werden. Mutter und Tochter teilen sich fortan das alte Bauernhaus mit der Eigentümerin und ihrem kriegsversehrten Sohn, der wenig spricht, viel raucht und wieder und wieder des Nachts schreiend die Schrecken des Krieges nachlebt.

Doch das preussische Blut verträgt sich mit dem plattdeutschen so gut wie Öl mit Wasser. Während zwischen dem Mädchen und dem Versehrten so etwas wie Freundschaft entsteht, blüht auf Seiten der Mütter der Hass. Was bis zum Äußersten führt.

Doch ‚Altes Land‘ ist kein Kammerspiel, in dem wir nur die Nickligkeiten und Kämpfe der Frauen in einem alten Bauernhaus verfolgen. Eine zweite Erzählebene spielt in der Gegenwart. Das Mädchen von damals lebt immer noch in dem Bauaernhaus – ihre Mutter hatte sie dort zurückgelassen, als sich die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg bot. Das Mädchen ist zu einer Exzentrikerin im Dorf geworden. Zahnärztin für die Menschen auf dem Land; gebraucht, ja – geliebt, nein. Sie führt ein recht einsames Leben, ihre Familie bilden ein Pferd und zwei inzwischen altersschwache Hunde.

Bis ihre Nichte bei ihr auftaucht, den vierjährigen Sohn im Schlepptau.. Auch sie Flüchtlinge, allerdings geflüchtet vor ihrer Hamburger Scheinwelt, in der jetzt eine andere Frau mit ihrem Mann in der gemeinsamen Wohnung wohnt. Sie kommen aus der ‚glitzernden‘ Großstadtwelt der „Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggys, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.“ (S.24). Doch dort war sie nie wirklich zuhause heimisch, ist in ihre Mutterrolle mehr zufällig reingerutscht, als dass sie das wirklich wollte. Vorher rebellierend, den gesellschaftlichen Stand der Familie ignorierend als Tischlerlehrling durch die Welt gezogen.

Die beiden Frauen sind sich anfangs nicht grün. Und doch entwickelt sich hier ein ganz neues Familienband. Zwei einsame Frauen, die mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen, die sich gegenseitig stützen, wider Willen.

Mit herrlich trockenem Humor nimmt Dörte Hansen nicht nur die Welt der Bio-Großstadt-Yuppie-Jungfamilien aufs Korn („Das Stillen im Café bei koffeinfreiem Latte, die Mutter bis zur Willenlosigkeit entspannt, und neben ihr der Vater, den Laptop vor sich, über der Schulter das Spucktuch…“ S.70).
Auch die Landbevölkerung kriegt ihr Fett weg: der konventionell wirtschaftende bauer regt sich über die neue Bio-Mode auf, die Nachbarn, die plötzlich alte Obstsorten züchten, die seiner Meinung nach mehr als zu Recht nicht mehr angebaut werden, kleine schrumplige Dinger, die man als „Akademiker-Obst“ an eben jene Bio-Junkies in der Großstadt verhökern kann.
Und dann ist da noch der Journalist, über den sich der ganze Ort das Maul zerreißt, wenn er mit seinem Liegerad über die Deiche kurvt. Authentisch will er hier leben, sich in die Dorfgemeinschaft einfügen, und bleibt genau wegen dieser Zwanghaftigkeit der Assimilierung umso mehr Fremdkörper (von diesem ‚Typ‘ finden sich ja auch genügend Bücher auf dem Markt).
Typen und Bilder, die wohl viele von uns kennen, sind sie doch auf fast jede größere Stadt und deren Umland zu übertragen. Und so ist ‚Altes Land‘ auch ein großes Stück Gesellschaftsanalyse, ein Porträt unserer Zeit.

Kurzum: ein großes Lesevergnügen mit viel Wahrheitsgehalt. Ich hätte es bereut, wenn dieses Buch an mir vorbei gegangen wäre, denn es hat mir unglaublichen Spaß gemacht, ohne zu platt daherzukommen. Große Leseempfehlung!

Bibliografisches:

ISBN 9783813506471

Erschienen im Knaus Verlag, Februar 2015
288 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur | Schlagwörter: , , , , , , | 14 Kommentare

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14 Gedanken zu „Altes Land – Dörte Hansen

  1. Danke für den Tipp, ich hätte es genau aus den Gründen, die du ganz am Anfang deiner Rezension genannt hast, auch links liegen gelassen!

  2. Zum Glück liegt das Buch schon hier, nach deiner Rezension hätte ich es nämlich sowieso kaufen müssen.
    Freue mich schon auf die Lektüre! „Große Leseempfehlung“ – bei mir: große Erwartungen! 🙂

  3. Diese schöne Besprechung, die auch noch nicht alles verrät, war wirklich appetitanregend. Und offenbar auch mit den ganz aktuellen Themen Flucht und Heimatverlust befasst. Danke für deinen gelungenen Beitrag. Ist schon bestellt, bin aber noch an anderer Lektüre.
    Viele Grüße
    HerbertSteib

  4. Ich habe das Buch auch gestern in einem Rutsch ausgelesen. Die perfekte Sommerlektüre, wirklich nicht seicht, denn ein paarmal musste ich schon schlucken, gerade bei den Erinnerungen an die Flucht aus Ostpreußen. Ich fand besonders die Perspektivwechsel unheimlich unterhaltsam; die Autorin traf hier immer den Ton, sodass man sich sicher sein konnte, wen man hier gerade sprechen hörte. Schön fand ich auch, dass sie nie allzu deutlich wurde, manchmal nur Andeutungen machte und man sich trotzdem nie ratlos nach einem Satz zurückgelassen vorkam.

  5. Christoph

    Das klingt sehr lesenswert — danke für den Tipp!

  6. Fantastisch!
    zur richtigen Zeit im richtigen Blog 🙂
    Habe die Hansen vor ein paar Tagen ausgewickelt und in Bereitschaft gebracht. Starte in Kürze damit. Aller Wahrscheinlichkeit noch heute, wie es aussieht…!
    Danke für die tolle Rezension.
    Liebe Grüße
    Dani

    • Viel Spaß damit. Ich freue mich dann über eine Rückmeldung, wie’s war.

      • Kurze Rückmeldung aus der Lektüre heraus:
        eine fesselnde Geschichte auf zwei Zeitebenen, zwei verschiedenen Lebensläufen, die aufeinander zudriften. Kriegskinder, Flucht und Verlust der Heimat versus big city family life. Sehr spannend.
        Liebe Grüße und viel Vergnügen mit dem Buch
        Dani

      • Dir weiter viel Vergnügen, ich hab’s ja schon gelesen 😉

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