Greenwash Inc. – Karl Wolfgang Flender

(DuMont)

(DuMont)

„Früher wurden hier Kugellager hergestellt, heute konstruieren wir hier Realitäten.“

Hier ist der Roman, der das Potential hat, den Herbst zu rocken, wie das im letzten Jahr ‚Der Circle‘ getan hat. Auch Flender nimmt sich ein kontroverses Thema vor, was schon einmal Respekt verdient, spielen Debuts doch gerne in der autobiografischen Welt des Jungautors. Nicht so bei Flender, der zieht mit uns einmal um den Globus, an die kommerziellen Krisenherde der globalisierten Business-Welt.

Wir folgen dem Protagonisten Thomas, der für die hippe PR-Agentur Mars & Jung um den Globus jettet und Krisenmanagement, oder eben das Konstruieren von Realitäten betreibt. Immer hart am Limit läuft er praktisch nur auf Alkohol und Tranquilizern zu Hochleistung auf. Immer alles geben für die Illusion einer besseren Welt, auch wenn diese nur aus fingierten Zertifikaten, oder sogenannten ‚Hope-Stories‘ besteht. Hauptsache es entstehen keine Umsatzeinbußen bei den Klienten.

Die erste Inszenierung, mit der wir konfrontiert werden, soll das Sozialprogramm eines große Saatgutkonzerns in Brasilien ins rechte Licht rücken. Dafür scheut man weder Kosten noch Mühen. Ein Imagefilmchen der besonderen Art soll gedreht werden. Dabei brennt allerdings das Dorf der indigenen Statisten komplett nieder, die Hauptdarstellerin erleidet starke Verbrennungen und beinahe verbrennt auch noch das im Waisenhaus gemietete Kleinkind. Doch die Bilder sind es, die zählen, und die sprechen die richtige Sprache und werden unverzüglich auf youtube hochgeladen und sammeln bald riesige Klickzahlen.

Doch auskosten kann Thomas seinen Erfolg nur kurz, denn nach kurzem Aufenthalt in Deutschland muss er nach Indien jetten, denn dort gab es ein Problem in einer Textilfabrik. Doch nichts, was nicht möglich wäre:

„Denn es besteht eine ziemlich große Bereitschaft in der Zielgruppe, Fabrikeinstürze am anderen Ende der Welt schnell zu vergessen, wenn das Glitzershirt aus der Pre-Fall-Kollektion nur verführerische 4,99 Euro kostet.“

Hinter der sauberen Fassade der vielen vielen Öko-Bio-Sozial-Initiativen der großen Konzerne steckt eine ausgeklügelte Märchenindustrie, das ahnen wir bald – ja irgendwie wussten wir es schon immer. In der Gestalt des Thomas können wir jetzt einen Einblick nehmen in das Erschaffen solcher Schönfärberei, oder eben – Greenwashing.

Die Figur des Thomas ist für mich die konsequent ins 21. Jahrhundert übertragene Version von Typen wie Don Draper und Patrick Bateman. Bio-Schickeria – wie er es selbst einmal nennt. Ein Einzelkämpfer mit verqueren Wertvorstellungen, einst als idealistischer Journalist gestartet, doch inzwischen vom Weg abgekommen, weit abgekommen. Sich seiner Familie entfremdend, sein einziger Freund ist gleichzeitig sein härtester Konkurrent und seine Freundin muss einem ständigen Vergleich mit der sexy Trainee standhalten, vereinsamt er immer mehr. An einer Stelle rühmt sich Thomas gar, willentlich nur mit der zweitbesten Option zusammen zu sein. Das die Chose kein gutes Ende nehmen kann, können wir ahnen.

Da inzwischen jeder Discounter eine Biomarke hat und jede im Ausland produzierende Kette irgendwelche Zertifikate auf seine Produkte pappt, trifft dieses Buch den Zeitgeist eben genau wie im letzten Jahr Dave Eggers. Ein Debut mit Scmackes! Das findet auch Jan Brandt: »›Greenwash, Inc.‹ ist der Roman für alle, die glauben, mit Slowfood und Biokonsum die Welt verbessern zu können. Eat this!«

Karma is only a bitch if you are!

Bibliografisches:

ISBN 9783832197643

Erschienen im DuMont Buchverlag, Juli 2015
392 Seiten, gebunden

€ 19,99

Könnt ihr auch als ebook lesen, allerdings ist die gebundene Ausgabe auch noch toll ausgestattet 😉

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Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Greenwash Inc. – Karl Wolfgang Flender

  1. thursdaynext

    TAZ oder Zeit, haben recht lauwarme Kritiken über verschenktes Potential, flachen Charakter der null Entwicklung erlebt und zuerst humorvoll überzeichnete, später nur noch langweilende „böse“ Werbebranche geschrieben. Brasch & Buch hier auf WP war auch nicht sonderlich begeistert.
    Zum Eggers, da stieß mich der Stil ab.Die Protagonistin ging unheimlich auf die Nerven, so unbedarft wie sie war und die Story war ab Mitte durchsichtig. Empfand es, abgesehen von der Schreibe als gutes Jugendbuch, aber kein Vergleich mit Huxleys Brave new world. Lese übrigens grad den neuen Walker „Germany 2064“. Sehr gut! Kann ich dir zum Vergleich gerne wärmstens weiterempfehlen.

    • Der Walker reizt mich auch. Bei Bruno bin ich ja nach Band eins ausgestiegen, aber 2064 klingt ziemlich interessant.

      • thursdaynext

        Bin jetzt durch. Walkers Wissen macht den Roman erstklassig, das Ende hingegen fand ich ein wenig mau. Was störte dich bei Bruno? Das heimelig\spiessig neokonservative?

      • .. wenn man kurz nach dem Buch vergessen hat, worum es eigentlich ging, muss man nicht unbedingt noch die Fortsetzung lesen. Ist manchmal aber auch dem Lesezeitpunkt zuzuschreiben.
        Zum Glück gibt es ja aber genug Alternativen. Ich muss auch nicht jede Reihe lesen. Umso größer ist daher aber das Interesse an einem Stand-Alone.

      • thursdaynext

        Go & try😉

  2. thursdaynext

    Mal eine andere Sicht auf den mir bisher nur negativ aufgefallenen Roman, den Circle fand ich allerdings auch grottenflach. Zeitgeist getroffen ohne solide Schriftstellerhandwerksbeherrschung (hier gemeint The Circle) ist eben nur ein mauer Lesespaß.

    • Ich fühlte mich zumindest gut unterhalten von Eggers. Auch wenn die Charaktere ein bisschen blass blieben.
      Ebenso bei Flender.
      Negativ aufgefallen in welcher Hinsicht?

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