Das Licht der letzten Tage – Emily St. John Mandel

(c) Piper Verlag

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Ein Virus vernichtet den größten Teil der Menschheit und die Übriggebliebenen kämpfen sich von Tag zu Tag. Der Plot klingt jetzt ein bisschen nach The Walking Dead, aber hier gibt es keine Zombies.
Vielmehr widmet sich Emily St. John Mandel hier den Dingen, die in der großen Katastrophe nicht untergegangen sind und in Rückblicken eben dem was verschwunden ist und auf absehbare Zeit auch nicht wieder zur Verfügung stehen wird. Sollte es denn überhaupt noch Erinnerungen geben an das, was verloren ging. Auf diese Weise vergegenwärtig uns die Autorin Dinge, die wir heute für selbstverständlich nehmen, die aber im Handumdrehen der Vergangenheit angehören könnten. (Ein Lied, dass ich bei dem Buch immer im Kopf hatte, und das zielich gut passt: Everything’s not lost)
Da ich mir gerade vorgestern in die Hand schnitt, erscheint mir dieses Zitat hier besonders passend:

„Es war vorbei mit Medikamenten. Es war  vorbei mit der Gewissheit, dass man einen Kratzer an der Hand auf jeden Fall überlebte, einen Schnitt am Finger, den man sich beim Gemüseschnippeln geholt hatte, einen Hundebiss.“

Der Vergleich mit der SARS-Epidemie verdeutlicht, wie nah wir an Ähnlichem immer wieder vorbeischrammen. Doch bei all der Düsternis des Grundthemas des Buches, ist dies kein depressiver Roman. Erzählt wird auf verschiedenen Zeitebenen. Einer der Hauptstränge erzählt die zeit unmittelbar während und kurz nach der Katastrophe, ein anderer spielt ungefähr 20 Jahre danach. Während wir in jenem verfolgen können, wie alles ein Ende nimmt und sich im Nachhinein einzelne Menschen durchschlagen, sich zu Grüppchen zusammenschließen und versuchen sich ein neues Leben aufzubauen, ist der Zukunftsstrang ausgerichtet auf eine Gruppe fahrender Schauspieler, die in den neu entstandenen Ansiedlungen Shakespeare-Stücke aufführen.
Bis sie auf der Suche nach alten Freunden in eine Siedlung kommen, die von einem Propheten und seinen Anhängern übernommen wurde. Nach ihrer Aufführung müssen sie fluchtartig die Siedlung verlassen, doch hat sich bei ihnen ein blinder Passagier eingeschlichen, was die ‚Erleuchteten‘ so gar nicht gut finden.

Die Verbindungen der verschiedenen Erzählstränge ist zum einen eben jener Arthur Leander und eben jene Aufführung des König Lear, bei der er stirbt. Zum anderen ein Comic, der die Geschichte einer Menschheit auf einem Planeten erzählt, der eigentlich nur eine Raumstation ist, die eine Fehlfunktion hat, weshalb dort dauerhaftes Zwielicht herrscht (um die Signifikanz des Comics zu verdeutlichen: im Original ist eben jener Comic/die Raumstation auch titelgebend für das Buch – ‚Station Eleven‘).

Das Buch ist voller kreativer Einfälle, ich würde zum Beispiel am liebsten gleich das Comic lesen. Das Buch macht nachdenklich – wie schnell kann es gehen und wie viel haben wir zu verlieren und ist es wirklich essentiell, was wir da zu verlieren habe? Die ersten Ausstellungsstücke im ‚Zivilisationsmuseum‘ sind: ein iPhone, eine Kreditkarte, ein Führerschein; später dann ein Laptop, ein Paar rote Schuhe mit Zwölfzentimeterabsätzen und eine Schneekugel.
Aber auch düstere Seiten gibt, darun kommt man bei einer Endzeitgeschichte nicht herum. Und doch ist es ein durchaus positives Buch, sehr gut zu lesen und mit einer unglaublich fesselnden Geschichte. Ich möchte beinahe behaupten, eines meiner Lesehighlights in diesem Herbst.

Beinahe hätte ich es vergessen, aber hier noch ein Zitat, dass leider sehr sehr gut auf die politische Lage derzeit passt:

„Man erzählte ihnen vom Internet, dass es überall gewesen war und alles verband, dass es Wir war. Man zeigte ihnen Landkarten und Globen, die Grenzlinien, die das Internet überschritten hatte. […] Die Kinder verstanden Punkte auf Landkarten – hier -, aber die Linien fanden selbst die Jugendlichen schwer zu begreifen. Es hatte Länder und Grenzen gegeben. Es war schwer zu erklären.

Ich beneide euch, die Ihr das Buch jetzt noch vor euch habt. Aber, ach was! Ich les‘ das einfach nochmal!

Bibliografisches:

ISBN 9783492060226

Erschienen im Piper Verlag, September 2015

Aus dem Englischen übertragen von Wibke Kuhn
Originaltitel: Station Eleven
416 Seiten, Klappenbroschur

€ 14,99

Diesen tollen Titel gibt es auch als ebook, in der Originalausgabe und sogar zum Hören.

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Kategorien: Belletristik, Fantasy, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Das Licht der letzten Tage – Emily St. John Mandel

  1. Pingback: Emily St. John Mandel: Station Eleven (2014) | buchpost

  2. Ja, der Buchberg wächst mit diesem Lesetipp. Vielen Dank dafür. Ich lese gern Romane mit Endzeit-Szenarien. Ich finde es spannend, wie Menschen auf große Gefahren und dramatische Umbrüche reagieren. Viele Grüße

  3. thursdaynext

    Mist, noch mehr Submaterial! Muss her, passt exakt ins Beuteschema, gute Blogs sind so …gefährlich…

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