Gehen, ging, gegangen – Jenny Erpenbeck

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

(c) Knaus Verlag

„We become visible“ haben sie auf ein Schild geschrieben, die Männer, die vor dem Roten Rathaus in Hungerstreik getreten sind. Es sind Heimatvertriebene aus aller Herren Länder. Geflüchtet vor Krieg, geflüchtet vor Hunger, geflüchtet vor Zukunftslosigkeit. Angekommen in einem Land, in dem sie als Problem angesehen werden.

„We become visible“ ist auch gleichzeitig der größte Verdienst dieses Buches: den Geflüchteten ein Gesicht geben, ihre Geschichte zu erzählen. Wovor sind sie geflüchtet? Was hat das mit ihnen gemacht? Wie werden sie behandelt, in einem Land, dass selbst einen Anteil hat, an den Gründen ihrer Flucht?!

Richard ist die Hauptfigur in diesem Buch, Universitätsprofessor a.D., der mehr durch Zufall über den Protest am Roten Rathaus stolpert, der sich aus Kuriosität beginnt, mit den Männern zu beschäftigen. Auch Richard ist ein Mann, der sein Land verloren hat; von einem auf den anderen Tag wechselte er damals die Identität vom Bürger des real existierenden Sozialismus, in einen der sozialen Marktwirtschaft. Immer noch ist sein Leben mit ersterem verbunden, in sein Bewusstsein eingraviert die vielen Dinge, die früher anders hießen, anders liefen – und doch eigentlich nicht wirklich anders sind. Sein Trauma ist ein friedliches – ganz im Gegensatz zu dem der Geflüchteten.

In langen Gesprächen erfahren wir deren Geschichten, mehr oder weniger zumindest, denn ein Trauma kann auch das Wegschließen von Erinnerungen bedeuten, das Blocken von Bildern, die einen sonst zermürben.
Woher Sie kommen, die Geflüchteten? Spielt das wirklich eine Rolle, wenn ein Schutzbedürftiger vor deiner Tür steht? Vor allem in einem Land, in dem immer wieder von den christlichen Grundwerten geredet wird, wenn es um die Vertriebenen geht. Ein Blick ins Neue Testament würde vielleicht helfen, sich daran zu erinnern, was diese Grundwerte denn eigentlich sind – vor allem den ‚christlichen‘ Parteien.

„Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen.
Ein sogenannter Asylbetrüger wäre also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss, geschweige denn darauf reagieren.“

Nicht zuständig. Die einfachste aller Ausreden. Und wenn man doch etwas tut, ist es Schweigen, oder Zeit schinden; die taktik der Zermürbung.

„In Wahrheit wollen Sie vom Senat überhaupt nichts. In Wahrheit wollen sie auf Arbeitssuche gehen und sich ihr Leben selbst organisieren, so wie jeder, der bei Kräften bei Verstand ist. Diejenigen aber, die dieses Gebiet bewohnen, erst seit ungefähr 150 Jahren heißt es Deutschland, verteidigen ihr Revier mit Paragraphen, mit der Wunderwaffe der Zeit hacken sie auf die Ankömmlinge ein, stechen ihnen mit Tagen und Wochen die Augen aus, wälzen die Monate über sie hin, und wenn sie dann noch immer nicht still sind, geben sie ihnen, vielleicht, drei Töpfe in verschiedenen Größen, einen Satz Bettwäsche und ein Papier, auf dem Fiktionsbescheinigung steht.“

Eine eigentliche Handlung fehlt dem Roman. Eher ist es eine lange Reportage, die uns vor Augen führt, was für die Presse nicht relevant genug ist. Ich habe viel über Asylrecht gelernt, über den Umgang der Bürokratie mit den Einzelschicksalen und durch die Augen Richards einen Blick auf das Weltgeschehen, auf die dunklen Seiten der Globalisierung geworfen.

Die Schicksale der Menschen stehen hier im Vordergrund. Hier bekommen sie Namen, ein Gesicht, Erinnerungen (‚break the memory‘) und Hoffnungen. Hier sind sie nicht der Strom von Tausenden zu Fuß auf der Autobahn, nicht die Masse von bunten Klamotten auf einem überfüllten Schlauchboot, oder eine Kosten- Leistungsaufstellung.

„We become visible“. Aber es bleibt noch viel zu tun.

ISBN 9783813503708

Erschienen im Knaus Verlag, September 2015
352 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch als ebook erhältlich.

Da die Thematik keine neue ist, und uns sicher auch noch lange begleiten wird, gibt es einiges an Literatur. Eine kleine Auswahl sei hier noch genannt:

Und auch das Kino hat seit dieser Woche einen Beitrag zum Thema:

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Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Deutscher Buchpreis DBP, Knaus, reportage | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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