Der Lockvogel – Chris Morgan Jones

lockvogel

(c) Heyne Verlag

Wie eine Bombe sind vor kurzem die Panama Papers eingeschlagen! Obwohl, eigentlich wusste man ja längst, dass Geld korrumpiert. Wer viel Geld hat, will mehr Geld und möglichst wenig davon wieder abgeben. Dass der Reichtum allerdings meist nicht rein aus harter Arbeit erwachsen ist, sondern die Infrastruktur und die politische Sicherheit der Staaten nutzt und braucht, spielt dann keine Rolle mehr. Warum soll man mittels Steuern in eben diese Infrastruktur investieren, einen Teil zum Erhalt und Ausbau beitragen, wenn man das Geld auch woanders deponieren kann, wo keiner dran kommt? Natürlich vollkommen legal!

Mit diesem Thema hat sich vor einigen Jahren Chris Morgan Jones in seinem ersten Buch bechäftigt: Mit der Lockvogel gelang ihm im Jahr 2012 (das Original erschien 2011) ein erstaunliches Debüt. Erzählt wird die Geschichte von Richard Lock (ja, da konnte jemand im Verlag dem Wortspiel im Titel nicht widerstehen), der als kleiner Anwalt zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und nun für einen großen russischen Oligarchen als Strohmann die Offshore-Unternehmen lenkt und leitet. Lock ist also ein professioneller Geldwäscher und Steuervermeider.

Jetzt könnt ihr euch auch denken, warum ich dieses Buch gerade neu lese, ist doch einer der spektakulärsten Teile der Panama Papers das Putin-Roldugin-Kapitel. Nachden kürzlichen Enthüllungen, zog ich also dieses Buch aus dem Regal und ließ dafür Avenue of Mysteries liegen, mit dem ich mich eh etwas schwer getan habe.

Lock lebt ein angenehmes Leben, oder soll man besser sagen, lebte, denn natürlich ändert sich gerade so einiges. Lock wird zu einem Prozess vorgeladen, bei dem er sich und seine Unternehmen erklären soll. Lizenzen, die eben diese Unternehmen verkaufte,stellten sich  als bloße Hüllen heraus und natürlich fühlt sich der Käufer geprellt. Er beauftragt gleichzeitig zur Klage eine Privatermittlung, deren Ziel es ist, nicht nur Lock bloßzustellen, sondern vielmehr noch den stillen Oligarchen im Hintergrund zu Fall zu bringen.

Hier kommt jetzt Ben Webster ins Spiel, der er ist unser Privat-Eye. Und das sind auch die beiden Erzählebenen: Lock und Webster wechseln sich ab und kommen sich im Laufe des Buches immer näher. Auch Webster hat Vorgeschichte mit Russland, hat er doch vor seiner Detektivlaufbahn eben dort als Journalist gearbeitet und musste den Tod einer guten Freundin in einem russischen Gefängnis mit ansehen.

Als es nun erste Tote gibt und Lock sich immer mehr in die Ecke gedrängt fühlt, wird der Wille zum Ausstieg immer stärker. Das Leben als Strohpuppe, als menschliches Schutzschild ist eben nur solange schön, wie man in Saus und Braus lebt und nur die Sonnenseite sieht. Wenn’s ernst wird, will man so schnell raus, wie nur eben möglich.

Ein Vergleich mit John le Carré ist wohl nicht übertrieben, auch wenn wir hier keine Regierungsagenten verfolgen sondern nur den Privatermittler und den Oligarchen-Strohmann. Doch auch Chris Morgan Jones, eben wie der große le Carré, ist einer der sich mit der Materie auskennt, ich zitiere hier mal aus der Autoren-Bio: „Chris Morgan Jones arbeitete elf Jahre für eine der weltweit größten Unternehmensberatungen. Zu seinen Kunden gehörten regierungen im Mittleren Osten, Banker in New York, Londoner Investmentfonds, afrikanische Minen-Unternehmen und russische Oligarchen.“ Dieses Insider-Wissen scheint durch jede Seite dieses Buches und dennoch langweilt diese Detailfülle, sie trägt vielmehr zur Authentizität des Buches bei. Chris Morgan Jones ist einer der fesselnd schreiben kann!

Folglich ist dieses Buch so unglaublich spannend, dass es nur schwer aus der Hand zulegen ist und man sich besser einen Wecker stellt, der einen zum Schlafengehen ermahnt.
Wenn ihr gerne spannende, politsche angehauchte Thriller mit dem gewissen Anspruch lest (wer tut das nicht!), habe ich hier genau das richtige Buch für euch. Auch bringt das Buch internationales Flair mit, wie es ein guter Bond-Film tut. Moskau, London, Paris, Cayman-Inseln, um eine Auswahl zu nennen. Im Gegensatz zu Bond, sind die Figuren in diesem Thriller allerdings etwas weniger glamourös.
Leider war ‚Der Lockvogel‘ bei Erscheinen nur mäßig erfolgreich, weshalb es inzwischen nicht mehr aufgelegt wird. Vielleicht lässt sich ja der Heyne-Verlag wegen der plötzlich wiedergewonnenen Aktualität ja zu einer Neuauflage überreden 😉

ISBN 9783453436060

Erschienen im Heyne Verlag, Juli 2012
Aus dem Englischen übertragen von Christoph und Karola Bausum
Originaltitel: An Agent of Deceit (bzw. The Silent Oligarch)
447 Seiten, Klappenbroschur

€12,99

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Kategorien: Britische Literatur, Englische Literatur, Krimi, Politik, politthriller, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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