Belletristik

Wenn aus deiner Heimat eine Todeszone wird – 31 Jahre Tschernobyl und kein bisschen weiser

Heute vor 31 Jahren kam es im damals sowjetischen Atomkraftwerk in Tschernobyl zum Größten Anzunehmenden Unfall. In einem der Reaktoren ereignete sich eine Explosion, die alle bisher dagewesenen Störfälle in den Schatten stellte. Im Endeffekt machte Sie aus einer blühenden Stadt und den umliegenden Gemeinden verseuchtes Gebiet, eine Todeszone. Die Bevölkerung wurde vorerst im Dunkeln gelassen, viel zu spät begann man mit Evakuierungen. Und dass dann auch, ohne die Bevölkerung entsprechend zu informieren, die meisten gingen davon aus, nach wenigen Tagen zurück in ihre Wohnungen und Häuser gelassen zu werden. Daraus wurde dann ein niemals mehr.

Doch soll man niemals nie sagen, denn einige sind die Armut und Fremde leid, die die Umsiedlung bei vielen mit sich brachte, und kehren in ihre leerstehenden Häuser und Höfe zurück. Lange war das Gebiet schwer bewacht und an eine Rückkehr nicht zu denken, doch in den letzten Jahren hat wohl auch die Regierung das Interesse an der sogenannten Todeszone verloren und die Kontrollen sind recht lasch geworden.

Ich habe jetzt hier einige Bücher zu diesem grausigen Jubiläum zusammengestellt, die auf die eine oder andere Weise von eben diesen Rückkehrern erzählen:

baba

(c) Kiepenheuer & Witsch

Da ist zum einen die schmale aber umso anrührendere Geschichte der Baba Dunja (<-Leseprobe)von Alina Bronsky. Baba Dunja ist nach langen Jahren wieder in ihr Haus zurückgekehrt und lebt mit einem kleinen Grüppchen Alter wieder in ihrem Dorf. Als ein Fremder ins Dorf kommt, verwickeln sich die Dörfler in ein Verbrechen und Baba Dunja wird bis zum Äußersten gehen um die kleine Gemeinschaft zu schützen. Tolle Geschichte um die zähe und unglaublich liebenswürdige Baba Dunja und ihre doch sehr eigenen Dörfler in der Todeszone. Kleines, schmales Buch, mit großem, dicken Nachhall. Besonders empfohlen sei hier noch das Hörbuch, eingelesen von Sophie Rois.

Ein Buch, dass ich vor einiger Zeit schon einmal vorgestellt habe, ist ‚Die andere Hälfte der Hoffnung‘. Hierin erzählt Mechthild Borrmann von Walentyne,

hoffnung

(c) Droemer

die ebenso wie Baba Dunja in die verbotene Zone zurückgekehrt ist, dort aber weitestgehend allein lebt. Sie wartet auf Nachricht von ihrer Tochter, die nach Deutschland zum Studieren gegangen ist und sich jetzt schon seit einiger Zeit nicht bei ihr gemeldet hat. Walentyna beginnt nun ihre Geschichte in ein abgewetztes Notizbuch zu schreiben, wie sie als junge Frau nach Prypjat kam, dem aufstrebenden modernen Städtchen der Zukunft und wie innerhalb so kurzer Zeit der Tod kam. Borrmann erzählt hier parallel auch die Geschichte der Tochter (Achtung Spoiler!), die eine Geschichte um Menschenhandel  und Prostitution ist, und gleichzeitig aber auch eine Geschichte der Nächstenliebe. Hier gibt’s eine kleine Leseprobe.
Nach dem Geiger ist dies mein liebstes Buch von Mechthild Borrmann – die übrigens nächste Woche im Osiander Neustadt mit ihrem neuesten Buch zu Gast sein wird.

 

prypjat

(c) Egmont

Und schließlich eine Graphic Novel (jetzt hätte ich hier beinahe Graphic Nobyl geschrieben) mit dem Titel, der seit jenem 26. April 1986 ein Synonym für all die Gefahren und Risiken der Atomkraft geworden ist, die bis heute immer noch viel zu viele ignorieren oder totschweigen wollen Tschernobyl – Rückkehr ins Niemandsland.
In beeindruckenden, teils bewegenden Bildern wird die Geschichte dreier Generationen einer Familie erzählt, deren Schicksal in symbolischer Weise vom GAU im Kraftwerk bestimmt wurde. Eine fiktive Geschichte, die sich aber aus zahllosen Fragmenten wahrer Schicksale zusammensetzt. Die erste Episode erzählt von einem alten Ehepaar, das zurück kommt in die Todeszone um hier die letzten gemeinsamen Jahre auf vertrautem Boden, in auf der verseuchten Heimaterde zu verbringen und zu sterben, nicht unähnlich den beiden anderen Geschichten. Die Frau wird bald schwer krank und das Fieber bringt die traumatischen Ereignisse der Vergangenheit wieder an die Oberfläche.
Die zweite Episode nimmt die Kinder der beiden in den Fokus, die als junges Paar in der aufstrebenden Stadt leben, er arbeitet im Kraftwerk und Sie ist schwanger. Hier wird die Ahnungslosigkeit der Bevölkerung besonders hervorgehoben und wir erfahren einiges über das Vorgehen der Behörden und über den Einsatz der später als Liquidatoren bezeichneten Soldaten, die zum Einsatz im verstrahlten Gebiet abkommandiert wurden und auch für die Evakuierungen der Bevölkerung zuständig waren.
Und schließlich die Geschichte von Yuri, dem Enkelsohn, der erst mit seiner schwangeren Mutter evakuiert wird und dann von ihr getrennt wird, da sie als Schwangere eine besondere Untersuchung erfährt. Beide werden im lange im Ungewissen gelassen über das Schicksal des Vaters, der zum Unglückszeitpunkt noch im Kraftwerk war und schreckliche Verbrennungen erlitten hat.
Während auf der Straße trotz allem die großen Feierlichkeiten zum 1. Mai durchgeführt werden, sterben in den Krankenhäusern der Umgebung die verseuchten Mitarbeiter an ihren grausamen Verletzungen.
Oft kommen die Bilder ganz ohne Wörter aus und erzählen doch Bände vom Leid der Menschen. Sicher keine leichte Lektüre, aber eine wichtige und aufrüttelnde. Mehr noch als die anderen beiden Titel, bei denen  die eigentlichen Geschehnisse eingebettet sind in einen Plot, wird hier das unmittelbare Ereignis und die Auswirkung auf eine betroffene Familie erzählt und nicht viel Beiwerk dazu.

Tschernobyl war nicht der erste Unfall in einem Kernkraftreaktor und leider auch nicht der letzte. Leider sind viele Menschen immer noch erfahrungsresistent. Man kann das beinahe täglich beobachten, nicht zuletzt anhand der maroden und extrem unsicheren Reaktoren in Belgien und Frankreich, die blinden Auges weiter betrieben werden. Und fast noch unglaublicher – es werden tatsächlich nach wie vor neue Kraftwerke geplant und auch gebaut!
Brrr, da darf man gar nicht anfangen im Internet zu suchen…grauslich.

Diesen Artikel verbinde ich direkt mal noch mit dem Aufruf: Ihr habt es selbst in der Hand, der Strommarkt ist ein offener Markt, ihr könnt selbst wählen, wer euer Geld bekommt und damit auch ein stückweit die Energiepolitik von morgen. Es gibt mehrere Anbieter, die ausschließlich saubere Energie anbieten. Und wie bei so vielem ist die billigste Lösung nicht immer die beste.

P.S. Eine weitere Empfehlung, die die Geschichte der Atomkraft mit all ihren Facetten erzählt ist das umfangreich informative und spannend geschriebene Buch Atom von Stephanie Cooke. Passenderweise habe ich dazu vor genau einem Jahr etwas geschrieben.

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Schnell, ein Tausendseiter

leben

(c) Hanser

Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die schreiben dicke Bücher und erzählen uns eigentlich nichts. Und dann gibt es die, die auf knapp über 100 Seiten eine Geschichte, die so tief geht, so voller kleiner bemerkenswerter Dinge ist, dass man am Ende das Gefühl hat, einen Tausendseiter gelesen zu haben. So ging es mir bei Robert Seethaler und so passierte es jetzt auch bei Sylvie Schenk, die uns in diesem schmalen Band ihre Geschichte erzählt.

Es ist die Geschichte der jungen Louise, die vom Land in die große Stadt Lyon kommt, um dort zu studieren, nicht ganz ohne Widerstände. Denn es sind die 60er Jahre und Frauen an der Universität sind noch nicht ganz so selbstverständlich, wie man vielleicht meint.
Es entstehen die ersten tiefen Freundschaften, ja es sind sogar Ausländer unter ihren Freunden, ein Chinese von den Philippinen, ja gar ein Deutscher.

Nach einer kurzen Leidenschaft mit einem französischen Mitstudent, der seine Eltern im Krieg verloren hat und ein akribischer Aufzeiger und Erinnerer der dunklen deutschen Vergangenheit ist, verliebt sich die Louise tatsächlich in den Deutschen. Dass davon nicht nur ihr Verflossener, sondern auch ihre Eltern schockiert sind, ist leicht vorstellbar, der Krieg und das Elend sitzen tief.

Doch gegen alle Widerstände heiraten die beiden und Louise zieht es nach Deutschland, nicht ohne vorher auf die dunkle Vergangenheit des Schwiegervaters gestoßen worden zu sein, den hochgebildeten Mann, den sie doch so verehrt. Doch entgegen aller Widrigkeiten will sich Louise nicht unterkriegen lassen, sich behaupten, denn:

‚Die Heimat besteht nicht aus Ländern und Städten, sondern aus Menschen die man liebt.‘

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, doch hörte ich dann das Hörbuch auf dem täglichen Weg zur Arbeit und war schnell gefangen von dieser Lebensgeschichte. Nicht zuletzt lag das sicher an der eindringlichen Erzählweise, ist das Buch doch komplett in der zweiten Person geschrieben. Sicher etwas gewöhnungsbedürftig, doch bist du dadurch praktisch die Person um die es geht. Du erzählst dir diese Geschichte, dieses Leben. Du musst dich darauf einlassen, denn diese Art des Erzählens ist nicht die bekannte, die du in 95% der Romane antriffst, doch es lohnt sich allemal.

Dass es zu großen Stücken das Leben der Sylvie Schenk ist, welches hier erzählt wird, lässt sich der Biografie der Autorin entnehmen und beeindruckt umso mehr, wenn man die Autorin einmal erlebt hat.

Einhundertsechzig Seiten, ein Leben, im Schnelldurchgang, mit Tiefgang. Ein Buch das ich euch sehr ans Herz legen möchte. Umso mehr, als dass es ja aus meinem eigentlichen Leseschema ein bisschen ausbricht. Die 16€ für dieses Hardcover sind praktisch geschenkt, sind doch da über 1000 Seiten drin versteckt und es ist definitiv ein Buch, das hängenbleibt.

ISBN 9783446253315 – 16,-€
eISBN 9783446254190 – 11,99€
Hörbuch
9783864843952 – 19,99€

Erschienen im Hanser Verlag, Juli 2016
160 Seiten, gebunden

 

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Raumpatrouille – Matthias Brandt

raumpatrouille

(c) Kiepenheuer & Witsch

Ich lasse mich gerne eines besseren belehren. So ging es mir bei diesem schmalen Büchlein. Beim Durchschauen der Vorschauen und Leseexemplare im Frühsommer blieb der Band von Matthias Brandt aufgrund des mich nicht neugierig machenden Klappentextes, dem mir unbekannten Autor und dem merkwürdigen Cover links liegen. Nachdem bei Erscheinen begeisterte Kunden mir von diesem Buch erzählten und vom Interview in der ZEIT berichteten, nahm ich Raumpatrouille jetzt doch noch mal zur Hand und habe es nicht bereut.

Das Buch erzählt Geschichten einer Kindheit am Rhein, in einer mittelgroßen Stadt. Es sind Geschichten eines Kindes in einem großen Haus, man mag oft denken, das Kind wohnt dort allein, aber dann taucht doch ab und an ein schemenhafter Vater am Ende des Korridors auf. Und natürlich sind da die Wachleute, die das Grundstück bewachen – denn der Vater ist Regierungschef. Das Kind ist sich selbst überlassen, kurvt mit dem Bonanza-Rad durch den Garten, der standesgemäß so groß ist, das er nicht Garten, sondern Park heißt. Doch natürlich geht es auch über die Grenzen des Parkes hinaus, auch wenn das eigentlich verboten ist; doch das Verbotene – wer kennt das nicht – ist immer auch das Reizvollste. Und Grenzen ausreizen ist das Ziel eines jeden Kindes, sehen, wie weit man gehen kann.

Zwischen wechselnden Hobbys und in Flammen aufgehenden Kinderzimmern muss auch der etwas merkwürdige Herr Lübke nebenan gestriegelt zum Kakao besucht werden. Es gibt missglückte Versöhnungsfahrradausflüge mit Vaters Arbeitskollegen, endlose Autofahrten mit der Mutter in den fernen Norden und schmerzhaftes Heimweh beim langersehnten ersten Übernachten beim Schulfreund.

All diese Geschichten sind unterlegt von einem Gefühl des Aufbruchs, der Krieg liegt beinah eine Generation zurück, Menschen fliegen ins All; die Zukunft ist zum Greifen nah – und sei es nur in Form eines Plastikraumanzuges, unerlaubterweise gekauft vom Schulbuchgeld. Wer braucht schon Bildung, wenn er Astronaut sein kann?! Ein Kind darf wieder Kind sein.

Die vierzehn Geschichten sind so einprägsam erzählt, dass man sich in vielen selber wiederfinden kann, auch wenn man nicht im gleichen Jahrzehnt aufwuchs und nicht Kanzlersohn ist.

Wir gehen auf Raumpatrouille mit Armstrong, Aldrin, Collins (Achtung: Tränenalarm!) auf dem Mond.
Wir gehen auf Raumpatrouille mit einem Kind in dem großen leeren Haus, das dennoch Heimat ist, in dem doch hinter der gepolsterten Doppeltür am Ende des Korridors ein Vater leise schnarcht, der dir doch vorliest, wenn du ihn darum bittest.Wir gehen auf Raumpatrouille mit Matthias Brandt in die Kindheit, in der man schon mal vor existentiellen Problemen steht:

Wieder und wieder überlegte ich, ob es mich wirklich selbst gab oder ob ich mir meine Existenz nur einbildete.

Matthias Brandt hat mich mit beeindruckenden Texten beeindruckt, mit fein geschliffener Sprache, mit leichtem Humor, der bei beinahe jeder Geschichte ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. War mir der Name bisher unbekannt, hat er sich nun in mein inneres Kinderzimmer gebrannt. Alles bereit für den Zaubertrick, Herr Brandt? Ich mache mir schon mal eine große Tasse Kakao.

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, September 2016
ISBN 9783462045673
176 Seiten, gebunden
€ 18,-

eISBN 9783462316384
€ 16,99

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Bühlerhöhe – Brigitte Glaser

bühlerhöhe

(c) Ullstein

Auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz meine Lieblingsliteratur (der Verlag hat diesen Titel in die Marketingkampagne Kopfkino aufgenommen, die sich an Leserinnen 60+ richtet), aber ein Buch, das ich dennoch sehr gern gelesen habe.

Wir befinden uns in der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein Kibbuz in Israel. Rosa bekommt den Auftrag, nach Deutschland zu reisen um Kanzler Adenauer zu beschützen. Rosa ist keine Agentin, Rosa gehört nicht zum Militär; mit Deutschland verbindet sie nur ihre Vergangenheit, eine Vergangenheit, die sie längst begraben hat. Dieses Land hat beinahe ihre gesamte Familie vernichtet. Doch ist sie in dem Moment scheinbar die einzige greifbare Person, die Deutsch spricht – immerhin ist sie in Köln aufgewachsen – und die den Schwarzwald sehr gut kennt, hat sie doch hier mit der Familie immer ihre Ferien verbracht.
Denn hierhin soll sie ihre Mission führen – im edlen Hotel Bühlerhöhe wir Kanzler Adenauer seine Ferien verbringen und dort droht ihm Gefahr. Eine jüdische Extremistengruppe trachtet dem Kanzler nach dem Leben, da er im Bundestag das umstrittene Wiedergutmachungsgesetz durchsetzen will, durch welches dem jungen israelischen Staat größere Summen deutschen Geldes zukommen sollen. Für die Gruppe ein Freikaufen von der Schuld, der nicht akzeptierbar ist.

Rosa wird also als mit der Lokalität vertraute auf die Bühlerhöhe geschickt, dort soll sie sich mit dem Agenten Ari treffen, der die Leitung der Mission übernehmen soll.
Die Reise nach Deutschland wird für Rosa in mehr als einer Hinsicht zu einer großen Herausforderung. Ein Land, in das sie niemals zurückkehren wollte und das doch voller auch schöner Erinnerungen steckt.
Beinahe kannman hier in der Schwarzwald-Idylle die verheerende Zeit der Nazi-Herrschaft vergessen.  Anders als in „Landgericht“ von Ursula Krechel merkt man beinahe nichts von der düsteren Vergangenheit des Landes, hier sind die Städte nahezu intakt geblieben, keine Spuren der Zerstörung sichtbar.

Doch wird der Aufenthalt für Rosa kein Zuckerschlecken. Ihr Partner, der erfahrene Agent, trifft nicht ein, die Hausdame auf der Bühlerhöhe spioniert ihr nach, es tauchen Schatten aus der Vergangenheit auf – jedoch nicht nur für Rosa. Auch für Sophie, die Hausdame, die ihr Fähnlein gerne mit dem Wind wehen lässt, was ihr die Verbannung aus der allzu nahen Heimat Strassburg eingebracht hat.
Außerdem ist da noch Agnes, die junge Auszubildende eines nahen Landgasthofes, die ein wichtiges verbindendes Element der Geschichte darstellt und eine ganz eigene naive Sicht auf die Begebenheiten dieses Sommers hat.
Kurz: in der Sommerfrische tummeln sich Geheimdienstler, Feriengäste, Handelsleute mit dubiosem Hintergrund und viele dunkle Schatten.

Brigitte Glaser hat mich mit einem Buch überrascht, das einen guten Land-Kontrast zu Krechels „Landgericht“ bietet, allerdings auch einen ungemein spannenden Agententhriller abgibt. Das Nachkriegsdeutschland ist für mich generell ein sehr interessantes Thema, leider etwas unterrepräsentiert in der derzeitigen Literatur (umso mehr freue ich mich auch auf das im November erscheinende neue Buch von Mechtild Borrmann).
Noch dazu erfahren wir eine Menge über die Flucht von Rosa und ihrer Schwester aus Deutschland, über das Leben im jungen Israel und über das schwierige Verhältnis der Geflüchteten zu ihrer einstigen Heimat Deutschland.

Die drei Hauptfiguren sind ausnahmslos weiblich und dabei so verschieden, dass es einen nur so durch die Geschichte hindurch zieht. Die verschiedenen Erzählperspektiven ergänzen sich sehr gut und geben einen differenzieten Blick auf die Geschichte, wobei die Sympathieträgerin eindeutig Rosa ist. Die naive Agnes regte mich das ein oder andere Mal mit ihrer Art wirklich auf und für Sophie kann man am Ende fast schon Mitleid empfinden, sie möchte nur das Beste für sich und scheitert dabei immer wieder aufs Neue und lässt sich von den Herren gnadenlos ausnutzen, in dem Glauben, man tue etwas für sie.

Mich hat Brigitte Glaser mit diesem Plot sehr gut unterhalten, genau die richtige Mischung aus Geschichte, Spannung und Einzelschicksalen, die glaubwürdig umgesetzt sind. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack, auch wenn ich als Mann weit unter 60 scheinbar nicht zur Zielgruppe gehöre.

ISBN 9783471351260

Erschienen im List Verlag, August 2016
448 Seiten, gebunden
€ 20,00

eISBN 9783843713757
€ 16,99


 

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Blutsbrüder – Ernst Haffner

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(c) Metrolit

Als erstes und vor allem anderen einen riesigen Dank an Peter Graf für die Wiederauflage dieses Buches! Es ist beinahe nichts bekannt über den Autoren Ernst Haffner und dies ist sein einziges Werk. Doch eines das aus der Masse der Titel heraussticht, zumindest heute, über 80 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen.

Zwischen den Weltkriegen lebten tausende Kinder in den Straßen deutscher Großstädte, elternlos, obdachlos – bedingt durch Krieg und Wirtschaftskrise.
Ernst Haffner erzähhlt von einer Gruppe dieser Kinder, der Clique Blutsbrüder, die sich als Kleinkriminelle über Wasser halten, von einem Tag zum nächsten leben, von der Hand in den Mund, froh wenn sie auf einer verlausten Matratze die Nacht verbringen können anstatt unter freiem Himmel.
Alle Kinder unter 21 Jahren wurden damals in Heime gesteckt, um der Verwahrlosung vorzubeugen, dem Abdriften in kriminelle Kreise. Doch wie man das von Gefängnissen hört, waren auch diese Heime eher für Gegensätzliches gut. Und der unbedingte Wille zur Flucht, der Drang zur Freiheit dieser Jugendlichen war unbändig. Doch einmal geflohen aus dem Erziehungsheim, war man quasi als Krimineller auf Listen der Polizei und konnte ohne entsprechende Papiere auch keine legale Arbeit annehmen. Was blieb also anderes übrig, als die Kriminalität. Und wer kein Talent beim Taschendiebstahl hatte, der verkaufte eben seinen Körper.

Anhand der Clique der Blutsbrüder zeigt Haffner uns einige dieser Schicksale exemplarisch auf und man merkt, dass er als Sozialaarbeiter gearbeitet hat und sicher eng mit solchen Jungen zu tun hatte, ist seine Geschichte doch unglaublich authentisch, bildlich geschrieben, als wäre man dabei gewesen. Blutsbrüder ist die dreckige, proletarische Seite der Goldenen Zwanziger, ist Leben auf der Straße, Schlafen in Streusandkisten.
Blutsbrüder ist der schale Bierrest in einer Kneipe im Münzviertel, während am Ku’damm zu Champagner und Kaviar getanzt wird.

Was aus diesen Jungen im aufdämmerden Faschismus geworden ist, bleibt unserer Fantasie überlassen. Ebenso, wie der Bezug zu unserer heutigen Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet, in der mehr und mehr Leute auf der Straße leben (oder geht das nur mir so, dass ich immer mehr Obdachlose und Bettelnde sehe?).

Nicht zuletzt ist Blustbrüder ein Zeitdokument europäischer Geschichte und ein großartiges Stück deutsche Literatur. Gerade erschien nach der englischen auch eine italienische Ausgabe.

ISBN 9783849300685

Erschienen im Metrolit Verlag, August 2013
240 Seiten, gebunden

€ 19,99

Für’s kleine Geld gibt es inzwischen auch schon eine Taschenbuchausgabe im Aufbau Verlag und außerdem ein Hörbuch, und eine ebook-Ausgabe.

Das Buch wird auch auf  54books und auf Literaturtourismus zur (Schul)-Lektüre empfohlen.

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Kolbe – Andreas Kollender

kolbe

(Pendragon)

‚Tue das Richtige und habe keine Angst.‘

Mit diesem Satz seines Vaters im Kopf kommt Fritz Kolbe zurück in ein Deutsches Reich, das seines nicht mehr ist. In Afrika hat er als Vizekonsul gearbeitet, doch das war unter dem Kaiser, jetzt regiert da dieser kleine Schreihals mit dem lächerlichen Bart. Schon auf der Überfahrt wird Kolbe schikaniert und verschanzt sich letzlich im Maschinenraum, auch der Konsul verlässt seine Kabine nicht mehr, wird doch Schiff und Besatzung von den selbst ernannten Herrenmenschen drangsaliert. Sein Vorgesetzer erhoffte sich einen regulativen Einfluss durch die Rückkehr ins Reich. Leider müssen beide schnell feststellen, dass diese Hoffnung vergeblich war.

Wo sich der Konsul ins innere Exil zurückzieht, arbeitet Kolbe trotz allem weiter für das Auswärtige Amt, dient sich hoch und sitzt schließlich auch ohne Parteiabzeichen an sensibler Stelle im Vorzimmer des Botschafters von Günther. Lange Zeit verhält er sich ruhig, kämpft mit sich, den Satz seines Vaters immer im Kopf. Als er eine Botenfahrt zur deutschen Gesandschaft nach Bern machen soll, sieht er endlich eine Gelegenheit. Über einen alten Freund stellt er Kontakt zu den Amerikanern her und schmuggelt die erste Ladung geheimer Dokumente in die Schweiz.

Der erste Kontakt, die ersten Informationen, die erste Reise ist die schlimmste. Jede Minute fürchtet er sich zu verraten, in eine Falle zu gehen. Mit jeder Reise nach Bern setzt er sein Leben aufs Spiel, immer wieder wird ihm eiskalt bewusst, dass er nur ein Amateur ist und es auf allen Seiten mit Profis zu tun hat – amerikanische, russische, britische Spione, Gestapo, Sicherheitsdienst, SS. Der kleine deutsche Beamte Fritz Kolbe mit brisanten Dokumenten mitten unter ihnen. Und wohl gerade wegen seiner alltäglichen Unscheinbarkeit mit einem Narrenbonus versehen.

Eingebettet in ein Interviewszenario, in dem zwei junge Journalisten Kolbe Jahre nach dem Krieg in seiner selbstgewählten Einsamkeit in den Schweizer Bergen aufsuchen, um seine Geschichte zu erfahren, erzählt Andreas Kollender uns die beinahe unglaubliche Geschichte des Fritz Kolbe, der vom einfachen Beamten zum wichtigsten Spion für die Amerikaner im Deutschen Reich wird. Seine Informationen sind auch in Washington nur wenigen zugänglich, in der Regel gehen sie direkt an den Präsidenten.

Doch ist ‚Kolbe‘ kein reiner Spionageroman, erzählt er doch auch vom Alltag in einem zerbombten Berlin, vom Leben in einer Stadt, die sich in ein Trümmerfeld verwandelt hat. ‚Kolbe‘ ist auch das Portät eines Menschen, der sich auf einsamem Posten gegen ein Unrecht stellt, das ihn vollends umgibt und in dem er trotz allem leben muss. Ein Mensch, der in eine tiefe Krise stürzt, als durch seine Infomationen ein alter Freund stirbt, der daran fast verzweifelt.

Andreas Kollender hat mit diesem fesselnden Roman ein belletristisches Denkmal für Fritz Kolbe geschaffen, einen Mann dem sein Mut, sein Engagement im eigenen Land nie gedankt wurde. Es ist auch derzeit das einzige Buch mit dem Thema auf dem Markt, die Kolbe-Biographie von Delattre ist leider bei Piper nicht mehr lieferbar.
Fast jeder in Deutschland kennt Stauffenberg, den Mann der als Mitglied der Wehrmacht die NS-Ideologie lange Zeit mitgetragen hat; für ihn gibt es Gedenkstätten, -tafeln, Würdigungen, ja Hollywood-Verfilmungen. Wer kennt schon Fritz Kolbe?

ISBN 9783865324894
eISBN 9783865325013

Erschienen im Pendragon Verlag, Juli 2015

 

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In den Straßen die Wut – Ryan Gattis

all involved

(c) Rowohlt

Puh. Noch ist kein ganzer Monat in diesem Jahr vergangen, schon kommt das erste Highlight: Es erscheint In den Straßen die Wut in der deutschen Übersetzung bei Rowohlt. Und was für ein Buch das ist! Ein Buch wie eine abgesägte Schrotflinte. Ungeheure Einschlagskraft, große Streuweite und hinterlässt böse Narben.

Wie ich jetzt im Nachhinein gelesen habe, hat Ryan Gattis selbst im Gangmilieu von L.A. recherchiert, was wohl keine so einfache Sache ist, da die Chicano-Gangs gerne unter dem Radar fliegen, nicht viel mit Fame am Hut haben. Er hätte dann natürlich ein Sachbuch aus dem Material machen können, aber das wäre sicher nur halb so gut geworden.

Schnell das Setting: im April 1992 brechen in L.A. verheerende Unruhen aus, nachdem der Prozess wegen unnötiger Gewaltanwendung von vier Polizisten gegen Rodney King zu einem lächerlichen Abschluss kommt. In der Folge wird über eine Woche hinweg geplündert, Feuer gelegt und es kommt zu über 10.000 Verhaftungen und immerhin 60 direkt den Unruhen zugeschriebenen Todesfällen.
Der Verlag Picador hat zum Buch eine sehr informative Seite zusammengestellt, die ihr hier findet: www.lariotsallinvolved.com

Doch wenn eine Stadt in Anarchie versinkt, ist das natürlich auch eine optimale Gelegenheit, um alte Rechnungen zu begleichen.

Anhand von 17 miteinander verknüpften Charakteren bringt uns Gattis die 6 Tage Ausnahmezustand blutig real vor Augen. Es sind Geschichten von Vergeltung, von Aussichtlosigkeit; voller Gewalt, Drogen, Wahnsinn und trotz allem auch Hoffnung und sogar Liebe. Die meisten der Protagonisten sind chicanos, also mexikanisch-stämmige Gangmitglieder. Ursprünglich wollte Gattis wohl nur aus ihrer Sicht erzählen, doch letztendlich gibt es auch die Kapitel der Krankenschwester, des Feuerwehrmannes, des Obdachlosen uvm.; die Gründe dafür könnt ihr wiederrum auf der oben genannten Seite nachlesen. Es ist also nicht jeder ‚all involved‘, wie der Originaltitel lautet und was soviel bedeutet, wie in einer der Gangs Mitglied zu sein. Und doch sind alle irgendwie all involved, kommt doch keiner vorbei an der Gewalt in diesen Tagen, am Chaos und der Verwüstung.

In den Straßen die Wut ist ein rauhes Buch, ein unglaublich lebendiges und authentisches Buch, nicht zuletzt durch die Sprache (hier kann ich jetzt nur für die englische Originalausgabe sprechen, der ein immerhin 7-seitiges Glossar mit Gangausdrücken und Übersetzungen anhängt).
Und was für ein Page-Turner! Mich hat das Buch über drei Tage nicht mehr losgelassen und hat es immer noch nicht.

Zwei Stimmen, denen ich mich ohne Einschränkung anschließe:

„All involved is a monumental achievement. Ryan Gattis takes the reader into the broken, outraged heart of L.A. during the ’92 riots and doesn’t blink once at what he finds there.“ Dennis Lehane

„All involved is a symphonic, pitch-perfect, superlative novel. It is visceral and adrenalin-fuelled, yet tender and even darkly comic. It is audicious, unflinching and subversive. It doesn’t judge. It swallowed me whole.“ David Mitchell

Oder wie der Verlag das auf den Punkt bringt: Ein Roman wie ein Tarantino-Film, ein Gewaltexzess, ein Experiment, ein Buch ohne Vorbild.

ISBN 9783499270406 €16,99
eISBN 9783644546516 €14,99

Erschienen im Rowohlt Verlag, Januar 2016
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Ingo Herzke
Originaltitel: All Involved (gibt es im epub auch als Fortsetzungsroman in 6 Kapiteln)
608 Seiten, Klappenbroschur

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Zone 5 – Markus Stromiedel

zone 5

(c) Droemer-Knaur

Nicht kleckern, sondern klotzen, wird sich Markus Stromiedel bei seinem neuen Buch gedacht haben (q.e.d.), denn nichts weniger als DAS Heiligtum der Kölner muss schon im Prolog des Buches dran glauben:

Der Tag, an dem der Kölner Dom einstürzte, war bis zu jenen Minutren kurz vor Sonnenuntergang bedrückend gewöhnlich gewesen.

Bedrückend gewöhnlich ist an diesem Buch allerdings sonst gar nichts.
In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die heilige Stadt Köln in Zonen aufgeteilt, deren Anwohner sich nach sozialem Status unterscheiden. Die rechte Rheinseite, heute noch halb liebevoll die schäle Sick genannt (im Buch ist die Schäl Sick übrigens das slum-artige Gebiet außerhalb der Grenzmauer), ist komplett zu Industriezone umgewandelt worden für einen multinationalen Konzern, der im übrigen auch die Kontrolle über die ganze Stadt hat (eine keineswegs fururistische Idee; bei uns durchaus vorstellbar, in Indien schon Realität, s. Punkt 3: Lavasa). Auf der linken Rheinseite entscheidet Geld und Macht, ob man sich rund um den Dom in Party und Rausch ergehen kann, oder in Zone 4 um das tägliche Dasein kämpft.

Die ehemalige innere Ringstraße, einst auf den Ruinen der Kölner Stadtmauer errichtet, war zur Zonengrenze ausgebaut worden, eine acht Meter hohe Wand aus Beton und Stahl umgab das Stadtzentrum.

Wir springen zurück, 9 Tage vor dem Einsturz des Domes: David kommt als junger Anwalt nach Köln, in ihm glüht der Ergeiz, etwas zu bewegen. Anders als seine Kommilitonen hat er nicht bei einem großen Konzern angeheuert, sondern will sein Anerkennungsjahr bei einer ambitionierten Anwaltskoryphäe absolvieren. Eine Entscheidung, die er schnell bereut. Der Anwalt ist inzwischen nur noch ein versoffener, im Selbstmitleid versunkener Haufen Elend.

In Zone 4 lebt Alex, eine junge Frau, die alles versucht, um ihrer Zwillingsschwester zu helfen, die an einer schweren Krankheit leidet. Außerhalb der Zonengrenze nahezu ein Todesurteil, da der Zugang zu Medikamenten und Behandlungen stark reglementiert ist. Mit einem illegalen Grenzübertritt versucht sie dennoch an ein Medikament zu kommen, wird allerdings geschnappt, wodurch sich Alex‘ Schicksal mit dem von David verbinden soll.

Ein düsteres Bild, das Markus Stromiedel hier von der Zukunft entwirft, allerdings leider keineswegs ein abwegiges. Die Kontrolle der Industrie auf die Politik nimmt immer mehr zu. Eine dauerhafte Überwachung der Bevölkerung ist schon jetzt Realität, wenn auch noch nicht ganz so extrem, wie im Köln der Zukunft, wo man allein durch das Abweichen von seinem normalen Bewegungsprofil als auffällig eingestuft wird.
Der Zugang zu medizinischer Hilfe ist schon heute hauptsächlich über monetäre Mittel geregelt (das fängt schon bei der Differenzierung von Privat- und Kassenpatienten an).
Beängstigend, wie plausibel Stromiedels Zukunftsvision ausgefallen ist. Und dennoch konsequent, wie heutige Trends (Überwachung der Bevölkerung, Flüchtlingsströme in die Städte, Gated Communities) weitergedacht werden.

Trotz aller Düsternis ein spannendes, gut duchdachtes und äußerst lesenswertes Buch, dass vom Verlag nicht umsonst mit Eggers ‚Der Circle‘ verglichen wird.
Man wünscht sich, dass das deutsche Fernsehen endlich mal aus all den Gebührenmillionen ein vernünftiges Serienformat entwickeln würde – hier ist die optimale Vorlage; Filmstadt Köln und so.. (die US-Amerikaner können’s, die Briten können’s, die Franzosen können’s, die Italiener können’s – warum bleibt das deutsche Fernsehen so unterirdisch?!).

Wenn ihr Dystopien mögt, Krimis oder Science Fiction – hier ist euer Buch!
ISBN 9783426304815

Erschienen im Verlag Droemer-Knaur, Dezember 2015
463 Seiten, Klappenbroschur

€ 14,99

eISBN 9783426435557

€ 12,99

zur Leseprobe

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Die Rote Wand – David Pfeifer

Die Rote Wand von David Pfeifer

(c) Heyne

Hier jetzt doch endlich mal ein Buch, das ich euch schon eine ganze Weile vorstellen wollte: Die Rote Wand.
Das Buch passt sehr gut in eine derzeit von so manchem Autor bearbeiteten Feld der historischen Romane aus der näheren Vergangenheit. Also kein finsteres Mittelalter, sondern das letzte Jahrhundert.

Im Jahr 1915 sind wir mitten drin im 1.Weltkrieg. Die Schlacht von Verdun ist schon Geschichte und doch wird noch immer gekämpft. Im Osten, im Westen, im Norden und auch im Süden. An der Grenze zu Italien verläuft die Front mitten durch die Dolomiten, in den südlichen Alpen.

David Pfeifer erzählt die Geschichte eines 15-jährigen Mädchens. Den Vater – bereits kriegsversehrt, sich Nacht für Nacht durch Alpträume kämpfend – hält es nicht zu Haus. Mit einem schlichten Zettel „Geh zur Tante Ilse, die wird auf dich achtgeben, bis wir uns wiedersehen. Dein Vater.“ verlässt er die Tochter, um wieder an die Front zu ziehen. Der Krieg, die Verteidigung der Heimat, ist ihm das Einzige geworden.

Doch das Mädchen will den Vater nicht verloren geben. Sie macht schneidet sich die Haare, kleidet sich als Mann und lässt sich für die Tiroler Standschützen anwerben.

„Was willst du denn da in den Bergen, so jung, wie du bist?“ „Mein Vater ist da“

Und da jeder in diesem Krieg jeder Mann zählt, wird nicht weiter nachgefragt.

Das Mädchen wird Mitglied einer Schützeneinheit und verdient sich langsam den Respekt der anderen, hat ihr der Vater doch schon in jungen Jahren das Schießen beigebracht.
Für die Einheit geht es rauf auf den Berg und wieder runter, es werden Stellungen angelegt, die kurze Zeit später als nutzlos aufgegeben werden und dann mit aller Macht zurückerobert werden müssen. Der klassische Irrsinn des ersten Weltkrieges, ja jeden Krieges. Stellungskampf auch hier in den Dolomiten, von Wand zu Wand. Ungewiss ist meist, wo genau der Feind steht – dies vielleicht der große Unterschied zu den Gräbenkämpfen an der deutsch-französischen Front.

Es will ja keiner diese Berge behalten, da gibt es ja nichts drin, und es wächst auch kein Korn drauf. Hier geht es nur um die Grenze an sich, sonst ist kein Nutzen darin zu sehen, hier zu frieren. In Afrika holen sie wenigstens Gold aus den Böden und Kautschuk aus den Bäumen, sie nehmen Sklaven. Aber hier oben? Hier geht es nur darum, die Höhe zu behaupten.

Die Geschichte des Mädchens auf der Suche nach dem Vater basiert auf einer historischen Figur. Das Mädchen Viktoria Savs, noch heute in der Gegend als das ‚Heldenmädchen von den drei Zinnen‘ bekannt hat sich tatsächlich als Junge verkleidet und in den Dolomiten als Schütze gekämpft. Diese historische Grundlage hat David Pfeifer gekonnt in einen Roman verwandelt, der nicht nur unglaublich spannend geschrieben ist, sondern auch den Irrsinn des Krieges bildhaft werden lässt. Zum größten Teil bestanden die Bergeinheiten aus absolut bergunkundigen Männern, denen einige wenige Bergführer zur Seite standen. Was in einer lebensfeindlichen Umgebung, wie dem Hochgebirge der Alpen, mit unerfahrenen Jungen geschieht, kann man sich leicht ausmalen.

Das Buch ist so bildhaft und fesselnd geschrieben, dass ich es jetzt am liebsten direkt noch einmal lesen möchte. Auch wenn meine Lektüre schon eine Weile her ist, kommen mir gerade bestimmte Bilder wieder lebhaft ins Gedächtnis. Spannende und rührende Geschichte vor überwältigender Kulisse: Beste Unterhaltung mit Tiefgang!
Leider hat es noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, was ich hiermit ändern möchte. Und da der Krieg fast die einzige große Konstante in der Geschichte der Menschheit ist, kann man sich auch ab und an einmal damit beschäftigen.

‚Das ist der Unterschied zwischen Glauben und Krieg‘ sagt Tonio. ‚Wer an Gott glaubt, der fragt sich, warum ich? Wer aber lange genug im Krieg war, der fragt sich, warum ich nicht?‘

Die Rote Wand ist ein Buch, das sich einreiht neben Risiko (hier vom Kaffeehaussitzer grandios besprochen) und Wir sehen und dort oben (hier von der Papierflüsterin hochgelobt), oder auch Süß und ehrenvoll.

ISBN 9783453269613

Erschienen im Heyne Verlag, August 2015
287 Seiten, gebunden

€ 19,99

Gibt es auch zur digitalen Lektüre (9783641158521) und als Hörbuch (9783837131895).

P.S. Zu dem Buch hat der Heyne Verlag auch eine kostenlose App erstellen lassen, die weitere Informationen, historische Fotos und eine interaktive Karte des Schauplatzes in den Dolomiten enthält. Man kann sich also von zu Hause, oder auch vor Ort auf den Spuren der Standschützen bewegen und bekommt einen kostenlosen Mehrwert geboten.
Kurz nach meiner Lektüre hatte ich an die Pressestelle bei Randomhouse ein paar Fragen geschickt, leider aber bisher noch keine weitere Antwort bekommen, sonst hätte ich euch jetzt noch ein bisschen mehr zu diesem sehr interessanten Projekt erzählen können.
(Daher kommt meine Besprechung auch erst jetzt; ich hatte immer noch auf eine Antwort gehofft.)

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Historischer Roman | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Gehen, ging, gegangen – Jenny Erpenbeck

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

(c) Knaus Verlag

„We become visible“ haben sie auf ein Schild geschrieben, die Männer, die vor dem Roten Rathaus in Hungerstreik getreten sind. Es sind Heimatvertriebene aus aller Herren Länder. Geflüchtet vor Krieg, geflüchtet vor Hunger, geflüchtet vor Zukunftslosigkeit. Angekommen in einem Land, in dem sie als Problem angesehen werden.

„We become visible“ ist auch gleichzeitig der größte Verdienst dieses Buches: den Geflüchteten ein Gesicht geben, ihre Geschichte zu erzählen. Wovor sind sie geflüchtet? Was hat das mit ihnen gemacht? Wie werden sie behandelt, in einem Land, dass selbst einen Anteil hat, an den Gründen ihrer Flucht?!

Richard ist die Hauptfigur in diesem Buch, Universitätsprofessor a.D., der mehr durch Zufall über den Protest am Roten Rathaus stolpert, der sich aus Kuriosität beginnt, mit den Männern zu beschäftigen. Auch Richard ist ein Mann, der sein Land verloren hat; von einem auf den anderen Tag wechselte er damals die Identität vom Bürger des real existierenden Sozialismus, in einen der sozialen Marktwirtschaft. Immer noch ist sein Leben mit ersterem verbunden, in sein Bewusstsein eingraviert die vielen Dinge, die früher anders hießen, anders liefen – und doch eigentlich nicht wirklich anders sind. Sein Trauma ist ein friedliches – ganz im Gegensatz zu dem der Geflüchteten.

In langen Gesprächen erfahren wir deren Geschichten, mehr oder weniger zumindest, denn ein Trauma kann auch das Wegschließen von Erinnerungen bedeuten, das Blocken von Bildern, die einen sonst zermürben.
Woher Sie kommen, die Geflüchteten? Spielt das wirklich eine Rolle, wenn ein Schutzbedürftiger vor deiner Tür steht? Vor allem in einem Land, in dem immer wieder von den christlichen Grundwerten geredet wird, wenn es um die Vertriebenen geht. Ein Blick ins Neue Testament würde vielleicht helfen, sich daran zu erinnern, was diese Grundwerte denn eigentlich sind – vor allem den ‚christlichen‘ Parteien.

„Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen.
Ein sogenannter Asylbetrüger wäre also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss, geschweige denn darauf reagieren.“

Nicht zuständig. Die einfachste aller Ausreden. Und wenn man doch etwas tut, ist es Schweigen, oder Zeit schinden; die taktik der Zermürbung.

„In Wahrheit wollen Sie vom Senat überhaupt nichts. In Wahrheit wollen sie auf Arbeitssuche gehen und sich ihr Leben selbst organisieren, so wie jeder, der bei Kräften bei Verstand ist. Diejenigen aber, die dieses Gebiet bewohnen, erst seit ungefähr 150 Jahren heißt es Deutschland, verteidigen ihr Revier mit Paragraphen, mit der Wunderwaffe der Zeit hacken sie auf die Ankömmlinge ein, stechen ihnen mit Tagen und Wochen die Augen aus, wälzen die Monate über sie hin, und wenn sie dann noch immer nicht still sind, geben sie ihnen, vielleicht, drei Töpfe in verschiedenen Größen, einen Satz Bettwäsche und ein Papier, auf dem Fiktionsbescheinigung steht.“

Eine eigentliche Handlung fehlt dem Roman. Eher ist es eine lange Reportage, die uns vor Augen führt, was für die Presse nicht relevant genug ist. Ich habe viel über Asylrecht gelernt, über den Umgang der Bürokratie mit den Einzelschicksalen und durch die Augen Richards einen Blick auf das Weltgeschehen, auf die dunklen Seiten der Globalisierung geworfen.

Die Schicksale der Menschen stehen hier im Vordergrund. Hier bekommen sie Namen, ein Gesicht, Erinnerungen (‚break the memory‘) und Hoffnungen. Hier sind sie nicht der Strom von Tausenden zu Fuß auf der Autobahn, nicht die Masse von bunten Klamotten auf einem überfüllten Schlauchboot, oder eine Kosten- Leistungsaufstellung.

„We become visible“. Aber es bleibt noch viel zu tun.

ISBN 9783813503708

Erschienen im Knaus Verlag, September 2015
352 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch als ebook erhältlich.

Da die Thematik keine neue ist, und uns sicher auch noch lange begleiten wird, gibt es einiges an Literatur. Eine kleine Auswahl sei hier noch genannt:

Und auch das Kino hat seit dieser Woche einen Beitrag zum Thema:

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Deutscher Buchpreis DBP, Knaus, reportage | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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