Diogenes

Kindeswohl – Ian McEwan

kindeswohl

(c) Diogenes

Gerade erschien sein neues Buch Nussschale, und beinahe zeitgleich der Vorgänger Kindeswohl im Taschenbuch. Man kann sich also McEwan im Doppelpack gönnen!

Meine letzten McEwan-Leseerlebnisse sind schon eine ganze Weile her. Damals las ich mit großer Begeisterung den Zementgarten und Saturday, danach lange nichts. Doch jetzt kommt dieses Kindeswohl und überwältigt mich.

Erzählt wird die Geschichte der nicht mehr ganz jungen Familienrichterin Fiona Maye, die vor einem sehr schwierigen Fall steht. Sie soll eine Entscheidung treffen über die Behandlung eines noch Minderjährigen. Die von den Ärzten vorgeschlagene, erfolgversprechende Behandlung sieht Blutransfusionen vor, doch diese sind mit den Glaubensgrundsätzen des Patienten nicht vereinbar. Das Jugendamt klagt für die Behandlung, für das Kindeswohl. Doch entscheidet man wirklich zum Wohl des Kindes, wenn eine Behandlung gegen den Willen und die Überzeugungen des Jungen gehen? Richterin Maye beschreitet in diesem Fall auch ungewöhnliche Wege, um zu einem Urteil zu kommen.

Doch auch privat hat Maye es nicht einfach, auch hier muss sie eine wichtige Entscheidung treffen. Nach langen langen Jahren der Ehe fühlt sich ihr Mann am Anfang des letzten Abschnitt seines Lebens und hat eine für Maye schockierende Forderung: er möchte ein noch einmal eine Affäre mit einer jüngeren Frau haben, fühlt sich natürlich im Recht mit seiner Forderung.
In beiden ‚Fällen‘ möchte man nicht in Ihrer Haut stecken; hier zu einer Entscheidung zu kommen, ist in keiner Weise eine einfache Sache. Es entfaltet sich ein Gerichtsdrama, ja beinahe schon Thriller, der auch mich als Leser in einer Weise mit einbezogen hat, wie nicht viele Bücher zuvor. Mit jedem neuen Argument ist man aufs Neue hin und hergerissen, was man selber für die richtige und gerechte Entscheidung hält, wie man selbst vielleicht entscheiden würde.

Gebannt habe ich dieses Buch in einem Rutsch durchgelesen. Sind zwar nur knapp über 200 Seiten, aber manche Autoren verstehen es einfach, mit einem auf den ersten Blick kurzen Text, eine im Grunde viel ausschweifendere, fesselndere und einprägsamere Geschichte zu erzählen, als so mancher Tausendseiter. Dazu gehört auf jeden Fall Ian McEwan.

ISBN 9783257243772
eISBN 9783257604528

Erschienen im Diogenes Verlag, August 2016
Aus dem Englischen übertragen von Werner Schmitz
Originaltitel: The Children Act
224 Seiten, kartoniert

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Becks letzter Sommer – Benedict Wells

beck

(c) Diogenes

Lehrer sind auch Menschen. Robert Beck ist Lehrer. Eigentlich wollte er das nie werden, denn sein verhasster Vater war dies auch. Beck wäre lieber erfolgreicher Musiker, doch ihm fehlt das gewisse etwas. Mit seiner Band hat er es immerhin bis zur Vorband von New Order gebracht, aber dann zerbrach die Gruppe.
Beck ist jetzt Lehrer und träumt von seiner Jugend, von der Musik, die er so richtig nie aufgegeben hat. Als er zufällig das außergewöhnliche Talent seines Schülers Rauli entdeckt, hofft er auch für sich endlich auf den großen Durchbruch. Er will Rauli formen, managen und groß rausbringen. Doch ist der Junge nicht so einfach zu handhaben, wie Beck sich das erhofft hat. Außerdem hat er einen Hang zum Erzählen von großen Lügengeschichten.

Beck sehnt sich auch nach der großen Liebe. Doch sein Leben bestand bisher nur aus kurzen Beziehungen, die schnell zum beiderseitigen Besten wieder vorbei waren. Als er auf der Straße eher zufällig Lara kennenlernt, die eigentlich gar nicht sein Typ ist, ihn aber dennoch wie magisch anzieht, könnte sich auch hier sein Leben ändern. Doch da ist auch noch die unglaublich hübsche Anna in seiner Klasse, ein Traum für Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Und ja: Beck hat eine kleine Lebenskrise. Er ist Mitte dreißig, möchte aber am liebsten wieder Anfang zwanzig sein, Musik machen, die Liebe finden. Doch worauf er hinsteuert, ist ein Leben wie das seines Vaters: langweiliger Lehrer, an eben der Schule, an der er selbst Schüler war.

Doch wie es manchmal so ist im Leben (und in Büchern), kommt in diesem Moment eins zum anderen und Beck ist verliebt, Beck macht wieder Musik und Beck macht sich auf eine Reise. An den südöstlichen Rand Europas und – wie sollte es anders sein – zu sich selbst. Doch Beck reist nicht allein. Auch sein leicht abgedrehter hypochendrischer Freund Charlie sitzt mit in dem ramponierten VW, ebenso wie seine heimliche Hoffnung, das Wunderkind Rauli. Jeder von ihnen hat einen anderen Grund, diese Reise zu unternehmen. Ein Roadtrip der Identitätsfindung. Am Ende sind wir beinahe erstaunt, dass die drei trotz der vielen Hindernisse doch noch an ihrem Ziel ankommen, und das Sprichwort ‚Der Weg ist das Ziel‘ auf abstruse Weise perfekt zelebriert haben.

Der Debütroman von Benedict Wells ist ein Roman über das Leben, über die Sehnsucht nach der Jugend, über Musik und über das Thema aller Romane (lt. Marcel Reich-Ranicki), die Liebe.
Ein großer Lesespaß ist er obendrein. Süffig geschrieben, mit viel Wortwitz, tollen Dialogen und teilweise grotesken Szenen.
An vielen Stellen ist man verwundert, wie tiefsinnig dieser junge Autor über das Leben schreibt und wie gut er sich in einen Charakter hineinversetzen kann, der beinahe doppelt so alt ist, wie er selbst.
Beck ist ein Held des Alltags, jeder von uns ist ein bisschen Beck.
Und mit einem Schmunzeln lesen wir den futuramaesken, faustischen Schlußteil (zum Glück ohne Pudel, sondern mit Katze). 😉

Für mich hat Beck einen großen Bruder im Geiste: Herr Lehmann. Und so ist es wohl konsequent, dass er in der Verfilmung, die am 23.07. in den Kinos anläuft, ebenso vom großartigen Christian Ulmen gespielt wird.

Bibliografisches:

ISBN 9783257240221

Erschienen im Diogenes Verlag, Dezember 2009 (Taschenbuchausgabe)
453 Seiten, kartoniert

€ 12,00

Das Buch ist, soweit ich weiß auf Wunsch des Autors, nicht als ebook erhältlich.

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Diogenes | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 10 Kommentare

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