erzählungen

Raumpatrouille – Matthias Brandt

raumpatrouille

(c) Kiepenheuer & Witsch

Ich lasse mich gerne eines besseren belehren. So ging es mir bei diesem schmalen Büchlein. Beim Durchschauen der Vorschauen und Leseexemplare im Frühsommer blieb der Band von Matthias Brandt aufgrund des mich nicht neugierig machenden Klappentextes, dem mir unbekannten Autor und dem merkwürdigen Cover links liegen. Nachdem bei Erscheinen begeisterte Kunden mir von diesem Buch erzählten und vom Interview in der ZEIT berichteten, nahm ich Raumpatrouille jetzt doch noch mal zur Hand und habe es nicht bereut.

Das Buch erzählt Geschichten einer Kindheit am Rhein, in einer mittelgroßen Stadt. Es sind Geschichten eines Kindes in einem großen Haus, man mag oft denken, das Kind wohnt dort allein, aber dann taucht doch ab und an ein schemenhafter Vater am Ende des Korridors auf. Und natürlich sind da die Wachleute, die das Grundstück bewachen – denn der Vater ist Regierungschef. Das Kind ist sich selbst überlassen, kurvt mit dem Bonanza-Rad durch den Garten, der standesgemäß so groß ist, das er nicht Garten, sondern Park heißt. Doch natürlich geht es auch über die Grenzen des Parkes hinaus, auch wenn das eigentlich verboten ist; doch das Verbotene – wer kennt das nicht – ist immer auch das Reizvollste. Und Grenzen ausreizen ist das Ziel eines jeden Kindes, sehen, wie weit man gehen kann.

Zwischen wechselnden Hobbys und in Flammen aufgehenden Kinderzimmern muss auch der etwas merkwürdige Herr Lübke nebenan gestriegelt zum Kakao besucht werden. Es gibt missglückte Versöhnungsfahrradausflüge mit Vaters Arbeitskollegen, endlose Autofahrten mit der Mutter in den fernen Norden und schmerzhaftes Heimweh beim langersehnten ersten Übernachten beim Schulfreund.

All diese Geschichten sind unterlegt von einem Gefühl des Aufbruchs, der Krieg liegt beinah eine Generation zurück, Menschen fliegen ins All; die Zukunft ist zum Greifen nah – und sei es nur in Form eines Plastikraumanzuges, unerlaubterweise gekauft vom Schulbuchgeld. Wer braucht schon Bildung, wenn er Astronaut sein kann?! Ein Kind darf wieder Kind sein.

Die vierzehn Geschichten sind so einprägsam erzählt, dass man sich in vielen selber wiederfinden kann, auch wenn man nicht im gleichen Jahrzehnt aufwuchs und nicht Kanzlersohn ist.

Wir gehen auf Raumpatrouille mit Armstrong, Aldrin, Collins (Achtung: Tränenalarm!) auf dem Mond.
Wir gehen auf Raumpatrouille mit einem Kind in dem großen leeren Haus, das dennoch Heimat ist, in dem doch hinter der gepolsterten Doppeltür am Ende des Korridors ein Vater leise schnarcht, der dir doch vorliest, wenn du ihn darum bittest.Wir gehen auf Raumpatrouille mit Matthias Brandt in die Kindheit, in der man schon mal vor existentiellen Problemen steht:

Wieder und wieder überlegte ich, ob es mich wirklich selbst gab oder ob ich mir meine Existenz nur einbildete.

Matthias Brandt hat mich mit beeindruckenden Texten beeindruckt, mit fein geschliffener Sprache, mit leichtem Humor, der bei beinahe jeder Geschichte ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. War mir der Name bisher unbekannt, hat er sich nun in mein inneres Kinderzimmer gebrannt. Alles bereit für den Zaubertrick, Herr Brandt? Ich mache mir schon mal eine große Tasse Kakao.

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, September 2016
ISBN 9783462045673
176 Seiten, gebunden
€ 18,-

eISBN 9783462316384
€ 16,99

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nachts – Mercedes Lauenstein

(c) Aufbau

(c) Aufbau

Kennt ihr das, wenn man nachts statt zu schlafen, alles erdenkbar andere macht? Zum Beispiel spontan das Bücherregal umräumen, alte Platten hören (vielleicht ja sogar über Kopfhörer), den Karton mit den alten Fotos sortieren, oder einfach nur rumkramen und plötzlich wird es draußen schon wieder hell. Ich denke, das hat jeder von uns schon erlebt.

Mercedes Lauenstein widmet genau uns allen also jetzt ein Buch – über uns. Denn genau darum geht es in ’nachts‘, um Menschen, die nachts nicht schlafen, sondern wach sind. Und um die Dinge die sie tun, um die Gründe ihrer Schlaflosigkeit, die so verschieden sind, wie jeder anders ist als der Nächste.

Verpackt ist das Ganze in fünfundzwanzig Kapitel, die aus fünfundzwanzig Begegnungen bestehen. Die Erzählerin ist das zusammenhaltende Element:

„Nachts schlafe ich nicht. Ich laufe durch die Straßen und gucke durch die erleuchteten Fenster in das Leben der anderen hinein. Ich überfliege die Klingelschilder in den Hauseingängen in der vagen Hoffnung, auf einen Namen zu stoßen, den ich kenne, vielleicht meinen eigenen oder einen, der irgendwie zu mir passt.“

In den Stunden, in denen nur noch sehr vereinzelt Licht in den Fenstern ist, klingelt sie, in der Hoffnung eingelassen zu werden, in der Hoffnung auf ein kurzes Gespräch. So bekommt sie Einblick in das Leben der Befragten, der Schlaflosen. Das ist zum Teil recht gewöhnlich, zum Teil sehr persönlich. Vom klassischen Jetlag bis zur Angst vor der Dunkelheit ist alles dabei.
Zum Beispiel die junge Mutter, die sich erst jetzt den Grund vergegenwärtigt:

„Ich hätte immer gesagt: feiern. Schlafen oder feiern. Ich hab nie darüber nachgedacht, dass es noch andere Gründe gibt, aufzubleiben.“

fünfundzwanzig Wache

fünfundzwanzig Wache

Die einzelnen Geschichten werden uns tagebuchartig präsentiert (an einem Montag 4:34 Uhr) und nehmen mit der Erzählerin Anteil an einem Stück aus dem Leben von gänzlich Fremden.

Leider bleibt genau diese aber immer im Hintergrund. Als sie auf ihre eigenen Fragen antworten soll, erfindet sie lieber schnell eine Geschichte, als sich dem Gegenüber zu öffnen. Und am Ende ahnen wir, dass die vielen Nacht-Geschichten unterschwellig noch eine andere Geschichte erzählen. Eine der Einsamkeit, der Verlassenheit. Die Geschichte einer Verlorenen, der vor der Nacht grauht.

’nachts‘ zeigt eine durchaus warme Seite unserer kalten Gesellschaft, zeigt einen intimen Einblick in die Anonymität einer Großstadt, präsentiert uns Seiten des Lebens, das um uns herum passiert, ohne dass wir es wahrnehmen. Das die Geschichten fiktiv sind (q.e.d.), spielt dabei eigentlich keine Rolle. Weißt du, was dein Nachbar tut, während du schläfst?

’nachts‘ ist Buch, das man perfekt in einem Rutsch lesen kann, oder in fünfundzwanzig literarischen Häppchen. Ein Buch, mit dem man gerne länger wach bleibt und auch die Nacht durchmacht. Ein Buch, das auf jedem Nachttisch ein würdiges Zuhause findet. Und nicht zuletzt – ein wunderschön gestaltetes Buch. Kompliment an die Herstellungsabteilung des Aufbau Verlages!
(leider hat das Buch hier aber nicht genug Stimmen bekommen)

Bibliografisches:

ISBN 9783351036140

Erschienen im Aufbau Verlag, August 2015
191 Seiten, gebunden

€ 18,95

Bei Schlaflosigkeit und ohne Licht unter der Bettdecke komfortabler zu lesen als ebook.

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