französische Literatur

Schnell, ein Tausendseiter

leben

(c) Hanser

Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die schreiben dicke Bücher und erzählen uns eigentlich nichts. Und dann gibt es die, die auf knapp über 100 Seiten eine Geschichte, die so tief geht, so voller kleiner bemerkenswerter Dinge ist, dass man am Ende das Gefühl hat, einen Tausendseiter gelesen zu haben. So ging es mir bei Robert Seethaler und so passierte es jetzt auch bei Sylvie Schenk, die uns in diesem schmalen Band ihre Geschichte erzählt.

Es ist die Geschichte der jungen Louise, die vom Land in die große Stadt Lyon kommt, um dort zu studieren, nicht ganz ohne Widerstände. Denn es sind die 60er Jahre und Frauen an der Universität sind noch nicht ganz so selbstverständlich, wie man vielleicht meint.
Es entstehen die ersten tiefen Freundschaften, ja es sind sogar Ausländer unter ihren Freunden, ein Chinese von den Philippinen, ja gar ein Deutscher.

Nach einer kurzen Leidenschaft mit einem französischen Mitstudent, der seine Eltern im Krieg verloren hat und ein akribischer Aufzeiger und Erinnerer der dunklen deutschen Vergangenheit ist, verliebt sich die Louise tatsächlich in den Deutschen. Dass davon nicht nur ihr Verflossener, sondern auch ihre Eltern schockiert sind, ist leicht vorstellbar, der Krieg und das Elend sitzen tief.

Doch gegen alle Widerstände heiraten die beiden und Louise zieht es nach Deutschland, nicht ohne vorher auf die dunkle Vergangenheit des Schwiegervaters gestoßen worden zu sein, den hochgebildeten Mann, den sie doch so verehrt. Doch entgegen aller Widrigkeiten will sich Louise nicht unterkriegen lassen, sich behaupten, denn:

‚Die Heimat besteht nicht aus Ländern und Städten, sondern aus Menschen die man liebt.‘

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, doch hörte ich dann das Hörbuch auf dem täglichen Weg zur Arbeit und war schnell gefangen von dieser Lebensgeschichte. Nicht zuletzt lag das sicher an der eindringlichen Erzählweise, ist das Buch doch komplett in der zweiten Person geschrieben. Sicher etwas gewöhnungsbedürftig, doch bist du dadurch praktisch die Person um die es geht. Du erzählst dir diese Geschichte, dieses Leben. Du musst dich darauf einlassen, denn diese Art des Erzählens ist nicht die bekannte, die du in 95% der Romane antriffst, doch es lohnt sich allemal.

Dass es zu großen Stücken das Leben der Sylvie Schenk ist, welches hier erzählt wird, lässt sich der Biografie der Autorin entnehmen und beeindruckt umso mehr, wenn man die Autorin einmal erlebt hat.

Einhundertsechzig Seiten, ein Leben, im Schnelldurchgang, mit Tiefgang. Ein Buch das ich euch sehr ans Herz legen möchte. Umso mehr, als dass es ja aus meinem eigentlichen Leseschema ein bisschen ausbricht. Die 16€ für dieses Hardcover sind praktisch geschenkt, sind doch da über 1000 Seiten drin versteckt und es ist definitiv ein Buch, das hängenbleibt.

ISBN 9783446253315 – 16,-€
eISBN 9783446254190 – 11,99€
Hörbuch
9783864843952 – 19,99€

Erschienen im Hanser Verlag, Juli 2016
160 Seiten, gebunden

 

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Ein neues Zuhause für die Kellergeigers – Jean-Claude Grumberg

kellergeiger

(c) Jacoby & Stuart

Heute mal was ganz anderes: ein Kinderbuch. Wer dazu mal ein Proseminar besucht hat, wird wissen, dass man sich da erstmal einigen muss, was ein Kinderbuch ist. Von Kindern geschrieben, oder für Kinder? Oder ganz anders. Und wer ist Kind und wann hört das Kindsein auf?

Bei diesem Buch spielt das eigentlich gar keine Rolle, denn es ist ein klassischer All-Age Titel (was jetzt sicher ein Widerspruch ist, Verlagsmenschen werden verzweifelt aufheulen).

Jean-Claude Grumberg erzählt die Geschichte der Kellergeiger, einer Familie, die zum Völkchen der Kellergeiger gehören. Kellergeiger gibt es überall auf der Welt und sie leben mitten unter uns. Und doch gehören sie irgendwie nicht dazu.

Weil diejenigen, die nur dort zuhause sind, wo sie geboren sind und nirgendwo anders, die Kellergeiger nicht mögen. Auch die nicht, die in ihrer Nähe geboren sind.

Sie sind die ewig Ausgegrenzten, sie sind wie du und ich. Ausgegrenzt ohne wirklichen Grund, einfach nur weil. Sie sind auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich endgültig zu Hause fühlen können und durchwandern daher ein Land nach dem anderen, oft mehr unfreiwillig als freiwillig, werden in Rollen gepresst, die nicht zu ihnen passen, die ihnen gar schaden.
Es ist eine exemplarische Geschichte über Xenophobie, eine Geschichte über besorgte Menschen und ihre Angst vor dem vermeintlich Fremden, erzählt aus der Perspektive der Ausgegrenzten.

„Warum müssen oder sollten die Kellergeiger ein K über der Nasenwurzel tragen?“
„Damit man sie erkennt.“
„Damit man sie erkennt?“
„Ja, ohne das K kann man sie nicht erkennen.“

In jedem Land werden sie anders behandelt, und doch werden sie immer als anders behandelt.

Das beste Mittel gegen Angst vor dem Fremden ist, das Fremde zu etwas Bekanntem zu machen. Denn jeder von uns ist irgendwo fremd.
Als kleine Hilfestellung gibt es diese nette kleine Buch für Kinder von 10 bis 110 Jahren, das noch dazu mit tollen Illustrationen von Ronan Badel gestaltet ist.

Als Anschlusslektüre (und auch sonst immer) empfehle ich: Hiob von Joseph Roth

ISBN 9783941787223

Erschienen im Verlagshaus Jacoby & Stuart, März 2016
Aus dem Französischen übertragen von Edmund Jacoby
Originaltitel: Les Vitalabri
96 Seiten, gebunden

€ 12,95

Zur Leseprobe

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Einschlägig bekannt – Dominique Manotti

einschlägig

(c) Argument Verlag

Dominique Manotti schreibt die besten französischen Krimis. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Das ist immer treffsicher, düster, rasant und nah an der Realität.

In Einschlägig bekannt geht es um einen Pariser Vorstadtbezirk, ein Teil der Stadt, der auch gerne unter dem Begriff der Banlieue (Bannmeile) generalisiert wird. Das die Bezeichnung nichts Gutes verheißt, liegt auf der Hand.

Wir folgen hier einer Gruppe korrupter Polizisten, die sich mit Schutzgelderpressung bei Prostituierten ein Zubrot verdienen. Doch es geht nicht nur ums Geld, wie so oft geht es natürlich auch um Macht.
Parallel dazu wird aus der Perspektive von zwei Neulinge in eben jenem Polizeirevier erzählt. Isabelle wird direkt am ersten Tag von einem Kollegen sexuell belästigt und für Sebastién geht es ins sogenannte ‚Heulbüro‘, wo Bürger ihre Beschwerden und Anzeigen vorbringen dürfen.
Sebastién ist hier schnell desillusioniert, denn die Anzeigen werden für die Statistik abgearbeitet. Da möchte beispielsweise eine Frau ihren Mann anzeigen, da er sie schlägt und sie Angst um ihre Kinder hat. Doch ‚zwei geschlagene Frauen an einem Tag‘ – schlecht für die Statitik. So wird die Frau mit Kaffee und Keksen abgespeist und nach Hause geschickt – was sich später noch als fatale Fehlentscheidung herausstellen wird.
Für Isabelle geht es bald auf Streife und sie wird Zeuge von willkürlichen Kontrollen, Gewalt und Machtmissbrauch ihrer Kollegen.

Und natürlich gibt es da auch noch die ‚Oberschicht‘: Comissaire LeMuir ist der aufgehende Stern am Himmel der Polizeielite, mit klar politischen Ambitionen. Sie ist die Chefin des Komissariates und versucht die politische Linie des Innenministers in spe durchzusetzen, der die Randbezirke reinigen will. Da werden unter anderem baufällige Häuser angezündet, in denen Flüchtlinge und verarmte leben. Selbstverständlich ist das ‚Bauland‘ schon an Investoren verkauft und die Gabäude eine Gefahr für Bewohner und öffenliche Hygiene.

Schließlich taucht auch noch Noria Ghozali auf, arabischstämmige Französin, die versucht, die korrupten Polizisten zu überführen und sich dabei nicht immer ganz legaler Mittel bedient. Eigentlich die Serienfigur Manottis, sind die Hauptfiguren in diesem Buch andere.

Manotti hat ein gutes Gespür für authentische Figuren und überdreht deren Darstellung nicht. Jedes einzelne Wort nimmt man ihr ab. Und bei all der Dramatik des Stoffes macht das Lesen dennoch Spaß.
An der Aktualität der Banlieue-Dramatik, Gebieten die mit dem Reiseführer-Paris so ganz und gar nichts zu tun haben, hat sich auch im Jahr 2015 nicht viel geändert.
Schon vor zehn Jahren sorgte das Thema für große Aufmerksamkeit, als zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafohäuschen starben und daraufhin Unruhen ausbrachen und Sarkozy die Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger säubern wollte.
Und wieder zehn Jahre zuvor (1995) drehte Mathieu Kassovitz den Film ‚Hass‘, der das Leben einer Gruppe Jugendlicher in eben den abgehängten sozialen Problemorten der Pariser Vorstadt thematisiert, an dem man schon  gut die Pulverfassqualität französicher Innenpolitik ablesen konnte.

Also merken: Dominique Manotti. Steht ganz weit oben auf der Liste des politischen hardboiled Krimis. Bei mir zumindest.

Und jetzt nachholen am Bildschrim: ‚Hass‘ gucken. Und wenn ihr korrupte Cops mögt: die französische Serie ‚Braquo‘.

Bibliografisches:

9783867541985

Erschienen im Argument Verlag, November 2011
Aus dem Französischen übertragen von Andrea Stephani
Originaltitel: Bien connu des services des polices
256 Seiten, Taschenbuch

€ 12,90

Auch für’s elektronische Lesen zu haben: Einschlägig bekannt.

Kategorien: Action, französische Literatur, Krimi, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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