Geschichte

Schnell, ein Tausendseiter

leben

(c) Hanser

Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die schreiben dicke Bücher und erzählen uns eigentlich nichts. Und dann gibt es die, die auf knapp über 100 Seiten eine Geschichte, die so tief geht, so voller kleiner bemerkenswerter Dinge ist, dass man am Ende das Gefühl hat, einen Tausendseiter gelesen zu haben. So ging es mir bei Robert Seethaler und so passierte es jetzt auch bei Sylvie Schenk, die uns in diesem schmalen Band ihre Geschichte erzählt.

Es ist die Geschichte der jungen Louise, die vom Land in die große Stadt Lyon kommt, um dort zu studieren, nicht ganz ohne Widerstände. Denn es sind die 60er Jahre und Frauen an der Universität sind noch nicht ganz so selbstverständlich, wie man vielleicht meint.
Es entstehen die ersten tiefen Freundschaften, ja es sind sogar Ausländer unter ihren Freunden, ein Chinese von den Philippinen, ja gar ein Deutscher.

Nach einer kurzen Leidenschaft mit einem französischen Mitstudent, der seine Eltern im Krieg verloren hat und ein akribischer Aufzeiger und Erinnerer der dunklen deutschen Vergangenheit ist, verliebt sich die Louise tatsächlich in den Deutschen. Dass davon nicht nur ihr Verflossener, sondern auch ihre Eltern schockiert sind, ist leicht vorstellbar, der Krieg und das Elend sitzen tief.

Doch gegen alle Widerstände heiraten die beiden und Louise zieht es nach Deutschland, nicht ohne vorher auf die dunkle Vergangenheit des Schwiegervaters gestoßen worden zu sein, den hochgebildeten Mann, den sie doch so verehrt. Doch entgegen aller Widrigkeiten will sich Louise nicht unterkriegen lassen, sich behaupten, denn:

‚Die Heimat besteht nicht aus Ländern und Städten, sondern aus Menschen die man liebt.‘

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, doch hörte ich dann das Hörbuch auf dem täglichen Weg zur Arbeit und war schnell gefangen von dieser Lebensgeschichte. Nicht zuletzt lag das sicher an der eindringlichen Erzählweise, ist das Buch doch komplett in der zweiten Person geschrieben. Sicher etwas gewöhnungsbedürftig, doch bist du dadurch praktisch die Person um die es geht. Du erzählst dir diese Geschichte, dieses Leben. Du musst dich darauf einlassen, denn diese Art des Erzählens ist nicht die bekannte, die du in 95% der Romane antriffst, doch es lohnt sich allemal.

Dass es zu großen Stücken das Leben der Sylvie Schenk ist, welches hier erzählt wird, lässt sich der Biografie der Autorin entnehmen und beeindruckt umso mehr, wenn man die Autorin einmal erlebt hat.

Einhundertsechzig Seiten, ein Leben, im Schnelldurchgang, mit Tiefgang. Ein Buch das ich euch sehr ans Herz legen möchte. Umso mehr, als dass es ja aus meinem eigentlichen Leseschema ein bisschen ausbricht. Die 16€ für dieses Hardcover sind praktisch geschenkt, sind doch da über 1000 Seiten drin versteckt und es ist definitiv ein Buch, das hängenbleibt.

ISBN 9783446253315 – 16,-€
eISBN 9783446254190 – 11,99€
Hörbuch
9783864843952 – 19,99€

Erschienen im Hanser Verlag, Juli 2016
160 Seiten, gebunden

 

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Bauernopfer für die Entmündigung

1000augen

(c) Droemer

Nächste Woche wird ja bekanntlich der neue König von Amerika gekrönt, sicher ein Grund, sich mit entsprechenden Büchern zu unterhalten. Wenn es noch dazu eine Art Happy-End gibt, ist der Eskapismus zumindest grob bedient und wir können beruhigt schlafen gehen. Naja, eine Woche noch.

Das Buch, welches ich am Montag buchstäblich verschlungen habe (vormittags gestartet, abends beendet) ist klar beeinflusst von einem der prägenden Männer unserer Generation: Edward Snowden (ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass der Snowden-Skandal einmal mit Dreyfus auf einer Stufe behandelt werden wird).

‚Das Haus der Tausend Augen‘ ist schon mal ein ziemlich reißerischer Titel, aber er hat schon seine Berechtigung. Es geht um ein Bauernopfer, wie der Titel schon sagt. Gary Golay ist der stellvertretende Stabschef im Weißen Haus und in dieser Funktion verantwortlich, ein Gesetz zur Einschränkung der Überwachung und dem möglichen Missbrauch der gesammelten Daten durch den Kongress zu bringen. Durch gute Lobbyarbeit ist es ihm gelungen, eine Mehrheit für das Gesetz zu gewinnen. Doch „wenn sein Gesetz tatsächlich den Kongress passiert hätte, hätten eine Menge Leute eine Menge ihrer Macht abgeben müssen. Noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatten machtbewusste Menschen Einschnitte hingenommen, ohne etwas dagegen zu unternehmen„. Also soll Gary beseitigt werden. Durch wilde Verknüpfung von gesammelten Geheimdienstdaten, Zurechtbiegung und Frisieren von Fakten, wird Gary ein Mord in die Schuhe geschoben und er ist von einem auf den anderen Tag ein Schwerverbrecher und Gejagter.
Verzweifelt verucht er sich zu entlasten und bekommt dabei sogar die Hilfe eines Whistleblowers.

Das Buch ist dermaßen temporeich und spannend geschrieben, dass ich leider an diesem Montag zu gar nichts anderem gekommen bin, als dieses Buch zu lesen. Vielleicht bin ich aber auch einfach sehr empfänglich für gut geschriebene Krimi-Unterhaltung mit aktuell-politischem Bezug. Es passt auch perfekt, dass ich derzeit die Serie ‚Designated Survivor‚ schaue, die ein doch sehr verwandten Plot hat. Für mich passte hier einfach alles zusammen. Knaller!

Ergänzend sei noch hinzugefügt, dass Ben Berkeley zwar ein amerikanischer Autor ist, allerdings ein Sohn deutscher Einwanderer und auch auf deutsch schreibt, und daher eine sehr europäische Sichtweise auf das Thema Überwachung hat. Bezugnehmend auf ein Zitat von Keith Alexander, Direktor der NSA interpretiert er:

Die Maßgabe war es, den größtmöglichsten Heuhaufen anzulegen, um in Zukunft möglichst viele Nadeln finden zu können.

Aus unserer Nach-Wahl-Sicht würde das Buch wohl einige Kapitel früher enden, so aber bekommen wir noch ein recht versöhnliches Ende serviert, bei dem paradoxerweise sogar mit Trumps Slogan gespielt wird (das Buch ist Anfang 2015 erschienen):

Wir haben uns heute hier versammelt, um die Angst zu besiegen. Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir einen gemeinsamen Glauben haben. Den Glauben, dass Amerika besser ist als die Summe seiner Teile. Den Glauben, dass Amerika größer ist als die Länge seiner Grenzen, größer als die Höhe seiner Gebäude.

Heute würde man vielleicht eher sagen, dass die Angst nicht besiegt wurde, sondern gesiegt hat.

Das Haus der Tausend Augen – Ben Berkeley

ISBN 9783426304228

Erschienen im Verlag Droemer-Knaur, März 2015
442 Seiten, Klappenbroschur

€ 14,99

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Raumpatrouille – Matthias Brandt

raumpatrouille

(c) Kiepenheuer & Witsch

Ich lasse mich gerne eines besseren belehren. So ging es mir bei diesem schmalen Büchlein. Beim Durchschauen der Vorschauen und Leseexemplare im Frühsommer blieb der Band von Matthias Brandt aufgrund des mich nicht neugierig machenden Klappentextes, dem mir unbekannten Autor und dem merkwürdigen Cover links liegen. Nachdem bei Erscheinen begeisterte Kunden mir von diesem Buch erzählten und vom Interview in der ZEIT berichteten, nahm ich Raumpatrouille jetzt doch noch mal zur Hand und habe es nicht bereut.

Das Buch erzählt Geschichten einer Kindheit am Rhein, in einer mittelgroßen Stadt. Es sind Geschichten eines Kindes in einem großen Haus, man mag oft denken, das Kind wohnt dort allein, aber dann taucht doch ab und an ein schemenhafter Vater am Ende des Korridors auf. Und natürlich sind da die Wachleute, die das Grundstück bewachen – denn der Vater ist Regierungschef. Das Kind ist sich selbst überlassen, kurvt mit dem Bonanza-Rad durch den Garten, der standesgemäß so groß ist, das er nicht Garten, sondern Park heißt. Doch natürlich geht es auch über die Grenzen des Parkes hinaus, auch wenn das eigentlich verboten ist; doch das Verbotene – wer kennt das nicht – ist immer auch das Reizvollste. Und Grenzen ausreizen ist das Ziel eines jeden Kindes, sehen, wie weit man gehen kann.

Zwischen wechselnden Hobbys und in Flammen aufgehenden Kinderzimmern muss auch der etwas merkwürdige Herr Lübke nebenan gestriegelt zum Kakao besucht werden. Es gibt missglückte Versöhnungsfahrradausflüge mit Vaters Arbeitskollegen, endlose Autofahrten mit der Mutter in den fernen Norden und schmerzhaftes Heimweh beim langersehnten ersten Übernachten beim Schulfreund.

All diese Geschichten sind unterlegt von einem Gefühl des Aufbruchs, der Krieg liegt beinah eine Generation zurück, Menschen fliegen ins All; die Zukunft ist zum Greifen nah – und sei es nur in Form eines Plastikraumanzuges, unerlaubterweise gekauft vom Schulbuchgeld. Wer braucht schon Bildung, wenn er Astronaut sein kann?! Ein Kind darf wieder Kind sein.

Die vierzehn Geschichten sind so einprägsam erzählt, dass man sich in vielen selber wiederfinden kann, auch wenn man nicht im gleichen Jahrzehnt aufwuchs und nicht Kanzlersohn ist.

Wir gehen auf Raumpatrouille mit Armstrong, Aldrin, Collins (Achtung: Tränenalarm!) auf dem Mond.
Wir gehen auf Raumpatrouille mit einem Kind in dem großen leeren Haus, das dennoch Heimat ist, in dem doch hinter der gepolsterten Doppeltür am Ende des Korridors ein Vater leise schnarcht, der dir doch vorliest, wenn du ihn darum bittest.Wir gehen auf Raumpatrouille mit Matthias Brandt in die Kindheit, in der man schon mal vor existentiellen Problemen steht:

Wieder und wieder überlegte ich, ob es mich wirklich selbst gab oder ob ich mir meine Existenz nur einbildete.

Matthias Brandt hat mich mit beeindruckenden Texten beeindruckt, mit fein geschliffener Sprache, mit leichtem Humor, der bei beinahe jeder Geschichte ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. War mir der Name bisher unbekannt, hat er sich nun in mein inneres Kinderzimmer gebrannt. Alles bereit für den Zaubertrick, Herr Brandt? Ich mache mir schon mal eine große Tasse Kakao.

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, September 2016
ISBN 9783462045673
176 Seiten, gebunden
€ 18,-

eISBN 9783462316384
€ 16,99

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Bühlerhöhe – Brigitte Glaser

bühlerhöhe

(c) Ullstein

Auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz meine Lieblingsliteratur (der Verlag hat diesen Titel in die Marketingkampagne Kopfkino aufgenommen, die sich an Leserinnen 60+ richtet), aber ein Buch, das ich dennoch sehr gern gelesen habe.

Wir befinden uns in der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein Kibbuz in Israel. Rosa bekommt den Auftrag, nach Deutschland zu reisen um Kanzler Adenauer zu beschützen. Rosa ist keine Agentin, Rosa gehört nicht zum Militär; mit Deutschland verbindet sie nur ihre Vergangenheit, eine Vergangenheit, die sie längst begraben hat. Dieses Land hat beinahe ihre gesamte Familie vernichtet. Doch ist sie in dem Moment scheinbar die einzige greifbare Person, die Deutsch spricht – immerhin ist sie in Köln aufgewachsen – und die den Schwarzwald sehr gut kennt, hat sie doch hier mit der Familie immer ihre Ferien verbracht.
Denn hierhin soll sie ihre Mission führen – im edlen Hotel Bühlerhöhe wir Kanzler Adenauer seine Ferien verbringen und dort droht ihm Gefahr. Eine jüdische Extremistengruppe trachtet dem Kanzler nach dem Leben, da er im Bundestag das umstrittene Wiedergutmachungsgesetz durchsetzen will, durch welches dem jungen israelischen Staat größere Summen deutschen Geldes zukommen sollen. Für die Gruppe ein Freikaufen von der Schuld, der nicht akzeptierbar ist.

Rosa wird also als mit der Lokalität vertraute auf die Bühlerhöhe geschickt, dort soll sie sich mit dem Agenten Ari treffen, der die Leitung der Mission übernehmen soll.
Die Reise nach Deutschland wird für Rosa in mehr als einer Hinsicht zu einer großen Herausforderung. Ein Land, in das sie niemals zurückkehren wollte und das doch voller auch schöner Erinnerungen steckt.
Beinahe kannman hier in der Schwarzwald-Idylle die verheerende Zeit der Nazi-Herrschaft vergessen.  Anders als in „Landgericht“ von Ursula Krechel merkt man beinahe nichts von der düsteren Vergangenheit des Landes, hier sind die Städte nahezu intakt geblieben, keine Spuren der Zerstörung sichtbar.

Doch wird der Aufenthalt für Rosa kein Zuckerschlecken. Ihr Partner, der erfahrene Agent, trifft nicht ein, die Hausdame auf der Bühlerhöhe spioniert ihr nach, es tauchen Schatten aus der Vergangenheit auf – jedoch nicht nur für Rosa. Auch für Sophie, die Hausdame, die ihr Fähnlein gerne mit dem Wind wehen lässt, was ihr die Verbannung aus der allzu nahen Heimat Strassburg eingebracht hat.
Außerdem ist da noch Agnes, die junge Auszubildende eines nahen Landgasthofes, die ein wichtiges verbindendes Element der Geschichte darstellt und eine ganz eigene naive Sicht auf die Begebenheiten dieses Sommers hat.
Kurz: in der Sommerfrische tummeln sich Geheimdienstler, Feriengäste, Handelsleute mit dubiosem Hintergrund und viele dunkle Schatten.

Brigitte Glaser hat mich mit einem Buch überrascht, das einen guten Land-Kontrast zu Krechels „Landgericht“ bietet, allerdings auch einen ungemein spannenden Agententhriller abgibt. Das Nachkriegsdeutschland ist für mich generell ein sehr interessantes Thema, leider etwas unterrepräsentiert in der derzeitigen Literatur (umso mehr freue ich mich auch auf das im November erscheinende neue Buch von Mechtild Borrmann).
Noch dazu erfahren wir eine Menge über die Flucht von Rosa und ihrer Schwester aus Deutschland, über das Leben im jungen Israel und über das schwierige Verhältnis der Geflüchteten zu ihrer einstigen Heimat Deutschland.

Die drei Hauptfiguren sind ausnahmslos weiblich und dabei so verschieden, dass es einen nur so durch die Geschichte hindurch zieht. Die verschiedenen Erzählperspektiven ergänzen sich sehr gut und geben einen differenzieten Blick auf die Geschichte, wobei die Sympathieträgerin eindeutig Rosa ist. Die naive Agnes regte mich das ein oder andere Mal mit ihrer Art wirklich auf und für Sophie kann man am Ende fast schon Mitleid empfinden, sie möchte nur das Beste für sich und scheitert dabei immer wieder aufs Neue und lässt sich von den Herren gnadenlos ausnutzen, in dem Glauben, man tue etwas für sie.

Mich hat Brigitte Glaser mit diesem Plot sehr gut unterhalten, genau die richtige Mischung aus Geschichte, Spannung und Einzelschicksalen, die glaubwürdig umgesetzt sind. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack, auch wenn ich als Mann weit unter 60 scheinbar nicht zur Zielgruppe gehöre.

ISBN 9783471351260

Erschienen im List Verlag, August 2016
448 Seiten, gebunden
€ 20,00

eISBN 9783843713757
€ 16,99


 

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Atom – Stephanie Cooke

atom

(c) KiWi

Heute vor 30 Jahren wurde der Welt vor Augen geführt, dass auch eine ‚zivile‘ Nutzung der Atomkraft keineswegs sicher ist, sondern ebenso zu Tod und Verderben führt, wie die militärische. Doch Tschernobyl war nicht der erste und nicht der letzte GAU.

Dieses Buch, dass vor Jahren eher zufällig zu mir kam, erzählt detailliert die Geschichte des nuklearen Zeitalters. Es führt uns vor Augen, dass eine zivile Nutzung nie ohne die militärische zu haben war, ist und sein wird. Stephanie Cooke hat intensiv recherchiert und schildert bekannte Katastrophen ebenso wie verschwiegene und solche, bei denen wir harscharf am Unglück vorbeigeschrammt sind. Wir erfahren von Verstrickungen der Industrie mit dem Militär, von dubiosen Geschäften und der allgegenwärtigen Gefahr der schmutzigen Bombe. Es geht, wie so oft, auch hier um Macht.

Das Ganze klingt jetzt vielleicht etwas trocken, ich kann euch aber versichern, dass das Buch spannend ist wie ein Thriller, wie eine Mischung aus Spionage- und Wirtschaftskrimi. Trotz der unglaublichen Fülle an Informationen wurde mir bei der Lektüre nie langweilig. Wohl auch, weil das ein Thema ist, das uns alle immer beschäftigen sollte. Nicht nur an Jahrestagen, sondern immer wieder. Atom ist eines der besten Sachbücher, die ich bisher gelesen habe!

Die allgegenwärtige Gefahr wird ignoriert, es werden marode Reaktoren wieder in Betrieb genommen, wie gerade wieder in Belgien geschehen. Ja es gibt sogar Länder, die neue Atomkraftwerke planen und bauen – auch mit deutscher Beteiligung (soviel zum deutschen Atomausstieg!)

30 Jahre Tschernobyl und wir haben nichts gelernt. Erschreckend!

ISBN 9783462043730

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, April 2011
Aus dem Englischen übertragen von Hans G. Holl
Originaltitel: In mortal hands
592 Seiten, Taschenbuch

€ 9,99

Auch erhältlich zum digitalen Lesen.

Was jeder tun kann:

Wenn ihr lieber was belletristisches zum Thema Tschernobyl lesen wollt, empfehle ich Mechthild Borrmanns ‚Die andere Hälfte der Hoffnung‘.

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Blutsbrüder – Ernst Haffner

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(c) Metrolit

Als erstes und vor allem anderen einen riesigen Dank an Peter Graf für die Wiederauflage dieses Buches! Es ist beinahe nichts bekannt über den Autoren Ernst Haffner und dies ist sein einziges Werk. Doch eines das aus der Masse der Titel heraussticht, zumindest heute, über 80 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen.

Zwischen den Weltkriegen lebten tausende Kinder in den Straßen deutscher Großstädte, elternlos, obdachlos – bedingt durch Krieg und Wirtschaftskrise.
Ernst Haffner erzähhlt von einer Gruppe dieser Kinder, der Clique Blutsbrüder, die sich als Kleinkriminelle über Wasser halten, von einem Tag zum nächsten leben, von der Hand in den Mund, froh wenn sie auf einer verlausten Matratze die Nacht verbringen können anstatt unter freiem Himmel.
Alle Kinder unter 21 Jahren wurden damals in Heime gesteckt, um der Verwahrlosung vorzubeugen, dem Abdriften in kriminelle Kreise. Doch wie man das von Gefängnissen hört, waren auch diese Heime eher für Gegensätzliches gut. Und der unbedingte Wille zur Flucht, der Drang zur Freiheit dieser Jugendlichen war unbändig. Doch einmal geflohen aus dem Erziehungsheim, war man quasi als Krimineller auf Listen der Polizei und konnte ohne entsprechende Papiere auch keine legale Arbeit annehmen. Was blieb also anderes übrig, als die Kriminalität. Und wer kein Talent beim Taschendiebstahl hatte, der verkaufte eben seinen Körper.

Anhand der Clique der Blutsbrüder zeigt Haffner uns einige dieser Schicksale exemplarisch auf und man merkt, dass er als Sozialaarbeiter gearbeitet hat und sicher eng mit solchen Jungen zu tun hatte, ist seine Geschichte doch unglaublich authentisch, bildlich geschrieben, als wäre man dabei gewesen. Blutsbrüder ist die dreckige, proletarische Seite der Goldenen Zwanziger, ist Leben auf der Straße, Schlafen in Streusandkisten.
Blutsbrüder ist der schale Bierrest in einer Kneipe im Münzviertel, während am Ku’damm zu Champagner und Kaviar getanzt wird.

Was aus diesen Jungen im aufdämmerden Faschismus geworden ist, bleibt unserer Fantasie überlassen. Ebenso, wie der Bezug zu unserer heutigen Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet, in der mehr und mehr Leute auf der Straße leben (oder geht das nur mir so, dass ich immer mehr Obdachlose und Bettelnde sehe?).

Nicht zuletzt ist Blustbrüder ein Zeitdokument europäischer Geschichte und ein großartiges Stück deutsche Literatur. Gerade erschien nach der englischen auch eine italienische Ausgabe.

ISBN 9783849300685

Erschienen im Metrolit Verlag, August 2013
240 Seiten, gebunden

€ 19,99

Für’s kleine Geld gibt es inzwischen auch schon eine Taschenbuchausgabe im Aufbau Verlag und außerdem ein Hörbuch, und eine ebook-Ausgabe.

Das Buch wird auch auf  54books und auf Literaturtourismus zur (Schul)-Lektüre empfohlen.

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Kolbe – Andreas Kollender

kolbe

(Pendragon)

‚Tue das Richtige und habe keine Angst.‘

Mit diesem Satz seines Vaters im Kopf kommt Fritz Kolbe zurück in ein Deutsches Reich, das seines nicht mehr ist. In Afrika hat er als Vizekonsul gearbeitet, doch das war unter dem Kaiser, jetzt regiert da dieser kleine Schreihals mit dem lächerlichen Bart. Schon auf der Überfahrt wird Kolbe schikaniert und verschanzt sich letzlich im Maschinenraum, auch der Konsul verlässt seine Kabine nicht mehr, wird doch Schiff und Besatzung von den selbst ernannten Herrenmenschen drangsaliert. Sein Vorgesetzer erhoffte sich einen regulativen Einfluss durch die Rückkehr ins Reich. Leider müssen beide schnell feststellen, dass diese Hoffnung vergeblich war.

Wo sich der Konsul ins innere Exil zurückzieht, arbeitet Kolbe trotz allem weiter für das Auswärtige Amt, dient sich hoch und sitzt schließlich auch ohne Parteiabzeichen an sensibler Stelle im Vorzimmer des Botschafters von Günther. Lange Zeit verhält er sich ruhig, kämpft mit sich, den Satz seines Vaters immer im Kopf. Als er eine Botenfahrt zur deutschen Gesandschaft nach Bern machen soll, sieht er endlich eine Gelegenheit. Über einen alten Freund stellt er Kontakt zu den Amerikanern her und schmuggelt die erste Ladung geheimer Dokumente in die Schweiz.

Der erste Kontakt, die ersten Informationen, die erste Reise ist die schlimmste. Jede Minute fürchtet er sich zu verraten, in eine Falle zu gehen. Mit jeder Reise nach Bern setzt er sein Leben aufs Spiel, immer wieder wird ihm eiskalt bewusst, dass er nur ein Amateur ist und es auf allen Seiten mit Profis zu tun hat – amerikanische, russische, britische Spione, Gestapo, Sicherheitsdienst, SS. Der kleine deutsche Beamte Fritz Kolbe mit brisanten Dokumenten mitten unter ihnen. Und wohl gerade wegen seiner alltäglichen Unscheinbarkeit mit einem Narrenbonus versehen.

Eingebettet in ein Interviewszenario, in dem zwei junge Journalisten Kolbe Jahre nach dem Krieg in seiner selbstgewählten Einsamkeit in den Schweizer Bergen aufsuchen, um seine Geschichte zu erfahren, erzählt Andreas Kollender uns die beinahe unglaubliche Geschichte des Fritz Kolbe, der vom einfachen Beamten zum wichtigsten Spion für die Amerikaner im Deutschen Reich wird. Seine Informationen sind auch in Washington nur wenigen zugänglich, in der Regel gehen sie direkt an den Präsidenten.

Doch ist ‚Kolbe‘ kein reiner Spionageroman, erzählt er doch auch vom Alltag in einem zerbombten Berlin, vom Leben in einer Stadt, die sich in ein Trümmerfeld verwandelt hat. ‚Kolbe‘ ist auch das Portät eines Menschen, der sich auf einsamem Posten gegen ein Unrecht stellt, das ihn vollends umgibt und in dem er trotz allem leben muss. Ein Mensch, der in eine tiefe Krise stürzt, als durch seine Infomationen ein alter Freund stirbt, der daran fast verzweifelt.

Andreas Kollender hat mit diesem fesselnden Roman ein belletristisches Denkmal für Fritz Kolbe geschaffen, einen Mann dem sein Mut, sein Engagement im eigenen Land nie gedankt wurde. Es ist auch derzeit das einzige Buch mit dem Thema auf dem Markt, die Kolbe-Biographie von Delattre ist leider bei Piper nicht mehr lieferbar.
Fast jeder in Deutschland kennt Stauffenberg, den Mann der als Mitglied der Wehrmacht die NS-Ideologie lange Zeit mitgetragen hat; für ihn gibt es Gedenkstätten, -tafeln, Würdigungen, ja Hollywood-Verfilmungen. Wer kennt schon Fritz Kolbe?

ISBN 9783865324894
eISBN 9783865325013

Erschienen im Pendragon Verlag, Juli 2015

 

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I am not animal – Hammed Khamis

khamis

(Frohmann)

Geflüchtete haben in Europa weniger Rechte als Tiere. Denk mal drüber nach.

Als Hammed Khamis im Internet ein Video aus dem sogenannten Dschungel von Calais sieht, weiß er – er muss da hin. Er will die Kirche aus Plastik sehen, die sich die Geflüchteten dort gebaut haben.

Und wo viele nur reden, setzt er sich ins Auto und fährt da hin. Seine Erlebnisse berichtet er auf einem Blog, der jetzt in Buchform erschienen ist.

Es mutet an, als würde er hier im Raum sitzen und erzählen, von den Menschen auf die er trifft, Menschen, die seine Freunde werden, wie er immer wieder betont. Menschen in Not, Menschen die vor Hunger und Krieg geflohen sind, vor Verfolgung, vor dem Elend, vor dem Tod.
In Calais hat sich ein Slum gebildet, ein Dschungel wie sie ihn nennen, denn er wuchert wild über die Dünen am in der Nähe des Eingangs zum Eurotunnel. Diese Menschen stauen sich hier, sie wollen nach England, auf die rettende Insel.

Entweder England oder den Tod. Wir sind doch eh tot, wenn die uns in den Sudan abschieben.

Aber nicht nur aus dem Sudan kommen die Menschen im Dschungel von Calais. Sie kommen auch aus Afghanistan, Iran, Eritrea, Somalia, von überall dort, wo das Leben nicht sicher ist.

Manche haben ihr Todesurteil sogar schriftlich dabei. Warum erhalten solche Leute kein Asyl? Sie haben für eine Sache, die in Europa nicht mal illegal ist, die Todesstrafe bekommen. Welchen Grund für Asyl gibt es, der dringender ist?

Diese Fragen muss man sich stellen, muss man stellen an die Politik, an die Gesellschaft! Mit diesem Buch stellt Hammed Khamis diese Fragen und noch viele mehr. Am Ende des Buches schmeißt er uns diese Fragen ins Gesicht. Eine Ganze Seite lang. Es ist an uns allen, die Antworten zu geben.

Hammed schildert seine Erlebnisse eindrücklich; beeindruckend nah kamen mir bei der Lektüre die einzelnen Schicksale, und nicht nur einmal bin ich mit dem Autor den Tränen nahe. Der Dschungel von Calais, die Schande von Calais.
Doch trifft Hammed in Calais nicht nur auf Geflüchtete, er trifft auch Helfende, Menschen die von überall her kommen um den Menschen dort zu helfen, ihnen beizustehen. Er trifft aber auch auf Journalisten, die safari-gleich auf Drive-By-Fotos des Elends aus sind, er trifft auf knüppelnde Polizisten und auf eben jene Menschen, für die die Geflüchteten, Schutzbedürftigen nur Vieh sind, ein großes, störendes Ärgernis.

Mich kostet es vierzehn Euro, um durch den Eurotunnel zu kommen. Mein Freund Mima wird dafür vielleicht mit seinem Leben bezahlen.

eISBN 9783944195766
ISBN 9783944195780

Erschienen im Frohmann Verlag, Januar 2016
99 Seiten

Als ebook zu haben, für gut angelegte 4,99€.

Die gedruckte Ausgabe gibt es für 13,00 €.

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Königreich der Dämmerung – Steven Uhly

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(c) Secession Verlag

Es kommt spät im Jahr, aber doch ganz passend. Denn nun ist ja die Zeit der Bestenlisten, der tollsten Tollheiten des Jahres.
So also auch hier: dies ist es, mein absolutes Lesehighlight des Jahres 2014. Das Königreich der Dämmerung von Steven Uhly. Begeistert hat er mich schon mit dem Vorgänger ‚Glückskind‚. Doch dieses hier nenne ich jetzt mal sein Meisterwerk – Was soll denn danach noch kommen, Herr Uhly?!

Erzählt wird auf diesen fast 700 Seiten die Geschichte von Vertriebenen, Getriebenen und Suchenden, nach dem 2. Weltkrieg wurden diese Menschen Displaced Persons genannt. Und das wird mit einer so unglaublich beeindruckenden Sprache erzählt, dass dies wohl das Buch mit den meisten Markierungen in meinem Regal ist.
Das startet schon mit dem ersten Satz:

Er war einem hageren kleinen Mann in abgetragener Kleidung gefolgt, der niederträchtig genug schien, ein paar seiner Landsleute zu verraten.

Wir befinden uns in der Bukowina, im Grenzgebiet des heutigen Rumänien zur Ukraine. Zum Leidwesen des Folgenden wird der hagere kleine Mann aber keinen seiner Landsleute verraten, sondern vielmehr den Sturmbannführer Treitz um sein Leben bringen. Erschossen von Margarita, die sich daraufhin bei deutschen Aussiedlern verstecken kann, erst unter den Bodendielen, später im Keller und dort auch ein Kind gebiert, die kleine Lisa. Sie wird später und für einen großen Teil Ihres Lebens Lisa Kramer heißen, denn das ist der Name des Ehepaars, bei dem sich Margarita versteckt hat. Und nur Frau Kramer und Lisa werden es bis nach Deutschland schaffen, wo sie als Großmutter und Enkelin leben werden, bis zu dem Moment, an dem Lisa von Ihrer Vergangenheit erfährt.

Neben den ‚beiden‘ Kramers folgen wir aber auch der Geschichte von Obersturmbannführer Josef Ranzner, der in der Nähe der Kramer in einem Ort residiert und sich eine jüdische Haussklavin hält. Der Sturmbannführer Treitz war einer seiner Lieblinge und er wird fortan einer Wiedergeburt Treitz‘ suchen. Ranzner kann in den Nachkriegswirren unter falschem Namen ebenso nach Deutschland entkommen und taucht dort unter, ja arbeitet sogar beim Geheimdienst.

Und ebenso geht es hier um Anna, Ranzners Jüdin. Auch sie entkommt den letzten Zuckungen dieses Krieges und landet in einer Gruppe von jüdischen Flüchtlingen, die Palästina als Ziel haben.

Anna hatte ganz krumm vor Kälte in ihrem Sitz gesessen, die Arme umeinandergeschlungen, und hatte versucht, sich unvorstellbar viele tote Menschen vorzustellen. Vor Ihrem inneren Auge war eine Ebene aus Leibern bis zum Horizont entstanden, die Ebene hatte sich hochgewölbt, immer weiter, und war zu einem unbesteigbar hohen Berg geworden. Wo sind die jetzt alle, hatte sie sich gefragt und an die Wiedergeburt gedacht, in einem anderen Leben, als sie noch die Anna war, die sie kannte, nicht die fremde Frau, die jetzt in diesem Auto neben einem Juden saß, der sie nach Palästina bringen wollte, weil das seine Sache war, neben einem Juden, der genauso viele Deutsche ermorden wollte, wie die Deutschen Juden umgebracht hatten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, Welches Gleichgewicht, fragte Anna sich, Auf welcher Waage?

Lisa, Anna und Josef Ranzner, das sind die drei Hauptfiguren dieses Panoramas eines zerstörten Kontinentes nach dem Weltkrieg. Von Lagerleben in Flüchtlingscamps, von Wohnungsnot und zerbombten Städten. Vom Wiederaufbau, von neu oder wieder entstehenden jüdischen Gemeinden schreibt Uhly ebenso wie vom entstehenden israelischen Staat auf palästinensischem Gebiet, und wie dem Krieg Entkommene dort in den nächsten Krieg schlittern.

Die Geschichte spannt einen Bogen vom letzten Kriesjahr bis in die 60er/70er Jahre des 20. Jahrhunderts und bietet noch so viel mehr, als das hier kurz Angerissene. Neben den inhaltlichen Aspekten, die wohl einen literarisch eher unbefleckten Kapitel der Geschichte behandeln, die Geschichte der Flüchtlinge nach dem 2.Weltkrieg, erwächst die Größe dieses Buches auch aus seiner einzigartigen poetischen Sprache. Uhly bewegt sich auf dem manchmal recht schmalen Grad zwischen Prosa und Lyrik, teilweise verschwimmen die Grenzen (da wird schon mal ein Celan-Zitat in den Text eingestreut). Hut ab, Herr Uhly!

Für mich also definitiv das Buch des Jahres 2014. Leider mit keinem der großen Literaturpreise bedacht. Aber wer braucht schon das offizielle Juryurteil zur Qualität eines Buches? Dieses Urteil kann man sich am Besten immer noch selbst bilden.

(Beim Schreiben dieses Artikels überkommt mich auch schon wieder Lust, das Buch direkt noch einmal zu lesen. Jetzt heißt es hart bleiben, der SuB ist riesig, ihr kennt das…). Für euch aber gibt es noch die Möglichkeit, jungfräulich in dieses Meisterwerk einzutauchen, am Besten sofort!

Auch für die Klappentexterin ist dies übrigens eines der herausragendsten Bücher des Jahres. Und ebenso begeistert war auch Masuko13. Sie hate außerdem die Gelegenheit, mit Steven Uhly ein kurzes, sehr interessantes Interview zu führen: Im Gespräch mit Steven Uhly

Bibliografisches

ISBN 9783905951417

Erschienen im Secession Verlag, August 2014
655 Seiten, gebunden

€ 29,95

Auch erhältlich zum Lesen auf dem elektronischen Lesegerät, was bei diesem Buch zweite Wahl sein sollte: Das ge-epubte Königreich der Dämmerung

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Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

(c) Droemer Knaur

Mechthild Borrmann scheint es mit der osteuropäischen Geschichte zu haben. Gut so, mich interessiert das auch. Schon in ihrem letzten Buch Der Geiger ging es um osteuropäische Geschichte, so auch in Die andere Hälfte der Hoffnung.
Und Mechthild Borrmann ist Meisterin im Erzählen dieser Geschichte. Genau wie im Geiger wählt sie mehrere Erzählstränge. Insgesamt sind es vier, wobei einer in einen der anderen eingebunden ist.

Doch erstmal zur Geschichte: alles beginnt damit, dass Matthias Lessmann einem durchgefrorenen Mädchen hilft, die offensichtlich von zwielichtigen Männern verfolgt wird. Matthias lebt allein auf einem kleinen Hof in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze, und dass das Mädchen gerade bei ihm auftaucht, wird sich später noch als nicht ganz so zufällig herausstellen. Das Mädchen kommt aus der Ukraine, war Zwangsprostituierte und ist auf der Flucht vor ihren Unterdrückern.

Der zweite Erzählstrang ist in der sogenannten Entfremdungszone verortet, ein Gebiet mit einem 30km-Radius rund um das ehemalige Kernkraftwerk ‚Lenin‘ in der Nähe der ukrainischen Stadt Tschernobyl. Dort lebt Walentyna, ebenfalls allein, in einem kleinen Häuschen, das nicht ihres ist, das sie aber zu ihrem gemacht hat. In der Zone leben insgesamt nur etwa 200 Personen. Sie atmen giftige Luft, essen giftiges Gemüse aus giftiger Erde. Doch hier ist ihr zuhause, auch das Walentynas. Hier hat sie Ruhe gefunden und hier beginnt sie auch, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. In einem Schulheft schriebt sie über ihre Eltern, ihre Kindheit in der Sowjetunion, die nicht immer problemlos verlief, von Mangelwirtschaft in der Planwirtschaft, aber auch von den schönen Erinnerungen schreibt sie, wie wir sie wohl alle kennen.
Und schnell ist das dann die Geschichte der Stadt Prypjat, die eigens für die Arbeiter des neuen Kernkraftwerkes entsteht und in der es all das gibt, woran es in den umliegenden Dörfern mangelt. Es ist dann die Geschichte von Walentyna und Hlib, ihrer großen Liebe, der in eben jenem Kraftwerk arbeitet. Und in dem es dann zur großen Katastrophe kommt. Sie schreibt diese Geschichte für ihre Tochter auf, die nach Deutschland gereist ist zum Studium und von der sie seitdem nichts mehr gehört hat.

Walentyna beginnt mit einem neuen Bleistift in das leere Heft zu schreiben:
Meine liebe Kateryna, es war die Hoffnung, die meinen Verstand getrübt hat. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber Hoffnung – das habe ich viel zu spät verstanden – ist ein lähmendes Gift, das uns ausharren lässt.
Am Ende wird das Heft voll sein und der Bleistift leer. Und der letzte Satz wird lauten: Ich warte.

Und schließlich ist es die Geschichte von Leonid Kyian, einem idealistischen Milizionär, der in einer neugeschaffenen Einheit die Fälle von verschwundenen Mädchen untersucht, der aber allzu bald einsehen muss, dass sich trotz Unabhängigkeit der Ukraine, trotz politischer Reformen und Demokratie, am System eigentlich nichts geändert hat – wer Geld und Beziehungen hat, der bestimmt die Geschicke des Landes und damit auch der Menschen. Trotz der Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, kommt Leonid organisiertem Menschenhandel auf die Spur und macht sich schließlich auf nach Deutschland.

Zwangsprostitution, Kernschmelze, Vertreibung, Korruption, Menschenhandel – das klingt nach schwerer Thematik, doch Mechthild Borrmann packt das in einen so großartigen Text, dass ich das Buch innerhalb von einem Tag durchgelesen habe (mit bisschen schlafen zwischendrin).
Wie sie vom Leben in der weiten Einsamkeit der Entfremdungszone schreibt, wo nachts die Wölfe vor dem Gartentor heulen, einer Gegend von der ein Soldat an einer Stelle sagt: Väterchen, in den Dörfern kann man nicht mehr leben, nur sterben. Kontaminiert aufgrund von Maßlosigkeit, ist das Fazit des Vaters. Und da schwebt immer der Gedanke mit, dass dieses Risiko bei jedem Kerkraftwerk besteht (siehe Fukushima, 25 Jahre nach Tschernobyl), und dass all das leicht auch anderswo hätte passieren können, passieren kann.
Mit dieser Mischung aus Kriminalroman, Familien- und Zeitgeschichte hat Borrmann, zumindest bei mir, absolut einen Nerv getroffen. Danke für dieses Buch Frau Borrmann.

P.S. Als Ergänzungslektüre empfehle ich das spannend geschriebene Sachbuch Atom von Stephanie Cooke.

P.S.S. Hier gibt es einen Bericht zu Borrmanns Recherchereise in die Ukraine: Mechthild Borrmann hat die andere Hälfte der Hoffnung gesucht

Bibliografisches:

ISBN 9783426281000

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, September 2014
312 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch als epub und zum Hören auf CD und als Download-Datei zu haben.

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Geschichte, Krimi, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , | 3 Kommentare

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