reportage

Cut my life into pieces

leavitt

(c) Beltz

Ein Buch über Alzheimer, noch dazu ein Sachbuch, ist nichts, was normalerweise auf meiner Leseliste landet. Doch dieses hier ist in eine Ausnahme, denn es ist in grafischer Form erzählt.
Zuerst sind es die kleinen Dinge, abgetan als normale Vergesslichkeit. Man kennt das aus so ziemlich jeder Geschichte zum Thema Alzheimer. Die Angst, das Verleugnen. Doch als klar wird, dass ihre Mutter an Alzheimer erkrankt ist, beschließt Sarah Leavitt das Voranschreiten der Krankheit zu dokumentieren. Doch daraus wird viel mehr, es wird nicht nur die Geschichte einer kranken Frau, sondern ebenso das Porträt einer Familie, die vor die schwierigste aller Aufgaben gestellt wird, das langsame Verschwinden eines geliebten Menschen zu begleiten, der doch physisch immer noch in ihrer Mitte ist, und das ganze ohne dabei selbst zu zerbrechen.

Mit dünnem Strich und ohne viel Schnickschnack erzählt Leavitt von der Jugend der Mutter und deren zwei Schwestern, die unzertrennlich sind, ganz im Gegensatz zu ihr selbst und ihrer Schwester, die eher wie Öl und Wasser sind.

Es sind vor allem die kleinen Episoden, die dieses Buch so sympathisch machen und es von den reinen Krankheitsberichten abhebt (neben der grafischen Umsetzung natürlich). Etwa als die Schwestern mit der Mutter im Regen stehen, mit offenem Mund und herausgestreckter Zunge. Oder wie Sarah beim Anblick der Haarknäuel (tangles) ihrer Mutter und der Tante im Badezimmer beinahe in Tränen ausbricht.

Beeindruckend, wie die Familie sich um die Mutter kümmert und dabei ganz offensichtlich an ihre Grenzen stößt. Das führt unter anderem dazu, dass sich der Vater eine Auszeit nimmt und für einige Zeit nach Mexiko reißt, um dem täglichen ‚Wahnsinn‘ zu entfliehen.
Bis fast zum Ende verweigert sich die Familie professioneller Hilfe und nimmt die Pflege ausschließlich in die eigenen Hände, auch wenn das eigene Leben unweigerlich darunter leidet.
Wäre jeder von uns dazu auch in der Lage. Wäre ich dazu in der Lage?, fragte ich mich immer wieder bei der Lektüre.
Das Ende las ich schließlich mit unvermeidlich feuchten Augen.

Ein beeindruckender Bericht; gewagt und – gelungen.

Das große Durcheinander – Sarah Leavitt
ISBN 9783407859686

Erschienen im Beltz Verlag, März 2013
Aus dem Englischen übertragen von Andreas Nohl
Originaltitel: Tangles: A story about Alzheimer’s, my mother and me
128 Seiten, gebunden

€ 19,95

Kategorien: Graphic Novel, Nordamerikanische Literatur, reportage, Sachbuch | Schlagwörter: , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Atom – Stephanie Cooke

atom

(c) KiWi

Heute vor 30 Jahren wurde der Welt vor Augen geführt, dass auch eine ‚zivile‘ Nutzung der Atomkraft keineswegs sicher ist, sondern ebenso zu Tod und Verderben führt, wie die militärische. Doch Tschernobyl war nicht der erste und nicht der letzte GAU.

Dieses Buch, dass vor Jahren eher zufällig zu mir kam, erzählt detailliert die Geschichte des nuklearen Zeitalters. Es führt uns vor Augen, dass eine zivile Nutzung nie ohne die militärische zu haben war, ist und sein wird. Stephanie Cooke hat intensiv recherchiert und schildert bekannte Katastrophen ebenso wie verschwiegene und solche, bei denen wir harscharf am Unglück vorbeigeschrammt sind. Wir erfahren von Verstrickungen der Industrie mit dem Militär, von dubiosen Geschäften und der allgegenwärtigen Gefahr der schmutzigen Bombe. Es geht, wie so oft, auch hier um Macht.

Das Ganze klingt jetzt vielleicht etwas trocken, ich kann euch aber versichern, dass das Buch spannend ist wie ein Thriller, wie eine Mischung aus Spionage- und Wirtschaftskrimi. Trotz der unglaublichen Fülle an Informationen wurde mir bei der Lektüre nie langweilig. Wohl auch, weil das ein Thema ist, das uns alle immer beschäftigen sollte. Nicht nur an Jahrestagen, sondern immer wieder. Atom ist eines der besten Sachbücher, die ich bisher gelesen habe!

Die allgegenwärtige Gefahr wird ignoriert, es werden marode Reaktoren wieder in Betrieb genommen, wie gerade wieder in Belgien geschehen. Ja es gibt sogar Länder, die neue Atomkraftwerke planen und bauen – auch mit deutscher Beteiligung (soviel zum deutschen Atomausstieg!)

30 Jahre Tschernobyl und wir haben nichts gelernt. Erschreckend!

ISBN 9783462043730

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, April 2011
Aus dem Englischen übertragen von Hans G. Holl
Originaltitel: In mortal hands
592 Seiten, Taschenbuch

€ 9,99

Auch erhältlich zum digitalen Lesen.

Was jeder tun kann:

Wenn ihr lieber was belletristisches zum Thema Tschernobyl lesen wollt, empfehle ich Mechthild Borrmanns ‚Die andere Hälfte der Hoffnung‘.

Kategorien: Geschichte, Politik, politthriller, reportage, Sachbuch, Thriller, Uncategorized | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

Blutsbrüder – Ernst Haffner

metblutsbrueder-1

(c) Metrolit

Als erstes und vor allem anderen einen riesigen Dank an Peter Graf für die Wiederauflage dieses Buches! Es ist beinahe nichts bekannt über den Autoren Ernst Haffner und dies ist sein einziges Werk. Doch eines das aus der Masse der Titel heraussticht, zumindest heute, über 80 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen.

Zwischen den Weltkriegen lebten tausende Kinder in den Straßen deutscher Großstädte, elternlos, obdachlos – bedingt durch Krieg und Wirtschaftskrise.
Ernst Haffner erzähhlt von einer Gruppe dieser Kinder, der Clique Blutsbrüder, die sich als Kleinkriminelle über Wasser halten, von einem Tag zum nächsten leben, von der Hand in den Mund, froh wenn sie auf einer verlausten Matratze die Nacht verbringen können anstatt unter freiem Himmel.
Alle Kinder unter 21 Jahren wurden damals in Heime gesteckt, um der Verwahrlosung vorzubeugen, dem Abdriften in kriminelle Kreise. Doch wie man das von Gefängnissen hört, waren auch diese Heime eher für Gegensätzliches gut. Und der unbedingte Wille zur Flucht, der Drang zur Freiheit dieser Jugendlichen war unbändig. Doch einmal geflohen aus dem Erziehungsheim, war man quasi als Krimineller auf Listen der Polizei und konnte ohne entsprechende Papiere auch keine legale Arbeit annehmen. Was blieb also anderes übrig, als die Kriminalität. Und wer kein Talent beim Taschendiebstahl hatte, der verkaufte eben seinen Körper.

Anhand der Clique der Blutsbrüder zeigt Haffner uns einige dieser Schicksale exemplarisch auf und man merkt, dass er als Sozialaarbeiter gearbeitet hat und sicher eng mit solchen Jungen zu tun hatte, ist seine Geschichte doch unglaublich authentisch, bildlich geschrieben, als wäre man dabei gewesen. Blutsbrüder ist die dreckige, proletarische Seite der Goldenen Zwanziger, ist Leben auf der Straße, Schlafen in Streusandkisten.
Blutsbrüder ist der schale Bierrest in einer Kneipe im Münzviertel, während am Ku’damm zu Champagner und Kaviar getanzt wird.

Was aus diesen Jungen im aufdämmerden Faschismus geworden ist, bleibt unserer Fantasie überlassen. Ebenso, wie der Bezug zu unserer heutigen Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet, in der mehr und mehr Leute auf der Straße leben (oder geht das nur mir so, dass ich immer mehr Obdachlose und Bettelnde sehe?).

Nicht zuletzt ist Blustbrüder ein Zeitdokument europäischer Geschichte und ein großartiges Stück deutsche Literatur. Gerade erschien nach der englischen auch eine italienische Ausgabe.

ISBN 9783849300685

Erschienen im Metrolit Verlag, August 2013
240 Seiten, gebunden

€ 19,99

Für’s kleine Geld gibt es inzwischen auch schon eine Taschenbuchausgabe im Aufbau Verlag und außerdem ein Hörbuch, und eine ebook-Ausgabe.

Das Buch wird auch auf  54books und auf Literaturtourismus zur (Schul)-Lektüre empfohlen.

Kategorien: Aufbau, Belletristik, Deutsche Literatur, Geschichte, Politik, reportage | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

I am not animal – Hammed Khamis

khamis

(Frohmann)

Geflüchtete haben in Europa weniger Rechte als Tiere. Denk mal drüber nach.

Als Hammed Khamis im Internet ein Video aus dem sogenannten Dschungel von Calais sieht, weiß er – er muss da hin. Er will die Kirche aus Plastik sehen, die sich die Geflüchteten dort gebaut haben.

Und wo viele nur reden, setzt er sich ins Auto und fährt da hin. Seine Erlebnisse berichtet er auf einem Blog, der jetzt in Buchform erschienen ist.

Es mutet an, als würde er hier im Raum sitzen und erzählen, von den Menschen auf die er trifft, Menschen, die seine Freunde werden, wie er immer wieder betont. Menschen in Not, Menschen die vor Hunger und Krieg geflohen sind, vor Verfolgung, vor dem Elend, vor dem Tod.
In Calais hat sich ein Slum gebildet, ein Dschungel wie sie ihn nennen, denn er wuchert wild über die Dünen am in der Nähe des Eingangs zum Eurotunnel. Diese Menschen stauen sich hier, sie wollen nach England, auf die rettende Insel.

Entweder England oder den Tod. Wir sind doch eh tot, wenn die uns in den Sudan abschieben.

Aber nicht nur aus dem Sudan kommen die Menschen im Dschungel von Calais. Sie kommen auch aus Afghanistan, Iran, Eritrea, Somalia, von überall dort, wo das Leben nicht sicher ist.

Manche haben ihr Todesurteil sogar schriftlich dabei. Warum erhalten solche Leute kein Asyl? Sie haben für eine Sache, die in Europa nicht mal illegal ist, die Todesstrafe bekommen. Welchen Grund für Asyl gibt es, der dringender ist?

Diese Fragen muss man sich stellen, muss man stellen an die Politik, an die Gesellschaft! Mit diesem Buch stellt Hammed Khamis diese Fragen und noch viele mehr. Am Ende des Buches schmeißt er uns diese Fragen ins Gesicht. Eine Ganze Seite lang. Es ist an uns allen, die Antworten zu geben.

Hammed schildert seine Erlebnisse eindrücklich; beeindruckend nah kamen mir bei der Lektüre die einzelnen Schicksale, und nicht nur einmal bin ich mit dem Autor den Tränen nahe. Der Dschungel von Calais, die Schande von Calais.
Doch trifft Hammed in Calais nicht nur auf Geflüchtete, er trifft auch Helfende, Menschen die von überall her kommen um den Menschen dort zu helfen, ihnen beizustehen. Er trifft aber auch auf Journalisten, die safari-gleich auf Drive-By-Fotos des Elends aus sind, er trifft auf knüppelnde Polizisten und auf eben jene Menschen, für die die Geflüchteten, Schutzbedürftigen nur Vieh sind, ein großes, störendes Ärgernis.

Mich kostet es vierzehn Euro, um durch den Eurotunnel zu kommen. Mein Freund Mima wird dafür vielleicht mit seinem Leben bezahlen.

eISBN 9783944195766
ISBN 9783944195780

Erschienen im Frohmann Verlag, Januar 2016
99 Seiten

Als ebook zu haben, für gut angelegte 4,99€.

Die gedruckte Ausgabe gibt es für 13,00 €.

Kategorien: Deutsche Literatur, Geschichte, Politik, reportage, Sachbuch | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

In den Straßen die Wut – Ryan Gattis

all involved

(c) Rowohlt

Puh. Noch ist kein ganzer Monat in diesem Jahr vergangen, schon kommt das erste Highlight: Es erscheint In den Straßen die Wut in der deutschen Übersetzung bei Rowohlt. Und was für ein Buch das ist! Ein Buch wie eine abgesägte Schrotflinte. Ungeheure Einschlagskraft, große Streuweite und hinterlässt böse Narben.

Wie ich jetzt im Nachhinein gelesen habe, hat Ryan Gattis selbst im Gangmilieu von L.A. recherchiert, was wohl keine so einfache Sache ist, da die Chicano-Gangs gerne unter dem Radar fliegen, nicht viel mit Fame am Hut haben. Er hätte dann natürlich ein Sachbuch aus dem Material machen können, aber das wäre sicher nur halb so gut geworden.

Schnell das Setting: im April 1992 brechen in L.A. verheerende Unruhen aus, nachdem der Prozess wegen unnötiger Gewaltanwendung von vier Polizisten gegen Rodney King zu einem lächerlichen Abschluss kommt. In der Folge wird über eine Woche hinweg geplündert, Feuer gelegt und es kommt zu über 10.000 Verhaftungen und immerhin 60 direkt den Unruhen zugeschriebenen Todesfällen.
Der Verlag Picador hat zum Buch eine sehr informative Seite zusammengestellt, die ihr hier findet: www.lariotsallinvolved.com

Doch wenn eine Stadt in Anarchie versinkt, ist das natürlich auch eine optimale Gelegenheit, um alte Rechnungen zu begleichen.

Anhand von 17 miteinander verknüpften Charakteren bringt uns Gattis die 6 Tage Ausnahmezustand blutig real vor Augen. Es sind Geschichten von Vergeltung, von Aussichtlosigkeit; voller Gewalt, Drogen, Wahnsinn und trotz allem auch Hoffnung und sogar Liebe. Die meisten der Protagonisten sind chicanos, also mexikanisch-stämmige Gangmitglieder. Ursprünglich wollte Gattis wohl nur aus ihrer Sicht erzählen, doch letztendlich gibt es auch die Kapitel der Krankenschwester, des Feuerwehrmannes, des Obdachlosen uvm.; die Gründe dafür könnt ihr wiederrum auf der oben genannten Seite nachlesen. Es ist also nicht jeder ‚all involved‘, wie der Originaltitel lautet und was soviel bedeutet, wie in einer der Gangs Mitglied zu sein. Und doch sind alle irgendwie all involved, kommt doch keiner vorbei an der Gewalt in diesen Tagen, am Chaos und der Verwüstung.

In den Straßen die Wut ist ein rauhes Buch, ein unglaublich lebendiges und authentisches Buch, nicht zuletzt durch die Sprache (hier kann ich jetzt nur für die englische Originalausgabe sprechen, der ein immerhin 7-seitiges Glossar mit Gangausdrücken und Übersetzungen anhängt).
Und was für ein Page-Turner! Mich hat das Buch über drei Tage nicht mehr losgelassen und hat es immer noch nicht.

Zwei Stimmen, denen ich mich ohne Einschränkung anschließe:

„All involved is a monumental achievement. Ryan Gattis takes the reader into the broken, outraged heart of L.A. during the ’92 riots and doesn’t blink once at what he finds there.“ Dennis Lehane

„All involved is a symphonic, pitch-perfect, superlative novel. It is visceral and adrenalin-fuelled, yet tender and even darkly comic. It is audicious, unflinching and subversive. It doesn’t judge. It swallowed me whole.“ David Mitchell

Oder wie der Verlag das auf den Punkt bringt: Ein Roman wie ein Tarantino-Film, ein Gewaltexzess, ein Experiment, ein Buch ohne Vorbild.

ISBN 9783499270406 €16,99
eISBN 9783644546516 €14,99

Erschienen im Rowohlt Verlag, Januar 2016
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Ingo Herzke
Originaltitel: All Involved (gibt es im epub auch als Fortsetzungsroman in 6 Kapiteln)
608 Seiten, Klappenbroschur

Kategorien: Belletristik, Krimi, Nordamerikanische Literatur, reportage, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 9 Kommentare

Gehen, ging, gegangen – Jenny Erpenbeck

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

(c) Knaus Verlag

„We become visible“ haben sie auf ein Schild geschrieben, die Männer, die vor dem Roten Rathaus in Hungerstreik getreten sind. Es sind Heimatvertriebene aus aller Herren Länder. Geflüchtet vor Krieg, geflüchtet vor Hunger, geflüchtet vor Zukunftslosigkeit. Angekommen in einem Land, in dem sie als Problem angesehen werden.

„We become visible“ ist auch gleichzeitig der größte Verdienst dieses Buches: den Geflüchteten ein Gesicht geben, ihre Geschichte zu erzählen. Wovor sind sie geflüchtet? Was hat das mit ihnen gemacht? Wie werden sie behandelt, in einem Land, dass selbst einen Anteil hat, an den Gründen ihrer Flucht?!

Richard ist die Hauptfigur in diesem Buch, Universitätsprofessor a.D., der mehr durch Zufall über den Protest am Roten Rathaus stolpert, der sich aus Kuriosität beginnt, mit den Männern zu beschäftigen. Auch Richard ist ein Mann, der sein Land verloren hat; von einem auf den anderen Tag wechselte er damals die Identität vom Bürger des real existierenden Sozialismus, in einen der sozialen Marktwirtschaft. Immer noch ist sein Leben mit ersterem verbunden, in sein Bewusstsein eingraviert die vielen Dinge, die früher anders hießen, anders liefen – und doch eigentlich nicht wirklich anders sind. Sein Trauma ist ein friedliches – ganz im Gegensatz zu dem der Geflüchteten.

In langen Gesprächen erfahren wir deren Geschichten, mehr oder weniger zumindest, denn ein Trauma kann auch das Wegschließen von Erinnerungen bedeuten, das Blocken von Bildern, die einen sonst zermürben.
Woher Sie kommen, die Geflüchteten? Spielt das wirklich eine Rolle, wenn ein Schutzbedürftiger vor deiner Tür steht? Vor allem in einem Land, in dem immer wieder von den christlichen Grundwerten geredet wird, wenn es um die Vertriebenen geht. Ein Blick ins Neue Testament würde vielleicht helfen, sich daran zu erinnern, was diese Grundwerte denn eigentlich sind – vor allem den ‚christlichen‘ Parteien.

„Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen.
Ein sogenannter Asylbetrüger wäre also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss, geschweige denn darauf reagieren.“

Nicht zuständig. Die einfachste aller Ausreden. Und wenn man doch etwas tut, ist es Schweigen, oder Zeit schinden; die taktik der Zermürbung.

„In Wahrheit wollen Sie vom Senat überhaupt nichts. In Wahrheit wollen sie auf Arbeitssuche gehen und sich ihr Leben selbst organisieren, so wie jeder, der bei Kräften bei Verstand ist. Diejenigen aber, die dieses Gebiet bewohnen, erst seit ungefähr 150 Jahren heißt es Deutschland, verteidigen ihr Revier mit Paragraphen, mit der Wunderwaffe der Zeit hacken sie auf die Ankömmlinge ein, stechen ihnen mit Tagen und Wochen die Augen aus, wälzen die Monate über sie hin, und wenn sie dann noch immer nicht still sind, geben sie ihnen, vielleicht, drei Töpfe in verschiedenen Größen, einen Satz Bettwäsche und ein Papier, auf dem Fiktionsbescheinigung steht.“

Eine eigentliche Handlung fehlt dem Roman. Eher ist es eine lange Reportage, die uns vor Augen führt, was für die Presse nicht relevant genug ist. Ich habe viel über Asylrecht gelernt, über den Umgang der Bürokratie mit den Einzelschicksalen und durch die Augen Richards einen Blick auf das Weltgeschehen, auf die dunklen Seiten der Globalisierung geworfen.

Die Schicksale der Menschen stehen hier im Vordergrund. Hier bekommen sie Namen, ein Gesicht, Erinnerungen (‚break the memory‘) und Hoffnungen. Hier sind sie nicht der Strom von Tausenden zu Fuß auf der Autobahn, nicht die Masse von bunten Klamotten auf einem überfüllten Schlauchboot, oder eine Kosten- Leistungsaufstellung.

„We become visible“. Aber es bleibt noch viel zu tun.

ISBN 9783813503708

Erschienen im Knaus Verlag, September 2015
352 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch als ebook erhältlich.

Da die Thematik keine neue ist, und uns sicher auch noch lange begleiten wird, gibt es einiges an Literatur. Eine kleine Auswahl sei hier noch genannt:

Und auch das Kino hat seit dieser Woche einen Beitrag zum Thema:

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Deutscher Buchpreis DBP, Knaus, reportage | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nerdazine

Der Blog für den gepflegten Weltuntergang und Nerdkultur

Literature Displays

Lesen gefährdet die Dummheit

Papiergeflüster

Das minimalistische Buchblog

lesewucht.de

Bücher. Die bleiben.

crimealley

"There is a splinter of ice in the heart of a writer." (Graham Greene)

crimealley

Just another WordPress.com site

Der Pendragon Blog

Lesen gefährdet die Dummheit

Photographierer

Bonjour Tristesse - Stadt-Landschaften

Literaturen

Lesen gefährdet die Dummheit

buchrevier

last man reading

Zeilensprünge.

Blog für Literarisches

masuko13

Leidenschaftliche Leserin und Bloggerin guter Romane.

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Die dunklen Felle

Krimis und Schafe - und Felle (oder Fälle?)

Zoë Beck

Blog, Infos, alles.

brasch & buch

unlimited

Poesierausch

Literatur- und Kulturblog

Packing books from boxes...

... von der Suche nach dem Glück auf dem Boden eines Kartons (und andernorts)

Die Leserin

Bücher und Kaffee. Und die Welt ist fast in Ordnung.

Polar Noir

Lesen gefährdet die Dummheit

Biographilia

inspiring people next door

AstroLibrium

Die kleine literarische Sternwarte

Feiner reiner Buchstoff

von den üblichen Verdächtigen

reingelesen

pars pro toto

buecherrezension

Literaturen der Welt in Wort und Bild

Wissenstagebuch

Eine Gabel für die Suppe der Weisheit

Wortgestalten

Buchtipps, Reiseberichte und was mir sonst noch einfällt

Wort & Tat

Anne Kuhlmeyer

Libroscope

Blog über Literatur und Film

GET CHANGED!

hier finden Sie Infos zu fairer Mode, ethical fashion, grüner Mode

Mit dem Fahrrad in und um Köln

Lesen gefährdet die Dummheit

KrimiLese

Crime & Thrill

Krimimimi

Lesen gefährdet die Dummheit

Was soll ich lesen? - Bücherblog

Lesen gefährdet die Dummheit

Besser lesen

Besser mal was lesen. Was Besseres lesen. Die besseren Menschen lesen.

Elementares Lesen

Sachbuch-Blog

Die fabelhafte Bücherwelt der Aliénor

Einfach mal wieder abtauchen

notizhefte

Kulturwebseite für Bücher, Museen und Ausstellungen, Oper und Konzert, Essen, Trinken und Sport

Krimi-Welt

Lesen gefährdet die Dummheit

Zeilenkino

Wo Film und Literatur sich treffen

A Readmill of my mind

"We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep."

zeilentiger liest kesselleben

Erkundungen in Stuttgart und anderswo - Skizzen, Buch, Film, Musik und Gastronomie

Logbuch Suhrkamp

Lesen gefährdet die Dummheit

beckmagdalena

50% Dies + 50% Das = Gnadenlose Popliteratur

literaturblog günter keil

Romane . Kurzgeschichten . Hörbücher . Autoren . Interviews . Lesungen

crimenoir

Krimi & Thriller: Über Altmeister und Newcomer

%d Bloggern gefällt das: