Beiträge mit dem Schlagwort: Drogen

In den Straßen die Wut – Ryan Gattis

all involved

(c) Rowohlt

Puh. Noch ist kein ganzer Monat in diesem Jahr vergangen, schon kommt das erste Highlight: Es erscheint In den Straßen die Wut in der deutschen Übersetzung bei Rowohlt. Und was für ein Buch das ist! Ein Buch wie eine abgesägte Schrotflinte. Ungeheure Einschlagskraft, große Streuweite und hinterlässt böse Narben.

Wie ich jetzt im Nachhinein gelesen habe, hat Ryan Gattis selbst im Gangmilieu von L.A. recherchiert, was wohl keine so einfache Sache ist, da die Chicano-Gangs gerne unter dem Radar fliegen, nicht viel mit Fame am Hut haben. Er hätte dann natürlich ein Sachbuch aus dem Material machen können, aber das wäre sicher nur halb so gut geworden.

Schnell das Setting: im April 1992 brechen in L.A. verheerende Unruhen aus, nachdem der Prozess wegen unnötiger Gewaltanwendung von vier Polizisten gegen Rodney King zu einem lächerlichen Abschluss kommt. In der Folge wird über eine Woche hinweg geplündert, Feuer gelegt und es kommt zu über 10.000 Verhaftungen und immerhin 60 direkt den Unruhen zugeschriebenen Todesfällen.
Der Verlag Picador hat zum Buch eine sehr informative Seite zusammengestellt, die ihr hier findet: www.lariotsallinvolved.com

Doch wenn eine Stadt in Anarchie versinkt, ist das natürlich auch eine optimale Gelegenheit, um alte Rechnungen zu begleichen.

Anhand von 17 miteinander verknüpften Charakteren bringt uns Gattis die 6 Tage Ausnahmezustand blutig real vor Augen. Es sind Geschichten von Vergeltung, von Aussichtlosigkeit; voller Gewalt, Drogen, Wahnsinn und trotz allem auch Hoffnung und sogar Liebe. Die meisten der Protagonisten sind chicanos, also mexikanisch-stämmige Gangmitglieder. Ursprünglich wollte Gattis wohl nur aus ihrer Sicht erzählen, doch letztendlich gibt es auch die Kapitel der Krankenschwester, des Feuerwehrmannes, des Obdachlosen uvm.; die Gründe dafür könnt ihr wiederrum auf der oben genannten Seite nachlesen. Es ist also nicht jeder ‚all involved‘, wie der Originaltitel lautet und was soviel bedeutet, wie in einer der Gangs Mitglied zu sein. Und doch sind alle irgendwie all involved, kommt doch keiner vorbei an der Gewalt in diesen Tagen, am Chaos und der Verwüstung.

In den Straßen die Wut ist ein rauhes Buch, ein unglaublich lebendiges und authentisches Buch, nicht zuletzt durch die Sprache (hier kann ich jetzt nur für die englische Originalausgabe sprechen, der ein immerhin 7-seitiges Glossar mit Gangausdrücken und Übersetzungen anhängt).
Und was für ein Page-Turner! Mich hat das Buch über drei Tage nicht mehr losgelassen und hat es immer noch nicht.

Zwei Stimmen, denen ich mich ohne Einschränkung anschließe:

„All involved is a monumental achievement. Ryan Gattis takes the reader into the broken, outraged heart of L.A. during the ’92 riots and doesn’t blink once at what he finds there.“ Dennis Lehane

„All involved is a symphonic, pitch-perfect, superlative novel. It is visceral and adrenalin-fuelled, yet tender and even darkly comic. It is audicious, unflinching and subversive. It doesn’t judge. It swallowed me whole.“ David Mitchell

Oder wie der Verlag das auf den Punkt bringt: Ein Roman wie ein Tarantino-Film, ein Gewaltexzess, ein Experiment, ein Buch ohne Vorbild.

ISBN 9783499270406 €16,99
eISBN 9783644546516 €14,99

Erschienen im Rowohlt Verlag, Januar 2016
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Ingo Herzke
Originaltitel: All Involved (gibt es im epub auch als Fortsetzungsroman in 6 Kapiteln)
608 Seiten, Klappenbroschur

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Kategorien: Belletristik, Krimi, Nordamerikanische Literatur, reportage, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 9 Kommentare

Das Kartell – Don Winslow

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Und durch. Doch noch. Nach dem unglaublich guten ‚Tage der Toten‚ haben wir alle darauf gewartet: die Fortsetzung. Denn wo der amerikanische Drogenkrieg weiter tobt, kann doch die Geschichte von Art Keller nicht einfach so zu Ende sein.

Und Don Winslow hat uns nicht enttäuscht, die Fortsetzung ist im Juni 2015 erschienen und präsentiert sich im Ziegelsteinformat in den Buchhandlungen. Das Cover erinnert stark an Roberto Savianos ‚ZeroZeroZero‚, was wohl Absicht ist, geht es doch im Grunde um das gleiche Thema.

Beide Bücher handeln vom sogenannten Krieg gegen die Drogen. In ‚Tage der Toten‚ folgen wir dem jungen DEA-Agenten Art Keller nach Mexiko in den späten 70ern, wo er mehr oder weniger erfolgrreich gegen die dortigen Drogenkartelle vorgeht. Aus Freunden werden Feinde, aus Feinden werden Freunde, und leider leider sind die Kartelle scheinbar mit der Hydra verwandt. Die Handlung des Buches erstreckt sich über drei Jahrzehnte und führt uns bis zum Ende des letzten Milleniums.

Doch: wo ich ‚Tage der Toten‚ in einem atemlosen Rutsch weglas, tat ich mich mit ‚Das Kartell‘ anfangs etwas schwer. Man merkt, dass Don Winslow jahrelang für das Buch recherchiert hat, doch leider begeht er hier den gleichen Fehler, der viele auch an Frank Schätzing stört: er muss auf Teufel komm raus auch jedes Fitzelchen Wissen im Buch unterbringen. Was leider den Lesefluss etwas stört. Fast schon liest sich das Buch wie ein Sachbuch, und man hofft, dass hier möglichst wenig der Wahrheit entspricht, wohl leider vergeblich. Die Süddeutsche Zeitung nannte ‚Das Kartell‘ daher auch „ein pervers beeindruckendes Thriller-Lexikon über den mexikanischen Drogenkrieg“. Wo es im ersten Buch hauptsächlich um den Kampf der US-Drogenbehörde gegen die Kartelle ging, steht hier eher der Kampf der Kartelle gegeneinander im Mittelpunkt.
Doch auch aus der Perspektive von Journalisten wird im Kartell erzählt – das Buch ist immerhin Ihnen gewidmet.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wenn man nicht konzentriert bei der Sache bleibt, kann allerdings schnell den Überblick verlieren über Allianzen, Zugehörigkeiten und wer gerade welches Gebiet hält. Das mag an dem Wust an Wissen liegen, oder aber auch der Materie geschuldet sein, denn das die Strukturen einfach zu durchschauen sind, glaube ich nicht. Dazu kommt auch noch, dass einige der Charaktere teilweise bei Spitznamen genannt werden. Das ist dann ein bisschen wie ‚Schuld und Sühne‘ lesen. Daher Respekt, dass zumindest der Autor den Überblick behalten hat (ein Personenverzeichnis mit Zugehörigkeiten wäre vielleicht ganz sinnvoll, was meint ihr?).

Die Lesbarkeit schmälernd ist auch der unglaublich hohe Body Count. Doch auch hier gestehe ich ein, dass der Krieg um einiges an Brutalität zugelegt hat.

Gut, dass ich das Buch dann doch nicht weggelegt habe, denn jetzt bin ich doch wieder begeistert von diesem ‚epischen Werk‘. Gut geschrieben ist es allemal, im bekannten Winslow-Stil der kurzen knackigen Sätze (was gewöhnungsbedürftig ist, wenn man parallel einen Autor liest, der genau das Gegenteil macht). Also nehmt euch Zeit für das Buch und lest es möglichst nicht nebenbei.
Und nicht zuletzt, weil Don Winslow hier ein Thema bearbeitet, dass ähnlich wie die weltweite Flüchtlingsmisere, uns alle mit angeht und viel zu wenig in der Öffentlichkeit stattfindet. Diese ganze Problematik reicht auch nach Europa herüber, wir sind einer der größten Märkte!
Es handelt sich hier um den längsten Krieg, den die USA bisher führte und ein Ende ist nicht in Sicht (dieser Tage ist gerade einer der Kingpins wieder aus dem Gefängnis ‚ausgebrochen‘, was dem Beginn des Buches sehr nahe kommt).
Es geht hier nicht nur um Drogen und Gewalt, es geht hier auch um Korruption, um Vertreibung, um Lobbyismus, um Marktanteile und Geldmacherei. Und warum führen die USA diesen Krieg im Nachbarland, wenn doch die Ursache vor der eigenen Haustür zu suchen ist? Angebot und Nachfrage bedingen sich bekanntlich.

Don Winslow ist zweifellos ein Experte auf diesem Gebiet. Kürzlich hat er einen offenen Brief an die US-Präsident und Senat veröffentlicht, den ihr hier nachlesen könnt: The only way to win the war on drugs is to stop fighting

Wer sich für die Thematik im weiteren Rahmen interessiert, dem seien neben den bereits erwähnten ‚Tage der Toten‚ und ‚ZeroZeroZero‚ noch ‚Die toten Frauen von Juárez‚ (einer meiner ersten Einträge hier), ‚Tequila Sunset‚ (ja, ich hab tatsächlich mal einen Artikel auf englisch geschrieben) und ‚La Frontera‚ (erscheint im November im Polar Verlag unter dem Titel Kojoten; derzeit nur in englisch bei betimes books) von Sam Hawken empfohlen.

Bibliografisches:

ISBN 9783426304297

Erschienen im Droemer Knaur Verlag, Juni 2015
Aus dem Englischen übertragen von Chris Hirte
Originaltitel: The Cartel
832 Seiten, Kartoniert

€ 16,99 (oder wie Stephen King sagt: „you pay fifteen bucks and get fifty bucks‘ worth of story“)

Auch erhältlich als ebook.

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Wüste der Toten – Urban Waite

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Ray ist nicht mehr der Jüngste. Ray hat schon bessere Tage gesehen, genau wie die Kleinstadt aus der er kommt und in der er sich jetzt zur Ruhe setzen will. Ein letztes Ding soll noch gedreht werden, fast schon mehr ein Gefallen, als wirklich notwendig. Doch die Sache geht gründlich schief und plötzlich steht Ray ziemlich alleine da, mit einer Horde schießwütiger Jungspunde an den Fersen. Einfach nur Pech, oder wollte man Ray auf subtile Weise loswerden?!

Das Strickmuster ist so einfach wie gut und erfolgreich, kennt man es doch aus unzähligen Western in der einen oder anderen Form. Und so kann man dieses Buch getrost einen Neo-Western nennen. Statt auf dem Pferd, sitzt man in quietschenden Pick-Ups und der Horizont ist gepickt mit rostigen Pferdekopfpumpen.

Die Wüste der Toten bietet vielleicht keinen literarischen Tiefgang, dafür aber beste Krimi-Unterhaltung aus dem trockenen heißen Süden der USA, grandiose Shootouts und jede Menge coole Typen, die sich gegenseitig ins staubige Grab bringen wollen.

Urban Waite muss sich nicht hinter James Lee Burke, Daniel Woodrell, oder Sam Hawken verstecken. Statt in eine Schublade kommen die bei mir alle in die rostige löchrige Öltonne mit dem Label Country-Noir und Border-Noir.

Bibliografisches:

ISBN 9783426507773

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, Februar 2014
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Marie-Luise Bezzenberger
Originaltitel: The Carrion Birds
348 Seiten, kartoniert

€ 9,99

Auch erhältlich als ebook und in der Originalausgabe(Print), und Originalausgabe(epub).

Kategorien: Action, Krimi, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Der letzte Polizist – Ben Winters

letzte polizist

(c) Heyne Verlag

‚Wieder ein Hänger!‘ denken alle, außer Detective Henry Palace. Ihm kommt die Sache komisch vor, auch wenn es stark nach Selbstmord aussieht. Und das wäre in Zeiten der Apokalypse auch nicht direkt abwegig.

Seit feststeht, das in Kürze der Asteroid 2011GV1, auch Maia genannt, auf der Erde einschlagen wird und nur noch der genaue Ort berechnet werden muss, häufen sich die Selbstmorde. Warum also sollte dieser hier keiner sein? Henry lässt die Sache jedoch nicht los und so macht er sich auf eigene Faust daran, die Sache aufzuklären. Ein Vorhaben, dass sich als nicht gerade einfach herausstellt, denn er ist offensichtlich so ziemlich der Einzige, der noch seiner Arbeit nachgeht. Um ihn herum ist die Gesellschaft längst in Auflösung begriffen. Wer sich nicht erhängt, erschießt oder im Drogenrausch abdriftet, der beschäftigt sich beispielsweise mit Aktmalerei in der Provence, segelt um die Welt oder fährt NASCAR-Rennen. Denn wenn das Ende naht, macht jeder das, was er schon immer mal machen wollte.
Für Henry Palace ist das: Verbrechen aufklären. Denn damit ist sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen – er ist ein Detective in der Abteilung Erwachsenenkriminalität. Und das trotz seines jungen Alters und der fehlenden Erfahrung. Der Asteroid macht’s möglich.

Und genau das tut er dann auch, alleine zwischen lauter Verrückten, Depressiven, Jesus-Freaks und langsam abdriftenden Kollegen. Das ist eine ebenso unterhaltsame wie spannende Lektüre und am Ende ist es dann doch nicht so, wie man dachte.
Dieser Krimi, auch wenn er im Prinzip ein klassischer ist (Leiche-> Wer war’s?) hat halt eben das gewisse Etwas. Und das heißt hier: Apokalypse.

‚Der letzte Polizist‘ war eher eine Zufallsentdeckung; klang ganz interessant, stand dann aber lange ungelesen im Regal. Zu Unrecht! Umso mehr freute ich mich gerade, als ich entdeckte, dass Mr. Ben Winters sogar noch zwei Fortsetzungen geschrieben hat.

Hell yeah! Apokalypse now!

 

Bibliografisches:

ISBN 9783453534513

Erschienen im Heyne Verlag, Dezember 2013
Aus dem amerikanischen Engllisch übertragen von Peter Robert
Originaltitel: The Last Policeman
349 Seiten, kartoniert

€ 8,99

Auch erhältlich als ebook und in der englischen Originalausgabe. Auf Englisch auch schon zu haben: Countdown City (Pt.2) und World of Trouble (Pt.3).
(Die Links gehen hier mal alle zum ebook, da da wenigstens Bild und Beschreibung eingebunden sind. Gibt’s aber auch auf Papier.)

 

Kategorien: Krimi, Nordamerikanische Literatur, Science Fiction, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , | 3 Kommentare

Leichendieb – Patrícia Melo

„…der Mensch ist nicht lange ehrlich, wenn er alleine ist.“

leichendieb

Tropen Verlag

Das fängt ja gut an. Der namenlose Protagonist dieses Buches wird genau das auch direkt praktizieren und sich damit in einen Kreislauf des Verbrechens und der Selbstverleugnung begegnen, die in zu Taten treibt, von denen er anfangs wohl noch nicht einmal vage angenommen hätte, dass er zu so etwas fähig sein könnte. (wenn das mal kein schöner Satz  ist, da kann sich Thomas Mann aber noch ’ne Scheibe abschneiden)

Wir sind in Brasilien, genauer gesagt in der kleinen Stadt Corumbá im Westen des Landes. Die bolivianische Grenze ist in unmittelbarer Nähe. Unser ‚Held‘ ist hierher geflüchet – vor sich selbst. In seinem alten Job als Vertriebsleiter in einem großen Unternehmen hat er in einem Anfall eine seiner Mitarbeiterinnen geohrfeigt, und träumt noch jetzt manche Nacht von dieser Ohrfeige. Da sich die Angetellte im Nachhinein in den Tod stürzte, musste er leider aus dem Unternehmen ausscheiden.

Sein Refugium ist also Corumbá, hier sitzt er nun tagein, tagaus und suhlt sich in der Hitze und seinem Elend. Einer seiner Zeitvertreibe ist das Angeln, und genau da passiert das dann mit dem Alleinesein. Ein Kleinflugzeug fällt vom Himmel, direkt vor seine Füße. Der Pilot stirbt noch am Unfallort; an seinem Sitz hängt ein Rucksack mit Kokain.

Was folgt, kann man sich denken, er nimmt den Rucksack mit und begibt sich damit auf den Pfad des Bösen. Denn merke:

„Genau deswegen versaut man sich sein Leben. Man glaubt immer, dass man rechtzeitig austeigen kann.“

Stattdessen rutscht man einfach immer tiefer rein. Eins folgt auf das Nächste und unser ‚Held‘ macht Geschäfte mit einem bolivianischen Mafia-Schergen, heuert seinen Nachbarn als Ticker an und zu allem Überfluss arbeitet er plötzlich auch noch bei der Familie des toten Piloten als Chauffeur.
Dass das nie und nimmer gutgehen kann, wissen wir und er weiß es sicher auch, und dennoch sagt er sich immer wieder, dass er mit seinem Plan alles in die richtigen Bahnen lenken kann – alles wird gut.

Ein Leichendieb ist er am Ende übrigens im doppelten Sinne: er beraubt die Leiche des Piloten und er raubt eine Leiche, um seinen perfiden Plan umzusetzen.

Das der ‚Leichendieb‘ im Rahmen der KrimiZeit zum besten Krimi des Jahres gekürt wurde und auch beim Deutschen Krimi Preis den ersten Preis bekam, ist durchaus gerechtfertigt. Das Buch ist unterhaltsam, der Protagonist in seiner Absurdität sympathisch und doch werden wir hier nicht nur mit seinem Schicksal unterhalten. Außerdem verschafft uns Patrícia Melo einen Blick auf ein Land, in dem die Korruption alle Schichten der Gesellschaft durchdrungen hat, das zwar zu den wirtschaftlichen Aufsteigern dieses jungen Jahrtausends zählt (BRICS), das aber diesen Aufstieg auf Kosten der vielen Auf-der-Strecke-gebliebenen macht, die sich dann die rechtsfreien Räume zunutze machen, um an ihrem persönlichen kleinen Glück zu arbeiten, auf legalem, wie auch auf illegalem Wege.
Bei der ganzen literarischen Schwere des Stoffes ist das Buch dennoch derart leichtfüssig geschrieben, dass es ein wahres Lesevergnügen ist.

Bibliografisches:

ISBN 9783608501186

Erschienen im Tropen Verlag, April 2013
Aus dem brasilianischen Portugiesisch übertragen von Barbara Mesquita
Originaltitel Ladrão de Cadáveres
203 Seiten, gebunden

€ 18,95

Auch erhältlich als ebook.

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In der Nacht – Dennis Lehane

Diogenes Verlag

Der Rum muss fließen, die Zigarre glimmen. Die Leute wollen Alkohol, Spaß und vor allem Leben. Nur wenn du Pech hast, landest du mit einem Block Zement an den Füssen im Golf.

„…Wir sind süchtig danach.“
„Wonach?“
„Nach der Nacht.“ sagte Joe. „Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln.“

Das bringt die Sache ziemlich gut auf den Punkt. Nachts fließt der Rum am besten die Kehlen hinunter und wer den Rumfluss kontrolliert, in dessen Taschen fließt das meiste Geld. Zumindest in den Vereinigten Staaten, zur Zeit der Prohibition.

Zu genau dieser Zeit spielt der neueste Roman von Dennis Lehane, dem Meister der düsteren Geschichten (in der aber durchaus auch die Sonne vom Himmel brennen kann). Hierzulande ist er, und da nehme ich mich nicht aus, eher bekannt durch Verfilmungen seiner Bücher (wenn überhaupt). Aus seiner Feder stammen unter anderem ‚Shutter Island‘ und ‚Mystic River‘.

‚In der Nacht‘ (Live by night) erzählt uns die Geschichte von Joe Coughlin, einem jungen Nachwuchs-Gangster im Boston der 20er Jahre. Bei einem seiner Jobs trifft er auf Emma, die ihn mit ihren Augen in ihren Bann zieht. Er ist geradezu bessesen von ihr und als beide sich in eine Affäre stürzen, ist der Konflikt mit Albert White – einem der Bostoner Bosse – vorprogrammiert.

Joe und Emma schmieden den klassischen Plan: ein letztes Ding und dann verschwinden wir beide. Doch der Plan geht schief und Joe findet sich im Gefängnis wieder.
Das es dort ums nackte Überleben geht, kennen wir alle aus vielen Hollywood-Geschichten, und das man auch mal Glück hat ebenso: Joe kann in die Organisation von Maso Pescatore einsteigen, einem Paten, der vom Gefängnis aus die illegalen Geschäfte in großen Teilen der Ostküste kontrolliert.

Als Joe rauskommt, wird er nach Florida geschickt und übernimmt dort die lokale Führung des Syndikats. In der Folge gedeihen die Geschäfte, denn mit den nötigen Mitteln bieten die Gesetzte jener Zeit die optimalen Voraussetzungen, um richtig reich zu werden. Und eben das nutzt Joe zur Gänze aus, mit allem was dazu gehört.

Joe lässt sich treiben von der Lust am Gewinn, vom Kitzel seines Geschäfts. Bei einem besonders heiklen Coup wird seine Einstellung besonders deutlich:

“ – genau deshalb waren sie Gesetzlose. Um Dinge zu erleben, die den Versicherungsvertretern, den Lastwagenfahrern und Anwälten und Kassierern und Schreinern und Immobilienmaklern dieser Welt nie vergönnt sein würden. Drahtseilakte ohne Netz und doppelten Boden.“

Ein gewaltiges Gangster-Epos, wie es der Klappentext nennt, ein schillerndes -oder besser ein in der Sonne flimmerndes- Bild dieser Zeit, welches uns Dennis Lehane hier beschert hat. Macht richtig Spaß zu lesen und ist doch anspruchsvoll und voller menschlicher Abgründe, Leichen im Dutzend, religiöser Fanatiker und vor allem: jeder ist sich selbst der Nächste.

Definitive Pflichtlektüre für alle Boardwalk Empire-Fans, Scarface-Liebhaber, und eigentlich ja für jeden – kaufen, lesen, verschenken, verleihen, empfehlen. Wie das halt so mit guten Büchern ist.

Bibliografisches

ISBN 9783257068726

Erschienen im Diogenes Verlag, November 2013583 Seiten, gebunden
Aus dem Englischen übertragen von Sky Nonhoff
Originaltitel: Live by night

€ 22,90

Auch erhältlich als ebook und in der englischen Originalausgabe. Jetzt auch als Taschenbuchausgabe zu haben, ideal für Park, Strand & Co.

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Sickster – Thomas Melle

sickster

Rowohlt Verlag

Die vielzitierte Leistungsgesellschaft fängt ja heute schon im Kindergarten an. Davon zeugen zahllose Eltern und Großeltern, deren Kindern zwar erst so und so alt sind – aber natürlich ja schon viel viel weiter.  Der akademisierte Kindergarten führt dann später vielleicht zu Persönlichkeitsbildern wie denen in Thomas Melles furiosem Debütroman.

Als Elite geboren muss man sich selbstverständlich auch als Elite behaupten. Bei Thorsten, einer der drei Hauptfiguren führt das von Kindheit und Jugend in der alten Bundeshauptstadt, zwischen Internat und Burschenschaften, zielstrebig in die Chefetagen eines großen internationalen Ölkonzerns.

So zieht sein Leben an ihm vorbei, zwischen seiner Büroetage mit den für Berlin obligatorischen Kränen vor dem Fenster – hier ist alles im Wandel, oder auch einfach alles nur halbfertig – und dem vampirischen Nachtleben, ist sein Leben ebenso eine Baustelle wie die Stadt. Der Energy-Drink wird zwanghaft mit Wodka aufgefüllt und in der Jackentasche ist neben dem Flachmann auch noch Platz für Jägermeister, Kümmerling, oder was gerade zur Hand war.
Schnell kam mir der Gedanke an Mad Men, doch da wurde der Drink zwischendurch zumindest noch halbwegs zelebriert, gehörte quasi zum guten Ton bei Geschäftsabschluss. In Thorstens Büro hängt öfter mal eine erstickende Alkoholfahne in der Luft, auch wenn er nicht trinkt, einzig genährt von den Ausdünstungen des Konsums der letzten Nacht. Das Reparaturbier gibt es nicht, der tiefe Schluck aus dem Flachmann hilft eher. Zwei Fisherman’s Friend eingeworfen und weiter geht’s.

Eines Tages sitzt Magnus mit in einer der Besprechungen, er ist der neue Schreiber des firmeninternen Magazins. Magnus war auf der gleichen Schule wie Thorsten, ist aber Idealist geblieben – zumindest sagt er sich das. Zwischen den beiden ensteht schnell eine Feindfreundschaft, die gemeinsame Vergangenheit, und sei sie noch so vage, verbindet.

Und dann ist da noch Laura, Thorstens Freundin, die er mit routinierter Regelmäßigkeit betrügt und die unter Panikattacken leidet und auch sonst eher psychisch labil ist.

Alle drei steuern auf den unvermeidlichen Zusammenbruch zu, den die Sommerhitze der Großstadt schlußendlich aus ihnen herauskocht.

Sex & Drugs & Bilanzanalyse sprachgewaltig in Szene gesetzt von Thomas Melle, einen Namen den man sich merken sollte. Ähnlich intensive Literatur hab ich lange nicht mehr gelesen. Respekt!

Als Querverweis: wer So Was Von Da mochte, dem könnte auch Sickster gefallen.

Bibliografisches:

ISBN 9783871347191

Erschienen im Rowohlt Verlag, September 2011
Gebunden, 330 Seiten

€ 19,95

Auch erhältlich als ebook und inzwischen schon im Taschenbuch.

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Knockemstiff – Donald Ray Pollock

knockemstiff

Copyright Liebeskind Verlag

Taufrisch ist dieses Buch auf dem deutschen Markt. Oder wenn man das Bild lieber den kühlen Temperaturen heute anpassen möchte: es liegt noch wohlig warm aus der Druckerpresse in der Hand.

Ganz so harmonisch geht es allerdings nicht zu in diesem Buch. Es handelt sich hier um das Debüt des US-Amerikanischen Autors Donald Ray Pollock. Wenn der jetzt kein Unbekannter für euch ist und ihr vielleicht schon ‚Das Handwerk des Teufels‚ gelesen habt, dann liegt das einzig an der Entscheidung des Verlags, den Debüttext nach dem umfangreicheren ‚Handwerk‘ herauszugeben.

Wie auch schon in ‚Das Handwerk des Teufels‘ wird hier die dunkle Seite der amerikanischen Gesellschaft gnadenlos ans Licht gezerrt. Der relativ dünne Band (256 Seiten) strotzt nur so von Gewalt, Alkohol, Drogenmissbrauch jeglicher Art und gescheiterten Existenzen par excellence. Wäre das Buch ein Musikalbum, müsste man wohl vorne den obligatorischen ‚Parental Advisory‘-Sticker draufpappen, respektive beim Film mindestens ein FSK 16.

Im Gegensatz zum ‚Handwerk‘ wird hier keine durchgehende Geschichte erzählt. Die 18 Episoden sind lose miteinander verknüpft, so taucht die Hauptfigur aus einer schonmal als Nebenfigur in einer anderen auf. Der Hauptanker bleibt aber immer Knockemstiff, während die Episoden sich dort sowohl geografisch wie auch zeitlich verschieben.
Da die Beschreibungen des Ortes recht spärlich sind, stellt man sich eher eine Ansammlung von Hütten vor. Dazu trägt sicher auch die Karte am Anfang des Buches bei, auf der nicht viel mehr abgebildet ist. Geografisch schlecht positioniert in einer Senke, ist die Stadt quasi permanent in die giftigen Dämpfe der örtlichen Papierfabrik gehüllt.
Wer nicht arbeitslos ist, arbeitet mit großer Wahrscheinlichkeit in der Fabrik, wenn er sich seinen Lebensunterhalt nicht auf illegalem Wege verdingt.

Trotz der widerwärtigen Bedingungen in dieser Stadt will keiner so wirklich weg, es gibt eine Art emotionales Band der Menschen zu dieser dreckigen Senke im Hinterland, ja manch einer hat geradezu existenzielle Angst davor sie zu verlassen und versteckt sich lieber im Wald und verteidigt sein Bleiben bis aufs Äußerste.

Wenn ihr schon ‚Das Handwerk des Teufels‘ gelesen habt, dann wisst ihr was auf euch zukommt und ihr wisst, dass es richtig gut ist. Allen anderen empfehle ich als Einstieg dieses Buch, denn man kann es schneller mal aus der Hand legen, da die Episoden im Schnitt nur ca. 10-15 Seiten umfassen.
Sehr empfehlenswert auch, wenn ihr gerne Daniel Woodrell lest.

Also: Schluß mit den rosaroten Haustier-Liebesromanen, lest ‚Knockemstiff‘, denn das Leben ist kein Ponyhof.

Bibliografisches:

EAN 9783954380145

Erschienen in der Liebeskind Verlagsbuchhandlung, Juni 2013
Aus dem Englischen übertragen von Peter Torberg
Originaltitel: Knockemstiff
256 Seiten, gebunden

€ 18,90

Auch erhältlich als ebook.

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Vakuum – Lukas Jüliger

vakuum

Copyright Reprodukt

Die Langeweile der Vorstadt kann tödlich sein. Mehr als du denkst. Ganz genau so geht es auch dem Jungen in Lukas Jüligers Debüt ‚Vakuum‘.

Es sind die letzten Schultage vor den Sommerferien, vor dem Abschluss. Danach heißt es: School’s out for summer, school’s out for ever!
Beim Tagträumen in einer versteckten Ecke hinter dem Schulgebäude steht plötzlich dieses Mädchen über ihm. Es ergreift die Initiative, die ihm immer gefehlt hat und spricht ihn an. Schnell werden die beiden Freunde und bald auch mehr als das. Es geschieht endlich etwas im Leben des Jungen. Und das war endlich mal nötig, denn Freunde hat er keine (mehr).

Sein einziger Freund ist bei einem Experiment der beiden mit halluzinogenen Blumen irgendwo im Äther hängengeblieben, zumindest der interaktive, menschliche Teil seiner Persönlichkeit. Seitdem entledigt er sich seiner Besitztümer und legt auch sonst einer erhöhte Zerstörungswut an den Tag. So trifft man ihn  schon mal des Nachts auf dem Parkplatz, wo er seine Möbel verbrennt. Man könnte direkt sagen, er befindet sich in einer Art aktivem Wachkoma.

Doch zurück zu dem neuen Mädchen in seinem Leben, denn da gibt es etwas, dass den Jungen stört, verstört und befremdet. Bei jedem Zusammensein der beiden kommt der Augenblick, an dem das Mädchen auf einmal dringend weg muss. Egal, wie nah sich die beiden auch gerade noch waren – zack, verschwindet sie und er bleibt verdutzt zurück.

Was es mit diesem Geheimnis auf sich hat, erfährt man später, denn der Junge entschließt sich, dem Mädchen zu folgen. In den Wald zu einem alten Wohnwagen und in diesem, durch den Küchenschrank in ein Erdloch…

Eine Szene, die man am Anfang erstmal für unwichtig hält, wird später noch große Bedeutung bekommen: der Junge beobachtet einen anderen, wie der am frühen Morgen eine Matratze den Hang hinauf in den Wald trägt. Eine tragische Geschichte wird sich daraus ergeben, denn der Junge mit der Matratze bringt sich dort um. Aber nicht nur sich. Und sein Bruder wird daraufhin zum apokalyptischen Engel der Geschichte.

Anhand der Farbgebung kann man sich im Prinzip schon von Beginn an denken, dass diese Erzählung keine lustige sein wird. Düstere Erdtöne bestimmen die Seiten, ganz so wie das Cover es schon vorgibt. Dort sieht man übrigens schon die drei Hauptfiguren, ganz so, wie sie auch im Buch agieren werden – einander verbunden, dennoch getrennt.
Ich hatte vor der Lektüre nur noch eine düstere Erinnerung, dass dieses Debüt beim Erscheinen an verschiedenen Stellen gelobt worden war. Von der Geschichte selber allerdings nur eine sehr vage Vorstellung. Umso mehr war ich dann beeindruckt von der tragischen Intensität der Bilder, ebenso wie von den kreativen Einfällen des Autor, wodurch die Geschichte nie langweilig wird.

Da die Graphic Novel für mich so etwas der Schnittpunkt zwischen Film und Literatur ist, ziehe ich hier mal den Vergleich zum bewegten Bild. Wenn ihr also Filme mögt und nicht so richtig wisst, ob das Buch etwas für euch sein könnte – die Story könnte auch ein Film sein, der sich bewegt zwischen Larry Clark, David Lynch und Gus Van Sant.

Ich freue mich immer, wenn es eine tolle neue Graphic Novel von einem deutschen Autor gibt, neben den alten Größen Kleist und Kreitz und wenn es dann noch eine derart beeindruckende ist, natürlich umso mehr.

Absolute Leseempfehlung!

Hier findet ihr eine Leseprobe: Vakuum

Bibliografisches:

EAN 9783943143157

Erschienen im Reprodukt Verlag, Januar 2013112 Seiten, kartoniert

€ 20,00

Kategorien: Belletristik, Biographie, Comic, Deutsche Literatur, Graphic Novel | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Elsa ungeheuer – Astrid Rosenfeld

Copyright Astrid Rosenfeld & Diogenes Verlag

Lange ist es her, dass ich mir das letzte Mal Sachen in einem Buch angestrichen habe. Die Rückkehr des Bleistifts bei der Lektüre ist Astrid Rosenfeld zu verdanken. In ihrem zweiten Buch, welches gerade erschienen ist, gibt es etliche Stellen, bei der mir das Anstreichen einfach unvermeidlich wurde.
Worum geht es? Wie in ihrem ersten  Buch ist auch dies wieder eine Familiengeschichte. Wie in ihrem ersten Buch ist auch hier die Familie keineswegs die traute Mutter-Vater-Kind-alle-sind-glücklich-Variante.

Es ist die Geschichte von Karl und Lorenz, zwei Brüdern, die in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz leben. Karl ist der Jüngere von beiden und aus seiner Perspektive wird das ganze Buch erzählt.
Das Buch beginnt mit dem Selbstmord der Mutter und das ist schon ein harter Einstieg. Der wird allerdings auf derart flapsige und beinahe nebensächliche Art abgehakt, dass man am Ende der ersten Seite dann gleichmal den Rotwein nachschenken muss.

Karl und Lorenz sind in erster Linie auf sich selber angewiesen. Es gibt zwar noch den Vater, der ist aber nach dem Tod der Mutter nicht mehr für viel zu gebrauchen. Was man schon vorher von der Mutter erzählte, trifft nun auch immer mehr auf ihn zu – er wird langsam verrückt. Und wenn nicht verrückt, so verfällt er doch mehr und mehr dem Alkohol.
Zum Glück für die beiden Jungs gibt es noch die alte Haushälterin, die älteste Frau der Welt, wie die beiden sie nennen und das Murmeltier. Das Murmeltier ist ein älterer Herr der eine Art Dauergast in der Pension des Vaters ist.
Die beiden sind so etwas wie gegensätzliche Pole in diesem Haus. Wo die Kratzlerin bei jeder Gelegenheit das Herzjesulein anruft, erzählt das Murmeltier den beiden Jungs am Abend von seinen amourösen Abenteuern in aller Welt, saftig ausgeschmückt. Die Jungen sind zu diesem Zeitpunkt acht und elf Jahre alt.

Die Trauer um den Verlust der Mutter hält denn bei den Jungen nur kurz an, denn schon bald kommt willkommene Ablenkung in das Dorf. Die Tochter der einstigen Dorfschönheit wird beim vermeintlichen Vater abgegeben, da erstere mit ihrem neuen Mann eine Weltumsegelung macht und das Mädchen dabei leider nicht mit kann.
Schon der erste Kontakt der beiden Jungs mit Elsa wird inszeniert wie die Präsentation eines Raubtiers. Das Mädchen sitzt im Auto der Eltern, die beiden schleichen sich an, um einen Blick auf sie zu werfen, doch diese schlägt sofort von innen gegen die Scheibe und Lorenz kann nur einen kurzen Blick auf sie werfen, bevor er zurück weicht. Karl hingegen nicht einmal das.

Schnell entwickelt sich aber zwischen den beiden Brüdern und Elsa ein eigentümliche Art von Freundschaft. Während Lorenz scheinbar nicht viel mit ihr am Hut hat und nur notgedrungen Zeit mit ihr verbringt, ist es bei Karl von Anfang an grenzenlose Verehrung. Elsa ist sein ein und alles und er unternimmt alles, um möglichst in ihrer Nähe zu sein.
Außerdem darf Elsa bei den nächtlichen Anekdoten des Murmeltiers dabeisein, wenn auch ohne die Zustimmung der beiden Herren, bei denen sie wohnt.

Zur Mitte des Buches dann jedoch der Schockmoment, auf den man so gar nicht vorbereitet war: Karl wird Zeuge des Missbrauchs von Elsa! Und von diesem Moment an ist nichts mehr wie es war. Weder für Karl, noch für Elsa oder Lorenz.
Als symbolische Geste beerdigen Karl und Elsa die Lackstiefel, die Elsa sich von Karls vermeintlich erstem großen Liebesbeweis gekauft hat und die so etwas wie das Symbol ihrer Kindheit und vor allem ihrer Freiheit und Unabhängigkeit waren.

Wenn man nun kurz danach den zweiten Teil beginnt, muss man nochmal schnell zum Anfang blättern. Mir zumindest ging das so. Der zweite Teil trägt den Titel Wölfe, wie also hieß denn der erste? Achso – Hunde! Zwei Seiten der gleichen Münze, oder besser – die beiden Arten, wie man den Anhänger von Karls Mutter sehen kann, den er Elsa geschenkt hat.
Die Zeit des Gehorchens ist also vorbei und die Zeit des wilden Lebens beginnt. Naja, zumindest für einige.

Lorenz studiert in Düsseldorf Kunst und wird von einer reichen Kunstsammlerin gefördert. Als er sich allerdings mit deren rechter Hand Sebastian Mirberg anlegt, geht es für ihn ganz schnell bergab.
Was für ein Glück für ihn, das dieser wiederum aus Eitelkeit in Ungnade fällt und in die Bedeutungslosigkeit abgeschoben wird. Für Lorenz ergibt sich jetzt endlich die Möglichkeit sein Meisterwerk zu vollbringen: die Ewigkeit auf Leinwand zu bannen. Bestehend aus 86 übereinander gemalten Bildern.
Karl wird so etwas, wie das Maskottchen und ergeht sich in Drogenrausch und Liebesaffären, was das Leben an der Seite eines berühmten Künstlers eben so mit sich bringt. Das alles aber immer noch mit der unerfüllten Liebe zu Elsa im Herzen.

Jetzt hab ich schon relativ viel verraten, dennoch aber nur einen Bruchteil dessen, was das Buch zu bieten hat!
Was ist mit Elsa passiert, die im zweiten Teil scheinbar gar nicht mehr auftaucht? Ist die Kratzlerin wirklich die älteste Frau der Welt und kann sie ewig leben? Was ist mit dem Murmeltier passiert? Hat der Vater sich tot gesoffen? Und sind Elsa Mutter und ihr Liebhaber am Ende etwa auf ihrer Weltreise verloren gegangen?
Und was hat es mit dem Leben der Graugänse und Kartoffeln pflanzen im Winter auf sich? Oh, und wer war Andromeda?!

Das Buch ist so vollgepackt mit symphatischen Einzelheiten und skurrilen Persönlichkeiten, dass man am liebsten gar nicht mehr aufhören möchte zu lesen und nach der letzten Seite direkt wieder auf die erste blättert.

Also schnell in den Buchladen deines Vertrauens (meinetwegen auch die Webseite deines Vertrauens; es soll ja Leute geben, die nicht gern vor die Tür gehen..) und dieses unglaublich tolle Buch gekauft.
Wir tauschen uns dann hinterher über die angestrichenen Textstellen aus. Vorher aber – Lesen!

Bibliografisches:

EAN 9783257068504

Erschienen im Diogenes Verlag, Februar 2013
288 Seiten, gebunden

€ 21,90

Auch erhältlich als Hörbuch (wenn euch das lieber ist) und als eBook. Sowie, jetzt neu, in der Taschenbuchausgabe.

Einen kurzen Buchtrailer haben die Kollegen vom Diogenes Verlag mit der Autorin produziert. Zu sehen gibt es den hier, oder im Youtube-Kanal des Diogenes Verlags.

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

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