Beiträge mit dem Schlagwort: Familie

Cut my life into pieces

leavitt

(c) Beltz

Ein Buch über Alzheimer, noch dazu ein Sachbuch, ist nichts, was normalerweise auf meiner Leseliste landet. Doch dieses hier ist in eine Ausnahme, denn es ist in grafischer Form erzählt.
Zuerst sind es die kleinen Dinge, abgetan als normale Vergesslichkeit. Man kennt das aus so ziemlich jeder Geschichte zum Thema Alzheimer. Die Angst, das Verleugnen. Doch als klar wird, dass ihre Mutter an Alzheimer erkrankt ist, beschließt Sarah Leavitt das Voranschreiten der Krankheit zu dokumentieren. Doch daraus wird viel mehr, es wird nicht nur die Geschichte einer kranken Frau, sondern ebenso das Porträt einer Familie, die vor die schwierigste aller Aufgaben gestellt wird, das langsame Verschwinden eines geliebten Menschen zu begleiten, der doch physisch immer noch in ihrer Mitte ist, und das ganze ohne dabei selbst zu zerbrechen.

Mit dünnem Strich und ohne viel Schnickschnack erzählt Leavitt von der Jugend der Mutter und deren zwei Schwestern, die unzertrennlich sind, ganz im Gegensatz zu ihr selbst und ihrer Schwester, die eher wie Öl und Wasser sind.

Es sind vor allem die kleinen Episoden, die dieses Buch so sympathisch machen und es von den reinen Krankheitsberichten abhebt (neben der grafischen Umsetzung natürlich). Etwa als die Schwestern mit der Mutter im Regen stehen, mit offenem Mund und herausgestreckter Zunge. Oder wie Sarah beim Anblick der Haarknäuel (tangles) ihrer Mutter und der Tante im Badezimmer beinahe in Tränen ausbricht.

Beeindruckend, wie die Familie sich um die Mutter kümmert und dabei ganz offensichtlich an ihre Grenzen stößt. Das führt unter anderem dazu, dass sich der Vater eine Auszeit nimmt und für einige Zeit nach Mexiko reißt, um dem täglichen ‚Wahnsinn‘ zu entfliehen.
Bis fast zum Ende verweigert sich die Familie professioneller Hilfe und nimmt die Pflege ausschließlich in die eigenen Hände, auch wenn das eigene Leben unweigerlich darunter leidet.
Wäre jeder von uns dazu auch in der Lage. Wäre ich dazu in der Lage?, fragte ich mich immer wieder bei der Lektüre.
Das Ende las ich schließlich mit unvermeidlich feuchten Augen.

Ein beeindruckender Bericht; gewagt und – gelungen.

Das große Durcheinander – Sarah Leavitt
ISBN 9783407859686

Erschienen im Beltz Verlag, März 2013
Aus dem Englischen übertragen von Andreas Nohl
Originaltitel: Tangles: A story about Alzheimer’s, my mother and me
128 Seiten, gebunden

€ 19,95

Kategorien: Graphic Novel, Nordamerikanische Literatur, reportage, Sachbuch | Schlagwörter: , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Krieg – Stell dir vor er wäre hier – Janne Teller

„Versetz dich doch mal in meine Lage!“ – Wer kennt diesen Satz nicht. Offensichtlich viel zu viele Leute. Janne Teller hat das mal für uns alle gemacht und ein kleines Gedankenexperiment zu Papier gebracht: Wie würde es aussehen, wenn in Europa Krieg herrscht und die nächste friedliche Gegend in Nordafrika und dem Nahen Osten zu finden wäre.

Kälte, Gefahr, Angst. Als doch noch die Flucht klappt, landen wir in Ägypten in einem Lager. Fremd unter Fremden. Verlorene Jahre, ohne Bildung, Zukunft, Heimat.

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(c) Hanser

Eindrücklich wird das Ganze vor allem durch die Erzählperspektive in der 2. Person:

„Du bist noch unversehrt, doch du hast Angst. Morgens, mittags, abends und nachts.“

„Eure Familie ist zu einer Zahl geworden. Fünf! Es gibt kein Land, das weitere fünf Flüchtlinge haben will.“

Ich gebe zu, der Text kommt ein bisschen mit erhobenem Zeigefinger daher, aber manchmal (besonders nach dem Sonntag) ist das gar nicht mal verkehrt, wenn nicht sogar dringend nötig.
Angemerkt sei noch, dass dieser kleine Text ursprünglich als Essay geschrieben wurde und bereits vor 15 Jahren im Jahr 2001 erstmals erschien. Die vorliegende Ausgabe aus dem Hanser Verlag ist immerhin auch schon 5 Jahre alt! Und immer noch, ja im Grunde viel mehr ist es ein hochaktueller Text.

Gibt es wirklich noch Menschen, die bei den Bildern aus Idomeni und von anderswo denken, dass diese Menschen den Weg zum Spaß auf sich nehmen, dass hier nicht blanker Überlebenswillen die treibende Kraft ist?!

Lest mal dieses Büchlein, es sind nur 50 Seiten und sogar noch mit vielen Illustrationen. Versetzt euch mal in die Lage dieser Menschen, wenn auch nur eine halbe Stunde auf dem Sofa.

ISBN 9783446236899

Erschienen im Hanser Verlag, März 2011
Aus dem Dänischen übertragen von Sigrid C. Engeler
Originaltitel: Hvis der var krig i Norden
64 Seiten, gebunden

€ 6,90

Kategorien: Jugendbuch, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Altes Land – Dörte Hansen

(c) Knaus Verlag

(c) Knaus Verlag

Vor diesem Buch scheute ich ein bisschen. Zu sehr sah es mir nach seichter Frauenlektüre aus. Oh, wie falsch ich damit lag.

Alles beginnt mit zwei Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, die nach dem Krieg im norddeutschen platten Land angesiedelt werden. Mutter und Tochter teilen sich fortan das alte Bauernhaus mit der Eigentümerin und ihrem kriegsversehrten Sohn, der wenig spricht, viel raucht und wieder und wieder des Nachts schreiend die Schrecken des Krieges nachlebt.

Doch das preussische Blut verträgt sich mit dem plattdeutschen so gut wie Öl mit Wasser. Während zwischen dem Mädchen und dem Versehrten so etwas wie Freundschaft entsteht, blüht auf Seiten der Mütter der Hass. Was bis zum Äußersten führt.

Doch ‚Altes Land‘ ist kein Kammerspiel, in dem wir nur die Nickligkeiten und Kämpfe der Frauen in einem alten Bauernhaus verfolgen. Eine zweite Erzählebene spielt in der Gegenwart. Das Mädchen von damals lebt immer noch in dem Bauaernhaus – ihre Mutter hatte sie dort zurückgelassen, als sich die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg bot. Das Mädchen ist zu einer Exzentrikerin im Dorf geworden. Zahnärztin für die Menschen auf dem Land; gebraucht, ja – geliebt, nein. Sie führt ein recht einsames Leben, ihre Familie bilden ein Pferd und zwei inzwischen altersschwache Hunde.

Bis ihre Nichte bei ihr auftaucht, den vierjährigen Sohn im Schlepptau.. Auch sie Flüchtlinge, allerdings geflüchtet vor ihrer Hamburger Scheinwelt, in der jetzt eine andere Frau mit ihrem Mann in der gemeinsamen Wohnung wohnt. Sie kommen aus der ‚glitzernden‘ Großstadtwelt der „Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggys, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.“ (S.24). Doch dort war sie nie wirklich zuhause heimisch, ist in ihre Mutterrolle mehr zufällig reingerutscht, als dass sie das wirklich wollte. Vorher rebellierend, den gesellschaftlichen Stand der Familie ignorierend als Tischlerlehrling durch die Welt gezogen.

Die beiden Frauen sind sich anfangs nicht grün. Und doch entwickelt sich hier ein ganz neues Familienband. Zwei einsame Frauen, die mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen, die sich gegenseitig stützen, wider Willen.

Mit herrlich trockenem Humor nimmt Dörte Hansen nicht nur die Welt der Bio-Großstadt-Yuppie-Jungfamilien aufs Korn („Das Stillen im Café bei koffeinfreiem Latte, die Mutter bis zur Willenlosigkeit entspannt, und neben ihr der Vater, den Laptop vor sich, über der Schulter das Spucktuch…“ S.70).
Auch die Landbevölkerung kriegt ihr Fett weg: der konventionell wirtschaftende bauer regt sich über die neue Bio-Mode auf, die Nachbarn, die plötzlich alte Obstsorten züchten, die seiner Meinung nach mehr als zu Recht nicht mehr angebaut werden, kleine schrumplige Dinger, die man als „Akademiker-Obst“ an eben jene Bio-Junkies in der Großstadt verhökern kann.
Und dann ist da noch der Journalist, über den sich der ganze Ort das Maul zerreißt, wenn er mit seinem Liegerad über die Deiche kurvt. Authentisch will er hier leben, sich in die Dorfgemeinschaft einfügen, und bleibt genau wegen dieser Zwanghaftigkeit der Assimilierung umso mehr Fremdkörper (von diesem ‚Typ‘ finden sich ja auch genügend Bücher auf dem Markt).
Typen und Bilder, die wohl viele von uns kennen, sind sie doch auf fast jede größere Stadt und deren Umland zu übertragen. Und so ist ‚Altes Land‘ auch ein großes Stück Gesellschaftsanalyse, ein Porträt unserer Zeit.

Kurzum: ein großes Lesevergnügen mit viel Wahrheitsgehalt. Ich hätte es bereut, wenn dieses Buch an mir vorbei gegangen wäre, denn es hat mir unglaublichen Spaß gemacht, ohne zu platt daherzukommen. Große Leseempfehlung!

Bibliografisches:

ISBN 9783813506471

Erschienen im Knaus Verlag, Februar 2015
288 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

(c) Droemer Knaur

Mechthild Borrmann scheint es mit der osteuropäischen Geschichte zu haben. Gut so, mich interessiert das auch. Schon in ihrem letzten Buch Der Geiger ging es um osteuropäische Geschichte, so auch in Die andere Hälfte der Hoffnung.
Und Mechthild Borrmann ist Meisterin im Erzählen dieser Geschichte. Genau wie im Geiger wählt sie mehrere Erzählstränge. Insgesamt sind es vier, wobei einer in einen der anderen eingebunden ist.

Doch erstmal zur Geschichte: alles beginnt damit, dass Matthias Lessmann einem durchgefrorenen Mädchen hilft, die offensichtlich von zwielichtigen Männern verfolgt wird. Matthias lebt allein auf einem kleinen Hof in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze, und dass das Mädchen gerade bei ihm auftaucht, wird sich später noch als nicht ganz so zufällig herausstellen. Das Mädchen kommt aus der Ukraine, war Zwangsprostituierte und ist auf der Flucht vor ihren Unterdrückern.

Der zweite Erzählstrang ist in der sogenannten Entfremdungszone verortet, ein Gebiet mit einem 30km-Radius rund um das ehemalige Kernkraftwerk ‚Lenin‘ in der Nähe der ukrainischen Stadt Tschernobyl. Dort lebt Walentyna, ebenfalls allein, in einem kleinen Häuschen, das nicht ihres ist, das sie aber zu ihrem gemacht hat. In der Zone leben insgesamt nur etwa 200 Personen. Sie atmen giftige Luft, essen giftiges Gemüse aus giftiger Erde. Doch hier ist ihr zuhause, auch das Walentynas. Hier hat sie Ruhe gefunden und hier beginnt sie auch, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. In einem Schulheft schriebt sie über ihre Eltern, ihre Kindheit in der Sowjetunion, die nicht immer problemlos verlief, von Mangelwirtschaft in der Planwirtschaft, aber auch von den schönen Erinnerungen schreibt sie, wie wir sie wohl alle kennen.
Und schnell ist das dann die Geschichte der Stadt Prypjat, die eigens für die Arbeiter des neuen Kernkraftwerkes entsteht und in der es all das gibt, woran es in den umliegenden Dörfern mangelt. Es ist dann die Geschichte von Walentyna und Hlib, ihrer großen Liebe, der in eben jenem Kraftwerk arbeitet. Und in dem es dann zur großen Katastrophe kommt. Sie schreibt diese Geschichte für ihre Tochter auf, die nach Deutschland gereist ist zum Studium und von der sie seitdem nichts mehr gehört hat.

Walentyna beginnt mit einem neuen Bleistift in das leere Heft zu schreiben:
Meine liebe Kateryna, es war die Hoffnung, die meinen Verstand getrübt hat. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber Hoffnung – das habe ich viel zu spät verstanden – ist ein lähmendes Gift, das uns ausharren lässt.
Am Ende wird das Heft voll sein und der Bleistift leer. Und der letzte Satz wird lauten: Ich warte.

Und schließlich ist es die Geschichte von Leonid Kyian, einem idealistischen Milizionär, der in einer neugeschaffenen Einheit die Fälle von verschwundenen Mädchen untersucht, der aber allzu bald einsehen muss, dass sich trotz Unabhängigkeit der Ukraine, trotz politischer Reformen und Demokratie, am System eigentlich nichts geändert hat – wer Geld und Beziehungen hat, der bestimmt die Geschicke des Landes und damit auch der Menschen. Trotz der Steine, die ihm in den Weg gelegt werden, kommt Leonid organisiertem Menschenhandel auf die Spur und macht sich schließlich auf nach Deutschland.

Zwangsprostitution, Kernschmelze, Vertreibung, Korruption, Menschenhandel – das klingt nach schwerer Thematik, doch Mechthild Borrmann packt das in einen so großartigen Text, dass ich das Buch innerhalb von einem Tag durchgelesen habe (mit bisschen schlafen zwischendrin).
Wie sie vom Leben in der weiten Einsamkeit der Entfremdungszone schreibt, wo nachts die Wölfe vor dem Gartentor heulen, einer Gegend von der ein Soldat an einer Stelle sagt: Väterchen, in den Dörfern kann man nicht mehr leben, nur sterben. Kontaminiert aufgrund von Maßlosigkeit, ist das Fazit des Vaters. Und da schwebt immer der Gedanke mit, dass dieses Risiko bei jedem Kerkraftwerk besteht (siehe Fukushima, 25 Jahre nach Tschernobyl), und dass all das leicht auch anderswo hätte passieren können, passieren kann.
Mit dieser Mischung aus Kriminalroman, Familien- und Zeitgeschichte hat Borrmann, zumindest bei mir, absolut einen Nerv getroffen. Danke für dieses Buch Frau Borrmann.

P.S. Als Ergänzungslektüre empfehle ich das spannend geschriebene Sachbuch Atom von Stephanie Cooke.

P.S.S. Hier gibt es einen Bericht zu Borrmanns Recherchereise in die Ukraine: Mechthild Borrmann hat die andere Hälfte der Hoffnung gesucht

Bibliografisches:

ISBN 9783426281000

Erschienen im Verlag Droemer Knaur, September 2014
312 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch als epub und zum Hören auf CD und als Download-Datei zu haben.

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Iman – Ryad Assani-Razaki

iman

Verlag Klaus Wagenbach

Je weiter man dem Ende des Buches entgegen kommt, desto öfter möchte man die Protagonisten am Kragen packen und kräftig durchschütteln. Ist das gut? Ich glaub schon, denn ‚Iman‘ ist definitiv kein Buch, dass man einfach liest, wegstellt und vergisst.
Und die drei Hauptfiguren haben auch einigen Grund, nicht mehr ganz klar zu sehen, das ein oder andere Problem mit der Welt zu haben.

Da ist als erstes Toumani, der von seinen Eltern für umgerechnet 23€ verkauft wird, an eine Dame, die ihn dann weiter vermittelt als Arbeitskraft – eine wegweisende Station wird der Dienst bei Monsieur Bia sein, einem Alkoholiker und Frauenverzehrer, launisch, gewalttätig und unberechenbar ist dieser Monsieur Bia. Und so ist es auch kein Wunder, dass Bia Toumani fast totschlägt, über einer Kleinigkeit – einen kleinen Plastikohrring, den Toumani geschenkt bekommen hat von Alissa. Alissa ist das Mädchen, zu dem Toumani bei seinem kurzen Aufenthalt bei der Vermittlerin ein Band geknüpft hat, dass sie bis zum Ende aneinander bindet und das auch ihrer beider Verhängnis sein soll.
Halb tot wird Toumani von Bia in der Kanalisation ‚entsorgt‘, wo er liegt, lange lange Stunden und in den ‚Himmel‘ starrt und nur noch wartet, dass es vorbei ist, während Ratten an seinem verletzten Bein nagen. Doch dann tauchen Kinder auf auf dem Platz über dem Schacht und Iman und Imans Hand, die ihn ans Licht zieht, ihn rettet und ihm das Leben neu schenkt. Und wie Toumani über den Ohrring mit Alissa verbunden ist, ist er nun mit Iman verbunden, seinem Retter.

Iman päppelt den Verletzten Toumani wieder auf und zieht so das Band zwischen ihnen immer enger. Die beiden entwickeln sich zu untrennbaren Freunden. Bis Alissa wieder auftaucht. Und das ist der Anfang vom Ende.

Aus wechselnden Perspektiven erzählt Ryad hier eine Geschichte von einem gebeutelten Afrika, in dem nach wie vor die Hautfarbe eine ungemein wichtige Rolle spielt und das nach wie vor vom Kolonialismus geprägt ist.
Eine Geschichte aus den Slums, die vom täglichen Kampf um das Überleben berichtet. Einer Welt zwischen Bandenkriminalität, Dreck und Schmutz, Armut. Und doch blitzen immer wieder kleine Sonnenflecken in diesem düsteren Szenario auf, die jedoch immer weniger werden, je weiter das Buch voranschreitet.

Denn alle sind gefangene in diesem Buch: Gefangen in Konventionen die Mutter Imans, nach ihrer großen Rebellion gegen alles und jeden, geht es ihr jetzt nur um ein Leben nach Schema F, Mann und Kind, Arbeit und Haus; Konformismus ist die Rettung. Auch wenn das bedeutet, den Sohn zu verstoßen, der in dieser Familie als Mischling und Sohn eines anderen Vaters der ewige Fremdkörper ist.
Gefangen in seiner Sehnsucht ist Iman, die Sehnsucht nach der Ferne, dem Paradies Europa, der heilen Welt seines Vaters, von der er sich Anerkennung erhofft, ein  besseres Leben, in dem er dazu gehört und nicht immer nur der verstoßene Sohne einer Affäre ist.
Gefangen im Kampf um Liebe und Anerkennung Toumani, als einbeiniger Krüppel ist er automatisch der Aussätzige, mit dem man sich nur aus Mitleid abgibt.Gefangen zwischen zwei Männern Alissa. Ihre ganze Liebe gehörte Toumani, doch der verstößt sie, da er die Liebe nicht kann, nie gelernt hat, sie missdeutet und ins Gegenteil verkehrt. Und ihre dann aufkeimende Liebe zu Iman ist der Todesstoß für alle drei.

Doch immer wieder glaubt man, dass es jetzt endlich soweit ist und sich zum Guten wenden wird. Und doch wird man immer wieder enttäuscht – und möchte sie rütteln und schütteln. Denn das Glück liegt Ihnen doch fast zu Füßen. Nur leider ergreifen sie es nicht, sondern laufen darüber hinweg.

‚Iman‘ hat mich berührt, mich involviert, mich mitgerissen und genau das ist doch immer ein Zeichen von guter Literatur. Nicht der aalglatte Konsum, sondern das Sperrige, Aneckende, dass einen zu Reaktionen und Gedankenströmen anregt.
Danke für dieses Buch Ryad, und danke für dieses Buch an den Verlag Klaus Wagenbach.

Bibliografisches:

ISBN 9783803132543

Erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, Januar 2014
Aus dem Französischen übertragen von Sonja Finck
Originaltitel: La main d’Iman
315 Seiten gebunden

€ 22,90

Auch erhältlich als ebook und jetzt auch als preiswertes und handliches Taschenbuch.

Kategorien: Afrikanische Literatur, Belletristik | Schlagwörter: , , , , , , , | Ein Kommentar

Totenfrau – Bernhard Aichner

5 Freunde müssen sterben

btb Verlag

Die Story ist schnell erzählt: Blum ist die Adoptivtochter eines Bestatterehepaares und daher schon als Kind mit dem Tod vertraut. Nach einem tragischen Ereignis (lasst euch überraschen, damit beginnt das Buch!) wird sie zur Waise, lernt allerdings gleichzeitig ihren zukünftigen Mann Mark kennen, einen Polizisten, mit dem sie zwei Kinder haben soll.

Das Leben könnte perfekt für sie sein, doch da wird ihr Mann überfahren, einfach so, Fahrerflucht und aus. Vorbei.

Als Blum auf Marks Handy Aufzeichnungen von Gesprächen Marks mit einer jungen Frau hört, denkt sie erst an eine Affäre, doch die Geschichte ist so unglaublich, dass Blum sich auf die Suche nach dieser Dunja macht. Sie will alles wissen, aus Dunjas Mund. Das dass alles wahr ist, und was es mit Mark gemacht hat. Denn Dunja wurde mit zwei anderen über Jahre in einem Keller gefangen gehalten und missbraucht.

Als Blum Dunja gefunden hat und ihre Version gehört hat, wird ihr klar, dass Mark umgebracht wurde. Beseitigt, da er hinter den falschen Leuten her war.

Hier beginnt Blums Rachezug. Fünf sollen die Täter sein, fünf müssen sterben: der Fotograf, der Priester, der Koch, der Schauspieler und der Clown (hier musste ich ja Aryas Liste aus Song of Ice & Fire denken: Sir Ilyn, the Hound, Jamie Lannister…).
Dafür kommen ihr ihre Bestatter-Fähigkeiten zugute und das Ganze entwickelt sich zu einer Art Innsbrucker Version von Dexter, einer Serie, mit der Blum gar nichts anfangen kann – wie sie an einer Stelle sagt.

Was nun dieses Buch besonders auszeichnet ist seine Sprache, der Schreibstil. Durch die kurzen prägnanten Sätze, zog mich Bernhard Aichner von Beginn an in Blums Bann. Einmal begonnen, war es unglaublich schwer Pause zu machen. So las ich vor dem Schlafengehen und auch vor dem Aufstehen am morgen. Da ging es mir ähnlich, wie kürzlich bei Patrick Ness.

Und dann ist da natürlich die Protagonistin: Blum, die eben nicht wie Dexter einen unbedingten gefühllosen Drang zum Töten hat, sondern eine liebende Mutter und Ehefrau ist, die durch die äußeren Einflüsse auf ihren Weg gezwungen wird. Und diesen Weg mit absoluter Effizienz beschreitet.

Zitat einer Kollegin: Ein Krimi, der dich an deine Grenzen bringt. Dem stimme ich zu.

Reinlesen!

Bibliografisches:

ISBN 9783442754427

Erschienen im btb Verlag, März 2014
444 Seiten, gebunden

gut angelegte € 19,99

Die Totenfrau gibt es auch zum elektronischen Lesen, zum Hören auf Scheibe und zum Hören im Dateiformat.

 

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Süß und ehrenvoll – Avi Primor

süßundehrenvoll

Quadriga Verlag

Große Kriege gab es im Laufe der Menschheitsgeschichte viele. Doch einer, dessen Ausbruch sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt, drängt sich uns besonders ins Gedächtnis. Ist es doch der erste große, auf industriellem Niveau geführte Krieg.
Ein Weltkrieg auch genannt, denn es wird rund um den Globus an vielen Fronten gekämpft. Neu sind auch die Mittel der Menschenvernichtung: erstmals wird mit Flugzeugen gekämpft, erstmals setzt man chemische Erzeugnisse wie Senfgas als Waffe ein. Es ist auch das erste Mal, dass man sich regelrechte Materialschlachten liefert. Nur wenige Meter von einander entfernt liegen sich die Feinde gegenüber, eingegraben in die Erde, praktisch bewegungslos stehen sich die Fronten gegenüber.

Was diesen Krieg in unserem Gedächtnis so lebendig werden lässt ist aber noch viel mahr die Tatsache, dass die meisten von uns in ebenjenem Jahrhundert mit der 19 geboren worden sind. Der eine oder andere kennt oder kannte vielleicht sogar noch Zeitzeugen. Die Spanne der Jahre ist klein, die uns von diesem Ereignis trennt.

Neben den vielen Sachbüchern, die zum Thema erschienen sind, oder im Laufe des Jahres erscheinen gibt es auch belletristisch erzählte Geschichte. Einer der Romane ist dieser hier: Süß und ehrenvoll.

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, hat selbst Wurzeln hier. Seine Mutter floh 1932 aus Frankfurt nach Tel Aviv, Primor wurde 1935 geboren.

In ‚Süß und ehrenvoll‘ geht es also auch ein Stück weit um seine Geschichte, die Geschichte der Juden in Deutschland. Die Figur im Mittelpunkt ist Ludwig, der gerade sein Abitur gemacht hat und sich nun ins Jurastudium stürzen will. Doch kommt ihm der Krieg dazwischen. Wie die Meisten seiner Altersgenossen und die Meisten der Deutschen ist er begeistert vom bevorstehenden Abenteuer Krieg. Begeistert, dass er für Deutschland kämpfen darf.

Denn dieser große Krieg ist auch ein großer Gleichmacher. Jeder kennt den Ausspruch des Kaisers, dass alle Unterschiede wett gemacht sind. ‚…von diesem Tag an kenne ich nur noch Deutsche‘. Das bezieht Ludwigs Vater und er selbst auch, vor allem auch auf die jüdischen Deutschen. Jeglicher Antisemitismus von oberster Stelle aus abgeschafft.

Ähnliches vollzieht sich in Frankreich. Keine zwanzig Jahre zuvor hat die Dreyfus-Affäre das Land erschüttert, die auch nicht zuletzt auf Antisemitismus gewachsen war. Jetzt sind auch hier alle Franzosen, die für ihr Vaterland kämpfen, die Freiheit verteidigen.
Auch für die französische Seite wählt Primor einen jüdischen Schulabschließer. Louis ist Bäckerssohn aus Bordeaux und der erste aus seiner Familie, der studieren wird. Doch vorerst: kämpfen für das Vaterland.

Die Namensvetter stehen also im Mittelpunkt von Primors Roman und an ihnen wird die Ähnlichkeit der Schicksale gezeigt. Beide lassen die Familie in der Heimat zurück, bei beiden ist der Vater die bestimmende Bezugsfigur in der Familie. Beide verstehen sich nicht zuerst als Juden, sondern zuallererst als Deutsche und Franzosen.
Beide begegnen Vorurteilen in der Armee und beiden wird der rasche Aufstieg für außergewöhliche Leistungen verstellt. Sie bewähren sich nämlich schnell, sind von den Kameraden anerkannt und haben beide Führungspotential. Doch die Konventionen, welche der Religion eine wichtige Rolle zuschreiben, stehen der Militärkarriere im Weg. So spielt ihre Religion hier auf einmal eine unverhältnismäßig große Rolle für beide.

Parallel wird auch die Situation an der ‚Heimatfront‘ beschrieben. Je mehr das Judentum Ludwigs an der Front in den Hintergrund verschwindet, desto mehr wird in der Heimat der Antisemitismus wieder aktuell. Denn je schlechter es an der Front läuft und je mehr die Bevölkerung die Einschränkungen aufgrund des Krieges spürt, desto dringender wird die Suche nach einem Sündenbock, einem Schuldigen an der Misere. Und schnell verfällt man da in alte Muster.

Einen großen Teil des Buches machen die Briefe der Soldaten an die Familie und die Geliebten aus. Und deren Briefe an die Front. Hier wird Innerstes offenbahrt und da ist auch so manches Mal der Zensor, der jeden der Briefe kontrolliert egal, denn was gesagt werden muss, soll gesagt werden, jeder Brief könnte ja der letzte sein.

Der Erzählfluss stockte bei mir das ein oder andere Mal, wohl auch durch eben diese Briefe. Dennoch ist das Buch in seiner Gesamtheit ein überaus lesenswertes. Zwei jüdische Soldaten im Zentrum eines Textes über diesen großen Krieg, das gab es meines Wissens noch nicht. Und da aus diesem 1. der nochmals potentierte 2.Weltkrieg resultierte, kann man das Buch durchaus als ein wichtiges bezeichnen.

Mich hat die Lektüre in jedem Fall sehr beeindruckt. Weshalb ich auch etwas Zeit verstreichen lassen musste, bis zum Schreiben dieses Textes.

Eine weitere sehr gute Beprechung findet sich übrigens beim Kaffeehaussitzer.

Bibliografisches:

ISBN 9783869950587

Erschienen im Quadriga Verlag, September 2013
Aus dem Hebräischen übertragen von Beate Esther von Schwarze
384 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

Kategorien: Belletristik, Geschichte, Historischer Roman, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Der Trailer zu ‚Das finstere Tal‘ ist da!

Jauchzet, Frohlocket! Da ist er endlich: der Trailer zur Verfilmung des großartigen Buches ‚Das finstere Tal‘ von Thomas Willmann. Auf der Facebook-Seite zum Film wurden ja schon fleißig Bilder vom Set und ähnliche Appetizer gepostet. Doch hier kann man jetzt sehen, dass das ein absolutes Kino-Highlight im Frühjahr wird.

Ein bisschen müssen wir noch warten, doch dann ist es soweit. Ein großartiges Buch, verfilmt für die große Leinwand, denn nirgendwo sonst gehört der Stoff hin.

Kategorien: Action, Belletristik, Deutsche Literatur, Historischer Roman, Nordamerikanische Literatur, Regional, Verfilmung, Western | Schlagwörter: , , , , , , , , | Ein Kommentar

Landgericht – Ursula Krechel

Copyright Jung und Jung Verlag

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Ein Mann kommt nach Deutschland. Zurück nach Deutschland. Zurück in seine Heimat. Eine Heimat, die ihn vertrieben hat, die ihn mit der Vernichtung bedroht hat und doch kommt er zurück. Denn wo sonst soll er hin. Die letzten Jahre hat er in Kuba verbracht, wo er mit seinen deutschen Tugenden einem Anwalt zu Diensten war. Er hat dort als Bürogehilfe gearbeitet, wo er doch ein Jurastudium abgeschlossen hat.
So kommt er also zurück nach Deutschland, hauptsächlich weil seine Frau ihn zurück haben will. Sie hat nach ihm suchen lassen und er wurde gefunden. Und jetzt ist er zurück in diesem Land.

Der große Krieg ist noch nicht lange vorbei und daher allgegenwärtig. Das Land ist im Wiederaufbau nach der selbst heraufbeschworenen Zerstörung. Man braucht gute und qualifizierte Leute auf allen Ebenen.

Der Mann kommt zurück und erwartet viel von diesem Deutschland, das kurz zuvor noch ein tausendjähriges Reich war. Er ist gewillt zu helfen bei diesem Wiederaufbau, doch er erwartet sich auch etwas. Er will Wiedergutmachung, Entschädigung, Gerechtigkeit. Doch was er bekommt ist Kompromiss, Abfertigung, Abstellgleis.

Nicht nur auf der beruflichen Ebene wird  ihm das kleine bürgerliche Glück verwehrt. Auch seine Familie ist zerbrochen. Seine Frau ist ihm entfremdet, doch ist man erwachsen. Kein Platz ist hier für Gefühlsduseleien. Die Kinder sind da eine andere Sache. Zu Beginn des Krieges unter großen Mühen nach England evakuiert und bei Pflegefamilien untergebracht, haben sie ihr Exil ganz anders empfunden. Nicht als Rettung, sondern als Vernachlässigung, Verstoßung. Als sie nun nach Deutschland zurück kommen sollen – die Familie soll wieder vereint sein – weigern sie sich. Längst haben sie sich an ihre neue Familie gewöhnt, sind viel mehr Teil dieser, als sie es in der anderen jemals waren. Die Tochter hat nie wirklich deutsch gesprochen, oder alles vergessen – zu jung ist sie gewesen – der Sohn spricht es mit starkem Akzent, kämpft um die Wörter.

Das Zusammenführungsexperiment scheitert und die Kinder gehen wieder nach England. Man schreibt sich, trifft sich in den Ferien, bleibt sich fremd.

Der Mann kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen die deutsche Bürokratie, einen Kampf um Anerkennung. Anerkennung seinen Status, Anerkennung seines Leidens, Anerkennung  der Schuld auf Seiten Deutschlands. Doch nichts nichts wird er erreichen. Es ist wie der Kampf gegen die Windmühlen. Er wird sich in diesem Kampf aufreiben und untergehen. Sein Schicksal als Flüchtling wird ihm nicht zugute gehalten, sondern vorgeworfen – ihm zur Last gelegt. Jeder Anlauf, sich ein klein bisschen Raum zu erkämpfen, versandet schnell in den Mühlen der Verwaltung.

Ein unglaublich beeindruckendes Buch, wenn auch deprimierend bei der Lektüre. Ein recht genaues Bild des Nachkriegsdeutschlands bekommt man hier zu sehen. Armut, Krankheit, Mangel, ebenso wie Menschen, an denen die Kriegszeit scheinbar abgeperlt ist, für die diese Jahre offensichtlich nur ein normales Kapitel ihrer Karriere waren.
Immer wieder schüttelt man den Kopf über die Halsstarrigkeit, die allzu korrekte Bürokratie, der es so sehr an ein wenig Empathie fehlt. Jeder ist nur ein Fall, eine Nummer.
Hat sich das geändert, in den 60 Jahren, die seit dieser Zeit vergangen sind? Berechtigte Zweifel dürfen gehegt werden.
Wahrhaft buchpreiswürdig hat Frau Krechel hier geschrieben. Respekt.

Bibliografisches:

EAN 9783990270240

Erschienen im Verlag Jung und Jung, August 2012
492 Seiten, gebunden

€ 29,90

auch erhältlich als ebook und Hörbuch. Und neu: das kleine feine Taschenbuch bei btb.

Hier liest Ursula Krechel für euch den Anfang des ersten Kapitels auf der tollen Plattform zehnseiten.de

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Deutscher Buchpreis DBP, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Mit Haut und Haaren – Arnon Grünberg

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Copyright Diogenes Verlag

Ein Buch voller Verlorener, das ist wohl die beste Bezeichnung für Arnon Grünbergs ‚Mit Haut und Haaren‘. Verloren in der schnelllebigen Zeit des Internets, der Globalisierung – jeder kann jeden immer erreichen, zumindest theoretisch.

Der Jetset, das war einmal, Jetset kann heutzutage jeder sein. Roland Oberstein ist Dozent an einer kleinen Uni in den USA. Eigentlich ist er Wirtschaftswissenschaftler, sein Hobby allerdings ist der Völkermord. Das Amalgam aus beidem ist sein Augenstern – die wirtschaflichen Ausswirkungen eines Völkermords. Seine Forschung geht ihm über alles.

So kommt es auch, dass er bereits geschieden ist. Ex-Frau Sylvie und der gemeinsame Sohn leben in Amsterdam, mit beiden hat er nur sporadisch Kontakt über Handy, SMS oder Chat. Der Sohn ist ihm bereits entfremdet, der spielt lieber an seinem Computer, als dort mit seinem fernen Vater zu reden. Die Ex-Frau trauert ihm immer noch nach und möchte ihn eigentlich gerne zurück, wenn auch vor allem als Unterstützung bei der Kindererziehung, mit der sie heillos überfordert ist.

Auch in Amsterdam lebt Rolands Freundin Violet, mit der er quasi ausschließlich über SMS Kontakt hält. Sie langweilt sich in ihrem Job, der Freund ist soweitweg, also muss ein anderer her – von dem sie Roland auch freiherzig berichtet. Doch geschockt ist dieser nicht. Im Gegenteil: er möchte alles möglichst detailgenau wissen.

Als Roland bei einer Konferenz über Völkermord in Deutschland weilt, lernt er Lea kennen. Sie  ist die Frau des Bürgermeisters von Brooklyn. Frustriert in ihrer Ehe daheim, sucht sie hier in der Fremde das Abenteuer, das Roland jedoch nicht bieten kann. Lea findet es bei einem anderen, bleibt aber dennoch mit ihm in Kontakt, anstatt mit der Bettbekanntschaft.
Als beide wieder in den USA sind, treffen sie sich häufiger und begeben sich doch noch in eine Art Liebesbeziehung.

Auch besagter Bürgermeister ist einer der Verlorenen. Die Familienidylle ist nur eine Fassade, die politischen Erfolg sichern soll. Hinter der Fassade allerdings tun sich Schluchten auf. Er hat sich zwischenzeitlich einen Geliebten zugelegt, wobei das Wort ‚Geliebter‘ wohl sehr beschönigend ist. Es handelt sich vielmehr um einen Sexsklaven, den er mit dessen Illegalität seines Einwandererstatus erpresst und ihm die seligmachende Green-Card verspricht, wenn er ihm gefügig ist.

In diesem Buch ist jeder sich selbst der nächste und doch muss man es auch immer dem anderen Recht machen, um einem Konflikt zu entgehen. Die eigene Komfort-Zone geht über alles. Und wer kann besten Gewissens behaupten, dass es bei ihm nicht so ist. Immer mehr Verwicklungen und Querverbindungen zwischen den Personen ergeben sich, bei denen einem so manches Mal kurz der Lesefluss stockt. Fast alle schaukeln sich in ihrem Sich-und-Anderen-Gefallen-Müssen immer tiefer in die eigene Misere, der Ausweg wird immer unwahrscheinlicher. Man muss nur möglichst lange die gesellschaftliche Maskerade mitspielen, in der Hoffnung nicht aus dem Rahmen zu fallen.

Dass Arnon Grünberg ein unglaublich guter, wenn nicht gar brillanter ist Schriftsteller, muss man nicht abstreiten. Dafür sprechen seine Auszeichungen und die guten Kritiken, die er immer wieder bekommt. Das alles jedoch, ohne allgefällig zu schreiben. Seine Bücher sind auch äußerst provokativ.
Bei mir hat er sich inzwischen zu einem meiner absoluten Lieblinge hochgeschrieben. Denn wer außer ihm, legt die derzeitige Gesellschaft so gnadenlos bloß, wie er es tut und ist dennoch so überaus unterhaltsam.

Bibliografisches:

EAN 9783257068139

Erschienen im Diogenes Verlag im Februar 2012
682 Seiten, gebunden
Aus dem Niederländischen übertragen von Rainer Kersten
Originaltitel: Huid en Haar

€ 22,90

auch erhältlich als ebook.

Kategorien: Belletristik, Niederländische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , | 6 Kommentare

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