Beiträge mit dem Schlagwort: Geheimdienst

Bauernopfer für die Entmündigung

1000augen

(c) Droemer

Nächste Woche wird ja bekanntlich der neue König von Amerika gekrönt, sicher ein Grund, sich mit entsprechenden Büchern zu unterhalten. Wenn es noch dazu eine Art Happy-End gibt, ist der Eskapismus zumindest grob bedient und wir können beruhigt schlafen gehen. Naja, eine Woche noch.

Das Buch, welches ich am Montag buchstäblich verschlungen habe (vormittags gestartet, abends beendet) ist klar beeinflusst von einem der prägenden Männer unserer Generation: Edward Snowden (ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass der Snowden-Skandal einmal mit Dreyfus auf einer Stufe behandelt werden wird).

‚Das Haus der Tausend Augen‘ ist schon mal ein ziemlich reißerischer Titel, aber er hat schon seine Berechtigung. Es geht um ein Bauernopfer, wie der Titel schon sagt. Gary Golay ist der stellvertretende Stabschef im Weißen Haus und in dieser Funktion verantwortlich, ein Gesetz zur Einschränkung der Überwachung und dem möglichen Missbrauch der gesammelten Daten durch den Kongress zu bringen. Durch gute Lobbyarbeit ist es ihm gelungen, eine Mehrheit für das Gesetz zu gewinnen. Doch „wenn sein Gesetz tatsächlich den Kongress passiert hätte, hätten eine Menge Leute eine Menge ihrer Macht abgeben müssen. Noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatten machtbewusste Menschen Einschnitte hingenommen, ohne etwas dagegen zu unternehmen„. Also soll Gary beseitigt werden. Durch wilde Verknüpfung von gesammelten Geheimdienstdaten, Zurechtbiegung und Frisieren von Fakten, wird Gary ein Mord in die Schuhe geschoben und er ist von einem auf den anderen Tag ein Schwerverbrecher und Gejagter.
Verzweifelt verucht er sich zu entlasten und bekommt dabei sogar die Hilfe eines Whistleblowers.

Das Buch ist dermaßen temporeich und spannend geschrieben, dass ich leider an diesem Montag zu gar nichts anderem gekommen bin, als dieses Buch zu lesen. Vielleicht bin ich aber auch einfach sehr empfänglich für gut geschriebene Krimi-Unterhaltung mit aktuell-politischem Bezug. Es passt auch perfekt, dass ich derzeit die Serie ‚Designated Survivor‚ schaue, die ein doch sehr verwandten Plot hat. Für mich passte hier einfach alles zusammen. Knaller!

Ergänzend sei noch hinzugefügt, dass Ben Berkeley zwar ein amerikanischer Autor ist, allerdings ein Sohn deutscher Einwanderer und auch auf deutsch schreibt, und daher eine sehr europäische Sichtweise auf das Thema Überwachung hat. Bezugnehmend auf ein Zitat von Keith Alexander, Direktor der NSA interpretiert er:

Die Maßgabe war es, den größtmöglichsten Heuhaufen anzulegen, um in Zukunft möglichst viele Nadeln finden zu können.

Aus unserer Nach-Wahl-Sicht würde das Buch wohl einige Kapitel früher enden, so aber bekommen wir noch ein recht versöhnliches Ende serviert, bei dem paradoxerweise sogar mit Trumps Slogan gespielt wird (das Buch ist Anfang 2015 erschienen):

Wir haben uns heute hier versammelt, um die Angst zu besiegen. Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir einen gemeinsamen Glauben haben. Den Glauben, dass Amerika besser ist als die Summe seiner Teile. Den Glauben, dass Amerika größer ist als die Länge seiner Grenzen, größer als die Höhe seiner Gebäude.

Heute würde man vielleicht eher sagen, dass die Angst nicht besiegt wurde, sondern gesiegt hat.

Das Haus der Tausend Augen – Ben Berkeley

ISBN 9783426304228

Erschienen im Verlag Droemer-Knaur, März 2015
442 Seiten, Klappenbroschur

€ 14,99

Kategorien: Deutsche Literatur, Geschichte, Krimi, Politik, politthriller, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Empfindliche Wahrheit – John Le Carré

Empfindlichewahrheit

Ullstein Verlag

Eine empfindliche Wahrheit ist eine, die du vielleicht als wichtig einschätzt, deren Bekanntmachung allerdings nicht unbedingt alle gut finden. Vor diesem Problem stand kürzlich Edward Snowden, vor diesem Problem stehen auch die Charaktere in John Le Carrés neuestem Buch.

Paul nimmt an einer Operation des britischen Geheimdienstes in der Kolonie Gibraltar teil. Durchgeführt von einem recht dubiosen Militärdienstleister namens Ethical Outcomes. Paul ist im Grunde nur der Kontaktmann des Ministers, die Drecksarbeit erledigen die Soldaten/ Söldner.
Ein Terrorist soll festgesetzt werden, allerdings sind die Indizien und die Situation vor Ort mehr als fragwürdig. Trotz negativer Einschätzung seitens der ausführenden Soldaten und Paul, gibt der Minister den Einsatzbefehl. Paul wird kurz darauf weggebracht und kann sich kein eigenes Bild vom Aussgang der Operation machen. Ihm wird lediglich mitgeteilt, dass sie zur vollsten Zufriedenheit aller verlaufen ist.

Im zweiten Erzählstrang geht es um Toby Bell, den Assistenten des Ministers, der die Operation in Gibraltar initiiert hat. Wir erfahren die Vorgeschichte der Operation.
Toby wurde von anderer Stelle zum Minister versetzt und möchte nun möglichst viel über diesen erfahren. Bald stößt er auf Ungereimtheiten und geheime Treffen. In einer Ad-Hoc-Aktion zeichnet er eines dieser geheimen Treffen auf und gerät so an Informationen von brisantem Inhalt. Sein väterlicher Mentor, eine Art graue Eminenz und Strippenzieher im Außenministerium kann ihm dabei auch nicht helfen. Man ahnt, dass selbst ihm die Sache zu heiß ist.

Als nun drei Jahre später einer der Soldaten Kontakt zu Paul aufnimmt, gerät die Sache ins Rutschen. Paul versucht den wirklichen Ablauf der Operation heraus zu finden und kommt so auch an Toby Bell.

Es beginnt ein Wettlauf der beiden gegen die Obrigkeit (oder die, die sich dafür halten). Werden Sie die Dokumente veröffentlichen, oder siegen die Vertreter der Staatsmacht und können den Skandal verhindern?!

Hat die Öffentlichkeit ein Recht auf Information, oder gibt es Dinge, die besser hinter verschlossener Tür bleiben? Findet nicht all dies in unserem Namen und mit unseren Geldern statt? In erster Linie zu unserem Schutz? Oder wirtschaften da Menschen in Parallelhierarchien auf eigene Faust und in die eigene Tasche.

Der Meister des Spionagethrillers hat hier wieder ein heißes aktuelles Thema aufgegriffen – und dabei ist die Originalausgabe des Buches noch vor den Snowden-Enthüllungen erschienen – und es ist ihm auch gelungen, daraus einen überaus spannenden Roman zu machen. Lange bleibt offen, wer denn nun mit wem in Bezug steht und wer am Ende die Fäden zieht, oder ziehen lässt.
Vor dem aktuellen Hintergrund liest man so einen Text dann natürlich ganz anders. Das macht ihn aber auch umso einiges interessanter.
Und spannend schreiben kann Le Carré ja ohne Frage. So bleibt nur zu sagen: wieder einen neuen Autoren für mich entdeckt, denn dies war mein erster Le Carré (zumindest in Buchform, einige von den Verfilmungen habe ich schon gesehen), aber gewiss nicht mein letzter! Ganz so, wie kürzlich bei Robert Harris, der sich ja im Grunde mit dem gleichen Thema auseinandersetzt.

Bibliografisches:

ISBN 9783550080364

Erschienen im Ullstein Verlag, November 2013
Aus dem Englischen übertragen von Sabine Roth
Originaltitel: A delicate truth
390 Seiten, gebunden

€ 24,99

Auch erhältlich als ebook, in der Originalausgabe und zum Hören.

Kategorien: Action, Belletristik, Britische Literatur, Englische Literatur, Krimi, Politik, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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