Beiträge mit dem Schlagwort: Identität

Über den Ozean in eine neue Identität

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(c) Aufbau Verlag

Wer von uns wünscht sich nicht manchmal, einfach aus seinem Leben zu verschwinden und ein ganz neues, ganz anderes anzufangen? Aus allen Zwängen und Verpflichtungen ausbrechen und einfach das machen, was man schon immer mal machen wollte…

Mit diesem Thema haben sich ja schon einige Autoren beschäftigt, auf positive, wie negative Weise. Als ich mit Vendela Vidas Buch begann, kam mir eine der Episoden aus Daniel Kehlmanns ‚Ruhm‘ ins Gedächtnis.
Da wie hier reist eine Frau in ein Land, in dem sie fremd ist, in dem sie sich nicht auskennt. Beide verlieren auf die eine oder andere Art ihre Dokumente und Dinge die sie in den Augen der heutigen Gesellschaft zu der Person machen, die sie seit ihrer Geburt sind. Pass, Kreditkarten etc., die Bürden der Welt.

Doch wo Kehlmanns Geschichte den denkbar negativsten Ausgang der vollkommenen Verlorenheit nimmt, begreift die Frau in Vidas Roman genau das nach und nach als ihre große Chance auf einen Neubeginn. Gekommen ist sie nach Casablanca um Abstand zu gewinnen von ihrer Beziehung, in der etwas ganz gräßlich schief gelaufen ist – wir erfahren im Laufe des Buches das ganze Ausmaß dieser persönlichen Krise.
Sie ist hierher gekommen um sich selbst zu finden – davon künden ja mittlerweile unzählige Ratgeber in den Buchhandlungen – und muss feststellen, dass es vielleicht nicht die bisherige Person ist, die ihr selbst finden will, sondern dass sie gewissermaßen zu einer komplett anderen Person werden wird. In den staubigen, verstopften Straßen von Casablanca (der Reiseführer rät: Das erste, was man bei der Ankunft in Casablanca tun sollte, ist, Casablanca verlassen.) kommt mit ihren Dokumenten auch ihr altes Ich abhanden. Der Verlust der offiziellen Identität als Chance zur Schaffung einer neuen, besseren, idealeren.

Ist es das, was wir uns eigentlich alle heimlich wünschen? Vendela Vida impliziert das gekonnt, indem sie den Roman komplett in der 2. Person Singular schreibt uns damit uns selbst direkt anspricht.
Leicht und unterhaltend geschrieben, versuchte ich doch immer wieder mich in die junge Frau hinein zu versetzen: was würde ich in ihrer Lage tun? Fremdes Land, kein Pass, keine wie auch immer gearteten Dokumente, die sagen, wer ich bin, wer ich sein soll. Das große Thema der Agentenliteratur: untertauchen. Hier einmal durchexerziert für den Otto-Normalbürger. Abtauchen und mit neuer Identität wieder auftauchen.

Wünschst du dir das nicht auch manchmal? Auf nach Casablanca!

ISBN 9783351036294

Erschienen im Aufbau Verlag, Februar 2016
Aus dem Englischen übertragen von Monika Blank
Originaltitel: The Diver’s Clothes Lie Empty
252 Seiten, gebunden

€ 19,95

 

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Einschlägig bekannt – Dominique Manotti

einschlägig

(c) Argument Verlag

Dominique Manotti schreibt die besten französischen Krimis. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Das ist immer treffsicher, düster, rasant und nah an der Realität.

In Einschlägig bekannt geht es um einen Pariser Vorstadtbezirk, ein Teil der Stadt, der auch gerne unter dem Begriff der Banlieue (Bannmeile) generalisiert wird. Das die Bezeichnung nichts Gutes verheißt, liegt auf der Hand.

Wir folgen hier einer Gruppe korrupter Polizisten, die sich mit Schutzgelderpressung bei Prostituierten ein Zubrot verdienen. Doch es geht nicht nur ums Geld, wie so oft geht es natürlich auch um Macht.
Parallel dazu wird aus der Perspektive von zwei Neulinge in eben jenem Polizeirevier erzählt. Isabelle wird direkt am ersten Tag von einem Kollegen sexuell belästigt und für Sebastién geht es ins sogenannte ‚Heulbüro‘, wo Bürger ihre Beschwerden und Anzeigen vorbringen dürfen.
Sebastién ist hier schnell desillusioniert, denn die Anzeigen werden für die Statistik abgearbeitet. Da möchte beispielsweise eine Frau ihren Mann anzeigen, da er sie schlägt und sie Angst um ihre Kinder hat. Doch ‚zwei geschlagene Frauen an einem Tag‘ – schlecht für die Statitik. So wird die Frau mit Kaffee und Keksen abgespeist und nach Hause geschickt – was sich später noch als fatale Fehlentscheidung herausstellen wird.
Für Isabelle geht es bald auf Streife und sie wird Zeuge von willkürlichen Kontrollen, Gewalt und Machtmissbrauch ihrer Kollegen.

Und natürlich gibt es da auch noch die ‚Oberschicht‘: Comissaire LeMuir ist der aufgehende Stern am Himmel der Polizeielite, mit klar politischen Ambitionen. Sie ist die Chefin des Komissariates und versucht die politische Linie des Innenministers in spe durchzusetzen, der die Randbezirke reinigen will. Da werden unter anderem baufällige Häuser angezündet, in denen Flüchtlinge und verarmte leben. Selbstverständlich ist das ‚Bauland‘ schon an Investoren verkauft und die Gabäude eine Gefahr für Bewohner und öffenliche Hygiene.

Schließlich taucht auch noch Noria Ghozali auf, arabischstämmige Französin, die versucht, die korrupten Polizisten zu überführen und sich dabei nicht immer ganz legaler Mittel bedient. Eigentlich die Serienfigur Manottis, sind die Hauptfiguren in diesem Buch andere.

Manotti hat ein gutes Gespür für authentische Figuren und überdreht deren Darstellung nicht. Jedes einzelne Wort nimmt man ihr ab. Und bei all der Dramatik des Stoffes macht das Lesen dennoch Spaß.
An der Aktualität der Banlieue-Dramatik, Gebieten die mit dem Reiseführer-Paris so ganz und gar nichts zu tun haben, hat sich auch im Jahr 2015 nicht viel geändert.
Schon vor zehn Jahren sorgte das Thema für große Aufmerksamkeit, als zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafohäuschen starben und daraufhin Unruhen ausbrachen und Sarkozy die Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger säubern wollte.
Und wieder zehn Jahre zuvor (1995) drehte Mathieu Kassovitz den Film ‚Hass‘, der das Leben einer Gruppe Jugendlicher in eben den abgehängten sozialen Problemorten der Pariser Vorstadt thematisiert, an dem man schon  gut die Pulverfassqualität französicher Innenpolitik ablesen konnte.

Also merken: Dominique Manotti. Steht ganz weit oben auf der Liste des politischen hardboiled Krimis. Bei mir zumindest.

Und jetzt nachholen am Bildschrim: ‚Hass‘ gucken. Und wenn ihr korrupte Cops mögt: die französische Serie ‚Braquo‘.

Bibliografisches:

9783867541985

Erschienen im Argument Verlag, November 2011
Aus dem Französischen übertragen von Andrea Stephani
Originaltitel: Bien connu des services des polices
256 Seiten, Taschenbuch

€ 12,90

Auch für’s elektronische Lesen zu haben: Einschlägig bekannt.

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Mehr als das – Patrick Ness

mehralsdas

cbt Verlag

Na das passt ja. Offensichtlich befassen sich derzeit einige Autoren mit dem gleichen, oder doch zumindest sehr ähnlichen Thema. Könnt ihr euch noch an meinen kürzlichen Bericht über Spademan erinnern? Da gab es ja diese Leute, die in großen metallenen Betten lagen, mittels derer sie in die sogennante Limnosphäre eingeloggt waren, eine Art Luxusinternet, oder auch (Second Life)³.

Und auch bei Patrick Ness gibt es jetzt ein ganz ähnliches Konstrukt virtueller Realität. Aber langsam, am Anfang gibt es erstmal ein Ende:

Hier ist der Junge. Er ertrinkt.

Damit startet das Buch, und wenn das mal kein vielversprechender Start ist!!
Er ertrinkt – und wacht wenig später in einem Vorgarten auf, eingewickelt in beschichtete Bandagen. Wie er schnell herausfindet, ist es der Garten seines Elternhauses – das Haus, aus dem sie vor Jahren ausgezogen sind. Nach einem tragischen Vorfall hatte sich die ganze Familie von England nach Amerika aufgemacht. Und doch ist er wieder hier. Allerdings allein, die Welt scheint komplett verlassen. Weder Mensch noch Tier scheint es mehr zu geben, die Straßen sind von Unkraut überwuchert, mit Dreck überzogen die Autowracks und unweit des Hauses gibt es einen riesigen Krater, wie nach einer Explosion.

Immer wieder fällt er in eine Art Trance, oder Schlaf und erlebt dort eigenartige Flashbacks vom Leben vor dem Ertinken. Auf diese Weise werden wir langsam aber sicher erfahren, wer der Junge ist und warum er sich für den Freitod entschied, denn er ist freiwillig ins kalte Meer gegangen. Wir erfahren, warum die Familie auswanderte und natürlich! erfahren wir jede Menge über diese leere Welt, in der er sich nach seinem Tod wiederfand. Soviel sei noch verraten: er bleibt nicht allzu lang allein.

‚Mehr als das‘ ist ein Buch über das anders sein, über das Erwachsenwerden, darüber was Realität ist und nicht zuletzt natürlich über Freundschaft und was diese ausmacht. Ein überaus positives Buch, denn der anfängliche Selbstmord ist ja offensichtlich nicht die Lösung aller Probleme! Es gibt immer noch etwas mehr, auch wenn man denkt, alles ist aus und es gibt kein morgen.

Ich habe ja schon ewig kein Jugendbuch mehr gelesen, und dann sowas! Wie unglaublich spannend dieses Buch ist, kann man im Prinzip schon am obenstehenden Anfang erahnen. Schon ab der ersten Zeile entwickelte es einen irren Sog, der mich bis zum Ende nicht mehr loslies. Es grenzte schon an körperlichen Widerwillen, das Buch aus der Hand zu legen.

Thank you Patrick Ness for this incredible reading experience!

[Alles in allem eine überaus gelungene -wenn auch unfreiwillige- Fortsetzung von Spademan.]

Bibliografisches:

ISBN 9783570162736

Erschienen im Verlag cbt, März 2014
Aus dem Englischen übertragen von Abarbanell
Originaltitel: More than this
512 Seiten, gebunden

€ 17,99

Auch erhältlich als ebook.

Der Verlag hat nicht nur eine Sonderseite erstellt (auf der man auch das Buch gewinnen kann), sondern auch einen super Trailer produziert:

Und da der Titel des Buches auf dem gleichnamigen Lied des großartigen Peter Gabriel basiert und Musik immer gut kommt:

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Das Attentat – Loïc Dauvillier und Glen Chapron

Attentat

Carlsen Verlag

Puh! Am Ende dieses Buches musst du erstmal tief durchatmen und was ganz anderes machen.

Dies ist die Geschichte von Amin Jaafari. Amin Jaafari ist Chirurg an einer Klinik in Tel Aviv, er ist Israeli und er ist Palästinenser. In einem Land wie Israel gehört er damit offensichtlich weder zu den Einen, noch zu den Anderen.
Trotz allem führt er ein gutes Leben, hat Freunde ein schönes Zuhause und fühlt sich wohl. Bis zu dem Tag, an dem das titelgebende Attentat verübt wird.

In einem Restaurant sprengt sich ein Attentäter in die Luft und nimmt 19 Menschen mit in den Tod, unzählige werden verletzt. Amin hat gerade Schicht im Krankenhaus und ist einer der ersten, die sich um die Verletzten kümmern.
Als er übermüdet und ausgelaugt nach seiner langen und blutigen Schicht nach Hause fährt, wird er von einer Polizeikontrolle aufgehalten, letztlich jedoch durchgewinkt. Daheim fällt er todmüde ins Bett, wird allerdings nach nur kurzer Zeit vom Telefon aus dem Schlaf gerissen und ins Krankenhaus zurückbeordert. Dort soll er die Leiche seiner Frau identifizieren, die er bei der Großmutter wähnte.

Es stellt sich heraus, dass seine Frau für das Attentat verantwortlich gemacht wird und natürlich wird auch Amin eine Rolle bei dem Ganzen zugewiesen, man beschuldigt ihn der Mittäterschaft.

Für Amin bricht seine ganze Welt zusammen. Er glaubt nicht an die Schuld seiner Frau, wie soll man sich so in einem Menschen täuschen können? Wie soll es möglich sein, das er nichts von einer derartigen Radikalität seiner Frau mitbekommen hat? Lange wird er auf der Polizeiwache verhört und schließlich doch frei gelassen, da ihm keine Mitschuld nachgewiesen werden kann.

Doch sein Zuhause ist jetzt gefährliches Terrain. Er wird von den Kindern der Nachbarschaft als Terrrorist und Verräter beschrien und von einigen jüdischen Nachbarn sogar auf offener Straße zusammen geschlagen. Daraufhin flüchtet er sich in die Wohnung einer Freundin und versucht mit deren Hilfe wieder auf die Beine zu kommen.

Im Chaos seines verwüsteten Hauses findet er Tage später einen Brief von seiner Frau, den diese vor ihrem Tod aus Bethlehem abgeschickt hat und in dem Sie ihn um Verzeihung für ihre Tat bittet.
Amin macht sich mit der Freundin auf den Weg nach Bethlehem, denn er will auf eigene Faust herausfinden, wie seine Frau da hineingeraten ist, wie sie ohne sein Wissen sich so von ihm wegbewegt hat. Dort ist er allerdings alles andere als willkommen und seine Nachforschungen stellen sich als lebensgefährlich heraus.

Wie ich schon im einführenden Satz andeute, ist das alles andere als leichte Kost. Es ist die Geschichte eines Mannes, der an seinem Lebensentwurf zweifelt. Seine Suche nach dem Fehler, auf den Spuren seiner verstorbenen Frau und den Menschen, die sie zu der gemacht haben, als die sie letztendlich aus dem Leben ging. Die Reise eines Mannes zu den offenen Wunden eines Landes, in dem der Hass leider inzwischen tief verwurzelt ist – wo es doch das heilige Land sein soll. Ein Land in dem es unsichtbare Grenzen gibt und leider auch allzu sichtbare, die das Land zerschneiden, die Menschen trennen.

Bibliografisches:
ISBN 9783551782502

Erschienen im Carlsen Verlag, Februar 2014
Aus dem Französischen übertragen von Ulrich Pröfrock
Szenario von Loïc Dauvillier; Zeichnung und Farbe von Glen Chapron
Originaltitel: L’Attentat
160 Seiten, gebunden

€ 18,90

Dieses Buch basiert auf dem Roman ‚Die Attentäterin‘ von Yasmina Khadra, der auch schon verfilmt wurde.

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Die Frau, die nie fror – Elisabeth Elo

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Ullstein Buchverlage

Könnt ihr euch noch an Fräulein Smilla erinnern? Hm, ja. Ich auch nur noch düster. Dennoch fühlte ich mich bei diesem Buch direkt an Smilla erinnert. Elisabeth Elo unterrichtet nicht umsonst Kreatives Schreiben.
Auch hier steht eine Frau im Mittelpunkt, auch sie hat einen nicht ganz gewöhnlichen Namen: Pirio Kasparov. Wie der Name schon vermuten lässt, hat sie russische Wurzeln; ihr Vater kommt von dort.

Die Ausgangssituation ist schnell erzählt: Pirio war mit ihrem Freund Ned auf einem kleinen Fischkutter unterwegs, als das Boot im Nebel von einem großen Frachter gerammt wird und der Kutter in den Fluten vor der Küste von Boston versinkt, inklusive Ned. Da Pirio eine physische Besonderheit aufweist und sich an einem Trümmerstück festklammern kann, ertrinkt sie weder an der Unfallstelle, noch fordert das eiskalte Meerwasser Tribut. Kurzum, sie überlebt das Ganze.

Ned ist zufällig auch noch der Ex-Mann (verheiratet waren sie allerdings nie) von ihrer besten Freundin Thomasina, die beiden haben zusammen einen Sohn: Noah. Thomasina hat ein Drogen- und Alkoholproblem, weshalb Noahs Verhältnis zu Pirio fast schon mehr ist, als das von Patentante und Patenkind, Noah sieht sie als beste Freundin, ja schon fast als zweite Mutter.

Jetzt merkt ihr schon an der ‚Einleitung‘, dass der Inhalt ganz schön verzwickt ist. Auch Pirios Verhältnis zu ihrem Vater, der sie als verweichlichte Amerikanerin bezeichnet, zu ihrer Stiefmutter und zu einem alten Lover spielen hier noch wichtige Rollen. Im Hintergrund schwebt außerdem immer der Schatten von Pirios toter Mutter.

Um vielleicht die ganzen feinen Details ein bisschen zu überspringen: da die Mühlen der Behörden langsam, sehr langsam mahlen und eine richtige Ermittlung des Unfalls auf hoher See scheinbar gar nicht richtig in Gang kommt, nimmt Pirio das Heft selbst in die Hand und versucht herauszufinden, wer den Fischkutter versenkt und ihren Freund Ned umgebracht hat.

Im Laufe ihrer Ermittlungen trifft sie auf immer mehr Hinweise, die einen Unfall als sehr unwahrscheinlich erscheinen lassen. Das ganze sieht immer mehr nach Plan aus und hätte ja auch einwandfrei funktioniert, hätte Pirio das Schiffeversenken nicht überlebt.
Es spielen desweiteren eine Rolle: der Oyster-Man, ebenjener Lover Pirios, der einen sehr wechselhaften Charakter hat; Noahs Handy; ein mysteriöser Mann mit einem gelähmten Arm, der offensichtlich mehrere Identitäten hat; eine ältere Dame mit Hund und eine Gruppe Neureicher mit Spaß an der Jagd.

All das ergibt einen Roman nach Smilla-Rezeptur. Smillas Steckbrief passt sehr gut auch auf Pirio. Spannend geschriebener Roman mit relativ viel Krimielementen, dabei immer unterhaltend bleibend und mit schwierigen und komplexen Figuren (schwierig für sich selbst und ihre Umwelt, für uns eigentlich weniger 😉 ). Die Handlung erstreckt sich von Boston aufs Meer, bis hoch an die Küsten der Arktis und in die kanadische Tundra.

Lasst euch nicht abschrecken vom Titel, der sicher nur dem Trend nach vorgeblich Kuriosem geschuldet ist (s. Der Hundertjährige etc.), erfreut euch stattdessen an einem guten literarischen Krimi.

Bibliografisches:

ISBN 9783550080388

Erschienen im Ullstein Verlag, Februar 2014
Aus dem Englischen übertragen von Kathrin Bielfeldt
Originaltitel: North of Boston
512 Seiten gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook, in der Originalausgabe und zum Hören.

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Süß und ehrenvoll – Avi Primor

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Quadriga Verlag

Große Kriege gab es im Laufe der Menschheitsgeschichte viele. Doch einer, dessen Ausbruch sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt, drängt sich uns besonders ins Gedächtnis. Ist es doch der erste große, auf industriellem Niveau geführte Krieg.
Ein Weltkrieg auch genannt, denn es wird rund um den Globus an vielen Fronten gekämpft. Neu sind auch die Mittel der Menschenvernichtung: erstmals wird mit Flugzeugen gekämpft, erstmals setzt man chemische Erzeugnisse wie Senfgas als Waffe ein. Es ist auch das erste Mal, dass man sich regelrechte Materialschlachten liefert. Nur wenige Meter von einander entfernt liegen sich die Feinde gegenüber, eingegraben in die Erde, praktisch bewegungslos stehen sich die Fronten gegenüber.

Was diesen Krieg in unserem Gedächtnis so lebendig werden lässt ist aber noch viel mahr die Tatsache, dass die meisten von uns in ebenjenem Jahrhundert mit der 19 geboren worden sind. Der eine oder andere kennt oder kannte vielleicht sogar noch Zeitzeugen. Die Spanne der Jahre ist klein, die uns von diesem Ereignis trennt.

Neben den vielen Sachbüchern, die zum Thema erschienen sind, oder im Laufe des Jahres erscheinen gibt es auch belletristisch erzählte Geschichte. Einer der Romane ist dieser hier: Süß und ehrenvoll.

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, hat selbst Wurzeln hier. Seine Mutter floh 1932 aus Frankfurt nach Tel Aviv, Primor wurde 1935 geboren.

In ‚Süß und ehrenvoll‘ geht es also auch ein Stück weit um seine Geschichte, die Geschichte der Juden in Deutschland. Die Figur im Mittelpunkt ist Ludwig, der gerade sein Abitur gemacht hat und sich nun ins Jurastudium stürzen will. Doch kommt ihm der Krieg dazwischen. Wie die Meisten seiner Altersgenossen und die Meisten der Deutschen ist er begeistert vom bevorstehenden Abenteuer Krieg. Begeistert, dass er für Deutschland kämpfen darf.

Denn dieser große Krieg ist auch ein großer Gleichmacher. Jeder kennt den Ausspruch des Kaisers, dass alle Unterschiede wett gemacht sind. ‚…von diesem Tag an kenne ich nur noch Deutsche‘. Das bezieht Ludwigs Vater und er selbst auch, vor allem auch auf die jüdischen Deutschen. Jeglicher Antisemitismus von oberster Stelle aus abgeschafft.

Ähnliches vollzieht sich in Frankreich. Keine zwanzig Jahre zuvor hat die Dreyfus-Affäre das Land erschüttert, die auch nicht zuletzt auf Antisemitismus gewachsen war. Jetzt sind auch hier alle Franzosen, die für ihr Vaterland kämpfen, die Freiheit verteidigen.
Auch für die französische Seite wählt Primor einen jüdischen Schulabschließer. Louis ist Bäckerssohn aus Bordeaux und der erste aus seiner Familie, der studieren wird. Doch vorerst: kämpfen für das Vaterland.

Die Namensvetter stehen also im Mittelpunkt von Primors Roman und an ihnen wird die Ähnlichkeit der Schicksale gezeigt. Beide lassen die Familie in der Heimat zurück, bei beiden ist der Vater die bestimmende Bezugsfigur in der Familie. Beide verstehen sich nicht zuerst als Juden, sondern zuallererst als Deutsche und Franzosen.
Beide begegnen Vorurteilen in der Armee und beiden wird der rasche Aufstieg für außergewöhliche Leistungen verstellt. Sie bewähren sich nämlich schnell, sind von den Kameraden anerkannt und haben beide Führungspotential. Doch die Konventionen, welche der Religion eine wichtige Rolle zuschreiben, stehen der Militärkarriere im Weg. So spielt ihre Religion hier auf einmal eine unverhältnismäßig große Rolle für beide.

Parallel wird auch die Situation an der ‚Heimatfront‘ beschrieben. Je mehr das Judentum Ludwigs an der Front in den Hintergrund verschwindet, desto mehr wird in der Heimat der Antisemitismus wieder aktuell. Denn je schlechter es an der Front läuft und je mehr die Bevölkerung die Einschränkungen aufgrund des Krieges spürt, desto dringender wird die Suche nach einem Sündenbock, einem Schuldigen an der Misere. Und schnell verfällt man da in alte Muster.

Einen großen Teil des Buches machen die Briefe der Soldaten an die Familie und die Geliebten aus. Und deren Briefe an die Front. Hier wird Innerstes offenbahrt und da ist auch so manches Mal der Zensor, der jeden der Briefe kontrolliert egal, denn was gesagt werden muss, soll gesagt werden, jeder Brief könnte ja der letzte sein.

Der Erzählfluss stockte bei mir das ein oder andere Mal, wohl auch durch eben diese Briefe. Dennoch ist das Buch in seiner Gesamtheit ein überaus lesenswertes. Zwei jüdische Soldaten im Zentrum eines Textes über diesen großen Krieg, das gab es meines Wissens noch nicht. Und da aus diesem 1. der nochmals potentierte 2.Weltkrieg resultierte, kann man das Buch durchaus als ein wichtiges bezeichnen.

Mich hat die Lektüre in jedem Fall sehr beeindruckt. Weshalb ich auch etwas Zeit verstreichen lassen musste, bis zum Schreiben dieses Textes.

Eine weitere sehr gute Beprechung findet sich übrigens beim Kaffeehaussitzer.

Bibliografisches:

ISBN 9783869950587

Erschienen im Quadriga Verlag, September 2013
Aus dem Hebräischen übertragen von Beate Esther von Schwarze
384 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Empfindliche Wahrheit – John Le Carré

Empfindlichewahrheit

Ullstein Verlag

Eine empfindliche Wahrheit ist eine, die du vielleicht als wichtig einschätzt, deren Bekanntmachung allerdings nicht unbedingt alle gut finden. Vor diesem Problem stand kürzlich Edward Snowden, vor diesem Problem stehen auch die Charaktere in John Le Carrés neuestem Buch.

Paul nimmt an einer Operation des britischen Geheimdienstes in der Kolonie Gibraltar teil. Durchgeführt von einem recht dubiosen Militärdienstleister namens Ethical Outcomes. Paul ist im Grunde nur der Kontaktmann des Ministers, die Drecksarbeit erledigen die Soldaten/ Söldner.
Ein Terrorist soll festgesetzt werden, allerdings sind die Indizien und die Situation vor Ort mehr als fragwürdig. Trotz negativer Einschätzung seitens der ausführenden Soldaten und Paul, gibt der Minister den Einsatzbefehl. Paul wird kurz darauf weggebracht und kann sich kein eigenes Bild vom Aussgang der Operation machen. Ihm wird lediglich mitgeteilt, dass sie zur vollsten Zufriedenheit aller verlaufen ist.

Im zweiten Erzählstrang geht es um Toby Bell, den Assistenten des Ministers, der die Operation in Gibraltar initiiert hat. Wir erfahren die Vorgeschichte der Operation.
Toby wurde von anderer Stelle zum Minister versetzt und möchte nun möglichst viel über diesen erfahren. Bald stößt er auf Ungereimtheiten und geheime Treffen. In einer Ad-Hoc-Aktion zeichnet er eines dieser geheimen Treffen auf und gerät so an Informationen von brisantem Inhalt. Sein väterlicher Mentor, eine Art graue Eminenz und Strippenzieher im Außenministerium kann ihm dabei auch nicht helfen. Man ahnt, dass selbst ihm die Sache zu heiß ist.

Als nun drei Jahre später einer der Soldaten Kontakt zu Paul aufnimmt, gerät die Sache ins Rutschen. Paul versucht den wirklichen Ablauf der Operation heraus zu finden und kommt so auch an Toby Bell.

Es beginnt ein Wettlauf der beiden gegen die Obrigkeit (oder die, die sich dafür halten). Werden Sie die Dokumente veröffentlichen, oder siegen die Vertreter der Staatsmacht und können den Skandal verhindern?!

Hat die Öffentlichkeit ein Recht auf Information, oder gibt es Dinge, die besser hinter verschlossener Tür bleiben? Findet nicht all dies in unserem Namen und mit unseren Geldern statt? In erster Linie zu unserem Schutz? Oder wirtschaften da Menschen in Parallelhierarchien auf eigene Faust und in die eigene Tasche.

Der Meister des Spionagethrillers hat hier wieder ein heißes aktuelles Thema aufgegriffen – und dabei ist die Originalausgabe des Buches noch vor den Snowden-Enthüllungen erschienen – und es ist ihm auch gelungen, daraus einen überaus spannenden Roman zu machen. Lange bleibt offen, wer denn nun mit wem in Bezug steht und wer am Ende die Fäden zieht, oder ziehen lässt.
Vor dem aktuellen Hintergrund liest man so einen Text dann natürlich ganz anders. Das macht ihn aber auch umso einiges interessanter.
Und spannend schreiben kann Le Carré ja ohne Frage. So bleibt nur zu sagen: wieder einen neuen Autoren für mich entdeckt, denn dies war mein erster Le Carré (zumindest in Buchform, einige von den Verfilmungen habe ich schon gesehen), aber gewiss nicht mein letzter! Ganz so, wie kürzlich bei Robert Harris, der sich ja im Grunde mit dem gleichen Thema auseinandersetzt.

Bibliografisches:

ISBN 9783550080364

Erschienen im Ullstein Verlag, November 2013
Aus dem Englischen übertragen von Sabine Roth
Originaltitel: A delicate truth
390 Seiten, gebunden

€ 24,99

Auch erhältlich als ebook, in der Originalausgabe und zum Hören.

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Sickster – Thomas Melle

sickster

Rowohlt Verlag

Die vielzitierte Leistungsgesellschaft fängt ja heute schon im Kindergarten an. Davon zeugen zahllose Eltern und Großeltern, deren Kindern zwar erst so und so alt sind – aber natürlich ja schon viel viel weiter.  Der akademisierte Kindergarten führt dann später vielleicht zu Persönlichkeitsbildern wie denen in Thomas Melles furiosem Debütroman.

Als Elite geboren muss man sich selbstverständlich auch als Elite behaupten. Bei Thorsten, einer der drei Hauptfiguren führt das von Kindheit und Jugend in der alten Bundeshauptstadt, zwischen Internat und Burschenschaften, zielstrebig in die Chefetagen eines großen internationalen Ölkonzerns.

So zieht sein Leben an ihm vorbei, zwischen seiner Büroetage mit den für Berlin obligatorischen Kränen vor dem Fenster – hier ist alles im Wandel, oder auch einfach alles nur halbfertig – und dem vampirischen Nachtleben, ist sein Leben ebenso eine Baustelle wie die Stadt. Der Energy-Drink wird zwanghaft mit Wodka aufgefüllt und in der Jackentasche ist neben dem Flachmann auch noch Platz für Jägermeister, Kümmerling, oder was gerade zur Hand war.
Schnell kam mir der Gedanke an Mad Men, doch da wurde der Drink zwischendurch zumindest noch halbwegs zelebriert, gehörte quasi zum guten Ton bei Geschäftsabschluss. In Thorstens Büro hängt öfter mal eine erstickende Alkoholfahne in der Luft, auch wenn er nicht trinkt, einzig genährt von den Ausdünstungen des Konsums der letzten Nacht. Das Reparaturbier gibt es nicht, der tiefe Schluck aus dem Flachmann hilft eher. Zwei Fisherman’s Friend eingeworfen und weiter geht’s.

Eines Tages sitzt Magnus mit in einer der Besprechungen, er ist der neue Schreiber des firmeninternen Magazins. Magnus war auf der gleichen Schule wie Thorsten, ist aber Idealist geblieben – zumindest sagt er sich das. Zwischen den beiden ensteht schnell eine Feindfreundschaft, die gemeinsame Vergangenheit, und sei sie noch so vage, verbindet.

Und dann ist da noch Laura, Thorstens Freundin, die er mit routinierter Regelmäßigkeit betrügt und die unter Panikattacken leidet und auch sonst eher psychisch labil ist.

Alle drei steuern auf den unvermeidlichen Zusammenbruch zu, den die Sommerhitze der Großstadt schlußendlich aus ihnen herauskocht.

Sex & Drugs & Bilanzanalyse sprachgewaltig in Szene gesetzt von Thomas Melle, einen Namen den man sich merken sollte. Ähnlich intensive Literatur hab ich lange nicht mehr gelesen. Respekt!

Als Querverweis: wer So Was Von Da mochte, dem könnte auch Sickster gefallen.

Bibliografisches:

ISBN 9783871347191

Erschienen im Rowohlt Verlag, September 2011
Gebunden, 330 Seiten

€ 19,95

Auch erhältlich als ebook und inzwischen schon im Taschenbuch.

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Ghostman – Roger Hobbs

ghostman

Goldmann Verlag

Solltest du ein Ding planen und du brauchst noch jemanden, der sich mit guter Tarnung auskennt, bist du bei Jack genau richtig. Selbstverständlich heißt er nicht Jack, zumindest nicht nur. Er ist der Mann der hundertundkeiner Identität. Fingerabdrücke hinterlässt er keine mehr (dank einer rotglühenden Bratpfanne) und Pässe hat er viele.

Vor fünf Jahren hat er einen schweren Fehler begangen und wegen ihm ist ein groß angelegter Bankraub schief gegangen. Als ihn nun sein damaliger Auftraggeber kontaktiert, sieht er die Chance, seinen Fehler auszubügeln.
Diesmal sollte ein Casino um 1 200 000 000 Dollar erleichtert werden, doch irgendwas lief nicht so, wie es laufen sollte. Einer der beiden Männer wurde erschossen, der andere wird gesucht, ist offenbar untergetaucht.

Unser Held der Ghostman soll das Ding richten, den Verschwundenen aufspüren und die Beute sicherstellen. Ihm bleiben dazu 48 Stunden, denn das die Beute ist mit Sprengkörpern und Farbkapseln versehen, die das ganze Geld unbrauchbar machen werden, sobald die Frist abgelaufen ist.

Er macht sich also auf nach Atlantic City, genau seine Stadt, denn er liebt das Risiko, das Spiel – wenn auch nicht das am Roulettetisch, sondern das auf der Straße, mit der Waffe in der Hand.

Bald schon folgen ihm permanent andere Gangster, die für den örtlichen Druglord arbeiten. Wie sich schnell herausstellt, hat dieser mit dem Auftraggeber des Ghostman noch eine Rechnung offen. Ein wildes Spiel beginnt, eine Jagd nach der Beute und immer ist der Ghostman den anderen einen kleinen Schritt voraus, er ist halt einfach richtig gut in seinem Job.
Eine Spur von zerknickten Sim-Karten, zertretenen Prepaid-Phones und der ein oder anderen Leiche bleibt hinter ihm zurück.

Neben der Handlung in der Gegenwart werden immer wieder Kapitel eingeschoben, in denen die Geschichte jenes eklatanten Patzers des Ghostman aufgerollt wird. So bekommt man zwei packende Crime-Storys in einem Buch serviert.Und es wird nie, aber auch wirklich nie langweilig, denn meist enden die Kapitel mit Sätzen wie: Ich sah auf die Uhr. Fünf Uhr früh. Noch Fünfunzwanzig Stunden.

Damit die Figur nicht zu platt erscheint, hat er auch eine schöngeistige Seite. Zwischen seinen Jobs, wenn er sich langweilt, übersetzt er lateinische und griechische Klassiker, nur zum Spaß, nur für sich. Sein Lieblingsbuch ist die Äneis und er sieht sich als eine Art Wiedergänger von eben Diesem.

Alles in allem ein Buch, welches ihr lesen solltet, wenn ihr bei Langeweile keine Klassiker übersetzen wollt. Es macht richtig Spaß und ist vollgepackt mit Action und Spannung. Gut geschrieben noch dazu. Ungefähr so, wie ein guter schneller Actionfilm. Kein Wunder, dass der Autor inzwischen schon von Warner Bros. als Drehbuchschreiber verpflichtet wurde.

Eine weitere Besprechung findet ihr übrigens bei Papiergeflüster.

Der Goldmann Verlag hat dazu im Übrigen eine kleine Sonderseite gestaltet. Nettes  Feature, wie ich finde.

 

Bibliografisches:

EAN 9783442313372

Erschienen im Goldmann Verlag, Juli 2013

Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Rainer Schmidt
Originaltitel: The Ghostman
384 Seiten, Paperback

€ 14,99

Auch erhältlich als ebook und in der Originalausgabe.

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Asterios Polyp – David Mazzuchelli

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Copyright David Mazzuchelli & Eichborn Verlag

Viele Comics hat er schon gemalt, dies ist nun Mazzuchellis erste Graphic Novel. Und dann direkt so ein großartiges Werk!

Die titelgebende Figur ist Asterios Polyp, dessen Geschichte hier erzählt wird – aus Sicht seines totgeborenen Zwillingsbruders.
Dramatischer Start – es stürmt und regnet, ein wahrhaftes Unwetter geht hernieder. In einer ziemlich herunter gekommenen, dreckigen und vermüllten Wohnung liegt ein ziemlich herunter gekommener Asterios Polyp in einem speckigen Bett und schaut Videos. Die Videoskassetten sind alle mit einem anderen Datum beschriftet und der Kerl hat ein ganzes Zimmer davon.

Es kommt wie es kommen muss – der Blitz schlägt eine Etage tiefer in das Haus ein und unser Held muss aus dem Haus fliehen. Schnell zieht er sich Schuhe über und klaubt seine wichtigsten Habseligkeiten zusammen: ein Feuerzeug, eine Uhr und ein Schweizer Taschenmesser. Was es mit diesen Dingen auf sich hat, erfähren wir im Laufe der Geschichte.
Seiner Unterkunft beraubt, sehen wir ihn als nächstes in einem Pappkarton im Regen liegend. So kann das nicht weiter gehen, sagt sich auch Asterios Polyp, fährt zur nächsten Greyhound-Station und kauft mit seinem letzten Geld ein Ticket ins Irgendwo.

Schon im Bus verschenkt er das Feuerzeug an einen versoffenen Ex-Knacki, der später noch einen dramatischen Auftritt haben soll.
Der Bus fährt in die Weiten der Provinz und passiert eine Autowerkstatt, an der eine Stelle ausgeschrieben ist. Sekunden später ruft der Fahrer den Ort als Haltepunkt aus und Asterios Polyp steigt kurzentschlossen aus und bewirbt sich um die Stelle.
Gut, dass er ein fotografisches Gedächtnis hat, denn von der Automechanik versteht er nicht allzuviel. Also schnell in die örtliche Bibliothek, eine Stunde Bücher zum Thema gelesen und schon kann’s losgehen mit der Karriere als KFZ-Mechaniker.
Zufällig hat der Inhaber auch noch ein Zimmer zu vermieten, besser geht’s ja gar nicht.

Jetzt steigen wir parallel in den zweiten Erzählstrang ein. Es wird erzählt, wie Asterios seine große Liebe trifft: Hana (oder wie er sie nennt – Daisy).
Wir erfahren, dass Asterios ein erfolgreicher und anerkannter Architekt war, mit Lehrauftrag an einer renommierten Universität. Sein einziges Manko: keiner seiner ausgezeichneten Entwürfe wurde je gebaut. Das kann dann schon mal am Ego kratzen, zum Glück hat Asterios aber reichlich davon, zumindest vorerst (soll heißen in diesem zeitlich früheren Erzählstrang).
Hier an der Universität lernt er nun auch Hana kennen, die ebenfalls als Dozentin angestellt ist. Allerdings ist sie in so ziemlich allem das genaue Gegenteil von Asterios. Er ist der berechnende egozentrische Ingenieur, sie die emotionale Künstlerin.

Nichtsdestotrotz bahnt sich hier eine Liebesgeschichte an (frei nach Reich-Ranicki: In der Literatur geht es nur um drei große Themen: Liebe, Liebe und Liebe.) – Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.
Es dauert nicht lange und die beiden heiraten. Sie ist diejenige, die immer zurück zu stecken scheint, wo sich das Ego von Asterios breit macht.

Die Handlung springt im Folgenden immer wieder hin und her, Asterios führt philosophische Gespräche mit der Esoterikerin, die des Automechanikers Frau ist. Traumsequenzen, in denen auch schonmal der Zwillingsbruder auftaucht mischen sich mit der Geschichte der Eltern. Und die Geschichte der Ehe strebt ihrem Ende entgegen, als der kleine dickliche Tänzer/Choreograph Willy Ilium auftaucht und Hana für seine neueste Inszenierung engagiert. Fortan wendet Hana dafür immer mehr Zeit für diese Inszenierung auf und damit auch automatisch für Willy, was für das Selbstbewusstsein Asterios‘ gar nicht gut ist. So geht denn auch die Ehe in die Brüche als es darüber zum Streit kommt und es schließt sich der Kreis zum Anfang der Geschichte und dem verwahrlosten Asterios in seiner verwahrlosten Bleibe.

Das Besondere an dieser Graphic Novel ist nun die unglaublich tolle künstlerische Umsetzung. Da reiht sich nicht einfach nur Kästchen an Kästchen, nix da! Mazzuchelli spielt mit allen Möglichkeiten des Genres. Da werden vordergründige Seiten weg geklappt und die Personen kommentieren parallel das Geschehen. Die Größe der Bilder reicht von Briefmarkengröße bis zur doppelseitigen Abbildung. Mit der sparsamen und zurückhaltenden Farbgebung untermalt Mazzuchelli die doch eher traurigen Grundzüge der Geschichte.
Auch die Formen der Figuren spielen eine große Rolle: Asterios ist der eher kantige Typ, passend zu seinem Charakter, wobei Hana eher etwas fließendes Weiches hat. Besonders kommt das heraus, wenn die beiden in Streit geraten: da verwandelt sich Asterios in eine Zusammensetzung von kaltblauen geometrischen Figuren, während Hana zu einem rotglühenden Emotionsherd wird.

Was es nun mit den drei Dingen auf sich hat, die Asterios beim Wohnungsbrand unbedingt dabei haben musste, bevor er die Wohnung verlies, müsst ihr euch selber erlesen! Ebenso, wie es dazu kommt, dass Asterios dem Mann aus dem Bus bei einem Punkkonzert wieder begegnet und was es mit dem Raum voller Videos auf sich hat. Es lohnt sich de-fi-ni-tiv!!! Die Leseprobe gibt es HIER.

Kurz zusammen gefasst ist das Buch also eine künstlerisch hochwertige, philosophische Geschichte über einen Mann auf der Suche nach dem großen Glück (oder war es doch die Liebe?!).
Zumindest ist hier jeder einzelne der 2.995 cent gut investiert. Das nenne ich Preis-Wert!

Bibliografisches:

EAN 9783821861302

Erschienen im Eichborn Verlag bei Bastei Lübbe, August 2011
Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Thomas Pletzinger
Originaltitel: Asterios Polyp
344 Seiten, gebunden

€ 29,95

Auch erhältlich in der englischsprachigen Originalausgabe

Kategorien: Comic, Graphic Novel, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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