Beiträge mit dem Schlagwort: Kehlmann

Über den Ozean in eine neue Identität

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(c) Aufbau Verlag

Wer von uns wünscht sich nicht manchmal, einfach aus seinem Leben zu verschwinden und ein ganz neues, ganz anderes anzufangen? Aus allen Zwängen und Verpflichtungen ausbrechen und einfach das machen, was man schon immer mal machen wollte…

Mit diesem Thema haben sich ja schon einige Autoren beschäftigt, auf positive, wie negative Weise. Als ich mit Vendela Vidas Buch begann, kam mir eine der Episoden aus Daniel Kehlmanns ‚Ruhm‘ ins Gedächtnis.
Da wie hier reist eine Frau in ein Land, in dem sie fremd ist, in dem sie sich nicht auskennt. Beide verlieren auf die eine oder andere Art ihre Dokumente und Dinge die sie in den Augen der heutigen Gesellschaft zu der Person machen, die sie seit ihrer Geburt sind. Pass, Kreditkarten etc., die Bürden der Welt.

Doch wo Kehlmanns Geschichte den denkbar negativsten Ausgang der vollkommenen Verlorenheit nimmt, begreift die Frau in Vidas Roman genau das nach und nach als ihre große Chance auf einen Neubeginn. Gekommen ist sie nach Casablanca um Abstand zu gewinnen von ihrer Beziehung, in der etwas ganz gräßlich schief gelaufen ist – wir erfahren im Laufe des Buches das ganze Ausmaß dieser persönlichen Krise.
Sie ist hierher gekommen um sich selbst zu finden – davon künden ja mittlerweile unzählige Ratgeber in den Buchhandlungen – und muss feststellen, dass es vielleicht nicht die bisherige Person ist, die ihr selbst finden will, sondern dass sie gewissermaßen zu einer komplett anderen Person werden wird. In den staubigen, verstopften Straßen von Casablanca (der Reiseführer rät: Das erste, was man bei der Ankunft in Casablanca tun sollte, ist, Casablanca verlassen.) kommt mit ihren Dokumenten auch ihr altes Ich abhanden. Der Verlust der offiziellen Identität als Chance zur Schaffung einer neuen, besseren, idealeren.

Ist es das, was wir uns eigentlich alle heimlich wünschen? Vendela Vida impliziert das gekonnt, indem sie den Roman komplett in der 2. Person Singular schreibt uns damit uns selbst direkt anspricht.
Leicht und unterhaltend geschrieben, versuchte ich doch immer wieder mich in die junge Frau hinein zu versetzen: was würde ich in ihrer Lage tun? Fremdes Land, kein Pass, keine wie auch immer gearteten Dokumente, die sagen, wer ich bin, wer ich sein soll. Das große Thema der Agentenliteratur: untertauchen. Hier einmal durchexerziert für den Otto-Normalbürger. Abtauchen und mit neuer Identität wieder auftauchen.

Wünschst du dir das nicht auch manchmal? Auf nach Casablanca!

ISBN 9783351036294

Erschienen im Aufbau Verlag, Februar 2016
Aus dem Englischen übertragen von Monika Blank
Originaltitel: The Diver’s Clothes Lie Empty
252 Seiten, gebunden

€ 19,95

 

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Kategorien: Aufbau, Belletristik, Nordamerikanische Literatur | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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