Beiträge mit dem Schlagwort: Krieg

Schnell, ein Tausendseiter

leben

(c) Hanser

Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die schreiben dicke Bücher und erzählen uns eigentlich nichts. Und dann gibt es die, die auf knapp über 100 Seiten eine Geschichte, die so tief geht, so voller kleiner bemerkenswerter Dinge ist, dass man am Ende das Gefühl hat, einen Tausendseiter gelesen zu haben. So ging es mir bei Robert Seethaler und so passierte es jetzt auch bei Sylvie Schenk, die uns in diesem schmalen Band ihre Geschichte erzählt.

Es ist die Geschichte der jungen Louise, die vom Land in die große Stadt Lyon kommt, um dort zu studieren, nicht ganz ohne Widerstände. Denn es sind die 60er Jahre und Frauen an der Universität sind noch nicht ganz so selbstverständlich, wie man vielleicht meint.
Es entstehen die ersten tiefen Freundschaften, ja es sind sogar Ausländer unter ihren Freunden, ein Chinese von den Philippinen, ja gar ein Deutscher.

Nach einer kurzen Leidenschaft mit einem französischen Mitstudent, der seine Eltern im Krieg verloren hat und ein akribischer Aufzeiger und Erinnerer der dunklen deutschen Vergangenheit ist, verliebt sich die Louise tatsächlich in den Deutschen. Dass davon nicht nur ihr Verflossener, sondern auch ihre Eltern schockiert sind, ist leicht vorstellbar, der Krieg und das Elend sitzen tief.

Doch gegen alle Widerstände heiraten die beiden und Louise zieht es nach Deutschland, nicht ohne vorher auf die dunkle Vergangenheit des Schwiegervaters gestoßen worden zu sein, den hochgebildeten Mann, den sie doch so verehrt. Doch entgegen aller Widrigkeiten will sich Louise nicht unterkriegen lassen, sich behaupten, denn:

‚Die Heimat besteht nicht aus Ländern und Städten, sondern aus Menschen die man liebt.‘

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, doch hörte ich dann das Hörbuch auf dem täglichen Weg zur Arbeit und war schnell gefangen von dieser Lebensgeschichte. Nicht zuletzt lag das sicher an der eindringlichen Erzählweise, ist das Buch doch komplett in der zweiten Person geschrieben. Sicher etwas gewöhnungsbedürftig, doch bist du dadurch praktisch die Person um die es geht. Du erzählst dir diese Geschichte, dieses Leben. Du musst dich darauf einlassen, denn diese Art des Erzählens ist nicht die bekannte, die du in 95% der Romane antriffst, doch es lohnt sich allemal.

Dass es zu großen Stücken das Leben der Sylvie Schenk ist, welches hier erzählt wird, lässt sich der Biografie der Autorin entnehmen und beeindruckt umso mehr, wenn man die Autorin einmal erlebt hat.

Einhundertsechzig Seiten, ein Leben, im Schnelldurchgang, mit Tiefgang. Ein Buch das ich euch sehr ans Herz legen möchte. Umso mehr, als dass es ja aus meinem eigentlichen Leseschema ein bisschen ausbricht. Die 16€ für dieses Hardcover sind praktisch geschenkt, sind doch da über 1000 Seiten drin versteckt und es ist definitiv ein Buch, das hängenbleibt.

ISBN 9783446253315 – 16,-€
eISBN 9783446254190 – 11,99€
Hörbuch
9783864843952 – 19,99€

Erschienen im Hanser Verlag, Juli 2016
160 Seiten, gebunden

 

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Bühlerhöhe – Brigitte Glaser

bühlerhöhe

(c) Ullstein

Auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz meine Lieblingsliteratur (der Verlag hat diesen Titel in die Marketingkampagne Kopfkino aufgenommen, die sich an Leserinnen 60+ richtet), aber ein Buch, das ich dennoch sehr gern gelesen habe.

Wir befinden uns in der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein Kibbuz in Israel. Rosa bekommt den Auftrag, nach Deutschland zu reisen um Kanzler Adenauer zu beschützen. Rosa ist keine Agentin, Rosa gehört nicht zum Militär; mit Deutschland verbindet sie nur ihre Vergangenheit, eine Vergangenheit, die sie längst begraben hat. Dieses Land hat beinahe ihre gesamte Familie vernichtet. Doch ist sie in dem Moment scheinbar die einzige greifbare Person, die Deutsch spricht – immerhin ist sie in Köln aufgewachsen – und die den Schwarzwald sehr gut kennt, hat sie doch hier mit der Familie immer ihre Ferien verbracht.
Denn hierhin soll sie ihre Mission führen – im edlen Hotel Bühlerhöhe wir Kanzler Adenauer seine Ferien verbringen und dort droht ihm Gefahr. Eine jüdische Extremistengruppe trachtet dem Kanzler nach dem Leben, da er im Bundestag das umstrittene Wiedergutmachungsgesetz durchsetzen will, durch welches dem jungen israelischen Staat größere Summen deutschen Geldes zukommen sollen. Für die Gruppe ein Freikaufen von der Schuld, der nicht akzeptierbar ist.

Rosa wird also als mit der Lokalität vertraute auf die Bühlerhöhe geschickt, dort soll sie sich mit dem Agenten Ari treffen, der die Leitung der Mission übernehmen soll.
Die Reise nach Deutschland wird für Rosa in mehr als einer Hinsicht zu einer großen Herausforderung. Ein Land, in das sie niemals zurückkehren wollte und das doch voller auch schöner Erinnerungen steckt.
Beinahe kannman hier in der Schwarzwald-Idylle die verheerende Zeit der Nazi-Herrschaft vergessen.  Anders als in „Landgericht“ von Ursula Krechel merkt man beinahe nichts von der düsteren Vergangenheit des Landes, hier sind die Städte nahezu intakt geblieben, keine Spuren der Zerstörung sichtbar.

Doch wird der Aufenthalt für Rosa kein Zuckerschlecken. Ihr Partner, der erfahrene Agent, trifft nicht ein, die Hausdame auf der Bühlerhöhe spioniert ihr nach, es tauchen Schatten aus der Vergangenheit auf – jedoch nicht nur für Rosa. Auch für Sophie, die Hausdame, die ihr Fähnlein gerne mit dem Wind wehen lässt, was ihr die Verbannung aus der allzu nahen Heimat Strassburg eingebracht hat.
Außerdem ist da noch Agnes, die junge Auszubildende eines nahen Landgasthofes, die ein wichtiges verbindendes Element der Geschichte darstellt und eine ganz eigene naive Sicht auf die Begebenheiten dieses Sommers hat.
Kurz: in der Sommerfrische tummeln sich Geheimdienstler, Feriengäste, Handelsleute mit dubiosem Hintergrund und viele dunkle Schatten.

Brigitte Glaser hat mich mit einem Buch überrascht, das einen guten Land-Kontrast zu Krechels „Landgericht“ bietet, allerdings auch einen ungemein spannenden Agententhriller abgibt. Das Nachkriegsdeutschland ist für mich generell ein sehr interessantes Thema, leider etwas unterrepräsentiert in der derzeitigen Literatur (umso mehr freue ich mich auch auf das im November erscheinende neue Buch von Mechtild Borrmann).
Noch dazu erfahren wir eine Menge über die Flucht von Rosa und ihrer Schwester aus Deutschland, über das Leben im jungen Israel und über das schwierige Verhältnis der Geflüchteten zu ihrer einstigen Heimat Deutschland.

Die drei Hauptfiguren sind ausnahmslos weiblich und dabei so verschieden, dass es einen nur so durch die Geschichte hindurch zieht. Die verschiedenen Erzählperspektiven ergänzen sich sehr gut und geben einen differenzieten Blick auf die Geschichte, wobei die Sympathieträgerin eindeutig Rosa ist. Die naive Agnes regte mich das ein oder andere Mal mit ihrer Art wirklich auf und für Sophie kann man am Ende fast schon Mitleid empfinden, sie möchte nur das Beste für sich und scheitert dabei immer wieder aufs Neue und lässt sich von den Herren gnadenlos ausnutzen, in dem Glauben, man tue etwas für sie.

Mich hat Brigitte Glaser mit diesem Plot sehr gut unterhalten, genau die richtige Mischung aus Geschichte, Spannung und Einzelschicksalen, die glaubwürdig umgesetzt sind. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack, auch wenn ich als Mann weit unter 60 scheinbar nicht zur Zielgruppe gehöre.

ISBN 9783471351260

Erschienen im List Verlag, August 2016
448 Seiten, gebunden
€ 20,00

eISBN 9783843713757
€ 16,99


 

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Atom – Stephanie Cooke

atom

(c) KiWi

Heute vor 30 Jahren wurde der Welt vor Augen geführt, dass auch eine ‚zivile‘ Nutzung der Atomkraft keineswegs sicher ist, sondern ebenso zu Tod und Verderben führt, wie die militärische. Doch Tschernobyl war nicht der erste und nicht der letzte GAU.

Dieses Buch, dass vor Jahren eher zufällig zu mir kam, erzählt detailliert die Geschichte des nuklearen Zeitalters. Es führt uns vor Augen, dass eine zivile Nutzung nie ohne die militärische zu haben war, ist und sein wird. Stephanie Cooke hat intensiv recherchiert und schildert bekannte Katastrophen ebenso wie verschwiegene und solche, bei denen wir harscharf am Unglück vorbeigeschrammt sind. Wir erfahren von Verstrickungen der Industrie mit dem Militär, von dubiosen Geschäften und der allgegenwärtigen Gefahr der schmutzigen Bombe. Es geht, wie so oft, auch hier um Macht.

Das Ganze klingt jetzt vielleicht etwas trocken, ich kann euch aber versichern, dass das Buch spannend ist wie ein Thriller, wie eine Mischung aus Spionage- und Wirtschaftskrimi. Trotz der unglaublichen Fülle an Informationen wurde mir bei der Lektüre nie langweilig. Wohl auch, weil das ein Thema ist, das uns alle immer beschäftigen sollte. Nicht nur an Jahrestagen, sondern immer wieder. Atom ist eines der besten Sachbücher, die ich bisher gelesen habe!

Die allgegenwärtige Gefahr wird ignoriert, es werden marode Reaktoren wieder in Betrieb genommen, wie gerade wieder in Belgien geschehen. Ja es gibt sogar Länder, die neue Atomkraftwerke planen und bauen – auch mit deutscher Beteiligung (soviel zum deutschen Atomausstieg!)

30 Jahre Tschernobyl und wir haben nichts gelernt. Erschreckend!

ISBN 9783462043730

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, April 2011
Aus dem Englischen übertragen von Hans G. Holl
Originaltitel: In mortal hands
592 Seiten, Taschenbuch

€ 9,99

Auch erhältlich zum digitalen Lesen.

Was jeder tun kann:

Wenn ihr lieber was belletristisches zum Thema Tschernobyl lesen wollt, empfehle ich Mechthild Borrmanns ‚Die andere Hälfte der Hoffnung‘.

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Krieg – Stell dir vor er wäre hier – Janne Teller

„Versetz dich doch mal in meine Lage!“ – Wer kennt diesen Satz nicht. Offensichtlich viel zu viele Leute. Janne Teller hat das mal für uns alle gemacht und ein kleines Gedankenexperiment zu Papier gebracht: Wie würde es aussehen, wenn in Europa Krieg herrscht und die nächste friedliche Gegend in Nordafrika und dem Nahen Osten zu finden wäre.

Kälte, Gefahr, Angst. Als doch noch die Flucht klappt, landen wir in Ägypten in einem Lager. Fremd unter Fremden. Verlorene Jahre, ohne Bildung, Zukunft, Heimat.

img_20160315_221821.jpg

(c) Hanser

Eindrücklich wird das Ganze vor allem durch die Erzählperspektive in der 2. Person:

„Du bist noch unversehrt, doch du hast Angst. Morgens, mittags, abends und nachts.“

„Eure Familie ist zu einer Zahl geworden. Fünf! Es gibt kein Land, das weitere fünf Flüchtlinge haben will.“

Ich gebe zu, der Text kommt ein bisschen mit erhobenem Zeigefinger daher, aber manchmal (besonders nach dem Sonntag) ist das gar nicht mal verkehrt, wenn nicht sogar dringend nötig.
Angemerkt sei noch, dass dieser kleine Text ursprünglich als Essay geschrieben wurde und bereits vor 15 Jahren im Jahr 2001 erstmals erschien. Die vorliegende Ausgabe aus dem Hanser Verlag ist immerhin auch schon 5 Jahre alt! Und immer noch, ja im Grunde viel mehr ist es ein hochaktueller Text.

Gibt es wirklich noch Menschen, die bei den Bildern aus Idomeni und von anderswo denken, dass diese Menschen den Weg zum Spaß auf sich nehmen, dass hier nicht blanker Überlebenswillen die treibende Kraft ist?!

Lest mal dieses Büchlein, es sind nur 50 Seiten und sogar noch mit vielen Illustrationen. Versetzt euch mal in die Lage dieser Menschen, wenn auch nur eine halbe Stunde auf dem Sofa.

ISBN 9783446236899

Erschienen im Hanser Verlag, März 2011
Aus dem Dänischen übertragen von Sigrid C. Engeler
Originaltitel: Hvis der var krig i Norden
64 Seiten, gebunden

€ 6,90

Kategorien: Jugendbuch, Politik | Schlagwörter: , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Das Kartell – Don Winslow

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Und durch. Doch noch. Nach dem unglaublich guten ‚Tage der Toten‚ haben wir alle darauf gewartet: die Fortsetzung. Denn wo der amerikanische Drogenkrieg weiter tobt, kann doch die Geschichte von Art Keller nicht einfach so zu Ende sein.

Und Don Winslow hat uns nicht enttäuscht, die Fortsetzung ist im Juni 2015 erschienen und präsentiert sich im Ziegelsteinformat in den Buchhandlungen. Das Cover erinnert stark an Roberto Savianos ‚ZeroZeroZero‚, was wohl Absicht ist, geht es doch im Grunde um das gleiche Thema.

Beide Bücher handeln vom sogenannten Krieg gegen die Drogen. In ‚Tage der Toten‚ folgen wir dem jungen DEA-Agenten Art Keller nach Mexiko in den späten 70ern, wo er mehr oder weniger erfolgrreich gegen die dortigen Drogenkartelle vorgeht. Aus Freunden werden Feinde, aus Feinden werden Freunde, und leider leider sind die Kartelle scheinbar mit der Hydra verwandt. Die Handlung des Buches erstreckt sich über drei Jahrzehnte und führt uns bis zum Ende des letzten Milleniums.

Doch: wo ich ‚Tage der Toten‚ in einem atemlosen Rutsch weglas, tat ich mich mit ‚Das Kartell‘ anfangs etwas schwer. Man merkt, dass Don Winslow jahrelang für das Buch recherchiert hat, doch leider begeht er hier den gleichen Fehler, der viele auch an Frank Schätzing stört: er muss auf Teufel komm raus auch jedes Fitzelchen Wissen im Buch unterbringen. Was leider den Lesefluss etwas stört. Fast schon liest sich das Buch wie ein Sachbuch, und man hofft, dass hier möglichst wenig der Wahrheit entspricht, wohl leider vergeblich. Die Süddeutsche Zeitung nannte ‚Das Kartell‘ daher auch „ein pervers beeindruckendes Thriller-Lexikon über den mexikanischen Drogenkrieg“. Wo es im ersten Buch hauptsächlich um den Kampf der US-Drogenbehörde gegen die Kartelle ging, steht hier eher der Kampf der Kartelle gegeneinander im Mittelpunkt.
Doch auch aus der Perspektive von Journalisten wird im Kartell erzählt – das Buch ist immerhin Ihnen gewidmet.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wenn man nicht konzentriert bei der Sache bleibt, kann allerdings schnell den Überblick verlieren über Allianzen, Zugehörigkeiten und wer gerade welches Gebiet hält. Das mag an dem Wust an Wissen liegen, oder aber auch der Materie geschuldet sein, denn das die Strukturen einfach zu durchschauen sind, glaube ich nicht. Dazu kommt auch noch, dass einige der Charaktere teilweise bei Spitznamen genannt werden. Das ist dann ein bisschen wie ‚Schuld und Sühne‘ lesen. Daher Respekt, dass zumindest der Autor den Überblick behalten hat (ein Personenverzeichnis mit Zugehörigkeiten wäre vielleicht ganz sinnvoll, was meint ihr?).

Die Lesbarkeit schmälernd ist auch der unglaublich hohe Body Count. Doch auch hier gestehe ich ein, dass der Krieg um einiges an Brutalität zugelegt hat.

Gut, dass ich das Buch dann doch nicht weggelegt habe, denn jetzt bin ich doch wieder begeistert von diesem ‚epischen Werk‘. Gut geschrieben ist es allemal, im bekannten Winslow-Stil der kurzen knackigen Sätze (was gewöhnungsbedürftig ist, wenn man parallel einen Autor liest, der genau das Gegenteil macht). Also nehmt euch Zeit für das Buch und lest es möglichst nicht nebenbei.
Und nicht zuletzt, weil Don Winslow hier ein Thema bearbeitet, dass ähnlich wie die weltweite Flüchtlingsmisere, uns alle mit angeht und viel zu wenig in der Öffentlichkeit stattfindet. Diese ganze Problematik reicht auch nach Europa herüber, wir sind einer der größten Märkte!
Es handelt sich hier um den längsten Krieg, den die USA bisher führte und ein Ende ist nicht in Sicht (dieser Tage ist gerade einer der Kingpins wieder aus dem Gefängnis ‚ausgebrochen‘, was dem Beginn des Buches sehr nahe kommt).
Es geht hier nicht nur um Drogen und Gewalt, es geht hier auch um Korruption, um Vertreibung, um Lobbyismus, um Marktanteile und Geldmacherei. Und warum führen die USA diesen Krieg im Nachbarland, wenn doch die Ursache vor der eigenen Haustür zu suchen ist? Angebot und Nachfrage bedingen sich bekanntlich.

Don Winslow ist zweifellos ein Experte auf diesem Gebiet. Kürzlich hat er einen offenen Brief an die US-Präsident und Senat veröffentlicht, den ihr hier nachlesen könnt: The only way to win the war on drugs is to stop fighting

Wer sich für die Thematik im weiteren Rahmen interessiert, dem seien neben den bereits erwähnten ‚Tage der Toten‚ und ‚ZeroZeroZero‚ noch ‚Die toten Frauen von Juárez‚ (einer meiner ersten Einträge hier), ‚Tequila Sunset‚ (ja, ich hab tatsächlich mal einen Artikel auf englisch geschrieben) und ‚La Frontera‚ (erscheint im November im Polar Verlag unter dem Titel Kojoten; derzeit nur in englisch bei betimes books) von Sam Hawken empfohlen.

Bibliografisches:

ISBN 9783426304297

Erschienen im Droemer Knaur Verlag, Juni 2015
Aus dem Englischen übertragen von Chris Hirte
Originaltitel: The Cartel
832 Seiten, Kartoniert

€ 16,99 (oder wie Stephen King sagt: „you pay fifteen bucks and get fifty bucks‘ worth of story“)

Auch erhältlich als ebook.

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Extinction – Kazuaki Takano

zur ebook-Ausgabe zum Gleichlesen

(c) C.Bertelsmann Verlag

Ist die Evolution ein kontinuierlicher Prozess? Oder ist mit dem Homo sapiens das Ende der Fahnenstange erreicht und wir sind das ultimative Ergebnis einer langen, langen Entwicklung? Kann die Evolution einfach an diesem Punkt enden?
Das fragte sich offensichtlich auch Kazuaki Takano und entwirft mit seinem Thriller ‚Extinction‘ eine Antwort, die vielleicht nicht allen, am wenigsten allerdings der im Buch agierenden US-Regierung unter Präsident Burns gefällt (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind reiner Zufall).

Als im kongolesischen Dschungel offensichtlich die Evolution in die nächste Runde geht, fühlt man sich in Washington derart bedroht, dass kurzerhand die Auslöschung des Pygmäenstammes befohlen wird, der angeblich von einem tödlichen Virus befallen wurde. Zu diesem Zweck entsendet man eine kleine Gruppe von Söldnern, die offiziell für ein privates Sicherheitsunternehmen arbeiten, um diese Aufgabe schnell und unauffällig zu erledigen.

Das Buch wäre schnell am Ende, würde diese Aufgabe zur Befriedigung der US-Amerikaner erledigt. Doch natürlich kommt so einiges dazwischen. Sich mit dem Schlaueren anzulegen kann am Ende ganz schön in die Hose gehen.

‚Extinction‘ ist Wissenschaftsthriller, Combat-Action und Philosophiebuch in einem. Spannend und unterhaltend geschrieben, bietet das Buch auch noch wissenschaftlichen und philosophischen Mehrwert. Die sehr detaillierten Ausführungen über Medikamentenentwicklung hätte man eventuell etwas eindampfen können; ich als pharmazeutischer Laie konnte damit nicht viel anfangen, aber manchmal müssen Autoren ja auch zeigen, was sie wissen.
Über die düstere oder helle (je nach Blickwinkel) Zukunftsvision, die ich einführend ansprach, macht man sich im Laufe der Lektüre ebenso Gedanken, wie über die Natur unserer doch sehr mörderischen Spezies. Solltet ihr euch in einer grüblerischen Walther-von-der-Vogelweide-Position wiederfinden, fühlt euch verstanden.

Und sonst: Wir nehmen Darwin zur Hand und hoffen das Beste 😉

Bibliografisches

9783570101858

Erschienen im C.Bertelsmann Verlag, Januar 2015
Aus dem Englischen übertragen von Rainer Schmidt (folgend der Übersetzung aus dem japanischen von Philip Gabriel)
Titel der englischen Ausgabe: Genocide of One (jp. Jenosaide)
560 Seiten, Klappenbroschur

€ 14,99

U.a. auch erhältlich als ebook, zum Hören und in der englischen ebook-Ausgabe.

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LEVEL – Hugh Howey

level

(c) Piper Verlag

Achtung vorab: wenn ihr SILO noch nicht gelesen habt, dann bitte nicht weiterlesen. Ihr macht euch damit einen wesentlichen Teil der Geschichte kaputt, das macht dann nur halb so viel Spass.

Für alle Anderen, die SILO / WOOL (so der Originaltitel) so wie ich regelrecht verschlungen haben, gibt es seit kurzem Neues. Der zweite Band der WOOL-Saga, wie sie inzwischen genannt wird, ist erschienen. Mit SHIFT wird die Geschichte aber erstmal nicht fortgesetzt, sondern wir begeben uns vielmehr in die Vergangenheit.

SOME SECRETS SHOULD REMAIN BURIED

Wie auch schon beim ersten Band, ist LEVEL in der englischen Originalausgabe vorerst als ebook erschienen und auch nicht komplett, sondern ebenso in einzelnen Teilen. Wo das gedruckte Buch dort einfach nur SHIFT heißt, sind die ebooks dem Inhalt folgend in 1st SHIFT, 2nd SHIFT und 3rd SHIFT aufgeteilt.

Wir erfahren jetzt in diesem Buch, wie die Silos geplant wurden, welcher große Plan und welche Personen dahinter stehen und warum das Ganze überhaupt sein musste.
Einer der Architekten ist Donald, eigentlich ins Abgeordnetenhaus gewählt als Repäsentant seiner Wähler, muss er schnell erkennen, dass er dort nur gelandet ist, weil ein Freund der Familie – Thurman, nur ‚the Senator‘ genannt – seine Hände im Spiel hatte und auch sonst in Washington als eine Art graue Eminenz über das Schicksal des Landes entscheidet.

So hat Donald zwar offiziell den Repräsentantenposten inne, arbeitet aber in Wirklichkeit ausschließlich für den Senator und entwirft Teile der Silos. Da Donald ein Problem mit geschlossenen Räumen hat, stellt er sich während des Entwurfs die Gebäude immer oberirdisch vor und ist ein ums andere Mal beeindruckt vom Ausmaß der Konstruktion.
Offiziell sind die Silos als Schutzräume und Lagerstätten für ein Nuklearprojekt ausgeschrieben, die nur im Notfall benutzt werden sollen und so fragt sich Donald immer wieder, wozu man ein derartiges Areal mit unterirdischen Schutzräumen von riesigem Ausmaß bestückt, wenn es dann eventuell niemals benutzt werden wird. Schon da kommen ihm erste Zweifel und im Laufe des Buches kommt folglich auch immer mehr ans Licht, was der wahre Beweggrund für eine derartige Unternehmung ist und das im Endeffekt nur einige wenige Personen wirklich bescheid wissen.

Der erste Teil teilt sich in einen während der Planungs- und Bauphase und einen während der namensgebenden ersten Schicht im Silo. Diese Schicht wird abgeleistet von Troy in Silo 1. ‚Troy‘ erwacht aus einem Kälteschlaf und tritt seine erste Schicht als Silo-Oberhaupt an. Allerdings kommt er nicht wirklich zurecht mit dem Leben im Silo, dem Eingeschlossensein unter der Erde und er beginnt mit Nachforschungen über die Vergangenheit.

Im zweiten Teil wird ‚Troy‘ wieder zu einer Schicht aufgetaut, denn es gibt Probleme in einem der anderen Silos und da er auf diesem Gebiet aus der ersten Schicht schon Erfahrung hat, benötigt man seine Hilfe. Die Probleme, um die es hier geht, kennen wir schon ansatzweise aus SILO. Es ist der viel erwähnte große Aufstand. So ist denn hier in Teil zwei der zweite Erzählstrang auch in eben jenem Silo angesiedelt, in dem später Holston und Juliette leben werden und wir begleiten einen jungen Mann und seine Freunde auf dem Weg zum Aufstand.
Außerdem verfolgt ‚Troy‘ seine Nachforschungen weiter und kommt einem Komplott gegen ihn auf die Spur.

Zwischen Teil zwei und drei ist ein größerer zeitlicher Abstand, etwa 100 Jahre. Es hat sich seit der letzten Schicht so einiges verändert, ob zum Guten oder Schlechten, lasse ich hier mal offen. Wieder tritt ‚Troy‘ eine Schicht an. Eigenartigerweise wird er plötzlich von allen als Thurman bezeichnet. Eine einfache Verwechslung, oder steckt mehr dahinter?
Der zweite Erzählstrang bringt uns einen Bekannten aus SILO zurück – wir erfahren hier die Geschichte von Solo und wie es dazu kam, dass er allein in seinem Silo lebt.

Jetzt hab ich euch den Inhalt kurz angerissen, aber wie schon in SILO steckt auch hier der Text voller kleiner sympathischer Details, die das Buch so unglaublich spannend machen. Wir erfahren, wer die planenden und ausführenden Köpfe hinter diesem Projekt sind, weshalb jetzt die Menschen in den Silos leben, warum und wie sich Silo 1 von den anderen Silos unterscheidet, sowie was es mit der Außenwelt auf sich hat und warum es dort kein Leben mehr gibt und keines bestehen kann.

Wenn ihr SILO mochtet, dann empfehle ich euch dringend dieses Buch. Aber wem sag ich das eigentlich, ihr wisst ja selbst am besten, wie spannend schon der erste Teil geschrieben ist. LEVEL ist ebenso spannend wie intelligent und detailreich geschrieben. Die WOOL-Saga ist definitv das beste was ich an Science Fiction in den letzten Jahren gelesen habe.
Also schnell lesen, denn den dritten und letzten Teil DUST, in dem es um das Ende der Silos geht, gibt es zumindest auf Englisch auch schon längst.
Und wenn ihr noch nicht genug habt: In der kurzen Zeit der Erfolgsgeschichte der WOOL-Saga, hat sich schon ein ganzes Potpourri von Fan-Fiction entwickelt. Näheres dazu hier: Meet the Woolwrights.

Bibliografisches:

ISBN 9783492056472

Erschienen im Piper Verlag, August 2014
Aus dem Englischen übertragen von Gaby Wurster
Originaltitel: SHIFT
432 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook, als Hörbuch und in der englischen Originalausgabe.

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Das Attentat – Loïc Dauvillier und Glen Chapron

Attentat

Carlsen Verlag

Puh! Am Ende dieses Buches musst du erstmal tief durchatmen und was ganz anderes machen.

Dies ist die Geschichte von Amin Jaafari. Amin Jaafari ist Chirurg an einer Klinik in Tel Aviv, er ist Israeli und er ist Palästinenser. In einem Land wie Israel gehört er damit offensichtlich weder zu den Einen, noch zu den Anderen.
Trotz allem führt er ein gutes Leben, hat Freunde ein schönes Zuhause und fühlt sich wohl. Bis zu dem Tag, an dem das titelgebende Attentat verübt wird.

In einem Restaurant sprengt sich ein Attentäter in die Luft und nimmt 19 Menschen mit in den Tod, unzählige werden verletzt. Amin hat gerade Schicht im Krankenhaus und ist einer der ersten, die sich um die Verletzten kümmern.
Als er übermüdet und ausgelaugt nach seiner langen und blutigen Schicht nach Hause fährt, wird er von einer Polizeikontrolle aufgehalten, letztlich jedoch durchgewinkt. Daheim fällt er todmüde ins Bett, wird allerdings nach nur kurzer Zeit vom Telefon aus dem Schlaf gerissen und ins Krankenhaus zurückbeordert. Dort soll er die Leiche seiner Frau identifizieren, die er bei der Großmutter wähnte.

Es stellt sich heraus, dass seine Frau für das Attentat verantwortlich gemacht wird und natürlich wird auch Amin eine Rolle bei dem Ganzen zugewiesen, man beschuldigt ihn der Mittäterschaft.

Für Amin bricht seine ganze Welt zusammen. Er glaubt nicht an die Schuld seiner Frau, wie soll man sich so in einem Menschen täuschen können? Wie soll es möglich sein, das er nichts von einer derartigen Radikalität seiner Frau mitbekommen hat? Lange wird er auf der Polizeiwache verhört und schließlich doch frei gelassen, da ihm keine Mitschuld nachgewiesen werden kann.

Doch sein Zuhause ist jetzt gefährliches Terrain. Er wird von den Kindern der Nachbarschaft als Terrrorist und Verräter beschrien und von einigen jüdischen Nachbarn sogar auf offener Straße zusammen geschlagen. Daraufhin flüchtet er sich in die Wohnung einer Freundin und versucht mit deren Hilfe wieder auf die Beine zu kommen.

Im Chaos seines verwüsteten Hauses findet er Tage später einen Brief von seiner Frau, den diese vor ihrem Tod aus Bethlehem abgeschickt hat und in dem Sie ihn um Verzeihung für ihre Tat bittet.
Amin macht sich mit der Freundin auf den Weg nach Bethlehem, denn er will auf eigene Faust herausfinden, wie seine Frau da hineingeraten ist, wie sie ohne sein Wissen sich so von ihm wegbewegt hat. Dort ist er allerdings alles andere als willkommen und seine Nachforschungen stellen sich als lebensgefährlich heraus.

Wie ich schon im einführenden Satz andeute, ist das alles andere als leichte Kost. Es ist die Geschichte eines Mannes, der an seinem Lebensentwurf zweifelt. Seine Suche nach dem Fehler, auf den Spuren seiner verstorbenen Frau und den Menschen, die sie zu der gemacht haben, als die sie letztendlich aus dem Leben ging. Die Reise eines Mannes zu den offenen Wunden eines Landes, in dem der Hass leider inzwischen tief verwurzelt ist – wo es doch das heilige Land sein soll. Ein Land in dem es unsichtbare Grenzen gibt und leider auch allzu sichtbare, die das Land zerschneiden, die Menschen trennen.

Bibliografisches:
ISBN 9783551782502

Erschienen im Carlsen Verlag, Februar 2014
Aus dem Französischen übertragen von Ulrich Pröfrock
Szenario von Loïc Dauvillier; Zeichnung und Farbe von Glen Chapron
Originaltitel: L’Attentat
160 Seiten, gebunden

€ 18,90

Dieses Buch basiert auf dem Roman ‚Die Attentäterin‘ von Yasmina Khadra, der auch schon verfilmt wurde.

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Süß und ehrenvoll – Avi Primor

süßundehrenvoll

Quadriga Verlag

Große Kriege gab es im Laufe der Menschheitsgeschichte viele. Doch einer, dessen Ausbruch sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt, drängt sich uns besonders ins Gedächtnis. Ist es doch der erste große, auf industriellem Niveau geführte Krieg.
Ein Weltkrieg auch genannt, denn es wird rund um den Globus an vielen Fronten gekämpft. Neu sind auch die Mittel der Menschenvernichtung: erstmals wird mit Flugzeugen gekämpft, erstmals setzt man chemische Erzeugnisse wie Senfgas als Waffe ein. Es ist auch das erste Mal, dass man sich regelrechte Materialschlachten liefert. Nur wenige Meter von einander entfernt liegen sich die Feinde gegenüber, eingegraben in die Erde, praktisch bewegungslos stehen sich die Fronten gegenüber.

Was diesen Krieg in unserem Gedächtnis so lebendig werden lässt ist aber noch viel mahr die Tatsache, dass die meisten von uns in ebenjenem Jahrhundert mit der 19 geboren worden sind. Der eine oder andere kennt oder kannte vielleicht sogar noch Zeitzeugen. Die Spanne der Jahre ist klein, die uns von diesem Ereignis trennt.

Neben den vielen Sachbüchern, die zum Thema erschienen sind, oder im Laufe des Jahres erscheinen gibt es auch belletristisch erzählte Geschichte. Einer der Romane ist dieser hier: Süß und ehrenvoll.

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, hat selbst Wurzeln hier. Seine Mutter floh 1932 aus Frankfurt nach Tel Aviv, Primor wurde 1935 geboren.

In ‚Süß und ehrenvoll‘ geht es also auch ein Stück weit um seine Geschichte, die Geschichte der Juden in Deutschland. Die Figur im Mittelpunkt ist Ludwig, der gerade sein Abitur gemacht hat und sich nun ins Jurastudium stürzen will. Doch kommt ihm der Krieg dazwischen. Wie die Meisten seiner Altersgenossen und die Meisten der Deutschen ist er begeistert vom bevorstehenden Abenteuer Krieg. Begeistert, dass er für Deutschland kämpfen darf.

Denn dieser große Krieg ist auch ein großer Gleichmacher. Jeder kennt den Ausspruch des Kaisers, dass alle Unterschiede wett gemacht sind. ‚…von diesem Tag an kenne ich nur noch Deutsche‘. Das bezieht Ludwigs Vater und er selbst auch, vor allem auch auf die jüdischen Deutschen. Jeglicher Antisemitismus von oberster Stelle aus abgeschafft.

Ähnliches vollzieht sich in Frankreich. Keine zwanzig Jahre zuvor hat die Dreyfus-Affäre das Land erschüttert, die auch nicht zuletzt auf Antisemitismus gewachsen war. Jetzt sind auch hier alle Franzosen, die für ihr Vaterland kämpfen, die Freiheit verteidigen.
Auch für die französische Seite wählt Primor einen jüdischen Schulabschließer. Louis ist Bäckerssohn aus Bordeaux und der erste aus seiner Familie, der studieren wird. Doch vorerst: kämpfen für das Vaterland.

Die Namensvetter stehen also im Mittelpunkt von Primors Roman und an ihnen wird die Ähnlichkeit der Schicksale gezeigt. Beide lassen die Familie in der Heimat zurück, bei beiden ist der Vater die bestimmende Bezugsfigur in der Familie. Beide verstehen sich nicht zuerst als Juden, sondern zuallererst als Deutsche und Franzosen.
Beide begegnen Vorurteilen in der Armee und beiden wird der rasche Aufstieg für außergewöhliche Leistungen verstellt. Sie bewähren sich nämlich schnell, sind von den Kameraden anerkannt und haben beide Führungspotential. Doch die Konventionen, welche der Religion eine wichtige Rolle zuschreiben, stehen der Militärkarriere im Weg. So spielt ihre Religion hier auf einmal eine unverhältnismäßig große Rolle für beide.

Parallel wird auch die Situation an der ‚Heimatfront‘ beschrieben. Je mehr das Judentum Ludwigs an der Front in den Hintergrund verschwindet, desto mehr wird in der Heimat der Antisemitismus wieder aktuell. Denn je schlechter es an der Front läuft und je mehr die Bevölkerung die Einschränkungen aufgrund des Krieges spürt, desto dringender wird die Suche nach einem Sündenbock, einem Schuldigen an der Misere. Und schnell verfällt man da in alte Muster.

Einen großen Teil des Buches machen die Briefe der Soldaten an die Familie und die Geliebten aus. Und deren Briefe an die Front. Hier wird Innerstes offenbahrt und da ist auch so manches Mal der Zensor, der jeden der Briefe kontrolliert egal, denn was gesagt werden muss, soll gesagt werden, jeder Brief könnte ja der letzte sein.

Der Erzählfluss stockte bei mir das ein oder andere Mal, wohl auch durch eben diese Briefe. Dennoch ist das Buch in seiner Gesamtheit ein überaus lesenswertes. Zwei jüdische Soldaten im Zentrum eines Textes über diesen großen Krieg, das gab es meines Wissens noch nicht. Und da aus diesem 1. der nochmals potentierte 2.Weltkrieg resultierte, kann man das Buch durchaus als ein wichtiges bezeichnen.

Mich hat die Lektüre in jedem Fall sehr beeindruckt. Weshalb ich auch etwas Zeit verstreichen lassen musste, bis zum Schreiben dieses Textes.

Eine weitere sehr gute Beprechung findet sich übrigens beim Kaffeehaussitzer.

Bibliografisches:

ISBN 9783869950587

Erschienen im Quadriga Verlag, September 2013
Aus dem Hebräischen übertragen von Beate Esther von Schwarze
384 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Empfindliche Wahrheit – John Le Carré

Empfindlichewahrheit

Ullstein Verlag

Eine empfindliche Wahrheit ist eine, die du vielleicht als wichtig einschätzt, deren Bekanntmachung allerdings nicht unbedingt alle gut finden. Vor diesem Problem stand kürzlich Edward Snowden, vor diesem Problem stehen auch die Charaktere in John Le Carrés neuestem Buch.

Paul nimmt an einer Operation des britischen Geheimdienstes in der Kolonie Gibraltar teil. Durchgeführt von einem recht dubiosen Militärdienstleister namens Ethical Outcomes. Paul ist im Grunde nur der Kontaktmann des Ministers, die Drecksarbeit erledigen die Soldaten/ Söldner.
Ein Terrorist soll festgesetzt werden, allerdings sind die Indizien und die Situation vor Ort mehr als fragwürdig. Trotz negativer Einschätzung seitens der ausführenden Soldaten und Paul, gibt der Minister den Einsatzbefehl. Paul wird kurz darauf weggebracht und kann sich kein eigenes Bild vom Aussgang der Operation machen. Ihm wird lediglich mitgeteilt, dass sie zur vollsten Zufriedenheit aller verlaufen ist.

Im zweiten Erzählstrang geht es um Toby Bell, den Assistenten des Ministers, der die Operation in Gibraltar initiiert hat. Wir erfahren die Vorgeschichte der Operation.
Toby wurde von anderer Stelle zum Minister versetzt und möchte nun möglichst viel über diesen erfahren. Bald stößt er auf Ungereimtheiten und geheime Treffen. In einer Ad-Hoc-Aktion zeichnet er eines dieser geheimen Treffen auf und gerät so an Informationen von brisantem Inhalt. Sein väterlicher Mentor, eine Art graue Eminenz und Strippenzieher im Außenministerium kann ihm dabei auch nicht helfen. Man ahnt, dass selbst ihm die Sache zu heiß ist.

Als nun drei Jahre später einer der Soldaten Kontakt zu Paul aufnimmt, gerät die Sache ins Rutschen. Paul versucht den wirklichen Ablauf der Operation heraus zu finden und kommt so auch an Toby Bell.

Es beginnt ein Wettlauf der beiden gegen die Obrigkeit (oder die, die sich dafür halten). Werden Sie die Dokumente veröffentlichen, oder siegen die Vertreter der Staatsmacht und können den Skandal verhindern?!

Hat die Öffentlichkeit ein Recht auf Information, oder gibt es Dinge, die besser hinter verschlossener Tür bleiben? Findet nicht all dies in unserem Namen und mit unseren Geldern statt? In erster Linie zu unserem Schutz? Oder wirtschaften da Menschen in Parallelhierarchien auf eigene Faust und in die eigene Tasche.

Der Meister des Spionagethrillers hat hier wieder ein heißes aktuelles Thema aufgegriffen – und dabei ist die Originalausgabe des Buches noch vor den Snowden-Enthüllungen erschienen – und es ist ihm auch gelungen, daraus einen überaus spannenden Roman zu machen. Lange bleibt offen, wer denn nun mit wem in Bezug steht und wer am Ende die Fäden zieht, oder ziehen lässt.
Vor dem aktuellen Hintergrund liest man so einen Text dann natürlich ganz anders. Das macht ihn aber auch umso einiges interessanter.
Und spannend schreiben kann Le Carré ja ohne Frage. So bleibt nur zu sagen: wieder einen neuen Autoren für mich entdeckt, denn dies war mein erster Le Carré (zumindest in Buchform, einige von den Verfilmungen habe ich schon gesehen), aber gewiss nicht mein letzter! Ganz so, wie kürzlich bei Robert Harris, der sich ja im Grunde mit dem gleichen Thema auseinandersetzt.

Bibliografisches:

ISBN 9783550080364

Erschienen im Ullstein Verlag, November 2013
Aus dem Englischen übertragen von Sabine Roth
Originaltitel: A delicate truth
390 Seiten, gebunden

€ 24,99

Auch erhältlich als ebook, in der Originalausgabe und zum Hören.

Kategorien: Action, Belletristik, Britische Literatur, Englische Literatur, Krimi, Politik, Thriller | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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