Beiträge mit dem Schlagwort: pflege

Cut my life into pieces

leavitt

(c) Beltz

Ein Buch über Alzheimer, noch dazu ein Sachbuch, ist nichts, was normalerweise auf meiner Leseliste landet. Doch dieses hier ist in eine Ausnahme, denn es ist in grafischer Form erzählt.
Zuerst sind es die kleinen Dinge, abgetan als normale Vergesslichkeit. Man kennt das aus so ziemlich jeder Geschichte zum Thema Alzheimer. Die Angst, das Verleugnen. Doch als klar wird, dass ihre Mutter an Alzheimer erkrankt ist, beschließt Sarah Leavitt das Voranschreiten der Krankheit zu dokumentieren. Doch daraus wird viel mehr, es wird nicht nur die Geschichte einer kranken Frau, sondern ebenso das Porträt einer Familie, die vor die schwierigste aller Aufgaben gestellt wird, das langsame Verschwinden eines geliebten Menschen zu begleiten, der doch physisch immer noch in ihrer Mitte ist, und das ganze ohne dabei selbst zu zerbrechen.

Mit dünnem Strich und ohne viel Schnickschnack erzählt Leavitt von der Jugend der Mutter und deren zwei Schwestern, die unzertrennlich sind, ganz im Gegensatz zu ihr selbst und ihrer Schwester, die eher wie Öl und Wasser sind.

Es sind vor allem die kleinen Episoden, die dieses Buch so sympathisch machen und es von den reinen Krankheitsberichten abhebt (neben der grafischen Umsetzung natürlich). Etwa als die Schwestern mit der Mutter im Regen stehen, mit offenem Mund und herausgestreckter Zunge. Oder wie Sarah beim Anblick der Haarknäuel (tangles) ihrer Mutter und der Tante im Badezimmer beinahe in Tränen ausbricht.

Beeindruckend, wie die Familie sich um die Mutter kümmert und dabei ganz offensichtlich an ihre Grenzen stößt. Das führt unter anderem dazu, dass sich der Vater eine Auszeit nimmt und für einige Zeit nach Mexiko reißt, um dem täglichen ‚Wahnsinn‘ zu entfliehen.
Bis fast zum Ende verweigert sich die Familie professioneller Hilfe und nimmt die Pflege ausschließlich in die eigenen Hände, auch wenn das eigene Leben unweigerlich darunter leidet.
Wäre jeder von uns dazu auch in der Lage. Wäre ich dazu in der Lage?, fragte ich mich immer wieder bei der Lektüre.
Das Ende las ich schließlich mit unvermeidlich feuchten Augen.

Ein beeindruckender Bericht; gewagt und – gelungen.

Das große Durcheinander – Sarah Leavitt
ISBN 9783407859686

Erschienen im Beltz Verlag, März 2013
Aus dem Englischen übertragen von Andreas Nohl
Originaltitel: Tangles: A story about Alzheimer’s, my mother and me
128 Seiten, gebunden

€ 19,95

Advertisements
Kategorien: Graphic Novel, Nordamerikanische Literatur, reportage, Sachbuch | Schlagwörter: , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mauersegler – Christoph Poschenrieder

(c) Diogenes Verlag

(c) Diogenes Verlag

Wir alle werden nicht jünger. Da können wir uns noch so sehr dagegen wehren. Doch was ist die beste Methode, angemessen zu altern und seinen Lebensabend am angenehmsten zu verbringen?

Christoph Poschenrieder, letztes jahr mit ‚Das Sandkorn‘ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, beschäftigt sich in seinem neuesten Roman mit genau diesen Themen.

Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie und mit wem man alt wird.

Das nötige Kleingeld macht die Sache natürlich um einiges einfacher. Bei den Freunden in diesem Buch kein großes Problem. Alle sitzen auf einem mehr oder weniger dicken finanziellen Polster.
Es wollen hier miteinander alt werden: Wilhelm – Jurist, Heinrich – Lebensmitteltechnologe, Ernst – Programmierer, Siegfried – Theaterregisseur und Carl – Journalist und Philosophiedozent. Letzterer ist gleichfalls der Erzähler.

Freunde sind sie seit ihrer Kindheit. Ursprünglich waren sie zu sechst, einer ist schon als Kind bei einem Unfall gestorben, unter dem Eis im See ertrunken. Die restlichen Freunde hielt es nicht lange im Heimatort, ein jeder machte auf seine Art Karriere. Doch blieben sie verwurzelt in dem Ort ihrer Geburt. Jedes Jahr treffen sie sich 2. Dezember um auf den Sechsten zu trinken, den Verlorenen, der das eigentliche Bindeglied zwischen den Männern ist.

An einem dieser Abende entstand so auch die Idee, zusammen alt zu werden. Und zusammen heißt hier: wir kaufen ein Haus (eine Villa am See, drunter geht’s nicht) und ziehen dort eine WG auf. Bis das der Tod uns scheidet.
Die Männer verlassen teils ihre Familien und ziehen nach und nach in das Haus. Jeder hat sein Zimmer und es gibt feste Regeln. Eine Alten-WG, die sich nicht groß von jeder Studenten-WG unterscheidet, wäre da nicht die von Ernst entworfene Todesengel-Maschine. Ein jeder der Männer kann geheim seinen ‚Todesengel bestimmen, der ihn am Ende vom Gröbsten erlöst – keiner will dahin vegetieren, ein jeder möchte für sich entscheiden können, wann Schluß ist; jeder hat in seinem Zimmer einen ‚ToterMann-Knopf‘ mit dem er bestimmen kann, wann es soweit ist. Der ausgewählte Todesengel wird dann benachrichtigt, zu Werke zu schreiten.

In einer alternden Gesellschaft, wie der unseren sicher ein aktuelles, aber auch brisantes Thema, an das sich Poschenrieder hier wagt. Doch schreibt er mit so viel Humor, dass die Lektüre neben allem Ernst des Themas richtig Spaß macht und man immer wieder über die Marotten der Alten schmunzeln muss.
Wollen wir wählen, wie es mit uns zu Ende geht, oder überlassen wir die Entscheidung anderen. Die fünf Freunde haben sich entschieden und ziehen das Ganze konsequent durch. Unter Freunden gehen, im anonymen Krankenhaus, oder gar vereinsamt – was würdet ihr wählen?

Nicht jeder von uns hat vielleicht die Möglichkeit sich einen schicken Altersitz am See zuzulegen und dort die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen. Ja vielleicht hat nicht mal jeder von uns so nahe Freunde, dass er ihnen sein Ende anvertrauen möchte. Interessant ist das Gedankenspiel Poschenrieders aber allemal. Mit der ihm eigenen Prise Philosophie, wie das bei ihm sein muss (noch dazu ist der Erzähler ja Philosoph) und dennoch nicht zu abgehoben bringt uns Poschenrieder hier die Themen alternde Gesellschaft, Altenpflege und Sterbehilfe näher. Klar ist da der ein oder andere Schock-Moment, doch regen diese zum Nachdenken an über das was auch auf uns zukommen wird und wie wir damit umgehen werden. Neben all den biografischen Büchern à la Westermann und Fuchsberger mal eines, dass sich dem Thema von anderer Seite nähert. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

Es endet auch nicht mit Tod und Trauer, keineswegs:

Als Alte sind wir eingezogen, und wenn sich jetzt die Türen öffnen, rennen Junge heraus.

Bibliografisches:

ISBN 9783257069341

Erschienen im Diogenes Verlag, August 2015
224 Seiten, gebunden

€ 22,00

Auch erhältlich als ebook.

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, philosophie | Schlagwörter: , , , , , , | 4 Kommentare

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nerdazine

Der Blog für den gepflegten Weltuntergang und Nerdkultur

blättern ungebunden

Blog für Literatur

Literature Displays

Lesen gefährdet die Dummheit

Papiergeflüster

Das minimalistische Buchblog

lesewucht.de

Bücher. Die bleiben.

crimealley

"There is a splinter of ice in the heart of a writer." (Graham Greene)

crimealley

Just another WordPress.com site

Der Pendragon Blog

Lesen gefährdet die Dummheit

Photographierer

Bonjour Tristesse - Stadt-Landschaften

Literaturen

Lesen gefährdet die Dummheit

buchrevier

last man reading

Zeilensprünge.

Blog für Literarisches

masuko13

Leidenschaftliche Leserin guter Romane.

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Die dunklen Felle

Krimis und Schafe - und Felle (oder Fälle?)

Zoë Beck

Blog, Infos, alles.

brasch & buch

unlimited

Poesierausch

Literatur- und Kulturblog

Packing books from boxes...

... von der Suche nach dem Glück auf dem Boden eines Kartons (und andernorts)

Die Leserin

Literarisch kriminell veranlagt.

Polar Noir

Lesen gefährdet die Dummheit

Biographilia

inspiring people next door

AstroLibrium

Die kleine literarische Sternwarte

Feiner reiner Buchstoff

von den üblichen Verdächtigen

reingelesen

pars pro toto

buecherrezension

Literaturen der Welt in Wort und Bild

Wissenstagebuch

Eine Gabel für die Suppe der Weisheit

Wortgestalten

Buchtipps, Reiseberichte und was mir sonst noch einfällt

Wort & Tat

Anne Kuhlmeyer

Libroscope

Literaturblog mit kleiner Filmnische

GET CHANGED!

hier finden Sie Infos zu fairer Mode, ethical fashion, grüner Mode

Mit dem Fahrrad in und um Köln

Lesen gefährdet die Dummheit

KrimiLese

Crime & Thrill

Krimimimi

Lesen gefährdet die Dummheit

Was soll ich lesen? - Bücherblog

Lesen gefährdet die Dummheit

Besser lesen

Besser mal was lesen. Was Besseres lesen. Die besseren Menschen lesen.

Elementares Lesen

Sachbuch-Blog

Die fabelhafte Bücherwelt der Aliénor

Einfach mal wieder abtauchen

notizhefte

Kulturwebseite für Bücher, Museen und Ausstellungen, Oper und Konzert, Essen, Trinken und Sport

Krimi-Welt

Lesen gefährdet die Dummheit

Zeilenkino

Wo Film und Literatur sich treffen

A Readmill of my mind

"We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep."

zeilentiger liest kesselleben

Erkundungen in Stuttgart und anderswo - Skizzen, Buch, Film, Musik und Gastronomie

Logbuch Suhrkamp

Lesen gefährdet die Dummheit

beckmagdalena

50% Dies + 50% Das = Gnadenlose Popliteratur

literaturblog günter keil

Romane . Kurzgeschichten . Hörbücher . Autoren . Interviews . Lesungen

crimenoir

Krimi & Thriller: Über Altmeister und Newcomer

%d Bloggern gefällt das: