Beiträge mit dem Schlagwort: Politik

Bühlerhöhe – Brigitte Glaser

bühlerhöhe

(c) Ullstein

Auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz meine Lieblingsliteratur (der Verlag hat diesen Titel in die Marketingkampagne Kopfkino aufgenommen, die sich an Leserinnen 60+ richtet), aber ein Buch, das ich dennoch sehr gern gelesen habe.

Wir befinden uns in der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein Kibbuz in Israel. Rosa bekommt den Auftrag, nach Deutschland zu reisen um Kanzler Adenauer zu beschützen. Rosa ist keine Agentin, Rosa gehört nicht zum Militär; mit Deutschland verbindet sie nur ihre Vergangenheit, eine Vergangenheit, die sie längst begraben hat. Dieses Land hat beinahe ihre gesamte Familie vernichtet. Doch ist sie in dem Moment scheinbar die einzige greifbare Person, die Deutsch spricht – immerhin ist sie in Köln aufgewachsen – und die den Schwarzwald sehr gut kennt, hat sie doch hier mit der Familie immer ihre Ferien verbracht.
Denn hierhin soll sie ihre Mission führen – im edlen Hotel Bühlerhöhe wir Kanzler Adenauer seine Ferien verbringen und dort droht ihm Gefahr. Eine jüdische Extremistengruppe trachtet dem Kanzler nach dem Leben, da er im Bundestag das umstrittene Wiedergutmachungsgesetz durchsetzen will, durch welches dem jungen israelischen Staat größere Summen deutschen Geldes zukommen sollen. Für die Gruppe ein Freikaufen von der Schuld, der nicht akzeptierbar ist.

Rosa wird also als mit der Lokalität vertraute auf die Bühlerhöhe geschickt, dort soll sie sich mit dem Agenten Ari treffen, der die Leitung der Mission übernehmen soll.
Die Reise nach Deutschland wird für Rosa in mehr als einer Hinsicht zu einer großen Herausforderung. Ein Land, in das sie niemals zurückkehren wollte und das doch voller auch schöner Erinnerungen steckt.
Beinahe kannman hier in der Schwarzwald-Idylle die verheerende Zeit der Nazi-Herrschaft vergessen.  Anders als in „Landgericht“ von Ursula Krechel merkt man beinahe nichts von der düsteren Vergangenheit des Landes, hier sind die Städte nahezu intakt geblieben, keine Spuren der Zerstörung sichtbar.

Doch wird der Aufenthalt für Rosa kein Zuckerschlecken. Ihr Partner, der erfahrene Agent, trifft nicht ein, die Hausdame auf der Bühlerhöhe spioniert ihr nach, es tauchen Schatten aus der Vergangenheit auf – jedoch nicht nur für Rosa. Auch für Sophie, die Hausdame, die ihr Fähnlein gerne mit dem Wind wehen lässt, was ihr die Verbannung aus der allzu nahen Heimat Strassburg eingebracht hat.
Außerdem ist da noch Agnes, die junge Auszubildende eines nahen Landgasthofes, die ein wichtiges verbindendes Element der Geschichte darstellt und eine ganz eigene naive Sicht auf die Begebenheiten dieses Sommers hat.
Kurz: in der Sommerfrische tummeln sich Geheimdienstler, Feriengäste, Handelsleute mit dubiosem Hintergrund und viele dunkle Schatten.

Brigitte Glaser hat mich mit einem Buch überrascht, das einen guten Land-Kontrast zu Krechels „Landgericht“ bietet, allerdings auch einen ungemein spannenden Agententhriller abgibt. Das Nachkriegsdeutschland ist für mich generell ein sehr interessantes Thema, leider etwas unterrepräsentiert in der derzeitigen Literatur (umso mehr freue ich mich auch auf das im November erscheinende neue Buch von Mechtild Borrmann).
Noch dazu erfahren wir eine Menge über die Flucht von Rosa und ihrer Schwester aus Deutschland, über das Leben im jungen Israel und über das schwierige Verhältnis der Geflüchteten zu ihrer einstigen Heimat Deutschland.

Die drei Hauptfiguren sind ausnahmslos weiblich und dabei so verschieden, dass es einen nur so durch die Geschichte hindurch zieht. Die verschiedenen Erzählperspektiven ergänzen sich sehr gut und geben einen differenzieten Blick auf die Geschichte, wobei die Sympathieträgerin eindeutig Rosa ist. Die naive Agnes regte mich das ein oder andere Mal mit ihrer Art wirklich auf und für Sophie kann man am Ende fast schon Mitleid empfinden, sie möchte nur das Beste für sich und scheitert dabei immer wieder aufs Neue und lässt sich von den Herren gnadenlos ausnutzen, in dem Glauben, man tue etwas für sie.

Mich hat Brigitte Glaser mit diesem Plot sehr gut unterhalten, genau die richtige Mischung aus Geschichte, Spannung und Einzelschicksalen, die glaubwürdig umgesetzt sind. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack, auch wenn ich als Mann weit unter 60 scheinbar nicht zur Zielgruppe gehöre.

ISBN 9783471351260

Erschienen im List Verlag, August 2016
448 Seiten, gebunden
€ 20,00

eISBN 9783843713757
€ 16,99


 

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Atom – Stephanie Cooke

atom

(c) KiWi

Heute vor 30 Jahren wurde der Welt vor Augen geführt, dass auch eine ‚zivile‘ Nutzung der Atomkraft keineswegs sicher ist, sondern ebenso zu Tod und Verderben führt, wie die militärische. Doch Tschernobyl war nicht der erste und nicht der letzte GAU.

Dieses Buch, dass vor Jahren eher zufällig zu mir kam, erzählt detailliert die Geschichte des nuklearen Zeitalters. Es führt uns vor Augen, dass eine zivile Nutzung nie ohne die militärische zu haben war, ist und sein wird. Stephanie Cooke hat intensiv recherchiert und schildert bekannte Katastrophen ebenso wie verschwiegene und solche, bei denen wir harscharf am Unglück vorbeigeschrammt sind. Wir erfahren von Verstrickungen der Industrie mit dem Militär, von dubiosen Geschäften und der allgegenwärtigen Gefahr der schmutzigen Bombe. Es geht, wie so oft, auch hier um Macht.

Das Ganze klingt jetzt vielleicht etwas trocken, ich kann euch aber versichern, dass das Buch spannend ist wie ein Thriller, wie eine Mischung aus Spionage- und Wirtschaftskrimi. Trotz der unglaublichen Fülle an Informationen wurde mir bei der Lektüre nie langweilig. Wohl auch, weil das ein Thema ist, das uns alle immer beschäftigen sollte. Nicht nur an Jahrestagen, sondern immer wieder. Atom ist eines der besten Sachbücher, die ich bisher gelesen habe!

Die allgegenwärtige Gefahr wird ignoriert, es werden marode Reaktoren wieder in Betrieb genommen, wie gerade wieder in Belgien geschehen. Ja es gibt sogar Länder, die neue Atomkraftwerke planen und bauen – auch mit deutscher Beteiligung (soviel zum deutschen Atomausstieg!)

30 Jahre Tschernobyl und wir haben nichts gelernt. Erschreckend!

ISBN 9783462043730

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, April 2011
Aus dem Englischen übertragen von Hans G. Holl
Originaltitel: In mortal hands
592 Seiten, Taschenbuch

€ 9,99

Auch erhältlich zum digitalen Lesen.

Was jeder tun kann:

Wenn ihr lieber was belletristisches zum Thema Tschernobyl lesen wollt, empfehle ich Mechthild Borrmanns ‚Die andere Hälfte der Hoffnung‘.

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Havarie – Merle Kröger

havarieZu den absurdesten Erfindungen der Menschheit zählen wohl Grenzen. Und zu den tödlichsten noch dazu.
Während vor 25 Jahren der Fall des eisernen Vorhangs euphorisch gefeiert wurde, hat sich im Grunde eigentlich nichts verändert. Immer noch werden Grenzanlagen gebaut, die der innerdeutschen gar nicht so unähnlich sind. So in in Israel, zwischen den USA und Mexiko (da zieht sich die befestigte Grenze geradezu durch den ganzen Kontinent), oder eben an den Rändern der Europäischen Union. Und da diese Grenzbefestigungen beinahe unüberwindlich sind, versuchen es die Flüchtlinge vor Krieg und Elend eben über das vermeintlich offene Meer, die ‚einfachere‘ Lösung.

Davon handelt ‚Havarie‘. Es ist ein Buch über das Mittelmeer und über die Schicksale, die sich im Zuge der Abschottung der Festung Europa dort abspielen.
Ein Kreuzfahrtschiff trifft auf ein winziges Schlauchboot voller Flüchtlinge, denen der Sprit ausgegangen ist. Ein Unwetter kündigt sich an und der Crucero ist verpflichtet (nach Seerecht?) bei dem Schlauchboot zu warten, bis die Seenotrettung, oder die Küstenwache eintrifft.

Das Merle Kröger erzählen kann und einen ans Buch fesselt ohne gleichen, kannte ich schon vom Vorgänger ‚Grenzfall‚, doch hier ist man geradezu gefangen in der Geschichte, durch ihre Aktualität. Das Flüchtlingsthema ist ja eines, das man gerne verdrängt, da nehme ich mich nicht aus, und das dann umso schmerzhafter an die Oberfläche drückt, wenn wieder ein Boot gekentert ist und wieder unzählige Menschen ertrunken sind.

Das Mittelmeer füllt sich mit Toten wie ein Massengrab. Und wir gehen baden, am Wochenende, an den Stränden…

Ich könnte also einer der Menschen auf dem Crucero sein. Einer von denen, die beinahe sorgenfrei in ihrer Blase der Spaßgesellschaft dahinschippern und für die die tragischen Schicksale nur ein Medienereignis sind. Nicht umsonst hat Merle Kröger das Kreuzfahrtschiff ‚Spirit of Europe‘ genannt, denn genau das ist der Spirit Europas. Das kleine Schlauchboot ist kurze Sensation, die mit der Handykamera festgehalten wird. Doch die Faszination verliert sich schnell. Die Bar ruft, oder das Bingospiel, oder das Fitnesscenter, oder Shopping, oder…

Für die Besatzung ist das Schlauchboot vor allem eines: ein finanzielles Problem. Das Schiff wird aufgehalten, man gelangt verspätet in den nächsten Hafen, das kostet alles Geld – die amerikanische Firmenzentrale ist not pleased.

Dass dann tatsächlich auch noch ein verletzter ‚Illegaler‘ auf das Schlauchboot entsorgt wird, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Das Buch ist an Symbolkraft fast nicht zu übertreffen. Doch trocken und erzwungen ist hier nichts. Atemlos verfolgt man die miteinander verknüpften Einzelschicksale, Menschen aus allen Ecken der Welt, die sich hier auf dem Mare Nostrum im Brennspiegel unserer Politik des Ausschließens zusammenfinden. Wie schon bei ‚Grenzfall‘: ein Buch, ganz nach meinem Geschmack: politisch, aktuell, hart an der Realität und vor allem großartig geschrieben.

Wer oder was havariert denn hier im Grunde? Der Friedensnobelpreisträger EU, Flüchtlinge in einem Schlauchboot, …?
Ich schließe mich Thekla Dannenberg an:

»HAVARIE ist der Roman der Stunde. Jeder, der an Europa und dem Mittelmeer hängt, sollte ihn lesen. Merle Kröger erzählt darin kein Flüchtlingsdrama. Oder zumindest nicht nur. Sie erzählt in rasant wechselnden Perspektiven von Aufbruch und Schiffbruch, von der Faszination des Meeres und von einer Seefahrt, die aus Gründen der Kosteneffizienz alle Werte über Bord geworfen hat. Der Roman beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, und man merkt jeder Seite an, wie gründlich Merle Kröger recherchiert hat. Doch vor allem beweist Kröger mit HAVARIE zweierlei: wie grandios eine dezidiert politische Literatur sein kann und wie kunstvoll der deutsche Kriminalroman.« Thekla Dannenberg, FREITAG, Krimi Spezial

Aber: Macht euch selber ein Bild!

Bibliografisches:

9783867542241

Erschienen im Argument Verlag, Mai 2015
256 Seiten, gebunden

€ 15,00

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Krimi, politthriller | Schlagwörter: , , , , , , , , | 5 Kommentare

Straße des Todes – Robert Crais

Taken

Heyne Verlag

Ein Buch, wie geschaffen für alle Fans von Don Winslow, Roger Hobbs und Sam Hawken. Ich zähle mich eindeutig dazu und bekenne mich als ‚border noir‘-Fan.

Wie auch die genannten, schreibt Crais Geschichten aus dem Grenzgebiet USA-Mexiko. Es geht um Migranten die vom Süden in den Norden wandern. Doch sind hier nicht nur Südamerikaner unterwegs, wie man vielleicht meinen sollte. Inzwischen nutzen auch andere Gruppen diese Grenze, um in den verheißungsvollen amerikanischen Norden zu gelangen.
Doch geht es hier inzwischen nicht nur um persönliches Glück, sondern das Ganze ist auch ein Geschäftsfeld in dem sehr viel Geld bewegt wird.

Wer hier zwischen die Fronten gerät, dem soll es nicht gut ergehen – und genau das passiert Krista und Jack. Nachdem sie eine Grillparty in der Wüste veranstaltet haben und sich die Freunde in die Stadt verabschiedet haben, bleiben die beiden allein zurück. Ein frisch verliebtes Paar unter dem endlosen Sternenhimmel. Könnte jetzt romantisch werden, doch plötzlich taucht ein Lastwagen aus der Nacht auf, dem viele viele Menschen entsteigen. Sie wähnen sich im ersehnten Norden und in Freiheit, doch urplötzlich tauchen bewaffnete Männer mit Jeeps auf, stecken die Leute wieder in den LKW und schnappen sich auch Krista und Jack, in dem Glauben, dass diese ebenso dazugehören.

Eine knappe Woche später wird der Detektiv Elvis Cole von Kristas besorgter Mutter beauftragt, die Tochter zu finden. Was sich daraus entwickelt, hat wohl auch der Ex-Söldner Cole nicht geahnt. Er wollte den Auftrag sogar erst ablehnen.
Doch als er zu ermitteln beginnt, öffnet er eine Büchse der Pandora: Eine Lawine aus Entführungen, Menschenhandel auf globaler Ebene, Misshandlung, Zwangsarbeit und Mord soll über Cole und seinen beiden Kumpanen niedergehen.

Ein wirklich unglaublich spannender Krimi, Page-Turner erster Güte; definitiv nichts für schwache Nerven, aber am Ende weiß man, dass man hier richtig gut unterhalten wurde und hat auch direkt Lust auf mehr. Gut, dass es von Crais noch so einiges mehr gibt. Im Juli 2014 erscheint schon der nächste Band: Das Gesetz des Todes.

Hier noch ein empfehlenswertes Interview zu ‚Straße des Todes‘, anlässlich des Erscheinens.

Bibliografisches:

ISBN 9783453437463

Erschienen im Heyne Verlag, November 2013
Aus dem Englischen übertragen von Jürgen Bürger
Originaltitel: Taken
412 Seiten, kartoniert

€ 9,99

Auch erhältlich als ebook und in der Originalausgabe.

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Süß und ehrenvoll – Avi Primor

süßundehrenvoll

Quadriga Verlag

Große Kriege gab es im Laufe der Menschheitsgeschichte viele. Doch einer, dessen Ausbruch sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt, drängt sich uns besonders ins Gedächtnis. Ist es doch der erste große, auf industriellem Niveau geführte Krieg.
Ein Weltkrieg auch genannt, denn es wird rund um den Globus an vielen Fronten gekämpft. Neu sind auch die Mittel der Menschenvernichtung: erstmals wird mit Flugzeugen gekämpft, erstmals setzt man chemische Erzeugnisse wie Senfgas als Waffe ein. Es ist auch das erste Mal, dass man sich regelrechte Materialschlachten liefert. Nur wenige Meter von einander entfernt liegen sich die Feinde gegenüber, eingegraben in die Erde, praktisch bewegungslos stehen sich die Fronten gegenüber.

Was diesen Krieg in unserem Gedächtnis so lebendig werden lässt ist aber noch viel mahr die Tatsache, dass die meisten von uns in ebenjenem Jahrhundert mit der 19 geboren worden sind. Der eine oder andere kennt oder kannte vielleicht sogar noch Zeitzeugen. Die Spanne der Jahre ist klein, die uns von diesem Ereignis trennt.

Neben den vielen Sachbüchern, die zum Thema erschienen sind, oder im Laufe des Jahres erscheinen gibt es auch belletristisch erzählte Geschichte. Einer der Romane ist dieser hier: Süß und ehrenvoll.

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, hat selbst Wurzeln hier. Seine Mutter floh 1932 aus Frankfurt nach Tel Aviv, Primor wurde 1935 geboren.

In ‚Süß und ehrenvoll‘ geht es also auch ein Stück weit um seine Geschichte, die Geschichte der Juden in Deutschland. Die Figur im Mittelpunkt ist Ludwig, der gerade sein Abitur gemacht hat und sich nun ins Jurastudium stürzen will. Doch kommt ihm der Krieg dazwischen. Wie die Meisten seiner Altersgenossen und die Meisten der Deutschen ist er begeistert vom bevorstehenden Abenteuer Krieg. Begeistert, dass er für Deutschland kämpfen darf.

Denn dieser große Krieg ist auch ein großer Gleichmacher. Jeder kennt den Ausspruch des Kaisers, dass alle Unterschiede wett gemacht sind. ‚…von diesem Tag an kenne ich nur noch Deutsche‘. Das bezieht Ludwigs Vater und er selbst auch, vor allem auch auf die jüdischen Deutschen. Jeglicher Antisemitismus von oberster Stelle aus abgeschafft.

Ähnliches vollzieht sich in Frankreich. Keine zwanzig Jahre zuvor hat die Dreyfus-Affäre das Land erschüttert, die auch nicht zuletzt auf Antisemitismus gewachsen war. Jetzt sind auch hier alle Franzosen, die für ihr Vaterland kämpfen, die Freiheit verteidigen.
Auch für die französische Seite wählt Primor einen jüdischen Schulabschließer. Louis ist Bäckerssohn aus Bordeaux und der erste aus seiner Familie, der studieren wird. Doch vorerst: kämpfen für das Vaterland.

Die Namensvetter stehen also im Mittelpunkt von Primors Roman und an ihnen wird die Ähnlichkeit der Schicksale gezeigt. Beide lassen die Familie in der Heimat zurück, bei beiden ist der Vater die bestimmende Bezugsfigur in der Familie. Beide verstehen sich nicht zuerst als Juden, sondern zuallererst als Deutsche und Franzosen.
Beide begegnen Vorurteilen in der Armee und beiden wird der rasche Aufstieg für außergewöhliche Leistungen verstellt. Sie bewähren sich nämlich schnell, sind von den Kameraden anerkannt und haben beide Führungspotential. Doch die Konventionen, welche der Religion eine wichtige Rolle zuschreiben, stehen der Militärkarriere im Weg. So spielt ihre Religion hier auf einmal eine unverhältnismäßig große Rolle für beide.

Parallel wird auch die Situation an der ‚Heimatfront‘ beschrieben. Je mehr das Judentum Ludwigs an der Front in den Hintergrund verschwindet, desto mehr wird in der Heimat der Antisemitismus wieder aktuell. Denn je schlechter es an der Front läuft und je mehr die Bevölkerung die Einschränkungen aufgrund des Krieges spürt, desto dringender wird die Suche nach einem Sündenbock, einem Schuldigen an der Misere. Und schnell verfällt man da in alte Muster.

Einen großen Teil des Buches machen die Briefe der Soldaten an die Familie und die Geliebten aus. Und deren Briefe an die Front. Hier wird Innerstes offenbahrt und da ist auch so manches Mal der Zensor, der jeden der Briefe kontrolliert egal, denn was gesagt werden muss, soll gesagt werden, jeder Brief könnte ja der letzte sein.

Der Erzählfluss stockte bei mir das ein oder andere Mal, wohl auch durch eben diese Briefe. Dennoch ist das Buch in seiner Gesamtheit ein überaus lesenswertes. Zwei jüdische Soldaten im Zentrum eines Textes über diesen großen Krieg, das gab es meines Wissens noch nicht. Und da aus diesem 1. der nochmals potentierte 2.Weltkrieg resultierte, kann man das Buch durchaus als ein wichtiges bezeichnen.

Mich hat die Lektüre in jedem Fall sehr beeindruckt. Weshalb ich auch etwas Zeit verstreichen lassen musste, bis zum Schreiben dieses Textes.

Eine weitere sehr gute Beprechung findet sich übrigens beim Kaffeehaussitzer.

Bibliografisches:

ISBN 9783869950587

Erschienen im Quadriga Verlag, September 2013
Aus dem Hebräischen übertragen von Beate Esther von Schwarze
384 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Empfindliche Wahrheit – John Le Carré

Empfindlichewahrheit

Ullstein Verlag

Eine empfindliche Wahrheit ist eine, die du vielleicht als wichtig einschätzt, deren Bekanntmachung allerdings nicht unbedingt alle gut finden. Vor diesem Problem stand kürzlich Edward Snowden, vor diesem Problem stehen auch die Charaktere in John Le Carrés neuestem Buch.

Paul nimmt an einer Operation des britischen Geheimdienstes in der Kolonie Gibraltar teil. Durchgeführt von einem recht dubiosen Militärdienstleister namens Ethical Outcomes. Paul ist im Grunde nur der Kontaktmann des Ministers, die Drecksarbeit erledigen die Soldaten/ Söldner.
Ein Terrorist soll festgesetzt werden, allerdings sind die Indizien und die Situation vor Ort mehr als fragwürdig. Trotz negativer Einschätzung seitens der ausführenden Soldaten und Paul, gibt der Minister den Einsatzbefehl. Paul wird kurz darauf weggebracht und kann sich kein eigenes Bild vom Aussgang der Operation machen. Ihm wird lediglich mitgeteilt, dass sie zur vollsten Zufriedenheit aller verlaufen ist.

Im zweiten Erzählstrang geht es um Toby Bell, den Assistenten des Ministers, der die Operation in Gibraltar initiiert hat. Wir erfahren die Vorgeschichte der Operation.
Toby wurde von anderer Stelle zum Minister versetzt und möchte nun möglichst viel über diesen erfahren. Bald stößt er auf Ungereimtheiten und geheime Treffen. In einer Ad-Hoc-Aktion zeichnet er eines dieser geheimen Treffen auf und gerät so an Informationen von brisantem Inhalt. Sein väterlicher Mentor, eine Art graue Eminenz und Strippenzieher im Außenministerium kann ihm dabei auch nicht helfen. Man ahnt, dass selbst ihm die Sache zu heiß ist.

Als nun drei Jahre später einer der Soldaten Kontakt zu Paul aufnimmt, gerät die Sache ins Rutschen. Paul versucht den wirklichen Ablauf der Operation heraus zu finden und kommt so auch an Toby Bell.

Es beginnt ein Wettlauf der beiden gegen die Obrigkeit (oder die, die sich dafür halten). Werden Sie die Dokumente veröffentlichen, oder siegen die Vertreter der Staatsmacht und können den Skandal verhindern?!

Hat die Öffentlichkeit ein Recht auf Information, oder gibt es Dinge, die besser hinter verschlossener Tür bleiben? Findet nicht all dies in unserem Namen und mit unseren Geldern statt? In erster Linie zu unserem Schutz? Oder wirtschaften da Menschen in Parallelhierarchien auf eigene Faust und in die eigene Tasche.

Der Meister des Spionagethrillers hat hier wieder ein heißes aktuelles Thema aufgegriffen – und dabei ist die Originalausgabe des Buches noch vor den Snowden-Enthüllungen erschienen – und es ist ihm auch gelungen, daraus einen überaus spannenden Roman zu machen. Lange bleibt offen, wer denn nun mit wem in Bezug steht und wer am Ende die Fäden zieht, oder ziehen lässt.
Vor dem aktuellen Hintergrund liest man so einen Text dann natürlich ganz anders. Das macht ihn aber auch umso einiges interessanter.
Und spannend schreiben kann Le Carré ja ohne Frage. So bleibt nur zu sagen: wieder einen neuen Autoren für mich entdeckt, denn dies war mein erster Le Carré (zumindest in Buchform, einige von den Verfilmungen habe ich schon gesehen), aber gewiss nicht mein letzter! Ganz so, wie kürzlich bei Robert Harris, der sich ja im Grunde mit dem gleichen Thema auseinandersetzt.

Bibliografisches:

ISBN 9783550080364

Erschienen im Ullstein Verlag, November 2013
Aus dem Englischen übertragen von Sabine Roth
Originaltitel: A delicate truth
390 Seiten, gebunden

€ 24,99

Auch erhältlich als ebook, in der Originalausgabe und zum Hören.

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In der Nacht – Dennis Lehane

Diogenes Verlag

Der Rum muss fließen, die Zigarre glimmen. Die Leute wollen Alkohol, Spaß und vor allem Leben. Nur wenn du Pech hast, landest du mit einem Block Zement an den Füssen im Golf.

„…Wir sind süchtig danach.“
„Wonach?“
„Nach der Nacht.“ sagte Joe. „Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde gar keine Regeln.“

Das bringt die Sache ziemlich gut auf den Punkt. Nachts fließt der Rum am besten die Kehlen hinunter und wer den Rumfluss kontrolliert, in dessen Taschen fließt das meiste Geld. Zumindest in den Vereinigten Staaten, zur Zeit der Prohibition.

Zu genau dieser Zeit spielt der neueste Roman von Dennis Lehane, dem Meister der düsteren Geschichten (in der aber durchaus auch die Sonne vom Himmel brennen kann). Hierzulande ist er, und da nehme ich mich nicht aus, eher bekannt durch Verfilmungen seiner Bücher (wenn überhaupt). Aus seiner Feder stammen unter anderem ‚Shutter Island‘ und ‚Mystic River‘.

‚In der Nacht‘ (Live by night) erzählt uns die Geschichte von Joe Coughlin, einem jungen Nachwuchs-Gangster im Boston der 20er Jahre. Bei einem seiner Jobs trifft er auf Emma, die ihn mit ihren Augen in ihren Bann zieht. Er ist geradezu bessesen von ihr und als beide sich in eine Affäre stürzen, ist der Konflikt mit Albert White – einem der Bostoner Bosse – vorprogrammiert.

Joe und Emma schmieden den klassischen Plan: ein letztes Ding und dann verschwinden wir beide. Doch der Plan geht schief und Joe findet sich im Gefängnis wieder.
Das es dort ums nackte Überleben geht, kennen wir alle aus vielen Hollywood-Geschichten, und das man auch mal Glück hat ebenso: Joe kann in die Organisation von Maso Pescatore einsteigen, einem Paten, der vom Gefängnis aus die illegalen Geschäfte in großen Teilen der Ostküste kontrolliert.

Als Joe rauskommt, wird er nach Florida geschickt und übernimmt dort die lokale Führung des Syndikats. In der Folge gedeihen die Geschäfte, denn mit den nötigen Mitteln bieten die Gesetzte jener Zeit die optimalen Voraussetzungen, um richtig reich zu werden. Und eben das nutzt Joe zur Gänze aus, mit allem was dazu gehört.

Joe lässt sich treiben von der Lust am Gewinn, vom Kitzel seines Geschäfts. Bei einem besonders heiklen Coup wird seine Einstellung besonders deutlich:

“ – genau deshalb waren sie Gesetzlose. Um Dinge zu erleben, die den Versicherungsvertretern, den Lastwagenfahrern und Anwälten und Kassierern und Schreinern und Immobilienmaklern dieser Welt nie vergönnt sein würden. Drahtseilakte ohne Netz und doppelten Boden.“

Ein gewaltiges Gangster-Epos, wie es der Klappentext nennt, ein schillerndes -oder besser ein in der Sonne flimmerndes- Bild dieser Zeit, welches uns Dennis Lehane hier beschert hat. Macht richtig Spaß zu lesen und ist doch anspruchsvoll und voller menschlicher Abgründe, Leichen im Dutzend, religiöser Fanatiker und vor allem: jeder ist sich selbst der Nächste.

Definitive Pflichtlektüre für alle Boardwalk Empire-Fans, Scarface-Liebhaber, und eigentlich ja für jeden – kaufen, lesen, verschenken, verleihen, empfehlen. Wie das halt so mit guten Büchern ist.

Bibliografisches

ISBN 9783257068726

Erschienen im Diogenes Verlag, November 2013583 Seiten, gebunden
Aus dem Englischen übertragen von Sky Nonhoff
Originaltitel: Live by night

€ 22,90

Auch erhältlich als ebook und in der englischen Originalausgabe. Jetzt auch als Taschenbuchausgabe zu haben, ideal für Park, Strand & Co.

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Ausnahmezustand – Navid Kermani

ausnahmezustand

C.H.Beck

Ab und an sollte man ja ein Sachbuch lesen. Sinnvoll ist es in jedem Fall, und wenn man sich nicht unbedingt mit endlosen philosophischen Gedankenketten oder Bikergangs beschäftigen will, dann empfiehlt sich ein Buch wie ‚Ausnahmezustand‘.

In eben diesem Buch sind die überarbeiteten Kolumnen von des Journalisten und Schriftstellers Navid Kermani gesammelt und zum Teil auch überarbeitet. Für verschiedene Zeitungen war Kermani in den letzten 10 Jahren in den sogenannten Krisengebieten des Orients unterwegs und berichtet uns von dort aus verschiedenen Perspektiven. Hier wird die Zukunft unserer Welt entschieden, wie es an einer Stele heißt.

Die Reise geht von Indien, über Pakistan, Afghanistan, Iran, Syrien, Palästina bis nach Lampedusa. Mal ist Kermani als embedded journalist an der Seite von Soldaten unterwegs und berichtet quasi aus dem kleinen Sehspalt, den die gepanzerten Fahrzeuge bieten, andermal dringt er an der Seite von Einheimischen in umkämpfte Stadtviertel vor – oder zumindest wurde dort bis vor Kurzem noch dort gekämpft.

Auf eindringliche und persönliche Weise schildert uns Kermani das Leben der einfachen Bevölkerung in der Konfliktregion Kaschmir, in der alle den Krieg nur noch leid sind und er trotzdem andauert. Wir nehmen mit ihm an verbotenen Sufi-Veranstaltungen in Pakistan teil, demonstrieren im Iran mit ihm gegen Wahlbetrug und für eine gerechtere Zukunft, begeben uns in syrisches Niemandsland, wo in einem Krankenhaus bettlägrige Patienten geradzu hingerichtet worden sind und erleben mit ihm auf Lampedusa die Weihnachtsgeschichte in ihrer täglich stattfindenden Form – Flüchtlinge kommen an einen Ort, an dem Sie offensichtlich nicht willkommen sind, der aber dennoch für Sie voller Verheißung ist.

Ein beeindruckendes, wichtiges Buch, welches uns die Menschen jenseits der Fernsehbilder nahebringt. Die Chance, an einer Veranstaltung mit Navid Kermani teilzunehmen, solltet ihr euch im Übrigen nicht entgehen lassen!
Ein optimales Weihnachtsgeschenk, dass man nahezu jedem schenken kann und/oder sollte. 😉

Bibliografisches: 9783406646645

Erschienen im Verlag C.H.Beck, Februar 2013
253 Seiten gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

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Kalte Macht – Jan Faber

kalte macht

Verlag Page & Turner

Da wir uns gerade in der heißen Phase vor der Bundestagswahl befinden, trifft es sich natürlich gut, dass ich kürzlich den Polithriller ‚Kalte Macht‘ von Jan Faber gelesen habe. Erschienen ist das Buch schon Mitte Juli, was jedoch vom Verlag sicher so geplant war, dass es rechtzeitig zur Wahl seine Leser findet. Für den Buchhandel wurde das ganze recht mysteriös und aufwendig inszeniert, mit ordentlich patriotistischer Geheimniskrämerei.
Passenderweise, wie man allerdings dazu sagen muss, haftet dem Buch doch mehr als ein Geheimnis an. Das erste springt einen schon vom Cover an, denn bei dem Autor Jan Faber handelt es sich um ein Pseudonym, dessen wahre Identität nicht einmal dem Verlag bekannt ist, wie der beiliegende Brief uns mitteilte und welches wohl auch nicht gelüftet werden wird, da dies dem Autor offensichtlich zu heiß ist.
Um zu beurteilen, ob dies gerechtfertigt ist, befinde ich mich nicht tief genug in der Politszene. Aber es tut ja dem Roman und uns Lesern nichts.

Laut der Verlagsinfo war die Person hinter Jan Faber [… in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten (…) beratend und strategisch für hochrangige Regierungsmitglieder sowie für weitere bedeutende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft tätig. Er pflegt Kontakte in alle politischen Lager und hat in diversen deutschen Leitmedien publiziert.]

Verständlich also? Wohl schon, wenn er auch weiterhin seine guten Kontakte pflegen will. Gut für uns, möchte man sagen, versorgt er uns doch mit einer detailreichen Innenaufnahme aus dem Bundeskanzleramt und den verschiedensten Seilschaften in den oberen Etagen der bundesdeutschen Berufspolitiker.

Doch kurz zum Plot: Natascha Eusterbeck ist ein aufgehender Politstern, hat im mecklemburgischen auf Regionalebene schon Verantwortung übernommen und wird jetzt von der Bundeskanzlerin als Parlamentarische Staatssekretärin eingesetzt und kommt somit aus der Provinz direkt in die Berliner Schaltzentrale der Macht.
Neben ihrem offiziellen Auftrag, Sturktur- und Effizienzverbesserungen zu finden, bekommt sie von der Kanzlerin einen inoffiziellen obendrauf: sie soll die versteckten Seilschaften und Netzwerke der Mitarbeiter ausfindig machen.
Doch schon nach kürzester Zeit bekommt sie erste Drohmails und es ist schnell klar, dass sich Natascha weder  mit dem einen, noch viel weniger aber mit dem inoffiziellen Auftrag hier irgendwelche Freunde machen wird.

Parallel wird Natascha von einer Frau kontaktiert, die offenbar als Prostituierte arbeitet und sagt, dass sie auspacken will und nun bedroht wird. Da Treffen mit ihr wiederholt fehlschlagen, versucht Natascha sie zu finden, unter Mithilfe ihres Mannes, der ihr auch bei der Arbeit im Kanzleramt zur Seite steht. Doch wo sie sich im beruflichen Bereich nahe sind, entfernen sie sich im privaten immer und immer mehr voneinander. Nicht zuletzt, weil sich ihr Mann in eine Affäre stürzt, die kein gutes Ende voraus ahnen lässt.

Zwischen den Kapiteln wird auf jeweils einer Seite ein Parallelgeschehen im Minutentakt vorangetrieben. Ein offensichtlich ‚hohes Tier‘ -immerhin ist er mit einer Wagenkolonne unterwegs- macht sich auf den Weg. Wohin weiß man nicht, spielt aber auch keine Rolle.

Im Kanzleramt deckt Natascha eine Seilschaft nach der anderen auf, zieht Verbindungen – von einem zum anderen, Politik-Politik, Politik-Wirtschaft, alte Garde, junge Aufsteiger – und negiert diese wieder. Schnell wird klar, dass es zwar oberflächliche Verbindungen gibt, wenn es hart auf hart kommt, sich jedoch jeder selbst der Nächste ist (kennt man ja).

Natascha Eusterbeck gerät mehr und mehr in den Strudel der Machtzirkel, wird bedroht und eingeschüchtert, denn sie kratzt an einem Geheimnis, dass keiner aufgedeckt wissen will. Steckt am Ende gar die Kanzlerin selbst in der ganzen Geschichte mit drin? Aber wieso hat sie diesen Auftrag dann überhaupt erst ersonnen?

Wie klingt das für euch? Ich muss sagen, es handelt sich um einen unglaublich spannenden Politthriller, Verschwörungskrimi oder einfach nur um gut gemachte Unterhaltung auf hohem Niveau. Spannend und mitreißend geschrieben und vollgepackt mit Informationen, die man der Presse sicher nicht entnehmen kann. Für alle die sich für Politik interessieren, ein absolutes Lese-Muss!
Aktuell, so wie Politik immer aktuell ist. Brisant und gewagt obendrein.
Vielleicht ja auch noch eine vorbereitende Lektüre für die kommende Bundestagswahl?! 😉

Und übrigens: Nachdem ich jetzt im Zuge der Niederschrift dieses Artikels ein bisschen zu den im Buch angesprochenen Vorfällen recherchiert habe (warum hab ich das eigentlich während der Lektüre nicht gemacht??!), verstehe ich auch, warum Jan Faber lieber Jan Faber ist. Auch wenn für das vorliegende Werk selbstverständlich gilt (und das wurde so im Buch vorne vermerkt):

Dieses Buch ist ein Roman. Das Beschriebene hat sich so nicht wirklich ereignet. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen waren aber ufgrund der Natur der Sache nicht immer vermeidbar. Sie sind nicht beabsichtigt, aber von der grundgesetzlich geschützten Freiheit der Kunst umfasst.

Zur Anschlußlektüre (und die Betonung liegt auf danach) empfehle ich euch in diesem Zuge noch diese beiden Artikel, die vielleicht bei der Einordnung helfen, wenn ihr das politische Geschehen noch nicht seit 30 Jahren verfolgt: Merkel in der FAZ und dieses Portät eines Bankmanagers. Hierbei handelt es sich aber natürlich nur um kuriose Spekulationen meinerseits.
Das Buch sei euch nichtsdestotrotz, auch ohne Verschwörungstheorien, sehr ans Herz gelegt.

Der Verlag stellt euch außerdem natürlich eine Leseprobe zur Verfügung: Kalte Macht.

Bibliografisches:

ISBN 9783442204212

Erschienen im Verlag Page&Turner, Juli 2013
443 Seiten, gebunden

€ 19,99

Auch erhältlich als ebook.

Kategorien: Belletristik, Deutsche Literatur, Krimi, Politik, Sachbuch | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Tödlicher Staub – Massimo Carlotto

perdas de fogu

Tropen Verlag

Wenn die Presse von wenigen reichen Mogulen kontrolliert wird, kommt der Literatur wieder eine besondere Bedeutung zu. Die der Aufklärung der Gesellschaft.
Das es in Italien mit der medialen Berichterstattung nicht zum Besten steht, wissen wir sicher alle. Auf der diesjährigen Rangliste der Reporter ohne Grenzen rangiert das Land auf Platz 57, ein ganzes Stück hinter seinen EU-Partnerländern.

Jeder von uns kennt ja Herrn B., der einen Großteil der Medien in seinem Portfolio hält. Da findet sich Presse, Funk und Fernsehen, aber eben auch Verlage.

Doch es gibt noch Nischen und das ist gut so. In einer davon befindet sich der kleine Verlag Edizioni E/O, welcher wiederum Massimo Carlotto herausgibt. Wer diesen noch nicht kennt, dem sei kurz folgendes erzählt:

Massimo Carlotto ist heute ein erfolgreicher Krimiautor, doch wurde er dazu natürlich nicht geboren. In den 70er Jahren symphatisierte er mit den extremen Linken und machte sich damit nicht nur Freunde. Er wurde unschuldigerweise des Mordes verurteilt, floh über Jahre hinweg, nur um schließlich doch im Gefängnis zu landen und dort mehrere Jahre abzusitzen, wie gesagt – unschuldig. 1996 wurde er ‚begnadigt‘ und widmete sich von da ab dem Schreiben.
Das er nun nach so einer Erfahrung nicht unbedingt Arztromane oder Western schreibt, liegt auf der Hand.

In der Hand lag mir neulich sein Buch ‚Tödlicher Staub‘ und ich erinnerte mich an das Interview, welches er in einer lange vergangenen Ausgabe von Druckfrisch Denis Scheck gab (den Beitrag hab ich euch unten angehängt).

Das Buch hat er zusammen mit der Gruppe Mama Sabot geschrieben, die sich aus neun sardischen Schriftstellern und Journalisten zusammensetzt.

Genau dort spielt das Buch auch: auf der schönen Insel Sardinien. Doch leider ist dort nicht alles so schön, wie es scheint. An der Küste befindet sich ein großes Gelände für militärische Test, das größte in Europa, wie es im Text heißt. Das Gelände wird für vielerlei militärische Tests genutzt, staatlicher und privater Natur – wer genug zahlt, kann das Gelände nutzen.

Unter anderem wird hier auch radioaktive Munition getestet. Das ganze Gelände ist inzwischen von radioaktiven Nanopartikeln verseucht und die Krebsrate in der Region hat sich genauso dramatisch erhöht, wie unter Soldaten die in Irak und Afghanistan gekämpft haben. Doch hier sind die Opfer Bauer und Schäfer, Menschen die womöglich ihre Scholle noch nie verlassen haben.
Die Folgen, oder besser deren Kurierung untersucht die Tierärztin Nina anhand von Schafen, die in der Nähe und auf dem Gelände grasen. Das diese Untersuchungen nicht unbedingt auf Wohlwollen der Verantwortlichen stoßen, hat sie sich so nicht gedacht.Der Mann, der sie im Auge behalten soll, ist Pierre Nazzari, ein Deserteur, der in Kroatien von zwei Carabinieri aufgetrieben wurde und seitdem die Drecksarbeit für diese macht. Die Alternative für ihn wäre Militärericht und so hat er sich für das kleinere Übel entschieden.

Verdeckt dringt Pierre in ihr Haus ein, lässt wichtige Daten für seine Auftraggeber mitgehen und versucht zur gleichen Zeit mit ihr Freundschaft zu schließen. Aus den beiden wird eine Art Paar, doch man wartet förmlich darauf, das endlich herauskommt, was er im Verborgenen treibt. Pierre, der Wolf im Schafspelz.

Doch auch er versucht sich mit den Daten einen Vorteil zu verschaffen, will damit sein Untertauchen, eine neue Identität erkaufen, um endlich wieder frei zu sein. So spielt jeder sein eigenes Spiel und vermeintliche Partner entlarven sich plötzlich als Feinde, wenn es die Umstände erfordern. Hier spielen alle nur vorgeblich in Teams, am Ende steht wieder jeder für sich allein da.
Doch nicht nur die kleinen Fische streiten sich hier um die Krumen; bei einem so lukrativen Unternehmen wie diesem Testgelände, bei dem die Betreiber mehrere Millionen für eine Stunde Nutzung fordern, ist natürlich auch Mafia und Politik involviert.

Auf wenig mehr als 150 Seiten entwirft Massimo Carlotto so ein Bilddes Grauens, das normalerweise wohl auf die Titelseiten der großen Zeitungen gehörte, da dort aber lieber die Problemchen der B- und C-Promis beklatscht werden und die Leute das auch viel lieber lesen möchten – Pierre ist da übrigens keine Ausnahme – findet der investigative Journalismus eben in Romanen statt.

Leitartikel, Politthriller, oder einfach nur Krimi – ein schmales Buch, das hinter die Kulissen blickt und es in sich hat, dabei noch unglaublich spannend ist.

Wer italienisch kann, dem sei noch dieser Artikel von der Verlagsseite empfohlen: Massimo Carlotto: professione scrittore, di Sandro Ferri.

Bibliografisches:

ISBN 9783608502077

Erschienen im Tropen Verlag, 2012
Aus dem Italienischen übertragen von Hinrich Schmidt-Henkel
Originaltitel: Perdas de Fogu

€ 14,95

Auch erhältlich als ebook.

Kategorien: Belletristik, Italienische Literatur, Krimi, Politik, Sachbuch | Schlagwörter: , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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